Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau : Julie Kirchberg

 

Feneberg, Rupert: Die Erwählung Israels und die Gemeinde Jesu Christi. Biographie und Theologie Jesu im Matthäusevangelium, Freiburg i. Br. (Herder) (Herders biblische Studien 58) 2009 (398 S., 65,-- €).

Der Autor, Emeritus der PH Weingarten, will das Matthäusevangelium „als ein von einem Juden verfasstes ‚Leben Jesu’“ verstanden wissen (7) und dabei den „Konflikt des Schriftgelehrten Matthäus mit anderen Schriftgelehrten der Synagoge wegen seines Eintretens für die Gemeinde der Heidenchristen“ (8) deutlicher konturieren – als eine Auseinandersetzung, die im Wesentlichen die Minderheit der jüdischen Jesusanhänger innerhalb der Synagogengemeinde betrifft. Damit grenzt er sich ab gegen die These, die Gemeinde des Mt habe den Bruch mit der jüdischen Gemeinde bereits vollzogen und das Evangelium spiegele die Opposition zweier distinkter Gemeinden. Feneberg formuliert drei hermeneutische Grundoptionen: das Judesein Jesu (Die Formulierung „Jesus war auch theologisch Jude“ ist m.E. wenig glücklich!) – das Judesein des Evangelisten Mt, den er „wie bei einem Wahlkampf“ um die Stimmen zugunsten der neuen Jesusbewegung bemüht sieht (13) – und vor allem die Intention, die Gründung einer neuen heidenchristlichen Gemeinde theologisch aus der Tora herzuleiten. „Wer dem Matthäusevangelium folgt, muss theologisch umdenken. Nicht die so genannte ‚Judenfrage’, sondern die Frage nach der christlichen Identität stellt ein Problem dar: Was ist das Besondere des Christentums?“ (384). Nach Mt hat, so Feneberg, „Jesus für seine nichtjüdischen Anhänger eine neue eigenständige Gemeinde neben der Synagogengemeinde angekündigt“ (261). „Statt der einen Kirche aus Juden und Heiden ist eine neue Gemeinde mit einem eigenen religionssoziologischen Status entstanden“ (386). Diese ‚Zweite Erwählung’ an der Seite der Synagoge ist nach Feneberg zentrales Anliegen des Mt. Konsequenterweise bezieht er den Missionsauftrag Jesu in Mt 28,18f. auf „die heidenchristliche Gemeinde. Sie ist ein Angebot für die Menschen aus den Völkern, als Christen und im Namen Jesu Christi dem Gott Israels zu begegnen und ihn zu hören“ (387f.). Der Verfasser weist auf die diesbezüglich teilweise widersprüchlichen Verlautbarungen der Kirchen und auf die offenen Fragen auf der Agenda des christlich-jüdischen Dialoges hin. Der Kommentar nimmt Stellung zu gängigen Grundpositionen und aktuellen Diskussionen und ist ein engagierter Beitrag zur alt-neuen Frage nach dem Verhältnis der Kirche zu Israel.


Fornet-Ponse, Thomas: Im Geheimnis der Kirche. Christliche Angewiesenheit! Jüdische Verwiesenheit? Aachen (Verlag Mainz) 2007 (Concordia. Int. Zs. für Philosophie. Monographien Bd. 45) (297 S., 30,-- €).

Die Studie basiert auf einer Diplom­arbeit des Verfassers, die angestoßen wurde durch Studien- und Assistenz-Zeiten beim Theologischen Studienjahr an der Dormitio/Jerusalem. Mit Röm 9-11 als biblisch-hermeneutischer Grundlage werden im 1. Teil ausgewählte katholische und evangelische Stellungnahmen zum Verhältnis von Judentum und Christentum referiert und gewürdigt. Im 2. Teil der Arbeit wird „die christliche Angewiesenheit auf Israel“ „im Kontext einer Theologie nach Auschwitz“ verortet, die in der Schoa „das grundlegende, Kirche und Theologie betreffende Zeichen der Zeit“ (154) ausmacht. Im Anschluss an T. Freyer und P. Petzel wird dieser Ansatz „erkenntnistheologisch“ reflektiert und mit Bezug auf F.-W. Marquardt inhaltlich konkretisiert. Abschließend erörtert der Verfasser die Frage „Einseitige oder gegenseitige Verwiesenheit?“ am Beispiel der Positionen von Ragaz und Rosenzweig und verweist auf Dabru Emet als „eine vielstimmige amerikanisch-jüdische Stimme“ aus jüngerer Zeit (258). Er weist auf die Grenzen traditioneller Beziehungsmetaphern (Ölbaum, Zwillinge) hin, deren je spezifische Problematik die Frage der Verhältnisbestimmung offen und damit auf der Agenda eines christlich-jüdi­schen Gespräches hält. Die Studie kom­primiert und referiert einmal mehr wichtige Standardthemen einer christlichen Theologie, die das Gespräch mit dem Judentum sucht. Die dafür zu Beginn knapp skizzierte „philosophische Fundamentierung“ durch eine Hermeneutik interkultureller Philosophie erscheint in dem Zusammenhang eher bemüht und trägt für die Studie wenig aus.


