Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Tertullian. Adversus Iudaeos. Gegen die Juden, übersetzt und eingeleitet von Regina Hauses, Turnhout/Belgien (Brepols Publishers) (Fontes Christiani Bd. 75) 2007 (387 S., 46,64 €). 

Regina Hauses legt hier (Diss. phil.) die erste vollständige deutsche Übersetzung eines Klassikers der patristischen Literatur vor. In der sehr lesenswerten Einleitung bringt die Herausgeberin und Übersetzerin die Geschichtskonzeption Tertullians auf den doppelten Nenner „Ablösung“ und „Enterbung“ (9). Mit dieser ersten Sonderschrift eines lateinisch-christlichen Autors hat Tertullian nicht nur die Gattung der apologetischen Literatur, sondern auch zugleich die Polemik gegen das Judentum in den lateinischen Raum gebracht. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, „dass am Anfang der christlichen Theologie ein Enterbungsprozeß steht“ (158). In seinem Begleitschreiben an Edna Brocke schreibt der Betreuer der Arbeit und Herausgeber der Reihe, der kürzlich verstorbene Bochumer Kirchengeschichtler Wilhelm Geerlings: „Mit dieser Schrift (von Tertullian, JK) wird im Abendland die Reihe der unseligen ‚Adversus-Iudaeos’-Literatur eröffnet. In dieser Tertullian-Schrift sind alle späteren theologischen Topoi, die gegen das Judentum ins Feld geführt werden, bereits um 200 zusammengestellt.“ So gesehen, erspart – oder besser: erschließt sich viel Zusatzlektüre zum Thema, wer diese hier mustergültig edierte Quelle studiert.


Was uns trennt, ist die Geschichte“. Ernst Ludwig Ehrlich – Vermittler zwischen Juden und Christen, hg. von Hanspeter Heinz und Hans Hermann Henrix, München/Zürich/Wien (Verl. Neue Stadt) 2008 (256 S., 19,90 €).

Die Herausgeber, langjährige Weggefährten von Ernst Ludwig Ehrlich (1921–2007) legen hier zur Würdigung von dessen Lebenswerk eine „Sammlung ausgewählter Beiträge zum christlich-jüdischen Dialog“ (Einleitung, 10) vor. Sie dokumentiert „mehr als vierzig Jahre theologischer Reflexion, zeitgeschichtlicher Diagnose und zukunftsweisender Impulse“ (Einleitung, 16) des verdienten Brückenbauers zwischen Juden und Christen. So war Ehrlich Gründungsmitglied der evangelisch-jüdischen Kirchentagsgruppe seit 1961, erster jüdischer Gastredner auf einem Katholikentag (1966) und von Anfang an (seit 1971) Mitglied des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Die hier versammelten Vorträge und Aufsätze stehen für vier große Bereiche seines Wirkens: i) Skizzen zum christlich-jüdischen Dialog; 13 Beiträge aus den Jahren 1960 bis 2005. ii) Erinnern: Aus der Geschichte Zukunft gestalten; 5 Beiträge, darunter ein hier erstmals veröffentlichter Vortrag zum Karmel in Auschwitz von 1989/90. i-ii) Theologisch-biblische Beiträge; sieben zum Teil erstveröffentlichte Arbeiten, darunter die Kommentierung eines Dokuments der Päpstlichen Bibelkommission von 2001: „Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel“. IV) Lebensbilder; Würdigungen von sechs bedeutenden Zeitgenoss/innen, darunter der kath. Bischof Klaus Hemmerle und der ev. Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt. Die Herausgeber haben jeden Beitrag mit einer kurzen Einführung versehen, der Hintergründe und Zusammenhänge des Geschriebenen verdeutlicht. Instruktiv sind auch die detaillierten bibliographischen Nachweise dieser aus vielfältigen Kontexten zusammengetragenen und bedachtsam ausgewählten Texte.


Bourel, Dominique: Moses Mendelssohn. Begründer des modernen Judentums, aus dem Französischen von Horst Brühmann, Zürich (Ammann Verlag) 2007 (800 S., 39,90 €).

