Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Oelschläger, Ulrich: Judentum und evangelische Theologie 1909-1965. Das Bild des Judentums im Spiegel der ersten drei Auflagen des Handwörterbuchs „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (Judentum und Christentum 17) (360 S., 29,-- €).

Die im Fach Judaistik am Fachbereich Ev. Theologie (Mainz 2004) vorgelegte Dissertation nimmt das theologische Standardwerk „rgg“ zum Indikator für die jeweils prägende Sicht des Judentums in der ev. Theologie der Epochen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1965 und untersucht an ausgewählten Artikeln, wie sich die Wahrnehmung und theologische Bewertung quantitativ und qualitativ über drei Auflagen hinweg entwickelt. Die Analyse zeigt, dass der liberale Protestantismus der Herausgeber auch gegen den Einfluss theologischer Neuansätze wie der Dialektischen Theologie prägend bleibt und damit eine Tendenz, das at und die nachbiblische Tradition „als religionsgeschichtliches Material“ (332) abzuwerten. Die in der 2. Auflage (1927-1932) hinzukommenden Beiträge jüdischer Gelehrter stehen folglich in deutlicher Spannung zum fortgeschriebenen überkommenen Judentumsbild. Für die 3. Auflage (1957-1965) macht die Studie eine Tendenz zur Vereinnahmung des Judentums aus (333). Die jüdisch-christliche Zusammenarbeit wird konstitutiv erst für die aktuelle 4. Auflage, die jedoch nicht mehr Gegenstand dieser Arbeit ist. Wer die Mühe nicht scheut, den detaillierten Einzelanalysen dieser lexikographischen Fleißarbeit zu folgen, gewinnt an diesem Buch interessante Einsichten in ein bis heute prägendes Stück protestantischer Wissenschaftsgeschichte mit ihren zeittypischen ideologischen Fixierungen.


Einführung in das Studium der Evangelischen Theologie. Überarb. Neuausgabe, hg. von Roman Heiligenthal, Thomas Martin Schneider, unter Mitarbeit von Friedrich Lemke u.a., Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2004 (372 S., 19,80 €).

Die Neuauflage dieses Arbeitsbuches für Studienanfänger/innen enthält erstmals ein Kapitel „Judentum“, verfasst von Wolfgang Kraus (79-113). Dazu bemerken die Herausgeber: „Damit tragen wir der Tatsache Rechnung, dass christliche Theologie ohne die Berücksichtigung ihrer jüdischen Wurzeln nicht denkbar ist, auch wenn das Judentum in den Studien- und Prüfungsordnungen sowie den Lehrplänen nicht immer den Raum einnimmt, der ihm von der Sache her gebührt“ (Vorwort, 1). Kraus widmet seinen Beitrag dem Aufweis, „warum es aus theologisch-sachlichen Gründen unabdingbar erscheint“ (79), sich im Rahmen des Theologiestudiums mit dem Thema Judentum auseinanderzusetzen. Er verweist auf einschlägige Verlautbarungen protestantischer Landeskirchen und stellt fest, dass im Widerspruch dazu von einer verbindlichen Beschäftigung mit dem Thema Judentum an den theologischen Ausbildungsstätten noch immer nicht die Rede sein kann. Als relevante Inhalte nennt und skizziert er (1) die religiöse Vielfalt im Judentum, (2) Aspekte jüdischen Selbstverständnisses und religiöser Praxis (Gottes Erwählung / Volk Gottes, Torah, Einheit von Glauben und Leben, Gebete/Gottesdienst/Segenssprüche, Speisegebote, Sabbat, Festkalender, Stationen/Feste auf dem Lebensweg) und „Themen, die insbesondere im Verhältnis zum Christentum von Bedeutung sind bzw. nach 1945 neu ins Zentrum des Interesses rückten (Jesus der Jude, Messiaserwartungen im Judentum, Der Tod Jesu und ‚die Juden’, Antijudaismus/Antisemitismus, Land und Staat Israel/Zionismus); (3) Perspektiven des christlich-jüdischen Dialoges. Wichtig ist hier der Passus „Transformation des christlichen Absolutheitsanspruchs in eschatologische Begrifflichkeit“ (108). Ausführungen über „Jüdische und christliche Denkstrukturen“ (109-111) gehen auf die konstruktive Herausforderung durch die Erklärung Dabru Emet ein. Die Literaturhinweise geben eine Übersicht über aktuelle deutschsprachige Standardliteratur.


