Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Lulie Kirchberg

 

Was Christen vom Judentum lernen können. Anstöße – Materialien – Entwürfe, unter Mitarbeit von Jörg Thierfelder hg. von Albrecht Lohrbächer, Helmut Ruppel, Ingrid Schmidt, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2006 (207 S., 26,--€).

Diese Neuauflage des bewährten (zuletzt in 5. Aufl. 1997 erschienenen) Arbeitsbuches bringt einige neue Artikel, deren Themen für Entwicklungen bezeichnend sind, die in den letzten Jahren an Bedeutung und Brisanz zugenommen haben: zu jüdischer Medizinethik, Bibel in gerechter Sprache, jüdischer Bibelauslegung. Gerade angesichts der gegenwärtigen politischen Situation und Diskussion besonders aktuell ist das neue Kapitel über „Israel – Zion: Israelis, Palästinenser und wir Deutschen“ (134-144). Die ausgezeichnete Erörterung der Täter-Opfer-Problematik und ihrer verzerrten Wahrnehmung in deutschen Medien verbindet sich hier mit sehr guten Hinweisen auf die didaktische Erschließung des Themas und vielseitigen, soliden Materialhinweisen. Die Herausgeber stellen in ihrer Einführung ausdrücklich fest, „dass gerade in den letzten Jahren Antisemitismus und Antijudaismus, besonders in der Form der Abneigung gegen den Staat Israel, deutlich zugenommen haben“ (7). Und sie konstatieren „mit Betroffenheit“ den mangelnden Widerstand gegen diese Entwicklung seitens der Kirchen. Umso wichtiger, dass es dieses – im besten Wortsinne – Schul-Buch (wieder) gibt, das in den verschiedensten Bildungszusammenhängen eingesetzt werden kann und sollte.


Neumann, Moritz: Shabbat Shalom. Streifzüge durch die jüdische Welt, hg. von Lothar Bauerochse und Klaus Hofmeister und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Würzburg (Echter Verlag) 2005 (229 S., 16,80 €).

Der Band bringt ausgewählte Beiträge einer langjährigen Sendereihe des Hessischen Rundfunks in Buchform. Gedacht als „Schnupperkurs“ vor allem für nichtjüdische Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, werden Themen jüdischen Lebens, wie der Untertitel ganz treffend besagt, gestreift – von Feiertagen und Alltagsbräuchen über sozialethische Fragen bis zu solchen nach jüdischer Identität. Wer einführende Hinweise, auch nur auf die grundlegenden Quellen jüdischer Tradition oder entsprechende Belege zu den knappen Ausführungen erwartet, wird enttäuscht – oder auch verblüfft ob der gänzlichen Abwesenheit jeglichen Nachweises. Das macht das Buch m.E. als Einführung ungeeignet. Was mich als Leserin zusätzlich verärgert, sind die persönlichen Ausfälle des Autors gegen ordinierte Frauen im Judentum; seine diesbezügliche Aversion wird mehrfach ausdrücklich formuliert und mit schöner Offenheit sehr subjektiv begründet (99, 133ff.). Shabbat Shalom? Aber nicht so!


Nostra Aetate – Ein zukunftsweisender Konzilstext. Die Haltung der Kirche zum Judentum 40 Jahre danach, hg. von Hans Hermann Henrix, Aachen (einhard verlag) 2006 (237 S., 19,80 €).

