Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Günter Stemberger, Juden und Christen im spätantiken Palästina. Hans-Lietzmann-Vorlesungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, hg. von Christoph Markschies und Martin Wallraff (Heft 9), Berlin/New York (Walter de Gruyter) 2007 (xii+73 S., 14,95 €).

Hier wird der Text im Druck vorgelegt, den der Autor in der Reihe der Berlin-Jenaer Hans-Lietzmann-Vorle­sungen gehalten hat. Dabei geht er auf literarische Zeugnisse für das Verhältnis von Juden und Christen nur knapp, auf archäologische Belege für die Entwicklung dafür umso intensiver ein. Er resümiert: „Wie immer wir … die religiöse Welt jüdischer Gemeinden außerhalb der kleinen Strömung des Rabbinats beurteilen mögen …, die für uns in den archäologischen Zeugnissen noch heute so klare Sichtbarkeit der Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen Gemeinschaften war sicher ab dem 4. Jahrhundert viel stärker als je zuvor. Dass die Konfrontation mit dem Christentum innerjüdisch zu Selbstbesinnung und religiöser Erneuerung führte, lässt sich kaum bezweifeln; damit wäre es auch viel zu einseitig, wollte man die jüdische Entwicklung der kommenden Jahrhunderte in erster Linie als Rückzugsgefecht betrachten“ (12).


Peter Dschulnigg, Das Markusevangelium, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2007 (ThKNT 2) (429 S., 35,-- €).

In der neuen Kommentarreihe (vgl. KuI 2.07 zu Fiedler, Das Matthäusevangelium) die dem christlich-jüdi­schen Dialog, feministischer Exegese und biblischer Sozialgeschichte besondere Aufmerksamkeit zollt (und darin den Anliegen der „Bibel in gerechter Sprache“ verwandt ist), legt der durch Beiträge zur Mk-Forschung ausgewiesene Bochumer Neutestamentler den theologischen Kommentar zum Markusevangelium vor. Darin bleibt er der Form-, Gattungs- und Redaktionskritik aus dem Methodenrepertoire historisch-kritischer Tradition verpflichtet. In der Einleitung stellt der Autor Zur theologischen Ortsbestimmung des Mk“ u. a. fest: „Jesus selbst wird … als Garant des monotheistischen Bekenntnisses Israels herausgehoben Als Wegweiser zum ewigen Leben bestätigt Jesus denn auch die Gebote des Dekalogs“ (52, zu Mk 12,28-34; s. a. S. 322ff.). Dschulnigg verortet das Evangelium nach Markus eher vor dem Jüdischen Krieg, „da … an mehreren Stellen traumatische Verfolgungs- und Abfallerfahrungen vorausgesetzt und verarbeitet werden“ (56). Vor allem daraus  erklärt sich für ihn die Negativdarstellung der Gegner Jesu. Der solide und präzise erarbeiteten Einzelkommentierung des Evangeliums folgt eine „Liste wichtiger Stichworte“ darunter „Pessach, Pharisäer, Schabbat, Schriftgelehrte“ – eine gute Hilfe, um einschlägige Kernstellen aufzufinden, in deren Zusammenhang jeweils differenziert auf den historischen Sachverhalt verwiesen wird. Dschulniggs Kommentar empfiehlt sich als ein erfreulich gut lesbares Standardwerk, das Übersicht schafft, aktuelle bibeltheologische Einsichten vermittelt und Einblick gibt in die komplexe Welt der exegetischen Forschung am Markusevangelium.


Johann Maier, Judentum. Studium Religionen, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007 (utb 2886) (235 S., 16,90  €).