Angesichts dieses voluminösen Werkes - es handelt sich um die überarbeitete Fassung einer fünf(!)bändigen Habilitationsschrift von 1995 – braucht es Ausdauer und Muße, sich in die Lektüre zu vertiefen. Allein der Apparat dieser „Kurzfassung“ umfasst noch 220 Seiten. In 12 Kapiteln entwirft der französische Autor ein differenziertes Panorama der deutschen bzw. deutsch-jüdischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, angelegt als chronologische Werkschau der Schriften Mendelssohns. Entstanden ist dabei so etwas wie eine philosophiegeschichtliche Erörterung der Genese und Rezeption von Mendelssohns Denken. Die Bezeichnung des Buches als „Biographie“ weckt hingegen Erwartungen, denen der Autor nicht entsprechen will. „Dieses Buch möchte Moses Mendelssohn als zentrale Gestalt und eigentlichen Begründer des modernen Judentums erweisen. Es betrachtet eine Periode der abendländischen Geschichte, in der die Juden (…) in die europäische Kultur eintreten und eine Kultur- und Sozialgeschichte begründen, die man kurz als ‚deutsch-jüdische Synthese’ bezeichnet und die noch längst nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben hat“ (10). Die Darstellung konzentriert sich – immer mit Blick auf Mendelssohns Wirken und von dieser Perspektive ausgehend – auf die deutsche, genauer: Berliner Aufklärung, auf die Geschichte Preußens, „ohne dessen geistigen Humus die Geburt des modernen Judentums nicht zu denken ist“ (11) und wiederum vor diesem Hintergrund auf die Emanzipation des deutschen Judentums und seine Aufklärung, die Haskala. Bourel will vor allem Mendelssohn als Philosophen würdigen, mit dem wir „den ersten Versuch vor uns haben, eine Philosophie des Judentums im geistigen Raum der Moderne auszuarbeiten“(16). Der Verfasser zeigt anhand der Werkanalysen auf, welche „Befruchtung in der Geschichte des deutschen Denkens“ (ebd.) Mendelssohn zu verdanken ist. Hinsichtlich der im eigentlichen Sinn biographischen Forschung verweist Bourel ausdrücklich auf die „unentbehrliche Biographie“(18) von Alexander Altmann, dessen Andenken er auch sein Buch gewidmet hat. Bezeichnenderweise eröffnet der Verfasser seine Darstellung durch einen Überblick über die „Mendelssohn-Legende“, das Bild, genauer wohl: die Ikone Mendelssohns, wie sie sich in der europäischen Rezeption und in der deutschen Geschichte herausgebildet hat. Und das Buch endet mit einem Plädoyer für die „Ehre der Vernunft“, das die innere Nähe des Verfassers zum Anliegen Mendelssohns bekundet: „Mendelssohns Größe lag darin, gezeigt zu haben, dass das Judentum genau in dieser Herausforderung besteht, einen Glauben und eine Vernunft miteinander zu verbinden, und dass es mit der Philosophie keineswegs unvereinbar ist“ (563). Bourels Monumentalstudie zielt darauf ab, Mendelssohn zu erweisen als den „Mann einer doppelten Treue gegenüber dem deutschen wie gegenüber dem jüdischen Denken“ (577): „In dieser doppelten Geschichte sollte es oft vorkommen, dass man nicht mehr wusste, was deutsch ist und was jüdisch, so sehr sind wir hier im Bereich des Singulären und des Unmöglichen. Was ist eine geistige Verwandtschaft? Diese lange, von Moses Mendelssohn inaugurierte Zwillingsgeschichte hat noch längst nicht ihren ganzen Sinn preisgegeben. Mendelssohn war ein glücklicher Jude; ist er uns deshalb heute so fern?“ Mit diesen Sätzen endet Bourels Buch – und führt mitten hinein in die Debatte, die hier zu führen bleibt.


Recker, Dorothee: Die Wegbereiter der Judenerklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Johannes xxiii., Kardinal Bea und Prälat Oesterreicher – eine Darstellung ihrer theologischen Entwicklung, Paderborn (Bonifatius) 2007 (464 S., 14,-- €).