Die Veröffentlichung der Erklärung Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, Nostra Aetate (na), durch das Zweite Vatikanische Konzil im Herbst 1965 ist vier Jahrzehnte später weltweit zum Anlass genommen worden, um vonseiten der katholischen Kirche zum Status des christlich-jüdischen Gesprächs eine Zwischenbilanz zu ziehen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat hierzu in und mit der Kath. Akademie Aachen im Herbst 2005 eine Tagung veranstaltet, die in diesem Band dokumentiert wird. Er trägt mit seinen durchweg profunden Beiträgen die Handschrift von Herausgeber Hans Hermann Henrix, dem langjährigen Direktor des Aachener Hauses und ausgewiesenen Fachmann für Fragen christlich-jüdischer Verhältnisbestimmung. Aus systematisch-theologischer Sicht beleuchten Roman Siebenrock, Josef Wohlmuth und Karl Lehmann die Bedeutung der Konzilserklärung bzw. näher hin ihres 4. Kapitels, der sogenannten Judenerklärung (na 4). Grigorios Larentzakis, Johann Michael Schmidt, Michael A. Signer und Shimon Stein tragen aus christlich-orthodoxer, reformierter und jüdischer bzw. israelischer Sicht Außenwahrnehmungen bei, die die Vielschichtigkeit dieses kürzesten Konzilsdokumentes spiegeln, von seiner komplizierten Genese bis zu den verschiedenen Phasen und Facetten seiner Rezeption, die bis heute andauert. Dass na nicht nur eine christlich-jüdische Wirkungsgeschichte entfaltet hat, sondern in der kath. Kirche auch einen maßgeblichen Ausgangspunkt für den christlich-islamischen Dialog darstellt, macht in seinem Aufsatz Christian Troll zum Thema. Hans Hermann Henrix weitet den Blick auf „Einfluss und Wirkungen“ von na 4 in Europa.  Den Abschluss des Bandes bildet die in Aachen vorgestellte Erklärung von Karl Kardinal Lehmann als Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz : „Nostra Aetate – ein folgenreicher Konzilstext“; darin wird gewürdigt, dass dieses Dokument auch noch vierzig Jahre nach seiner Entstehung Maßstäbe setzt: „Die besondere Beziehung der Kirche zu den Juden“ ist dort verbindlich formuliert, „Neue Lesarten der Bibel“ werden erschlossen, und „Das Engagement der Päpste“, insbesondere das Pontifikat Johannes Pauls ii., steht für eine konsequente Weiterentwicklung im Verhältnis der Kirche zum Judentum. Zugleich benennt die Erklärung „’Aufgaben für die Zukunft’: Noch immer und wieder verstärkt gibt es in Deutschland und in den Ländern Europas antijüdische Ideologien, Propaganda und Ausschreitungen. Die Deutsche Bischofskonferenz weiß sich mit der ganzen Kirche einig, wenn sie dazu aufruft, solchen Tendenzen entgegenzuwirken.“ (237) Noch konkreter benennen die Beiträge von Siebenrock und Stein aktuelle kirchliche und politische Herausforderungen. Henrix resümiert in seinem Überblick, „dass der christlich-jüdische Dialog keine beschauliche Landschaft betritt, sondern immer wieder vom geschichtlichen Abgrund wie auch von der Tagespolitik eingeholt wird“ (7). Umso wichtiger wird es, sich gemeinsamer Grundlagen zu vergewissern und die nötigen Auseinandersetzungen öffentlich zu führen. Das Aachener Beispiel steht dafür Modell.


Handbuch Interreligiöses Lernen, hg. von Peter Schreiner, Ursula Sieg und Volker Elsenbast. Eine Veröffentlichung des Comenius-Instituts, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2005 (740 S., 39,95 €).