Gottschlich, Maximilian: Versöhnung. Spiritualität im Zeichen von Thora und Kreuz. Spurensuche eines Grenzgängers, Wien 2008 (362 S., 29,90 €).

In seinem autobiographisch motivierten Essay schwadroniert der Wiener Kommunikationswissenschaftler unbekümmert über Titel und Topoi theologischer, literarischer und mystischer Traditionen aus Judentum und Christentum. Der 1. Teil ist überschrieben: „‚Landschaft aus Schreien’ (…) Spiritualität ‚nach Auschwitz’ zwischen Schuld und Scham“; der 2. Teil, im Anschluss an das Jeremia-Zitat 31,33: „Zur Spiritualität und Mystik jüdisch-christlichen Glaubens. Fünf Betrachtungen für die Zukunft“. Wer um ein christlich-jüdisches Gespräch in der gebotenen intellektuellen Redlichkeit bemüht und davon überzeugt ist, dass wir einander die Klarheit des Zeugnisses schulden (Gesprächskreis Juden und Christen beim zdk, 1979), wird die in diesem Buch zugemutete „Spurensuche“ kaum zukunftsweisend finden.


Das Heilige Land auf Landkarten, hg. von Ariel Tishby, aus dem Englischen von Siegfried Ostermann, Göttingen (Vandenhoeck&Ruprecht) 2008 (168 S.,39,90 €).

Der Bildband erschien zunächst 2001 als Begleitbuch zur Ausstellung On the Map: Cartographic Images of the Holy Land im Israel Museum Jerusalem. Die dort und im Buch präsentierten Karten stammen zum größten Teil aus der bedeutenden hauseigenen Sammlung. Zwölf Fachleute verschiedener Disziplinen erschließen die Themenbereiche und kommentieren die einzelnen Exponate bzw. die Abbildungen. Sie geben damit einen soliden und gut lesbaren Einblick in die Geschichte der Kartographie von den antiken Anfängen bis zur Gegenwart – „Vom Steinmosaik zum Satellitenbild“ (N. Kadmon, 13-23). Zugleich spiegelt sich darin die Entwicklung religiöser, wissenschaftlicher, kultureller und künstlerischer Welt-Bilder, fokussiert auf das Heilige Land und auf Jerusalem (R. Rubin, „Vom Zentrum der Welt zur modernen Stadt. Jerusalem im Spiegel seiner Karten“, 25-39).  Kein anderer Teil der Welt ist so kontinuierlich in Karten dargestellt worden wie dieser. Auch wird deutlich, dass die Bibel die wichtigste Grundlage gebildet hat für die historischen Karten europäischer Kartographen. Welche Relevanz und zuweilen auch Brisanz der historischen Geographie zukommt, die sich gerade auch dem Studium der alten Karten widmet, belegt in jüngster Zeit die archäologische Entdeckung des Cardo, einer antiken Hauptstraße in der Altstadt von Jerusalem. Die Quelle, deren Spur die Ausgrabungen zuerst folgten, ist die älteste bekannte Karte des Heiligen Landes, das Steinmosaik von Madaba/Jordanien aus dem 6. Jahrhundert. Als Themenbereiche und im einzelnen vorgestellt werden: Weltkarten, Atlanten und Globen – Karten des Landes Israel – Hebräische Karten (A. Tishby, Karten nach den Kommentaren von und zu Raschi, 116ff.) – Islamische Karten (A. Tishby, zur Kunst muslimischer Kartographie, 128ff.) – Karten von Jerusalem (von den Kreuzfahrerkarten des 12. Jhs. bis zu Luft- und Satellitenbildern des 20. Jhs.). – Ariel Tishby, Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Buches, weist einleitend darauf hin, dass „(Land)karten“ graphische Darstellungen von mehr als geographischen Zusammenhängen sind, die weniger die morphologische Struktur einer bestimmten Gegend zeigen wollen als „die dahinter stehende Geschichte“ (Vorwort, 7). „Beispielhaft für die Überlagerung von kulturellen und geographischen Koordinaten ist die Suche nach dem ‚Zentrum der Welt’. Selbst im Zeitalter exakter wissenschaftlicher Karten wird jede Karte dieser Region auf dem Hintergrund nationaler Konfrontation über das gleiche Heimatland zu einem mit Symbolik und Bedeutung aufgeladenen Objekt“ (ebd.). So ist die Lektüre des Bildbandes nicht nur ein ästhetisches und intellektuelles Vergnügen für „Kartenfreundinnen“, sondern gibt darüber hinaus eine Menge zu denken. Hilfreich ist das Lesezeichen in Gestalt einer Lupe, um Details auf den teilweise (zu) klein geratenen Abbildungen zu entziffern.