„Während des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem aus heutiger Sicht wichtigsten kirchengeschichtlichen Ereignis des 20. Jh.s, änderte die katholische Kirche ihr Verhältnis zum Judentum grundlegend“ (13). Es mag an den aktuellen Vorgängen in der katholischen Kirche liegen, dass der erste Satz dieses Buches besonders bemerkenswert erscheint. Sein Thema ist „die theologische Entwicklung der offiziellen Hauptvertreter“ (ebd.) der sog. Judenerklärung im Konzilsdokument Nostra aetate. Die Arbeit (Diss. Paderborn 2005) möchte – zum 40. Jahrestag der Promulgation 1965 – einen Beitrag leisten zur Analyse der komplexen Vorgeschichte eines der umstrittensten Texte des Vaticanum II.Theologische Einstellungen, kirchenrechtliche Bestimmungen und Aspekte der Frömmigkeitsgeschichte zwischen Erstem und Zweitem Vatikanischen Konzil“ skizzieren im 1. Kap. Ausgangspunkte, Kap. 2 behandelt „Die Vatikanische Diplomatie zur Judenfrage von Benedikt xv. bis zum Antritt Johannes’ xxiii“. Zwar sind damit wichtige Eckdaten genannt, es gelingt der Verfasserin jedoch nicht, den Stand der Forschung zu so diffizilen Fragen wie der Außenpolitik Pius’ xii angemessen zu referieren. So bleibt die Befassung mit dem „Verhältnis Johannes’ xxiii. zu den Juden“ (Kap. 3), dem „Beitrag Augustin Beas zum jüdisch-christlichen Dialog“ (Kap. 4) und „Johannes M. Oesterreichers Einstellungen bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil“ (Kap. 5) weitgehend biographische Paraphrase (siehe z. B. „Chronologische Übersicht über Papst Johannes xxiii.“(sic!)(103-107) oder Annotierung von Schriften. Die Basis dafür bildet zum großen Teil Sekundärliteratur. So bleiben beispielsweise Quellen wie die Acta Apostolicae Sedis unberücksichtigt, die zur Beurteilung der Vorgeschichte des Konzilstextes und damit auch der Rolle Kardinal Beas unverzichtbar sind. Die Verfasserin selbst erwähnt diesen – allerdings gravierenden – Mangel in ihrem Vorwort. Die Bearbeitung einer für das katholisch-jüdische Verhältnis wichtigen Fragestellung kann jedoch ohne die notwendigen „handwerklichen“ Voraussetzungen nicht gelingen.


„… damit sie Jesus Christus erkennen“. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden, hg. von Walter Homolka und Erich Zenger, Freiburg/ Basel/Wien (Herder) 2008 (224 S., 11,95 €).

Im Februar 2008 veröffentlichte Papst Benedikt xvi. eine neue Fassung der Karfreitagsbitte „Für die Juden“ für den – vorkonziliaren – außerordentlichen Ritus der Messe. Das Buch dokumentiert die Entwicklung dieses für das katholisch-jüdische Verhältnis hochbedeutsamen Gebets in den wichtigsten Formulierungen von 1570 bis 2008, so dass Leser/innen sich selbst einen Überblick verschaffen können über die signifikanten Unterschiede und theologischen Entwicklungen. Neben den Stellungnahmen des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken mit ihrem Plädoyer für eine Rücknahme des neuen Textes und der Verlautbarung des Vatikans vom April 2008 mit einem Bekenntnis zur Konzilserklärung Nostra aetate versammelt der Band sieben jüdische und zehn katholische Stellungnahmen zu dem Vorgang. Sie alle beleuchten aus verschiedenen Perspektiven die Problematik der Inkraftsetzung eines Textes, der als „Rückschritt hinter das Zweite Vaticanum und eine Schädigung des katholisch-jüdischen Dialogs“ (Vorwort der Herausgeber, 8) erscheint. Nach Einschätzung von Michael A. Signer („Wenn ein Gebet kein Segen ist“, 78-90) „legen die Diskussionen über die neue Fürbitte eine Spannung offen, die die Interpretation des Konzils grundsätzlich betrifft“ (83f.) – die Spannung zwischen Kontinuität und Innovation, zwischen einer Hermeneutik der Abgrenzung und einer des Respekts. „Bei der Formulierung der neuen Fürbitte ordnet sich Benedikt wieder in ein traditionelles theologisches Denk- und Sprachmuster ein, (…) statt die Aussage zu bekräftigen, dass die Juden in ihrem Bund verbleiben“ (Signer, 87). Für den Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards ist die „Kar- und Osterliturgie der sensibelste Ort der christlichen Liturgie in Bezug auf das Verhältnis von Juden und Christen“ und daher „eine heikle Darstellungsebene“ (115). Synchrone und diachrone Betrachtung der Fürbitte machen deutlich, dass die „punktuelle Einsetzung“ der neuen Formulierung in den älteren Usus „Flickwerk“ bleibt und eher noch weitere Probleme schafft durch die entstehenden (Be)Deutungszusammenhänge. Demgegenüber hebt Gerhards hervor, „wie klar in der Fassung der Fürbitten im Messbuch Paul vi. die Theologie des 2. Vaticanums zum Ausdruck gekommen ist (ebd.).“ Wer – wie die Herausgeber dieser kritischen Kommentierungen – weiß, wie lange und intensiv um die Formulierungen gerungen worden ist, die letztlich aufgrund des Konzils ins Messbuch von 1970 Eingang fanden und welch unschätzbare Basis der katholisch-jüdische Verständigungsprozess damit erreicht hatte, kann angesichts der päpstlichen Neuformulierung der Stellungnahme von Hanspeter Heinz nur beipflichten: „So darf die Kirche nicht beten!“ (126). Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu einer Diskussion, deren grundsätzliche Bedeutung zunehmend deutlich geworden ist.