Die in Münster ansässige ev. Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft legt hier erstmals für den deutschen Sprachraum ein Kompendium vor, das den „Zwischenstand“ theoretischer und praktischer Ansätze interkulturellen und interreligiösen Lernens dokumentiert und erschließt. Die 70 Artikel sind von einem internationalen Autorinnen- und Autorenkreis verschiedener Konfession und Religionszugehörigkeit verfasst, der auch die interdisziplinäre Ausrichtung des Münsteraner Instituts belegt. Erwartungsgemäß sind Namen und Themen aus dem Spektrum des christlich-jüdischen Gesprächs vertreten – allerdings bei weitem nicht so profiliert, wie das von der Sache her nahe läge. Beispiel: Der Eingangsartikel von Sybille C. Fritsch-Oppermann, Globalisierung als Bedingung interreligiösen Lernens. Hier wird zwar auf den 11. September Bezug genommen, aber das Stichwort Judentum findet sich in den Ausführungen der Generalsekretärin des Int. Rates der Christen und Juden nirgends. Überhaupt wird in Kap. 1, Zusammenhänge und gesellschaftliche Perspektiven, auf spezifisch christlich-jüdisch(-islamisch)e Rahmenbedingungen interreligiösen Lernens im Kontext der Bundesrepublik Deutschland an keiner Stelle abgehoben. Kap. 2, Theologische und sozialphilosophische Positionen, bringt mit J. Magonet, Jüdische Perspektiven zum interreligiösen Lernen, einen ersten expliziten Beitrag. Hier wird immerhin angesprochen, dass „von einer jüdischen Perspektive her (…) „wichtige Lektionen“ zu lernen wären (140). In Kap. 3, Zum Verständnis interreligiösen Lernens geht U. Tworuschka, Lernen in den Religionen. Vom Lehren und Lernen religiöser Texte, nur in einem kurzen Anhang auf das Judentum ein, verweist ansonsten auf „schöne Schilderungen jüdischen Lernens“ in erzählender Literatur (262, Anm. 10).  Erfreulicherweise berichtet im folgenden Kap. (Bezifferung fehlt) A. Zielinski unter „Erfahrungen im interreligiösen Dialog“ über ein Co-Teaching-Modell, das „eine Einführung in die Vielfalt der Judaismen“ mit einem „Kurs im Interkulturellen Lernen unter besonderer Berücksichtigung des Interreligiösen Dialogs“ verknüpft (335). Kap. 4 benennt Elemente, Kap. 5 Orte und Handlungsfelder interreligiösen Lernens. Wichtig ist hier der Beitrag von C. Dommel über erste Ansätze im Elementarbereich der Kindertagesstätten und Kindergärten (434ff.). In Kap. 6 Methoden und Zugänge interreligiösen Lernens ist in G. Mitchells Artikel über Heilige Schriften und interkulturelle Bildung die Mutter der biblischen Buchreligionen wiederum erstaunlich abwesend. Dagegen geht U. Sieg, FesteBrücke zu den Religionen (601ff.) auf die eigene Bedeutung jüdischer Feste für deutsche Schüler und Schülerinnen ein und plädiert für eine „fraglos selbstverständliche Einbeziehung der jüdischen Feste“, weil sie „allem noch vorhandenen oder neu aufkeimenden Antisemitismus von Grund auf“ begegne. Hier wäre eine differenziertere Bedingungsanalyse sehr zu wünschen gewesen! Die Autorin konstatiert lediglich: „Das ist gesamtgesellschaftlich wichtig und darüber hinaus im christlich-jüdischen Verhältnis wie – besonders auf dem Hintergrund des israelisch-palästinen-sischen Konfliktes – auch im islamisch-jüdischen“ (607). Auch wenn ein Handbuch differenziertere Studien nicht ersetzen kann – hier ist das pädagogische Fachinstitut gefordert, die Notwendigkeiten zu benennen und auf seine Agenda zu setzen, die aus dieser Einsicht folgen. So aber hinterlässt das Handbuch den Eindruck, dass christlich-jüdische Dimensionen interreligiösen Lernens in den Hintergrund geschoben werden, als ob alles andere vorginge. Auch die im letzten Kapitel genannten Modelle, Projekte und Initiativen, darunter mehrere jüdisch-christlich-muslimische, ändern nichts an diesem problematischen Gesamtbild.


Wengst, Klaus: Dem Text trauen. Predigten, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2006 (197 S., 22,-- €).

Rund fünfzig Predigten sind hier gesammelt, die der im christlich-jüdischen Gespräch ausgewiesene Bochumer Neutestamentler als Laienprediger seiner Gemeinde gehalten hat. Knapp die Hälfte der Homilien bezieht sich auf Texte der Hebräischen Bibel; alle sind geprägt von dem Ethos eines engagierten Christen, der die Verkündigung des Wortes ausgesprochen oder unausgesprochen „in der Gegenwart Israels“ formuliert (14). Dabei nutzt Wengst die Chance, die gerade das Medium Predigt bietet, um überkommene (antijudaistische) christliche Lesarten der Schrift zu korrigieren und Sichtweisen einzuführen, die das Judentum in angemessener Weise „zum Kontext christlicher Bibellektüre“ werden lassen: „Indem jüdische Zeugnisse mitreden, könnte in der Gemeinde etwas davon (…) auf den Weg gebracht werden, was Heinz Kremers als Vision einer ‚biblischen Ökumene’ von Christen und Juden vorgeschwebt hatte, (…) in der nicht auszuräumende Unterschiede geachtet und nicht zu überschreitende Grenzen respektiert werden und in der man sich über doch noch größere Gemeinsamkeit freuen kann“ (15).