Hirschberg, Peter: Die bleibende Provokation. Christliche Theologie im Angesicht Israels, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2008 (319 S., 24,90 €).

Der Autor, Hochschulpfarrer und Lehrbeauftragter für Altes Testament in Bayreuth, möchte mit seinem Buch Studierende und Interessierte für eine einlässliche Befassung mit dem Judentum motivieren und gibt dazu zentrale „christliche Themen im Angesicht Israels zu bedenken“ (Vorwort, VI). Den Eindruck, „dass nach einer euphorischen Dialogphase das Interesse am Judentum wieder erheblich nachlässt“, führt Hirschberg vor allem auf Wirkungen des israelisch-palästinen­sischen Konflikts in der öffentlichen Wahrnehmung zurück: „Da leider auch manche Christen und sogar Theologen dazu neigen, Israel und Judentum unreflektiert gleichzusetzen, lassen sich nicht wenige aufgrund ihrer Kritik an Israel davon abhalten, jüdischer Wirklichkeit aufgeschlossen zu begegnen“ (ebd., V). Hirschberg plädiert dabei hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Staat Israel für eine differenziert positive Position. Seine zentrale These, „dass das Judentum eine, vielleicht sogar die entscheidende Provokation für den christlichen Glauben ist und es auch bleiben muss!“ (ebd.), entfaltet der Autor ausgehend von der Gottesvolkfrage und einer darauf basierenden Thesenreihe zur christlich-jüdischen Verhältnisbestimmung (67ff.). Beim Thema Erlösung formuliert Hirschberg „Drei Vorschläge für einen konstruktiven Umgang mit der Messiasfrage“ (124ff.); das Kapitel zu Jesus Christus skizziert „die christologische Entwicklung im Horizont jüdischer Anfragen“ (178) und fokussiert sie in Überlegungen zur Trinitätstheologie. Den Schwerpunkt des Buches bilden „Theologische Deutungen von Land und modernem Staat Israel – das Land als eine heilvolle Provokation für christlichen Glauben“ (195-285). In der Frage, „ob christliche Theologie die religiös begründete Landtheologie des jüdischen Volkes bejahen (…) kann (207), sucht Hirschberg in Auseinandersetzung mit einem repräsentativen Spektrum jüdischer und christlicher (Anti)zionismen/ Messianismen einen Weg zwischen Skylla und Charybdis. Wenn demnach das heutige Israel weder als „rein säkulare Wirklichkeit“ für theologisch irrrelevant erklärt noch im Sinne eines religiösen Fundamentalismus als „Realisierung göttlicher Verheißung“ in Anspruch genommen werden kann (vgl. 254 ff.), verweist die Spannung zwischen Verheißung und erlebter Wirklichkeit zurück auf biblische Es­chatologie: Der Gott der Bibel lässt sich in jüdischem wie in christlichem Verständnis radikal auf konkrete irdische Realität ein und begründet so die Hoffnung auf seine Verheißungen. In diesem Kontext „ist es auch nicht auszuschließen, dass der Staat Israel etwas mit dieser Hoffnung zu tun hat“ (284). Der Autor argumentiert bei aller Klarheit der Positionierung mit einer Bedachtsamkeit, der die differenzierte Kenntnis des diffizilen Hintergrundes anzumerken ist. Didaktisch hilfreich und methodisch kreativ, flicht er in seine Argumentationsgänge mehrfach virtuelle Dialoge ein, die einen präzisen Eindruck von der Komplexität der Fragestellung vermitteln, ohne sie mit Details zu überfrachten. Was mich besonders für dieses Buch einnimmt, ist seine nüchterne und unpathetische Art, „die bleibende Provokation“, die Israel für die Kirche darstellt, zugleich engagiert und einladend zur Sprache zu bringen. Der Verlag hätte allerdings besser daran getan, auf die Wiedergabe von Chagalls Gelber Kreuzigung auf dem Cover des Buches zu verzichten. Der (inflationäre) Gebrauch dieses Bildes ist ungeeignet, die Provokation, um die es hier geht, zu „illustrieren“.


