Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2005-1: Editorial

 

Dieses Heft wird eröffnet mit einem eindrucksvollen philosophisch-theologi­schen Beitrag von Hans-Joachim Sander. Auf dem Hintergrund des breit gefächerten Identitätsdiskurses der Gegenwart kennzeichnet er die „prekäre“ christliche Identität als eine „Ortsbestimmung“, die sich nur in Pluralität gewinnen lässt, wenn sie zugleich der darin lauernden Gewalt wehrt. Sander bringt M. Foucault’s Konzept der „Sorge um sich“ in den interreligiösen Dialog von Christentum und Judentum ein und öffnet das Spiel von Identität und Differenz für postmoderne Einsichten.


Zwei Beiträge sind den wichtigen Kapiteln 9-11 des Römerbriefes gewidmet. Dieser Textkomplex ist ja vor der Schoah von den Exegeten stiefmütterlich behandelt worden. Erst aufgrund der ersten Nachrichten von den Massenmorden im Osten haben vor allem Schweizer Theologen zu Beginn der vierziger Jahre und zumal Karl Barth die Bedeutung dieser Kapitel in der Theologie des Paulus wieder entdeckt. Im Anschluss einerseits an neuere literaranalytische bzw. rhetorisch-kritische Auslegungen und andererseits im Blick insbesondere auf die theologische Öffnung im Dialog mit dem Judentum in der römisch-katholischen Kirche legt Manfred Diefenbach eine überblickartige exegetische Deutung von Römer 9-11 insgesamt vor. Sein Fazit, dass es „Paulus … in Röm 9,1-11,36 vor allem um eine Korrektur des Gottesbildes seitens der Israeliten respektive Juden (geht), die sich auf ihr nationales und religiöses Privileg, mit dem Schöpfer- und Bundesgott jhwh im Bunde zu sein, berufen“, ist sicher diskussionswürdig. Es steht jedoch in einem weiteren Lektürezusammenhang. Zudem hält der Autor manche feine Beobachtung parat. Der Beitrag von Ekkehard W. Stegemann setzt sich kritisch mit Karl Barths Auslegung von Römer 9-11 von 1942 in seiner Erwählungslehre (kd II, 2) auseinander. Barths Deutung ist ohne Frage eine der dichtesten und sensibelsten exegetisch-theologischen Wahrnehmungen des paulinischen Textes. In ihrer Zeit ragt sie zweifellos heraus. Aber auch heute wird man sie zur Pflichtlektüre eines jeden Exegeten dieser Kapitel noch rechnen müssen. Gleichwohl stellt Stegemann dar, dass Barth die Intention des Textes, sein Argumentationsgefälle, von der apokalyptischen Zielrichtung zu einer ekklesiologischen Vereinnahmung verschiebt und nicht frei von antijüdischen Klischees ist.

Manfred Diefenbach

Ekkehard W. Stegemann


Christine Globig setzt sich mit dem Problem des feministischen Antijudaismus auseinander, auf das in Kirche und Israel immer wieder hingewiesen wurde. Erwähnt sei hier nur der Beitrag von Judith Plaskow, Feministischer Antijudaismus und der christliche Gott (kui 1.90, 5. Jg., 9-25), der eine Debatte, die in den USA schon in den 1980ern angestoßen wurde, in den deutschen Diskurs einführte. Globig geht in ihrem Beitrag auf einen spezifischen Aspekt ein, nämlich den Antijudaismus im Kontext der feministischen Christologie. Sie bietet zunächst eine Art „Genealogie“ (die pikanter Weise mit dem einschlägigen Aufsatz eines Mannes beginnt) jenes neuen, frauenfreundlichen Bildes von Jesus, das vor allem auf Kosten des antiken Judentums gewonnen wurde, von dessen angeblichem Patriarchalismus sich Jesus gleichsam als der erste „Feminist“ strahlend abhebt. In einem zweiten Anlauf erörtert Globig dann die Reaktionen, die von Seiten der feministischen Theologie und Exegese auf den Antijudaismusvorwurf erfolgt sind. Globig unterbreitet schließlich einige thesenartige Vorschläge dazu, wie in der feministischen Christologie die kontingente Tatsache des Mannseins Jesu gedacht werden kann, ohne der Gefahr des Sexismus einerseits und der Gefahr des Antijudaismus andererseits zu erliegen.