Gedacht als Einführung für Studierende der Theologie, Judaistik und Religionswissenschaft, will das Arbeitsbuch das Judentum als „eine pluralistische Religion“ (Vorwort, 11) vorstellen. Dazu setzt der Autor seine Geschichte der jüdischen Religion (2. überarbeitete Auflage 1992) „als Leitfaden“ voraus (Einführung, 17). Die Darstellung geht von folgender Definition aus: „Israel und Israeliten bzw. Söhne Israels sind die traditionellen, in religiösen Texten vorherrschenden Selbstbezeichnungen für eine sowohl ethnische wie religiöse Einheit, die man demographisch-statistisch Judenheit (vgl. engl.: jewry) und als Religion Judentum (vgl. engl.: judaism) nennen kann“(!)(18). Leider erschöpft sich die Erörterung dessen, was Judentum ist bzw. sei,  in dieser knappen Bemerkung, zu der auch der Reader kein Referenzmaterial bietet. Das Arbeitsbuch behandelt zunächst „Die geglaubte Geschichte in der jüdischen Religion“ von der Schöpfung bis zur kommenden Welt. „Jüdische Religion in der erlebten Geschichte“ reicht in dieser Darstellung „von den Anfängen“ bis zum Zionismus. Die Entwicklung eines (im Gegensatz zur zionistischen Bewegung) religiös engagierten Zionismus  wird hier in dessen Bedeutung für den Staat Israel m. E. unverhältnismäßig stark hervorgehoben: „Zionismus und Antizionismus waren und sind also (!) zwei Komponenten der (!) modernen jüdischen Politik und Religion. Derzeit herrscht freilich (!) die Tendenz vor (wo, wird nicht weiter präzisiert, JK), den Antizionismus als Antisemitismus zu diskreditieren, Zionismus und Judentum gleichzusetzen und diese Bewertung auch von der Umwelt einzufordern“ (177). Die Ebene der Darstellung jüdischer Religion ist hier verlassen zugunsten einer prekär einseitigen Wertung komplexer politischer Zusammenhänge. Dieser Eindruck verfestigt sich angesichts der folgenden Überschrift: „Jüdische Religion und Staat des jüdischen Volkes: Rechtszionistische Geschichtsrevision und Holocaust-Ideologie“ (181). Bei einem ausgewiesenen Kenner jüdischer Geschichte kann eine solche Formulierung nicht politischer Naivität entspringen. Hier wäre mit dem Autor selbst in eine ideologiekritische Debatte einzutreten. Als Einführung ins „Judentum“ empfiehlt sich dessen Buch jedenfalls nicht.


 

Johann Maier, Judentum Reader. Studium Religionen, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007 (utb 2912) (117 S.,  8,90 €).

Der Reader bringt ausschließlich Material aus rabbinischer Tradition und legt den Schwerpunkt auf jüdische Gebetspraxis. Damit bietet er eine durchaus brauchbare Quellensammlung, die Einblick gibt in Reichtum und (traditionelle) Struktur religiösen Lebens im Judentum.


Gernot Garbe, Der Hirte Israels. Eine Untersuchung zur Israeltheologie des Matthäusevangeliums, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2005 (WMANT 106) (242 S., 39,90 €).

Die bereits 2004 an der Universität Erlangen-Nürnberg vorgelegte und nach Auskunft des Verfassers im wesentlichen schon Ende der 90er Jahre erarbeitete Dissertation geht der Frage nach, „wie sich die Erwählung Israels zu Einladung und Anspruch der neuen Botschaft des Evangeliums verhält“ (Einleitung, 1). Sie versteht sich als Beitrag zur aktuellen exegetischen Diskussion und will vor allem „das Verständnis der eigenen, christlichen Tradition … vertiefen“ (3f.). Dabei geht es Garbe darum, „mehr die übergreifende Einheit zwischen heiden- und judenchristlichen Tendenzen herauszuarbeiten“ (10), und zwar vor allem auf dem Wege der Redaktionskritik und der Rezeptionsästhetik des MtEv. „Wenn wir die Israeltheologie des MtEv als Versuch verstehen, die Trennung der Mt-Gemeinde vom Synagogenverband zu reflektieren und nach der Katastrophe des Jahres 70 n. Chr. neue Perspektiven zu eröffnen, dann ergibt sich: Mt … hält an der besonderen Erwählung Israels fest, ermutigt aber auch seine Gemeinde, den wohl bereits eingeschlagenen Weg der Öffnung zu den Weltvölkern weiter zu gehen. Aus der erzählten Verkündigung des irdischen Jesus (Mt 10) wird zugleich die (erneute) Hinwendung zu Israel begründet. Jesus ist der ‚Hirte Israels’, der die Jünger neu zu Israel sendet“ (214). Garbe benennt in der Einleitung die „Gratwanderung“ hermeneutischer Art, die mit der „Israelfrage“ des Mt verbunden ist – Antijudaismusvorwurf auf der einen, Apologieverdacht auf der anderen Seite. Für sein eigenes Vorverständnis,  die Absage an Judenmission, bezieht er sich auf entsprechende Formulierungen der  ekd-Studie Christen und Juden iii (Gütersloh 2000).