Frankemölle, Hubert: Frühjudentum und Urchristentum. Vorgeschichte – Verlauf – Auswirkungen (4. Jahrhundert v.Chr. bis 4. Jahrhundert n.Chr.), Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) (Studienbücher Theologie Bd. 5) 2006 (446 S., 32,-- €).

Der Paderborner Neutestamentler und Altphilologe legt hier ein aus langjähriger Vorlesungstätigkeit hervorgegangenes Lehr- und Studienbuch vor, das „aus der Perspektive der griechisch-römischen Welt die singuläre und unverwechselbare Nähe des Urchristentums zum biblischen und zeitgenössischen Judentum“ darlegt (Vorwort, 11). Das Buch verhilft zu einem Überblick über die großen Entwicklungslinien in den komplexen Prozessen, aus denen Judentum und Christentum als zwei klar unterschiedene Größen hervorgegangen sind. Der Autor trifft „historisch und literarisch eine strenge Auswahl an Informationen im Hinblick auf die spätere Trennung von Judentum und Christentum“ und akzentuiert die „Faktoren (…), die das Herauswachsen des christlichen Judentums aus dem ‚biblischen’ und pharisäischen Judentum für uns heute nachvollziehbar machen“ (40). Kap. i und ii benennen die innerjüdischen Voraussetzungen für diese Entwicklung unter historischen, sprachlichen und theologischen Aspekten. Kap. iii „Vom Reformjudentum (!) zum (Früh-)Christentum“ zeichnet den Weg nach, wie er sich in neutestamentlichen und frühchristlichen Schriftzeugnissen spiegelt. Kap. IV skizziert „Einheitsbande in den Trennungsprozessen von Judentum und Christentum“ und benennt hier abschließend „hermeneutisches Prinzip und einige thematische Leitlinien für eine erneuerte bzw. zu erneuernde christliche Theologie im Angesicht Israels“ (422). Dabei stellt Frankemölle vor allem heraus, dass „die Verfasser aller ntl Schriften im Kontext ihrer Rezeption der griechischen Texte der heiligen Schriften sowie sonstiger hellenistisch-jüdischer Traditionen Israels (...) in Kontinuität zum hellenistischen Judentum“ stehen (423). „Der spezifisch nachösterlich reflektierte christliche Glaube (...) war jedoch nur aufgrund der sprachlichen und theologischen Glaubensvoraussetzungen im Judentum der hellenistisch-römischen Zeit in der Diaspora und in Palästina möglich“ (ebd.). Das Buch endet mit einem kurzen Ausblick auf „den Weg der Jesusbewegung (…) zu einer staatlich anerkannten Weltreligion“ (426). Der Charakter des Arbeitsbuches wird auch in dessen Aufbau deutlich: eine Bibliographie von Standardliteratur zum Thema und eine synoptische Zeittafel gehen der Darstellung voraus. Ferner wird in den einzelnen Kapiteln jeder Abschnitt nochmals durch eine Übersicht ausgewählter Literatur eröffnet, und die wichtigsten Aspekt und Stadien der dargestellten Prozesse werden mit Quellentexten belegt.


Laetare Jerusalem. Festschrift zum 100jährigen Ankommen der Benediktinermönche auf dem Jerusalemer Zionsberg, hg. von Nikodemus C. Schnabel OSB, Münster (Aschendorff) 2006 (Jerusalemer Theologisches Forum Band 10) (611 S., 29,80 €).

