Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Alle Morgen neu. Einführung in die jüdische Gedankenwelt anhand eines der wichtigsten jüdischen Gebete, shmoneh esre oder Achtzehngebet. Zusammengestellt von Douwe J. van der Sluis, Peter J. Tomson, Dodo J. van Uden und Eli Whitlau. Mit einem Geleitwort von Bertold Klappert, hg. von Gernot Jonas, Wittingen (Erev Rav) 2005 (Erev-Rav-Hefte Israelitisch denken lernen Nr. 7) (362 S., 19,90 €).

Die niederländische Originalausgabe dieses Buches erschien bereits 1978 bei der von Yehuda Aschkenasy geleiteten Folkertsma-Stichting voor Talmudica in Hilversum.

Fast drei Jahrzehnte später liegt nun endlich die deutsche Fassung in der Übersetzung von Wolfram Braselmann vor. Offenbar haben technische Probleme mit der Wiedergabe der hebräisch-aramäischen Textvorlagen den Herausgebern Mühe bereitet. Umso erfreulicher, dass nun auch für eine deutschsprachige Leserschaft ein Buch zugänglich ist, das als Lehr- und Studienwerk zur Einführung ins jüdische Hauptgebet und damit in die „Gedankenwelt“ jüdischer Theologie seinesgleichen sucht. Die Verfasserin und die Verfasser haben bei Aschkenasy Judaica studiert und sind versiert auch in der Vermittlung ihres Fachs. Sie stellen ihren Gegenstand mit einer „konzentrischen Methode“ (Vorwort, xiv) vor – eine didaktische Entscheidung, die bei der Lektüre zunächst verwirren kann, bei intensiverer Arbeit mit dem Buch sich aber als durchaus fruchtbar erweist: Zunächst bringt die Einleitung Grundlegendes zu „Bitte und Gebet in der jüdischen Überlieferung“. Es folgt das Achtzehngebet in Text und Übersetzung – in dieser Form hilfreicherweise auch noch mal als Faltblatt dem Buch beigelegt. Kap. 1 vermittelt einen ersten Überblick über Inhalt und Aufbau des Gebetscorpus mit seinen neunzehn Berachot. Kap. 2 „Die Dynamik des Achtzehngebets“ führt ein in das jüdische Verständnis des Gott-Segnens, die verschiedenen Formen und Weisen des Beracha-Sagens sowie inhaltlich-theologi-sche Grunddimensionen. Kap. 3 bringt kurze Erklärungen zu Inhalt und Aufbau der einzelnen Segenssprüche unter Einbeziehung biblischer und rabbinischer Referenztexte. Eine ausführliche Einzelanalyse der Gebetstexte folgt in Kap. 4, und Kap. 5 informiert über Halacha und Historisches zum Achtzehngebet. Der Anhang umfasst Register zu den Biblica und Talmudica sowie ein Verzeichnis nachtalmudischer Literatur (Quellen und Autoren). Die Sekundärliteratur ist hier bis 1970ff. verzeichnet. Den Abschluss bildet ein Namen- und Sachregister. Da das Studienbuch keinen Anmerkungsapparat aufweist, ist der Registerteil ebenso hilfreich wie unverzichtbar. Wichtig für wissenschaftliches Arbeiten an den Berachot ist nicht zuletzt die Auflistung der verwendeten Textversionen (324). Was das Autor/innenteam nicht ausdrücklich vermerkt, aber wohl der Rede wert ist: Alle Morgen neu ist das wohl wichtigste Lehrbuch zum Achtzehngebet seit dem Klassiker von Ismar Elbogen (31931, Nachdr. 1967) und der Monographie von Joseph Heinemann (hebr. 21966). „Elke Morgen Nieuw hat mir dabei geholfen, jüdische Traditionen kennenzulernen und zu lieben“, schreibt der Herausgeber der dt. Ausgabe, Gernot Jonas (Vorwort, xiii). Dem schließe ich mich aus eigener Erfahrung an. Das hier vorgestellte Buch hat seinerseits Standards gesetzt und verdient es, Pflichtlektüre zu werden für alle, die ins „Lehrhaus Judentum“ eintreten.


Fiedler, Peter: Das Matthäusevangelium, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2006 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 1) (440 S., 35,-- €).