Sie schwammen gegen den Strom. Widersetzlichkeit und Verfolgung rheinischer Protestanten im ‚Dritten Reich‘, mit einem Vorwort des Präses der Ev. Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, hg. von Günther v. Norden, Klaus Schmidt, Köln (Greven Verlag) 2006 (253 S., 14,90 €).

In 65 Portraits dokumentieren die 17 Autoren und Autorinnen des Buches die Zivilcourage evangelischer Christinnen und Christen unter der ns-Herrschaft. In vier Kapiteln, die jeweils mit einer orientierenden Einleitung und nach jedem Portrait mit weiterführenden Literaturhinweisen versehen sind, werden Christinnen und Christen jüdischer Herkunft, die „Illegalen“ (Theologen und Theologinnen der Bekennenden Kirche), engagierte Gemeindemitglieder und die „legalen“ Pfarrer der Bekennenden Kirche vorgestellt, deren Namen sich auf die eine oder andere Weise mit mutiger Ablehnung der ns-Diktatur verbunden haben, aber auch mit Verfolgung durch das Regime und mit mangelndem Rückhalt oder gar Repressalien von Seiten ihrer eigenen Kirchenleitung. Was dieses Buch über seinen Beitrag zur Regionalgeschichte hinaus so wertvoll macht, ist m.E. der selbstkritische Grundton, mit dem Herausgeber und Autorinnen und Autoren sich hier der Erinnerungsarbeit stellen. Weder sollen die Widersetzlichkeiten der portraitierten Personen mit dem Widerstand gleichgesetzt werden, für den Dietrich Bonhoeffer Maßstäbe gesetzt hat; noch wird der eigenen Kirche der Vorwurf erspart, im Großen und Ganzen die Anpassung an das Unrechtsregime höher bewertet zu haben als die Loyalitätspflicht gegenüber den Verfolgten. Mit einer in offiziellen Publikationen noch immer seltenen Deutlichkeit wird das Versagen der Kirche als Folie benannt, auf der die Beispiele einzelner ihrer Glieder als das hervortreten, was sie waren: rühmliche Ausnahmen von der unrühmlichen Regel! In seinem Nachwort konstatiert Klaus Schmidt: „Auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen: Die Legende, die bk sei eine ‚Widerstandsorganisation’ gewesen, ist längst zerstört (230) (…) Von konsequenter Aufarbeitung kann nicht die Rede sein. Nach 1945 sah die bk-dominierte Kirchenleitung weitgehend über das staats- und parteiloyale Handeln der Alt-Nazis hinweg. (232).“ Fazit: „Es gibt noch viel zu tun.“ Die Ev. Kirche im Rheinland geht – auch durch Veröffentlichungen wie diese – (einmal mehr) mit gutem Beispiel voran.


Rosenkranz, Simone: Die jüdisch-christliche Auseinandersetzung unter islamischer Herrschaft. 7.-10. Jahrhundert, Bern (Verlag Peter Lang) 2004 (Judaica et Christiana 21) (472 S., 66,90 €).