JHWH und die Götter der Völker. Symposium zum 80. Geburtstag von Klaus Koch. Mit Beiträgen von Hartwig Altenmüller, Friedhelm Hartenstein, Bernd Janowski u.a., hg. von Friedhelm Hartenstein, Martin Rösel, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2009 (159 S., 22,90 €).

Fünf Vorträge und einen autobiographischen Text des Jubilars versammelt das Bändchen, das auf eine Festveranstaltung der Uni Hamburg im November 2006 zurückgeht. Schüler und Kollegen ehren den Emeritus für Altes Testament und altorientalische Religionsgeschichte, Schüler von Rads und Pannenbergs, durch Beiträge, die Schwerpunkte seiner religionsgeschichtlichen Arbeit widerspiegeln. In seiner Laudatio hebt Martin Rösler hervor, dass Koch u.a. das Verdienst zukomme, die Entstehung der jhwh-Religion als einer der ersten konsequent als historischen Vorgang beschrieben und zu­gleich am traditionsgeschichtlichen Ansatz festgehalten zu haben. Der Ägyptologe H. Altenmüller referiert über „Gott und Götter im alten Ägypten“ mit besonderem Augenmerk auf der persönlichen Frömmigkeit (17-58); G. Wilhelm, Altorientalist, befasst sich mit „Götter(n) der Unterwelt als Ahnengeister(n) des Wettergottes nach altsyrischen und altanatolischen Quellen „(59-75); F. Hartenstein, jetziger Inhaber des Hamburger Lehrstuhls, handelt über „Kosmologie und Monotheismus in den Psalmen“ (77-97); B. Janowski, Tübinger Alttestamentler, bietet eine religions- und theologiegeschichtliche Skizze zum Thema „Der Gott Israels und die Toten“ (99-138). Klaus Koch selbst nimmt seine autobiografische Notiz zum Anlass, „Ziele alttestamentlicher Exegese im 21. Jahr­hundert“ rück- und ausblickend programmatisch zu benennen.


Majoros-Danowski, Johannes: Elija im Markusevangelium. Ein Buch im Kontext des Judentums, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2008 (BWANT) (284 S., 39,-- €).