Religionsmonitor 2008, hg. von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2007 (288 S., 14,95  €).

Mit diesem ambitionierten interdisziplinären und interreligiösen Projekt unternimmt es die Bertelsmann Stiftung, Glauben, Gottesvorstellungen und Wertorientierungen von Menschen in 21 Ländern der Welt durch eine repräsentative Umfrage zu erheben. In diesem Buch sind schwerpunktmäßig Ergebnisse zum deutschsprachigen Raum dokumentiert, mit exemplarischen Ausblicken auf außereuropäische Länder bzw. Kontinente. Liz Mohn schreibt dazu im Vorwort der Herausgeber: „Unsere Länderauswahl berücksichtig alle Weltreligionen und alle Kontinente (…) Allein durch die weltweit einheitliche Befragung signalisiert der Religionsmonitor eine beeindruckende Vergleichbarkeit der Religionen“ (10) Ob dies methodisch schlüssig ist oder ob nicht durch eben diesen Ansatz eine Vergleichbarkeit erst konstruiert wird, die über eine je größere Unvergleichlichkeit hinwegsieht, mögen Berufenere beurteilen. Anerkennenswürdig ist in jedem Fall das leitende Interesse, nämlich „weitere Ansätze für einen künftigen Dialog zwischen den Religionen“ zu bieten (ebd.). Darüber hinaus ist die Tatsache an sich bemerkenswert, dass mit diesem Großprojekt das Phänomen Religion jenseits binnenkirchlicher Orientierungen in einem breiten Spektrum von Perspektiven auf populäre Weise zum Thema gemacht wird, oder genauer: als international wie interkulturell prägendes Thema in den Blick kommt. „Der Religionsmonitor 2008 … möchte eine Diskussion weiter befördern über die Bedeutung von Religiosität und Religion vor dem Horizont von gesellschaftlicher Heterogenität und Globalisierung … Die Kenntnis der empirischen Situation kann die Reformprozesse nachhaltig unterstützen … In diesem Sinn kann der Religionsmonitor als Spiegel verstanden werden, in dem sich Religionen und Konfessionen betrachten können“ (Martin Rieger, Einleitung, 16).  Bedauerlich ist es, dass die hier getroffene Auswahl von Aspekten sich im Wesentlichen auf die Situation der Kirchen konzentriert. Daneben gibt es zwar einen Beitrag über „Muslimische Aspekte des Religionsmonitors (von Gudrun Krämer, 219-229); einen vergleichbaren Artikel zu jüdischen Religiositätsprofilen sucht man jedoch vergebens. An mangelndem Material hierzu kann das nicht liegen.