 

Buckenmaier, Achim / Pesch, Rudolf / Weimer, Ludwig: Der Jude Jesus von Nazareth. Zum Gespräch zwischen Jacob Neusner und Papst Benedikt XVI., Paderborn (Bonifatius) 2008 (118 S., 16,90 €).

Die drei Autoren, Mitglieder der Katholischen Integrierten Gemeinde, befragen das Gespräch, das Papst Benedikt xvi. in seinem Jesus-Buch mit Rabbi Jacob Neusner führt, aus exegetischer (Pesch) und systematischer Sicht. Sie wollen „dazu beitragen dass es fundiert verbreitert und fortgeführt werden kann“ (Vorwort, 16). In seinen „Anmerkungen zu Jacob Neusners ‚Ein Rabbi spricht mit Jesus’“ erörtert Achim Buckenmaier Neusners Interpretation der Bergpredigt und deren kritisches Potential für eine Begegnung des Judentums mit „der katholischen Form des Christlichen“ (43). Rudolf Pesch setzt sich exegetsich mit Neusners Vorwurf auseinander, Jesus habe wichtigen Geboten der Tora widersprochen: „Rabbi Neusner hat –und das ist auch, woran wir uns noch einmal erinnern sollten, eine Anfrage an die Praxis der Kirche! – den matthäischen Jesus missverstanden“ (82). Ludwig Weimer erörtert „Missverständnisse im jüdisch-christlichen Dialog“, die sich aus Neusners Interpretation des matthäischen Jesusbildes ergeben. Alle drei würdigen den Beitrag des Papstes im Gespräch mit Neusner als wegweisenden Impuls für ein weiterführendes katholisch-jüdisches Gespräch.


Rutishauser, Christian: Christsein im Angesicht des Judentums, Würzburg (Echter) (Ignatianische Impulse Bd. 28) 2008 (91 S., 8,90 €).