Für die Bochumer Dissertation ist das Markusevangelium „Prüfstein für eine gewandelte Sicht in der neutestamentlichen Wissenschaft“ bezüglich der Verhältnisbestimmung von Christentum und Judentum (8). Die Auseinandersetzung mit dem Elija-Motiv zielt darauf ab, „beispielhaft nach der Einbettung dieses Buches ins Judentum (zu) fragen“ (9). Die Arbeit untersucht jeweils unter historischen, biblischen und erzählerischen (intertextuellen) Aspekten die Mk-Texte, die auf Elija-Traditionen Bezug nehmen. Es wird deutlich, dass die Elija-Gestalt nicht nur prototypische Bedeutung hat im Blick auf Johannes den Täufer und Jesus, sondern dass Elijatraditionen dem Mk-Evangelium Gerüst und Grundlage geben. Exemplarisch vorgeführt wird dies mit einer Analyse des Anfangs des Evan­geliums. Majoros-Danowski arbeitet heraus, „dass der Verfasser (…) ein eher versöhnliches Bild von Elija propagiert“ – „im Widerspruch zu den zu seiner Zeit ebenfalls verbreiteten Traditionen eines gewalttätigen, eifernden Elija“ (141). Die Wechselwirkungen zwischen der spezifischen Verarbeitung der Elijatypologien einerseits und dem markinischen Bild vom Täufer und von Jesus andererseits werden im Verlauf des Evangeliums so entwickelt, dass die drei „zu einer Art ‚Gemeinschaft von Verfolgten’“ werden (ebd.). Im historischen Ertrag kommt die Studie zu einer Datierung des Mk-Evangeliums vor dem Freiheitskampf um 70 n. Chr. In bibeltheologischer Hinsicht sieht sie „über die Elija-Johannes-Typologie hinaus in der Elija-Jesus-Typologie den für das Verständnis des Markusevangelium wichtigeren Sachverhalt“ (242). Dies belegt sie durch die Aufdeckung intertextueller Bezüge: „Vom ersten Auftreten bis zum Lebensende speist sich die Gestaltung der Biografie Jesu aus der Elijas“ (243). Dabei kann gezeigt werden, dass Gottesknechtsmotive des Jesajabuches das zeitgenössische Elijabild in der Anwendung auf Jesus „ergänzen, präzisieren und korrigieren“ (ebd.). Insgesamt ist, wie die Studie zeigen kann, das Jesusbild des Markusevangeliums von der Auseinandersetzung mit den Elijaerzählungen der Königsbücher „entscheidend geprägt“ (244). Über diesen konkreten Ertrag hinaus regt die vorliegende Arbeit dazu an, andere Typologien (Mose, David, Jona, Elischa) in den Evangelien mit demselben methodischen Instrumentarium zu untersuchen.


Rothschild, Walter L.: Der Honig und der Stachel. Das Judentum – erklärt für alle, die mehr wissen wollen, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2009 (432 S., 29,95 €).

Mit diesem Buch liegt jetzt erstmals eine aktuelle Einführung ins Judentum vor, die direkt für die Situation liberaler jüdischer Gemeinden in Deutschland verfasst worden ist. Der Autor, seit über einem Jahrzehnt als Rabbiner in verschiedenen deutschen Gemeinden tätig, amtiert seit 2003 als Landesrabbiner für Schleswig-Holstein. Sein Buch versteht sich als Lehrmaterial, „vorrangig dazu bestimmt, denen, die das Judentum annehmen wollen, als Textbuch zu dienen, um ihren Weg ins Judentum oder dorthin zurück zu finden“ (17). Es bringt in kurzen, praxisnahen Abschnitten eine Fülle grundlegender Informationen in einer bewährten Systematik zusammen, die an der religiösen Observanz im Alltag orientiert ist: Schabbat – Jüdischer Kalender/Feier­tage – Texte und Traditionen – Häusliche und persönliche Befolgung der Gebote – Jüdischer Lebenszyklus. „Verschiedene Überlegungen“ gelten einigen „häufig gestellten Fragen“ – dem Umgang mit Mizwot unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen, der Frage nach Universalismus und Partikularismus, nach Messias und Messianismus aus liberaljüdischer Perspektive und der Reformbewegung im Kontext eines pluralen jüdischen und christlichen Umfeldes. Knapp gehalten sind die Kapitel „Annäherung an den Holocaust“ und „Israel“ – zur Bedeutung des Staates für (Diaspora-)Juden heute. Eingehend widmet sich das Schlusskapitel dem Übertritt zum Judentum. So wird eine kritische Prüfung der Motivation angeleitet, aber auch das praktische Konversionsverfahren erläutert. Anregend – auch für Nichtjuden – sind die konkreten Übungen und Testfragen im Anhang. – Das Buch will Basiswissen für eine liberal-jüdische Lebensgestaltung anbieten. Theologische Reflexion spielt daher nur sehr bedingt eine Rolle, und erst recht Bezugnahmen auf das Christentum fallen entsprechend kurz bzw. verkürzend aus. Nicht zuletzt spiegelt sich darin nüchterne Realität. Eine ausdrückliche Absage erteilt Rothschild jeglichem Pathos des Mitleidens oder gar stellvertretenden Leidens mit dem jüdischen Volk: „Falls Sie danach suchen, können Sie dieses Buch jetzt genauso gut schließen. Judentum – insbesondere das reflektierende, intellektuell fordernde, ernsthafte Judentum – ist nichts für Verzagte“ (ebd.). Schon der Buchtitel zitiert daher ein Motiv aus dem bekannten Lied von Naomi Shemer – „Honig und Stacheln“, Bitteres und Süßes – machen jüdische Wirklichkeit aus.