Der Kommentar des Freiburger Neutestamentlers eröffnet die neue Kohlhammer-Kommentarreihe, zu deren Mitherausgebern neben E. W. Stegemann, Luise Schottroff und Klaus Wengst der Autor zählt. Ihr erklärtes Anliegen ist es, „erstmals die im christlich-jüdischen Gespräch behandelten Themen, den feministisch-theologischen Diskurs sowie sozialgeschichtliche Fragestellungen auf (zugreifen)“ (Klappentext). Damit teilen die Autorinnen und Autoren der Reihe die Optionen der „Bibel in gerechter Sprache“ (vgl. dazu KuI 1.07 und den Beitrag von S. Plietzsch in diesem Heft). Peter Fiedler positioniert sich mit seinem Kommentar ausdrücklich innerhalb einer Perspektive, die „das jüdische Profil des Mt“ systematisch ernstnimmt: „Die grundlegende Folgerung daraus besteht darin, dies anzuerkennen: Das Werk des Mt bezeugt nicht die Trennung seiner Gemeinschaft (oder gar ‚der Kirche’) von ‚dem’ Judentum; es stellt auch keinen Meilenstein auf dem Weg dorthin dar. Vielmehr gehört es in den jüdischen Konsolidierungsprozess nach der Zerstörung Jerusalems (…). Daran beteiligten sich verschiedene Gruppen innerhalb und außerhalb Israels, (…) die um die führende Rolle beim Neuaufbau unter einander in Konkurrenz standen“ (Vorwort, 5). Die Polemik des Mt gegen die Verweigerer des Christus-Bekenntnisses zu Jesus von Nazareth steht in Fiedlers Deutung klar im Kontext einer für das Evangelium insgesamt konstitutiven Theologie. (30) Die „Verselbständigung der Christologie“ (35), wie sie die bisherige Rezeption des Mt dominiert hat, ist demgegenüber hermeneutisch als Hauptgrund für die „Enteigung der jüdischen Identität Jesu Christi (und der Gemeinschaft des Mt)“ auszumachen (ebd.). „Das jüdische Festhalten an der Tora ist im Sinn des Mt von der Kirche aus den nichtjüdischen Völkern als von Gott gewolltes Zeichen der Erwählung = Berufung des jüdischen Volkes zu achten (35). Wenn die Kirche um ihrer eigenen Identität willen am ‚messianischen’ Anspruch Jesu festhält – was ihr gutes Recht ist, sofern sie sich dabei ihres Unterschieds zum jüdischen Verständnis bewusst bleibt –, dann lässt sich ihr Anspruch als heutige ekklesia ihres Herrn nicht gegenüber, geschweige denn gegen Israel vertreten, sondern ausschließlich in Hinordnung zu, in Abhängigkeit von diesem einen Gottesvolk“ (36). Die antipharisäische Polemik des Mt versucht Fiedler konsequenterweise nicht apologetisch zu relativieren, sondern fordert dazu auf, sie „als schuldhaftes Versagen gegenüber den Weisungen Jesu“ (35f.) einzugestehen und abzulehnen, ohne jedoch Mt allein für die fatalen Folgen haftbar zu machen. Der Kommentar konzentriert sich gemäß dem Gesamtkonzept auf bibeltheologische Erläuterungen; die vorausgesetzte historisch-kritische Textarbeit lässt sich neben dem Literaturverzeichnis vor allem einem sorgfältig erstellten Apparat entnehmen, der es nicht nötig hat, die Forschungsdiskussion in extenso zu referieren. Das Resultat ist ein auch für Nichtfachleute gut lesbares Buch, das ohne große Geste dazu einlädt, das „kirchlichste“ aller Evangelien auf neue Weise – nämlich als Botschaft „eines jüdischen Christus-Gläubigen“ an „eine Gemeinschaft vorwiegend jüdischer Christus-Anhänger/ innen“ (Vorwort, 5) verstehen zu lernen.


Fragmentarisches Wörterbuch. Beiträge zur biblischen Exegese und christlichen Theologie. Horst Balz zum 70. Geburtstag, hg. von Kerstin Schiffner, Klaus Wengst, Werner Zager, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) (470 S., 49,80 €).