Zion/Jerusalem bildet den thematischen Fokus dieses voluminösen Bandes. Es überwiegen Aufsätze, die den Zion – als Berg, als Stadt, als Kirchenort – aus liturgischer, exegetischer, kirchengeschichtlicher, architektonischer Perspektive thematisieren. Die Alttestamentler Martin Metzger, Erich Zenger, Ludger Schwienhorst-Schönberger und Georg Steins entfalten in ihren Aufsätzen etwas von der biblischen Bedeutungsfülle des Zion. Während die Zengers und Schwienhorst-Schönbergers über die Zions-psalmen (Ps 120-134; Ps 122) handeln, stellt Steins die deuterokanonischen Psalmen Salomos als „ein Oratorium über die Barmherzigkeit Gottes und die Rettung Jerusalems“ vor. Nur wenige Beiträge dokumentieren ein christlich-jüdisches Gespräch an dem benediktinisch geprägten Zion, der Dormitio Abtei. Der Exeget Christoph Dohmen führt ein in das Motiv der Zionssehnsucht bei dem bedeutenden Dichter des spanischen Mittelalters, Jehuda Halevi, dessen Zionslieder sich als „ein großes Element für die Verbindung der Religionen von Judentum und Islam auf der einen, sowie der Stätten Spanien, Palästina, arabische Halbinsel auf der anderen Seite“ (399) entziffern lassen. Einen Überblick über „Jüdische Jesusbilder“ gibt die Luzerner Judaistin Verena Lenzen, und der 90jährige Franz Mussner formuliert „Drei Fragen zum Thema ‚Das Mysterium Israel’“. Der einzige jüdische Beitrag des Bandes stammt von Rabbiner David Bollag, der „Grenzen und Gemeinsamkeiten“ notiert für die Agenda des christlich-jüdischen und darüber hinaus eines interreligiösen Dialoges. Erwähnt sei auch der Aufsatz des Innsbrucker Dogmatikers Józef Niewiadomski: „Religion, Gewalt und Entfeindungsstrategie des biblischen Monotheismus. Systematische Überlegungen nicht nur zum Nahostkonflikt“, ein Beitrag zu einer ebenso aktuellen wie brisanten Diskussion.


Wohlmuth, Josef: Jerusalemer Tagebuch 2003/2004. Theologisch – spirituell – politisch, Münster 2006 (Jerusalemer Theologisches Forum Band 8) (231 S., 34,80 €).

Das Buch enthält die Aufzeichnungen des Bonner Emeritus der Dogmatik aus dem Jahr 2003/04, das er als Studiendekan für das Theologische Studienjahr an der Dormitio in Jerusalem zugebracht hat. Persönliche Apercus eines deutschen Theologieprofessors, die Einblick geben in die Wahrnehmungen und Betroffenheiten eines Außenstehenden, kaum aber einen Erkenntnisgewinn hinsichtlich der komplexen Realität „Jerusalem“ mit sich bringen. Inwieweit das Buch allen, „denen Jerusalems Frieden am Herzen liegt, zur Erinnerung und Inspiration dienen“ mag (Vorwort, 6), werden Leser und Leserinnen sehr unterschiedlich beurteilen.


Mit Toleranz und Offenheit. Literarische Porträts, hg. von Ruben Frankenstein und Monika Rappenecker, Freiburg i.Br. (Rombach Verlag) 2006 (252 S., 38,-- €).

Das Buch verdankt sich einer Veranstaltungsreihe der Kath. Akademie und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Freiburg, die seit zwölf Jahren in beeindruckender Kontinuität und Frequenz zunächst am Sabbat, später am Sonntag deutschsprachige Literatur meist jüdischer Autorinnen und Autoren präsentiert. Der Bogen spannt sich vom Mittelalter (Süßkind von Trimberg) bis in die Gegenwart (Elie Wiesel, Elias Canetti) und macht neugierig auf andere, hier nicht dokumentierte literarische Begegnungen, ob mit Rabbi Akiba oder der in deutschsprachiger Krimilandschaft sehr populären Batya Gur. „Neues kennenzulernen oder auch Vergessenes wieder zu erinnern“, dazu laden die literarischen Porträts ein, die „am Leitfaden von Lebensläufen und literarischen Texten das Schaffen der vorgestellten Autorinnen und Autoren gegenwärtig halten“ (Vorwort, 7). Die Auswahl im vorliegenden Band konzentriert sich im Wesentlichen auf Literatur nach 1933. Ein anspruchsvoller „Reader“, dabei gut lesbar für alle, die sich vom Entdeckungseifer und Engagement der Herausgeber und der verschiedenen Autoren und Autorinnen anstecken lassen mögen. 

 

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