Die Studie (Diss. phil. Luzern 2000) widmet sich einem bislang vernachlässigten Thema im Rahmen der Forschung zur Geschichte jüdisch-christlicher Beziehungen. Sie unternimmt erstmals eine Sichtung jüdischer Adversus Christianos- und christlicher Adversus Judaeos-Literatur im frühislamischen Orient und stellt sie in ihrem gesellschaftlich-kulturellen Kontext exemplarisch vor. Eine „vorläufige Bestandsaufnahme“ (29-174, 29) der gedruckten Quellen erschließt ein Corpus von Texten, die bislang noch nirgends systematisch bibliographisch erfasst sind. Sie zeigt, dass die christlich-arabische Polemik sowohl in ihrer anti-jüdischen wie in der anti-islamischen Ausrichtung apologetischen Charakter hat, wobei die erstere „nach der islamischen Eroberung hinter die Auseinandersetzung mit dem Islam und den christlichen Sekten zurück“ tritt (104). Für die jüdischen Schriften ergibt sich, „dass die von Juden in den ersten dreieinhalb Jahrhunderten islamischer Herrschaft geübte Kritik am Christentum die Kritik gegenüber dem Islam überwiegt“ (170) und „durchaus offensiv“ argumentiert (171). Dabei kommt das Neue Testament erstmals als Gegenstand „populärer“ Polemik intensiv in den Blick. Entwicklung und Argumentation der beiderseitigen Polemik führt Rosenkranz am Beispiel apokalyptischer Texte beispielhaft vor (175-248). „Die jüdischen und christlichen Apokalypsen des 7. Jahrhunderts stehen in einer langen Tradition, die auf dieselben Wurzeln im Frühjudentum zurückgeht“ (176). Es lassen sich daher die Neuakzentuierungen herausstellen, die im Zuge dieser Tradition für die Auseinandersetzung zwischen Juden und Christen unter der aufkommenden Herrschaft des Islam charakteristisch sind. Dabei zeigen sich auch die Gemeinsamkeiten der Kontrahenten und ein wachsender Austausch miteinander. Als repräsentatives Beispiel „populärer“ antichristlicher Polemik, eine Gattung, die ebenfalls noch weiterer Erschließung harrt, geht die Autorin im Weiteren ausführlich auf die Qissa mudjadalat al-usquf, „Erzählung über die Disputation des Bischofs“ ein, den zugleich ältesten bekannten Traktat jüdischer Anti-Christianos-Literatur (249-308). Er weist in der Art seiner Bezugnahme auf das Christentum Ähnlichkeiten mit dem Koran auf und übernimmt insgesamt polemische Muster aus der islamisch-antichristlichen Polemik. Rosenkranz macht aufmerksam auf die bislang zu wenig beachtete „Tatsache, dass das älteste jüdisch-antichristliche Schrifttum nicht auf christlichem, sondern auf islamischem Territorium verfasst wurde“ (309), und fragt „nach der Rolle der islamisch-arabischen Zivilisation überhaupt für die Verbreitung von polemischen Argumenten“ (17, 309-364). Das Fazit – die starke Abhängigkeit der jüdischen Polemik vom kulturellen, teils vorislamischen arabischen Kontext ihres Entstehens – ist für deren Übersetzung in andere (europäische!) Kontexte von kaum zu überschätzender Bedeutung. Umso wichtiger ist die abschließende Skizze zum heterogenen sozialen und religiösen Umfeld der jüdisch-christlichen Auseinandersetzung in frühislamischer Zeit (365-432). Die Textbefunde, die Rosenkranz anführt, zeigen, wie stark auch jüdische und christliche Strömungen in sich nochmals differenziert wahrgenommen werden müssen. Ob dies so viel anders war/ist „als im christlichen Europa, wo sich Judentum und Christentum als relativ klar umrissene Gruppen gegenüberstanden (426)“, sei dahingestellt. Insgesamt zeigt die Studie von Simone Rosenkranz, dass die frühislamische Zeit eine Intensivierung der Auseinandersetzung im Gegeneinander wie im Miteinander befördert hat und dabei auf jüdischer wie auf christlicher Seite sektiererischen Strömungen Auftrieb gab. Sie stellt einen wichtigen Beitrag zur historischen wie systematischen Arbeit an Fragen der jüdisch-christlichen Verhältnisbestimmung dar und bietet dazu eine überzeugende „erste Diskussionsgrundlage“ (437).


Woppowa, Jan: Widerstand und Toleranz. Grundlinien jüdischer Erwachsenenbildung bei Ernst Akiba Simon (1899-1988), Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (Praktische Theologie heute 77) (325 S., 28,--€). 

Die Arbeit (Diss. theol. Bonn 2004) versucht, als Beitrag zur Theorie religiöser Erwachsenenbildung Ansätze aus der Analyse des Bildungskonzepts von Ernst Simon zu gewinnen. Der religiöse Humanismus Simons wird profiliert in der Auseinandersetzung mit Rosenzweigs Neuem Lernen und Bubers humanistischem Existentialismus. Es ist zu begrüßen, dass auf diese Weise ein deutsch-jüdischer Denker in den Blick kommt, der bislang weitgehend im Schatten seiner berühmten Lehrer gestanden hat. Anspruch und Zielperspektive jüdischer Erwachsenenbildung bei Simon findet Woppowa mit dessen eigenen Worten komprimiert in dem „antinomischen Doppelkriterium von Widerstand und Toleranz“ (223). Dieses Bildungsverständnis bewährt sich als „verpflichtende Lebensform“, im Zueinander von Lernen und Beten. So einleuchtend und anregend die These zu Simons Bildungsauffassung, so überstrukturiert und unübersichtlich ist deren Darstellung insgesamt. Es entsteht der Eindruck, dass am Ende die Kraft gefehlt hat, den systematischen Ertrag so zu präsentieren, wie es dem Simonschen Prinzip der 2. Naivität eher entsprochen hätte.