Es ist eine gute Idee, die Festschrift für einen namhaften Editor lexikalischer Werke als „Wörterbuch“ anzulegen. So ehren Schüler/innen und Kolleg/innen den Mitherausgeber des Exegetischen Wörterbuchs zum Neuen Testament, Fachherausgeber nt für die Theologische Realenzyklopädie (tre) und Verfasser zahlreicher Studien (s. Schriftenverzeichnis Horst Balz, 457-463) zu Exegese, Theologie und pastoraler Praxis – namentlich zur paulinischen Theologie und zur urkirchlichen Christologie. Die 46 Beiträge des Bandes – von A wie Antijuduaismus (Th. Sundermeier) bis Z wie Zukunft (W. Hackenberg) bieten ein breites Spektrum unterschiedlichster Aspekte aktueller theologischer Forschung und Lehre. Die Relevanz der Themen für die Beziehung von Kirche und Israel wird dabei eher selten ausdrücklich formuliert, so in dem Plädoyer von Klaus Wengst, „Hebräisch für Neutestamentler“ (177-187), in den Notizen von Elke Tönges über „Heiligkeitskonzepte in der Schrift an die hebräische(n) Gemeinde(n)“ (203-211) und in dem letzten Aufsatz von Dieter Vetter zum Stichwort „Nächstenliebe“ (287-298). Gleichwohl regt die Lektüre dieses Fragmentarischen Wörterbuches zur vertiefenden Befassung mit dessen Stich-Wörtern an. So lenkt der Beitrag von Friedrich Avemarie, „Josua. Jesu Namenspatron in antik-jüdischer Rezeption“ (246-257), den Blick auf einen theologischen Motivzusammenhang, dem breitere Aufmerksamkeit zu wünschen ist.


Homolka, Walter/ Füllenbach, Elias H.: Leo Baeck. Eine Skizze seines Lebens, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2006 (96 S., 15,95 €).

Das bebilderte Büchlein möchte die Biographie Baecks in knapper, informativer und unterhaltsamer Form vorstellen. Es beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf Zitate aus und Paraphrasen zu Baecks Werkausgabe und Bilder aus dem Besitz der Enkelin Marianne C. Dreyfus. Dass in dem so gewählten schmalen Rahmen für differenzierte Auseinandersetzung mit Baecks Werk und Wirken kein Raum ist, versteht sich. Allerdings hätten die vorhandenen Hinweise einiges mehr an Erklärung verdient, etwa dazu, wie Baecks Aufgaben und Ämter während und nach der Nazizeit denn politisch zu gewichten waren. Es ist ja nicht ohne weiteres ersichtlich, was sein Vorsitz in der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ und seine Präsidentschaft bei B’nei B’rith und bei der World Union for Progressive Judaism bzw. überhaupt diese Institutionen im zeitgeschichtlichen Kontext zu bedeuten hatten. Auch wäre es sicher mit wenig Mühe möglich gewesen, dem Bändchen zumindest eine Auswahlbibliographie zur weiteren Orientierung mitzugeben. So aber bleibt es bei der beabsichtigten kleinen (vielleicht zu kleinen) Hommage.


Metz, Johann Baptist: Memoria Passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft. In Zusammenarbeit mit Johann Reikerstorfer, Freiburg i. Br. (Herder) 2006 (274 S., 24,90 €).