Dem schweizerischen Theologen und Judaisten Rutishauser ist in diesem kleinen Büchlein eine sehr gut lesbare Kurzfassung zum Thema gelungen, die durch ihre stimmigen Akzentsetzungen beeindruckt. Dabei versäumt es der Verfasser nicht, seine eigene Ordenstradition als Jesuit, die des Ignatius von Loyola, auf ihre „Verpflichtung“ gegenüber dem Judentum anzusprechen – mit durchaus selbstkritischem Ergebnis: „Das weitgehende Vergessen seiner Verbundenheit mit dem Judentum verpflichtet jedoch gerade einen Orden, der mit dem rabbinisch-jüdischen Geist nicht wenige Charakteristika teilt, heute zu besonderem Einsatz“ (11). Der Autor ist selbst Mitglied eines internationalen Netzwerks von Jesuiten, die im christlich-jüdischen Dialog engagiert sind (vgl. 32). Die Entwicklungen im katholisch-jüdischen Verhältnis würdigt Rutishauser mit Blick auf das Vaticanum ii, die Initiativen Johannes Pauls ii. und päpstliche Kommissionen, soweit sie sich zum jüdisch-christlichen Gespräch äußern, als „eine Revolution des theologischen Denkens von oben“ (25). Bei den Notizen „zur Spiritualität jüdischer Denker“ ist dem Verfasser zugute zu halten, dass er seine Auswahl im Blick auf besondere Impulse für ignatianische Spiritualität getroffen hat. Insgesamt jedoch lässt das Bändchen an klarer Positionierung und – aktuell besonders wichtig – an Mut zu pointierter Selbstkritik nichts zu wünschen übrig.


Grimm, Michael Alban: Lebensraum in Gottes Stadt. Jerusalem als Symbolsystem der Eschatologie, Münster (Aschendorff) 2007 (JThF Bd. 11) (489 S., 62,-- €).

Die umfangreiche Monographie (Diss. theol. Münster 2006) widmet sich mit eindrucksvoller Akribie der vielschichtigen Bedeutung Jerusalems für die heutige systematische Theologie, genauer: Eschatologie. Ein erster Hauptteil erörtert vier „Grundtypen der Interpretation Jerusalems in der Eschatologie des 20. Jahrhunderts“.  Er macht dabei insgesamt eine „relative Jerusalemvergessenheit“ aus, die ihrerseits auf die Notwendigkeit verweist, über die Relecture biblischer Jerusalemtheologie und im ausdrücklichen Bezug auf das christlich-jüdische Gespräch Jerusalem als eschatologisches Symbol zurückzugewinnen. Bei Schmaus und Barth analysiert Grimm die Tendenz, „Jerusalem als Vollendungsgestalt der Kirche“ zu deuten und damit „die biblischen Verheißungen grundlegend ihrer jüdischen Identität und ihrer konkreten Lokalisation“ zu berauben – sie zugleich zu christianisieren und zu spiritualisieren (59). Bei Guardini, von Balthasar und Moltmann findet Grimm „Jerusalem als Vollendungsgestalt der Schöpfung“ gedeutet. Hier gelte es, diese Deutung „mit der Erkenntnis zu verbinden, dass dieses Symbol sich auf eine real-existierende Stadt bezieht und in einer fundamentalen Beziehung zum biblischen Gottesvolk steht (103).“ „Jerusalem als eschatologischer Horizont menschlicher Geschichtspraxis“ ist nach Grimm die gemeinsame Perspektive der Positionen von Metz, Wiederkehr und lateinamerikanischer Befreiungstheologie. Hier gewinne Jerusalem die Bedeutung eines Grundsymbols christlicher Utopie (120). Diese Deutung findet der Verfasser am stärksten entfaltet bei Friedrich-Wilhelm Marquardt, der „Jerusalem als ortsgebundene Utopie“ wiederentdeckt und die „Israelvergessenheit bisheriger Eschatologie“ enthüllt (160). In der Auseinandersetzung mit Grundtypen heutiger Jerusalemtheologie im Horizont christlicher Ökumene gelangt Grimm zu der Zwischenbilanz, dass „eine Rezeption Jerusalems in der Eschatologie unweigerlich zu einer theologischen Berührung von Judentum und Christentum führt“ (38). Von hier aus wird „ein neues Jerusalem als Verheißung der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments“ Gegenstand einer umfänglichen bibeltheologischen Vergewisserung im zweiten Hauptteil. Er geht aus von einer Exegese von Offb 21,1–22,5 und analysiert diesen apokalyptischen Text im Kontext frühjüdischer und urchristlicher Jerusalemkonzeptionen. Jerusalem erweist sich nach diesem Befund „als polyvalentes eschatologisches Symbolsystem“ (307). „Charakteristisch für dieses Symbolsystem ist seine Bindung an eine konkrete Stadt und ein konkretes Volk einerseits und seine universale Relevanz im Horizont der Königsherrschaft Gottes andererseits“ (391) – wie umgekehrt „eine theologische Entortung des neuen Jerusalem“ einhergeht mit der antijudaistischen Tendenz zur Substitutionstheorie, die alle theologische Relevanz des neuen Jerusalem für das Christentum reklamiert (312). Im Schlussteil seiner Arbeit skizziert Grimm Umrisse einer neuen Jerusalem-Eschatologie, deren erste These lautet: „Christliche Eschatologie, durch ‚Ausch­witz’ theologisch signiert, erkennt das lebendige Judentum als primären Adressaten derjenigen biblischen Verheißungen an, die eine Erneuerung Jerusalems proklamieren“ (408). Zum theologischen Diskurs im christlich-jüdischen Gespräch leistet Grimms profunde Studie einen bedeutenden Beitrag, der sich bei aller Komplexität – die dem Gegenstand durchaus angemessen erscheint – nicht zuletzt durch beachtliche konzeptionelle Klarheit auszeichnet.