Barbara U. Meyer: Christologie im Schatten der Shoah – im Lichte Israels. Studien zu Paul van Buren und Friedrich-Wilhelm Marquardt, Zürich (Theologischer Verlag) 2004 (261 S., 30,-- €).

Die (überarb. und aktualisierte) Dissertation (Heidelberg 2002) ist als vergleichende Studie zu den christologischen Neuansätzen der beiden Barth-Schüler van Buren und Marquardt angelegt. Teil A (19-76) skizziert Entwicklung und Schwerpunktsetzung im theologischen Denken des amerikanischen und des deutschen Theologen, die auf je eigene Weise vom zeithistorischen Kontext ihrer Generation in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt sind. Teil B (77-213) begründet die Schlüsselfunktion der Christologie bei van Buren und Marquardt. Dazu diskutiert die Autorin die verschiedenen Begründungsstrukturen mit Blick auf deren systematischen Ort (1), das Judesein Jesu (2), die Bedeutung der Shoah und des Staates Israel (3), die Problematik der Zusammenschau von ‚Kreuz’ und ‚Auschwitz’ (4), die Frage nach dem Bundesverständnis (5), die Bedeutung der Trinitätslehre (6) und das Verhältnis von Denken und Handeln nach der Shoah (7). Teil C würdigt in Auswertung und Ausblick (215-237) „Marquardt und van Buren als herausragende Stimmen verschiedener Kontexte christlicher Beachtung Israels“ (I) und votiert in kritischer Anknüpfung an die Stärken beider Positionen für eine „Christologie in der Verantwortung für den Anderen“ (II). Meyer beginnt im Hauptteil ihrer Arbeit die Erörterung der christologischen Ansätze van Burens und Marquardts mit einem Forschungsbericht zur „Christologie als erste Disziplin der Umkehr“ (79-84) in der Entwicklung einer christlichen Theologie nach der Shoah, die sich als eine israelbezogene Theologie im christlich-jüdischen Gespräch konstituiert. Bildet die so akzentuierte christologische Konzentration den gemeinsamen Bezugsrahmen für die theologischen Entwürfe Marquards und van Burens, so lassen sich deren charakteristische Unterschiede an Einzelthemen christozentrischer Theologie erarbeiten und als komplementäre Ansätze profilieren. Meyer sieht die Christologie bei Marquardt „im Schatten der Shoah“ verortet – motiviert durch ein Ethos der Umkehr; bei van Buren stellt sie das Motiv der Neuinterpretation des Bundes „im Lichte Israels“ heraus. In kritischer Würdigung des innovativen Potentials und des Korrektivs, das von beiden theologischen Neuansätzen ausgeht, benennt Meyer auch Defizite und Einseitigkeiten im christologischen Denken Marquardts und van Burens. Hier habe die Weiterarbeit der „dritten Generation nach der Shoah“ anzusetzen. Dies gelte „besonders deutlich (…) im Verhältnis zu dem, was die Staatlichkeit Israels betrifft“ (225). „Ein wichtiger Schritt zur Internationalisierung des jüdisch-christlichen Verhältnisses“ (227) ist nach Meyer mit der Veröffentlichung der Erklärung Dabru Emet getan worden, weil sich hier u.a. gezeigt hat: „Ein partikulares, kontextgebundenes Bekenntnis kann über Kontinente hinweg vertrauensfördernd wirken“ (ebd.); jedoch: „Welche Rolle Israel im internationalen jüdisch-christlichen Dialog neben Amerika und Deutschland einnehmen wird, ist noch offen“ (ebd.). Eine zukunftsentscheidende Frage darüber hinaus stellt sich unter dem Stichwort einer „Globalisierung der Shoah-Erinnerung“: „Ob (…) ein christliches Gedächtnis der weltweiten Ökumene entstehen kann, das die Erinnerung an das Leiden des jüdischen Volkes bewahrt“ (229)? Für Meyer ergibt sich daraus auf der Grundlage der Themen und Haltungen, für die in ihrem je eigenen Kontext Marquardt und van Buren stehen, das Desiderat eines Ethos der Erinnerung: „Als Aufgabenstellung für die Zukunft ergibt sich daraus, eine Christologie weiterzuentwickeln, die von der Verantwortung für die Andersheit Israels zur Verantwortung auch für weitere Andere findet“ (237).