In diesem Buch hat Metz es unternommen, seine theologische Position in ihren zentralen Begriffen zu resümieren. Dazu hat er, unterstützt durch seinen Schüler und Kollegen, den in Wien lehrenden Fundamentaltheologen Johann Reikerstorfer, seine – teils an entlegener Stelle publizierten – Aufsätze und Vorlesungen aus rund 15 Jahren (1990-2005) zusammengetragen. Aus ihnen erschließt sich das Konzept einer Theologie, die den christlichen Glauben als memoria passionis versteht und sich daher zuerst und vor allem der Frage nach Gott angesichts unschuldigen Leidens stellt. „Im Verständnis der Theologie als Theodizee macht sich das Christentum als eine Religion „mit dem Gesicht zur Welt“ kenntlich. In der biblisch inspirierten Theodizeefrage öffnet sich nämlich das Gottesgedächtnis der biblischen Traditionen für die kulturell und religiös pluralistischen Lebenswelten von heute und verbindet sich so mit den aus der Passionsgeschichte der Menschheit immer neu aufbrechenden Erfahrungen und Fragen. Nicht diese Theodizeefrage zu beantworten, sondern sie in unserer pluralistischen Öffentlichkeit unvergesslich zu machen, ist die fundamentale Aufgabe (Einleitung, xi).  Der 1. Teil (§§ 1-13) entwickelt die Koordinaten dieser Theologie einer memoria passionis „im Blick auf die Welt“. Hier setzt Metz zunächst zeitgenössischen Tendenzen zur Aufhebung“ der Theodizeefrage das „Vermissungswissen“ biblischer Gottrede gegenüber (§ 1) und erörtert die theologische Relevanz des Zeit-Zeichens „Auschwitz“. „Offenbar gibt es keinen Sinn der Geschichte, den man mit dem Rücken zu Auschwitz retten kann, keine Wahrheit der Geschichte, die man mit dem Rücken zu Auschwitz verteidigen und keinen Gott, den man mit dem Rücken zu Auschwitz anbeten kann. Als theologisch-politische Katastrophe lässt Auschwitz weder das Christentum und seine Theologie noch auch die Gesellschaft und ihre Politik ungeschoren“ (39; s. auch ders., in: KuI 2.87, 14-23). In „Annäherungen an eine Christologie nach Auschwitz“ (§ 2,2) nennt Metz dafür vier Kriterien: die Bindung an einen „leidempfindlichen“ biblischen Monotheismus, die Ausrichtung an der Theodizeefrage, Anknüpfung an die Tradition biblischer Apokalyptik und Ausrichtung am narrativ-praktischen Christusglauben der synoptischen Evangelien (50-62). „Im Angesicht der Katastrophe von Auschwitz geht es für die christliche Theologie nicht primär um die Frage nach der Schuld und die Vergebung für die Täter, sondern um die Frage nach der Rettung der Opfer, nach der Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden. (…) Ist unsere Christologie nicht soteriologisch so überdeterminiert, dass sie die (ebenso unbeantwortbare wie unvergessliche) Theodizeefrage gar nicht mehr zulässt? Mit dieser Frage markiert Metz einen fundamentalen Ausgangspunkt der neuen Politischen Theologie, deren Positionen „wider den Bann kultureller Amnesie“ (§§ 7-10) und deren „Weltprogramm“ „im Zeitalter der ‚Globalisierung’“ (§§ 11-13) er im Folgenden entfaltet. Der 2. Teil (§§ 14-18) liefert die hermeneutischen Grundlegungen von „Memoria passionis als Grundkategorie Politischer Theologie“ (§ 18), die als solche für Metz auch zentraler Bezugspunkt interreligiöser Begegnung ist (vgl. 175). Angesichts eines theologischen Diskurses, der die „gefährlichen Erinnerungen“ Politischer Theologie meint hinter sich lassen zu können, ist das Buch von Metz in gewisser Hinsicht selbst ein Zeit-Zeichen, das (neu) gelesen zu werden verdient. Für eine vertiefende Auseinandersetzung und zur Orientierung in den Diskussionskontexten ist außerordentlich hilfreich, dass „Bibliographische Nachweise“ (258-269) zu jedem der 18 Paragraphen die Fundorte und Referenzen penibel belegen. Im Haupttext hingegen sind die allgegenwärtigen Querverweise der Lektüre eher hinderlich und durchaus entbehrlich.


Töllner, Axel: Eine Frage der Rasse? Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, der Arierparagraf und die bayerischen Pfarrfamilien mit jüdischen Vorfahren im ‚Dritten Reich’, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2007 (467 S., 39,-- €).

Die Arbeit (Diss. phil. Koblenz-Landau 2003) untersucht, wie die Forderungen des „Arierparagrafen“ in der Ev.-Luth. Kirche in Bayern aufgenommen worden sind und welche Auswirkungen dies hatte auf bayerische Pfarrfamilien mit jüdischen Vorfahren.  Der Autor bezieht sich damit auf ein Forschungsdesiderat, das die Synode der Ev.-Luth. Kirche in Bayern 1998 anlässlich ihrer Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden formuliert hat. Ausgehend vom „Phänomen des protestantischen Antisemitismus“ (Kap. 1) bei den theologisch-kirchlichen Eliten der Landeskirche referiert Töllner die Diskussion um eine Übernahme des „Arierparagrafen“ durch die Kirche um die Jahre 1933/34 (Kap. 2). In diesem Zusammenhang irritiert, dass der Autor wohl Begriffe wie „Judenfrage“ und „Arierparagraf“ als Vokabular der Nazi-Ideologie bezeichnet und entsprechend problematisiert (19f.), die nicht minder ideologischen Konstrukte „Rasse“ und „Volkstum“ hingegen nicht eigens analysiert, obwohl sich das im Rahmen der einleitenden Ausführungen zum Antisemitismuskonzept und zur Entwicklung einer Kriteriologie für die Bewertung seines Materials aufgedrängt hätte (und nicht erst in der Zusammenfassung, 433). Hier mangelt es der Studie an terminologischer Klarheit, was der Ergebnissicherung abträglich ist (vgl. „Fazit zur bayerischen Diskussion um Rasse, Volkstum, Judentum und den Arierparagrafen in der Kirche“, 112 ff.!). Kap. 3 skizziert Abgrenzungsprozesse um 1935 zwischen Landeskirche und ns-Regime, die eine deutliche Ambivalenz aufweisen: Loyalität in „staatlichen“ Belangen bei gleichzeitigem Anspruch auf innerkirchliche Autonomie, ein fatales Motivationsgemisch, für das Parallelen anzuführen sich angeboten hätte – schon um den in vielfacher Hinsicht exemplarischen Charakter der bayerischen Vorgänge zu dokumentieren. In den Kapiteln 4-6 geht Töllner in z. T. minutiös recherchierten Fallstudien den konkreten Auswirkungen des Arierparagrafen auf betroffene Pfarrer und deren Ehefrauen in bayerischen Pfarrfamilien ab 1935 nach. Die Arbeit erschließt verdienstlicher Weise erstmals umfangreiches Archivmaterial zum Thema, stößt aber bei der Auswertung der Quellen nicht zu profilierten Thesen vor. „Eine Frage der Rasse?“ Die Antwort bleibt, nicht nur bei den Vertretern der bayerischen Kirchenleitung, leider diffus, und das nicht zuletzt deshalb, weil eine kritische Analyse der so genannten Rassenfrage unterbleibt.