Ronecker, Ingeborg und Karl-Heinz: Liebenswertes Jerusalem. Erfahrungen jenseits von Haß und Gewalt, Stuttgart (Radius-Verlag) 2007 (119 S., 14,-- €).

Auch der vierte Band von Ronecker-Texten aus Jerusalem beleuchtet den Alltag des ev. Propstes und seiner Ehefrau in dem Jahrzehnt von 1991 bis 2001, das beide an der Erlöserkirche in der Altstadt zugebracht haben. In diesen biografischen Miniaturen bündelt und bricht sich etwas von der Vielfalt und dem Spannungsreichtum, die das Alltagsleben in dieser Stadt wie in keiner anderen prägen. Dabei ist es gerade die Beschränkung auf den subjektiven Eindruck, die Einblicke ermöglicht, und der Mut zur kurzen Prosa, der Zusammenhänge erschließt. Gerade Kenner/innen Jerusalems werden diesen Verzicht auf große Gesten zu schätzen wissen.


Wali, Najem: Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel, München (Hanser) 2009 (239 S., 17,90 €).

Das Buch des irakischen Schriftstellers und Journalisten (Jahrgang 1956), der seit 1980 in Deutschland lebt, ist ein Reisebericht ganz ungewöhnlicher Art. „Wenn in Israel oder im Nahen Osten jemand zur Welt kommt, dann saugt er die Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts mit der Muttermilch auf“ (14). (…) Das Thema Palästina, das ’von den Juden in Beschlag genommen’ worden war, hemmte unsere eigene Entwicklung“ (15). Herangewachsen im Irak, erlebte Wali dort die Tabuisierung der Palästinafrage und deren ideologischen Missbrauch im politischen Kalkül der Regierung seines Landes

Der irakische Literat bricht ein Tabu, indem er das „Feindesland“ bereist – eine „unvermeidlich politische Reise“ (232) – und Einsichten darüber veröffentlicht, die das Klischee der arabisch- israelischen Erzfeindschaft nicht bedienen. Im Gegenteil: Wali ist fasziniert von den irakisch-israelischen Gemeinsamkeiten, die er bei Begegnungen mit Menschen in Israel antrifft. Unter israelischen Intellektuellen findet er gar eine „jüdische Passion für den Irak“. Den Schmerz der irakischen Juden im (israelischen) Exil bringt er ebenso zur Sprache wie die innere Gespaltenheit der Palästinenser. Israelische Araber und solche, die unter der Palästinensischen Autonomiebehörde leben, sieht er „Lichtjahre voneinander entfernt“ (46). Walis Buch geht nicht auf tagespolitische Vorgänge ein und handelt nicht von den besetzten Gebieten. Es fragt zurück nach den historischen Wurzeln der gegenwärtigen Konflikte und lässt die Friedenssehnsucht derer zu Wort kommen, die auf den verschiedenen Seiten für Dialog und Demokratie eintreten. Mit seiner kritischen Analyse der arabischen Israelpolitik vermittelt der Autor auch eine Menge an Information über die jüngere Geschichte des Irak. Walis Reisebericht beeindruckt durch den Mut zur Selbstkritik und zum offenen Wort, mit dem er – wie zur Bestätigung – Drohungen islamistischer Kreise auf sich gezogen hat.

 

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