Britta Frede-Wenger: Glauben und Denken im Angesicht von Auschwitz. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Emil L. Fackenheim, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 2005 (461 S., 32,-- €).

Die Tübinger Dissertation (von 2004) widmet sich der „theologischen Wende“ im Denken von Emil Ludwig Fackenheim. 1916 in Halle/Saale geboren, wurde der liberale Fackenheim noch in Berlin zum Rabbiner ordiniert, von Aberdeen/GB nach Kanada abgeschoben, wo er jahrzehntelang als Professor für Philosophie lehrte, bis zu seiner Auswanderung nach Israel 1983, wo er 2003 in Jerusalem starb. Die Autorin geht der Frage nach, wie Fackenheim jüdisches Glauben und Denken angesichts der Shoah und damit auch jüdische Identität neu zu formulieren und zu begründen sucht. Zugleich macht sie in der Auseinandersetzung mit Fackenheim Ansätze für die Standortbestimmung christlicher Theologie nach Auschwitz aus. Teil 1 skizziert den Ort von Fackenheims Denken im Kontext jüdischer Holocaust Theology; Teil 2 fragt nach Fackenheims Verständnis von „jüdischer Theologie“ und „jüdischer Philosophie“ (vor 1967); Teil 3 zeichnet nach, wie und warum sich sein Denken in der Konfrontation mit dem Geschehen von Auschwitz verändert; Teil 4 deutet Fackenheims Arbeiten nach 1967 als Versuch einer neuen philosophisch-theologischen Grundlegung für jüdische Existenz nach Auschwitz; Teil 5 erörtert das Verhältnis von eschatologischer Erwartung und menschlichem Handeln im theologischen Denken Emil Fackenheims. Abschließend formuliert die Autorin auf der Grundlage ihrer Untersuchungsergebnisse einige Impulse für die Christologie in einer christlichen „Theologie nach Auschwitz“ (69). Die Ausführungen zur jüdischen Holocaust Theology bzw. christlichen Theologie „nach Auschwitz“ und damit zu Hintergrund, Kontext und Rezeption von Fackenheims Ansatz – auf der Sinnlosigkeit von Auschwitz zu bestehen und zugleich am Gott der Geschichte festzuhalten fallen sehr knapp aus. Fackenheims philosophisch-theologi­sche Ausgangspunkte, geprägt von den Traditionen des deutschen Idealismus und des religiösen Existentialismus Rosenzweigscher Prägung, kommen ebenfalls nur kurz zur Sprache. Darlegungen zur Definition „jüdischer Theologie“ und „jüdischer Philosophie“ sind allzu pauschal und zugleich zu skizzenhaft abgefasst, um hier für die Konturierung von Fackenheims Position viel auszutragen. Dennoch beeindruckt das Bemühen der Autorin, das breite Spektrum der Bezüge in den Blick zu nehmen, in denen sich Fackenheims Position bewegt und entwickelt. Dabei gelingt es ihr, vor allem in den „Notizen zu Fackenheims Theologie“, deren problematische und herausfordernde Pointe zu treffen: im Verzicht auf Theodizee an der Hoffnung für die Welt festzuhalten, einer Hoffnung, für die nach Auschwitz menschliches Handeln, genauer: Israels Existenz auch und gerade bis in seine staatliche Form hinein konstitutiv wird – als „614. Gebot“. Wo aber „das praktische Handeln des Menschen die zentrale Hoffnungsfunktion übernimmt, verstrickt sich Fackenheim in die Abgründe der Anthropodizee“ (352). Fragen nach dem Verhältnis von Eschatologie und Ethik, wie sie von Fackenheim aufgeworfen werden, geben, wie die Autorin aufzeigt, gerade auch christlicher Theologie „nach Auschwitz“ nachhaltig zu denken. 

 

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