Stephen Tree, Moses Mendelssohn, Reinbek (Rowohlt Taschenbuch Verlag) 2007 (157 S., 8,50 €)

In der Reihe der Rowohlt-Mono­graphien  bietet das Büchlein des Regisseurs und Autors Tree eine knappe, instruktive Darstellung von Lebens- und Werkgeschichte des „Weltweisen“, wie der bedeutendste jüdische Vertreter der Aufklärung sich selbst gern nannte. Bebildert mit zeitgenössischen Portraits, aber auch z. B. mit einem Auszug aus dem ersten Stadtplan Berlins, vermittelt die Kurzbiographie einen lebendigen Eindruck von den wichtigsten Stationen, Situationen und Begegnungen der Vita Mendelssohns. Der Anhang enthält neben einer Zeittafel auch Zeugnisse jüdischer Gelehrter über den berühmten Zeitgenossen oder Wegbereiter sowie eine mit Kurzkommentaren versehene Bibliographie wichtigster Werkausgaben und neuerer Sekundärliteratur, die zu einer weiteren Beschäftigung mit Mendelssohn motiviert.


Rolf Rendtorff, Kontinuität im Widerspruch. Autobiographische Reflexionen, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007 (156 S., 24,90  €).

Die Lebenserinnerungen des Autors (Jahrgang 1925) spiegeln ein Stück deutscher Zeitgeschichte und protestantisch-theologischer Entwicklung in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts wider. Vor allem im 7. Kapitel, bezeichnenderweise „Jahre des Umbruchs“ betitelt, reflektiert Rendtorff sein Engagement für deutsch-israelische Beziehungen (als Mitbegründer der  Deutsch-Israelischen Gesellschaft) und für das christlich-jüdische Gespräch seit 1963. Über persönliche Begegnungen und Beziehungen hinaus weist die Biographie des renommierten Alttestamentlers Initiativen gerade auch in diesem Gespräch auf, die zu den Meilensteinen der Zusammenarbeit von (evangelischen) Christen und Juden in Deutschland nach der Schoah gehören: die Mitarbeit an der EKD-Studie „Christen und Juden“ I 1975 und II 1991); die Mitbegründung des Programms „Studium in Israel“ in 1978; nicht zuletzt die Initiative zu dieser Zeitschrift - „Kirche und Israel“ - 1986.


Ingeborg Ronecker, Jerusalem Jahre. Von Intifada zu Intifada. Mit einem Vorwort von Heinz Joachim Held, Stuttgart (Radius Verlag) 2006 (überarb. Neuausgabe) (199 S., 15,-- €).

Das Jahrzehnt zwischen 1991 und 2001 hat die Autorin mit ihrem Mann, dem lutherischen Propst an der Jerusalemer Erlöserkirche, in Israel zugebracht. In Briefen und Aufzeichnungen, eigenen und solchen jüdischer und christlich-palästinensischer Freundinnen, bringt sie ihre Eindrücke und Erfahrungen zur Sprache. Das Buch, dem in der vorliegenden überarbeiteten Neuausgabe eine Art zusammenfassendes Nachwort aus der Perspektive des Jahres 2006 beigefügt ist, zeugt davon, dass die Autorin sich nicht nur zugunsten der eigenen Gemeinde  engagiert. Sie ringt um Solidarität mit Israelis wie Palästinensern: „Ich weiß, dass wir Außenstehenden die Pflicht haben, in beide Richtungen zu schauen“ (198) – und ist sich ihrer privilegierten Situation bewusst, „von Intifada zu Intifada“ am Krisenherd zwischen den Konfliktparteien aus freien Stücken und auf Zeit zu leben. Auch wenn deutlich wird, dass Ingeborg Ronecker  sich weitgehend mit den Erfahrungen und Perspektiven ihrer zumeist arabisch-christlichen Gemeindemitglieder  identifiziert, kündigt ihr israelkritischer Blick nie die Solidarität mit den jüdischen Gesprächspartnern auf. So lässt sich ihr persönlicher Bericht als integres, zuweilen sehr persönliches Zeugnis einer Zeitgenossin  würdigen, auch wenn man ihre politischen Einschätzungen nicht unbedingt teilen mag.

 

Suche

Buchtipp