Jüdisches Gebetbuch Hebräisch-Deutsch, Band 1: Schabbat und Werktage, hg. von Andreas Nachama und Jonah Sievers unter Mitarbeit von Noga Hartmann, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2009 (295 S., 24,95 €).

Da das jüdische Gebetbuch „ein Volksbuch wie kein anderes ist“ (Grußwort Henry Brandt, 7), kann die Erarbeitung einer deutschsprachigen Neuausgabe wie der hier vorgelegten kaum hoch genug wertgeschätzt werden. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass viele jüdische Beter/innen, von nichtjüdischen Gästen ganz zu schweigen, kein Hebräisch beherrschen, und bietet eine textnahe moderne Übersetzung, die im Wesentlichen Rabbiner A. Nachama besorgt hat. Die biblischen Texte folgen der Übersetzungstradition von Moses Mendelssohn, um sie „einerseits (…) einer neuen Generation von Beterinnen und Betern nahezubringen und andererseits die Traditionslinie modernen Judentums in Deutschland, die untrennbar mit Moses Mendelssohn verbunden ist, wieder zum Leben zu bringen“ (Einleitung der Herausgeber, 14). Die Transliterierung des Hebräischen (von N. Hartmann) ermöglicht den Gottesdienstteilnehmerinnen und Teilnehmern einen aktiven Mitvollzug der Gebete. Beides hilft vor allem in den Gemeinden, die nach progressivem Ritus beten, einem jahrzehntelangen Mangel ab. So mussten nach der Schoa noch bis in die 90er Jahre in deutschsprachigen Gemeinden Nachdrucke aus den frühen 30er Jahren verwendet werden. Erst 1990 konnte A. Nachama einen Siddur für die Berliner Synagoge Pestalozzistraße herausgeben, und 1997 folgte der ebenfalls vom Gütersloher Verlagshaus edierte zweisprachige Seder HaTefillot, „um für die im Entstehen begriffenen liberalen Gemeinden Deutschlands überhaupt eine gemeinsame Plattform zu finden“ (Einleitung, 12). Die hier vorgestellte, auf Initiative des Abraham Geiger Instituts entstandene insgesamt dreibändige Gebetbuchausgabe (Bd. 2: Pessach, Schawuot, Sukkot; Bd. 3: Rosch Haschana, Jom Kippur) dokumentiert zugleich eine Entwicklung liberaler Gemeinden, wie sie in Deutschland nach der Schoa kaum mehr denkbar erschien. Dieser neue Siddur „folgt dem Vorbild der Neuen Synagoge Berlin und steht damit in der Tradition des liberalen deutschen Judentums der Vorkriegszeit“ (ebd., 12). Zu dessen besonderem Profil hat von jeher die Arbeit an einer Reform des Gottesdienstes gehört, Ausdruck lebendiger Auseinandersetzung „in der Abwägung von Tradition und Moderne“ (Grußwort W. Homolka, 11).


Wolffsohn, Michael: Juden und Christen – ungleiche Geschwister. Die Geschichte zweier Rivalen, Düsseldorf (Patmos) 2008, (195 S., 19,90 €).

Um im Jargon des Autors zu sprechen: „Wir können uns kurz fassen.“ (117) Was hier geboten wird, ist keine historische Studie, wie der Titel erwarten ließe, sondern eine Kumulation populärwissenschaftlicher Beiträge, die in eigenwillig pointierter Form, zumeist thesenhaft, Schlaglichter werfen auf einzelne Aspekte jüdisch-christlicher Geschichte und Theologie (z.B. – passend zur Bundeswehrhochschule?: „Die Berg­predigt Jesu als Militärgeschichte und die jüdische Tradition“ (29)). Wer gegen „Hobby-Theologen“ (100) polemisiert, sollte als Zunftfremder mit wohlfeilen theologischen Be- und Verurteilungen zurückhaltender sein. 

 

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