Lernort Jerusalem. Kulturelle und theologische Paradigmen einer Begegnung mit den Religionen, hg. von E. Ballhorn, T. O. Brok, K. Hellwig, D. Stoltmann, Münster (Aschendorff) 2006 (Jerusalemer Theologisches Forum, Bd. 9) (268 S., 42,-- €).

Das Buch dokumentiert Beiträge eines Symposions zum 30jährigen Bestehen des „Theologischen Studienjahres Jerusalem“ an der Dormitio/ Hagia Sophia Zion. Grußworte der Trägereinrichtungen und Ausblicke beteiligter Personen auf die Zukunft des Studienjahres sind hier ebenso zu finden wie die Würdigung des Gründers, P. Laurentius Klein osb. Dieses Drittel des Buches wird vor allem Leser/innen interessieren, die in irgendeiner Weise mit dem Studienjahr und seinem besonderen, benediktinisch geprägten Ort verbunden sind. Für eine allgemeine Leserschaft empfehlen sich eher die ersten zwei Drittel des Bandes mit Beiträgen von Lehrenden und Studierenden zum „Lernpotential Jerusalems“, wie es dem (mehrheitlich katholischen) theologischen Nachwuchs aus Deutschland und den deutschsprachigen Nachbarländern an diesem spezifischen „Lern­ort“ präsentiert wird: im Dialog mit Judentum und Islam, in der christlichen Ökumene, mit Bibel, Archäologie und Hermeneutik. Yair Zakovitch, gibt mit „Jacob: from Trickster to Patriarch“ (127-138) ein Beispiel für rabbinische „Fortschreibung“ einer biblischen Gestalt. Leider ist dies der einzige Beitrag eines jüdischen Gesprächspartners. Ansonsten befassen sich mit hermeneutischen Dimensionen des christlich-jüdischen Gesprächs: Egbert Ballhorn, Asymmetrien im jüdisch-christlichen Dialog und der Lernort Jerusalem (15-27); Lutz Doering, Christlich-jüdischer Dialog zwischen Studienjahr und deutscher Wirklichkeit (29-39); Peter Hirschberg, Erfahrungsraum Judentum (41-49).


Zwischen Selbstbehauptung und Identitätsverlust: Exilerfahrungen des Judentums, Freiburger Universitätsblätter Heft 172 (2006), Freiburg i. Br. (Verlag Rombach) (189 S., 8,-- €).

Das Themenheft geht zurück auf ein Kolloquium mit Studierenden der Judaistik an der Albert-Ludwigs-Universität, initiiert von Gabrielle Oberhänsli-Widmer, deren Antrittsvorlesung zum Thema hier ebenfalls dokumentiert ist. In elf Skizzen setzen sich die Autoren und Autorinnen mit verschiedenen Aspekten des Exils als einer zentralen Thematik des Judentums auseinander. Dabei zeigt sich zugleich die Vieldimensionalität der Judaistik als Wissenschaft. Anna Rabin erörtert „Die Bedeutung der jüdischen Speisegesetze für die Identität des jüdischen Volkes“; Liliana Furman legt „Hypothesen zum Übergang von der bilbischen Patrilinearität zur rabbinischen Matrilinearität“ vor. Weitere Beiträge befassen sich mit der Herausforderung Exil bei jüdischen Autorinnen und Autoren sowie Künstlern und Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts – Arnold Schönberg, Else Laker-Schüler, Marc Chagall, Edmond Jabès, Mariam Juzefovskaja. 

 

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