Martin Fricke macht in seinem Aufsatz auf „unausgeschöpfte Impulse“ des „neuen Denkens“ von Franz Rosenzweig für Kirche und Theologie aufmerksam. Er verkennt nicht und stellt ausdrücklich Rosenzweigs Bedeutung für die Theorie bzw. Theologie der christlichen-jüdischen Begegnung dar, will aber nun auch darüber hinaus die Bedeutung seines Denkens für die „Praxis“ des interreligiösen Gespräches zwischen Juden und Christen stark machen. Hierzu verweist er mit guten Gründen auf Rosenzweigs Phänomenologie des Offenbarungsereignisses im zweiten Teil seines Hauptwerks Stern der Erlösung: „dass wir nicht aus uns selbst leben, dass wir uns vielmehr in einer schon gegebenen und sich uns erschließenden bzw. offenbarenden Wirklichkeit vorfinden.“ In der damit gesetzten „Priorität des Seins vor dem Denken“ sieht Fricke eine verheißungsvolle Grundlage für die Entscheidungsfindung im Zusammenhang grundlegender ethischer Probleme der Gegenwart (z.B. Stammzellenforschung oder auch Präimplantationsdiagnostik). Die „fundamentalen biblischen Topoi der Schöpfung, der Offenbarung und der Erlösung“ – so Fricke zusammenfassend – erfahren durch Rückbesinnung auf Rosenzweigs Denken in Kirche und Theologie eine zeitnahe und erfahrungsoffene Reflexion.


Franz Rosenzweig spielt natürlich auch in Daniel Hoffmanns informativem Beitrag, der sich mit dem Einfluss Goethes auf jüdische Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts beschäftigt, eine wichtige Rolle. Die Höchstschätzung, die Goethe auch im deutschen Judentum genossen hat, konnte sich nicht nur bis zu der enigmatischen Deutung Goethes als „Femininum von Gott“ (womit, wie Hoffmann überzeugend darlegt, die Schechina gemeint ist) steigern. Gerade auch Rosenzweig machte Goethe „zu einem Zentralgestirn seiner Bildungswelt“, in dem gar die Sprache der Propheten ihren Widerhall gefunden hat. Wenn auch der Gipfel der Goethe-Verehrung vermutlich mit Rosenzweig erreicht war, so zeigt der Aufsatz darüber hinaus, wie intensiv Hermann Cohen, Martin Buber oder auch Leo Baeck „Goethe als einen unverzichtbaren Bestandteil der Renaissance des Judentums“ verstanden und ihn „zu einem Grundpfeiler ihrer neuen Zuwendung zum Judentum gemacht“ haben.


Der Beitrag von Alfred Bodenheimer widmet sich dem berühmten utopischen Roman von Theodor Herzl: Altneuland.  Er stellt ihn zunächst in manche heute gängig gewordene kritische Rezeption, die Herzl gleichsam verantwortlich machen will für das, was die geschichtliche Realität der Entstehung und Verteidigung des jüdischen Staates an Schwierigkeiten und Problemen insbesondere im Konflikt mit dem arabischen und palästinensischen Gegenüber bereit gehalten hat und hält. Dabei distanziert sich Bodenheimer vom „offenbar zeitgemäßen Herzl-Bashing“ und sucht ohne „Apologetik seiner Position oder der israelischen Politik“, nach einem „Verständnis dessen, was Herzl hier eigentlich beabsichtigte und wo die Differenzen zwischen Herzlschen Idealen und späterer zionistischer Politik im Grunde auszumachen sind“. Er stellt den Roman in seinen zeitgeschichtlichen Kontext und lässt ihm Gerechtigkeit widerfahren, indem er ihn als die Formulierung einer „letzten Chance“ begreift. Deren Alternative war der europäische Hexenkessel und dessen katastrophale Folgen für die Juden, die Herzl ahnte.


Julie Kirchberg verdanken wir wieder eine interessante Bücherschau. Link


Das Jahr 2005 ist reich an Gedenkanlässen. Sechzig Jahre sind im Januar nach der Befreiung der letzten Gefangenen von Auschwitz vergangen. Im Mai wird es sechzig Jahre her sein, dass das Deutsche Reich kapitulierte. Im September werden siebzig Jahre nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ vergangen sein. Doch es gibt auch Erinnerungsanlässe, die ermutigen. Vor vierzig Jahren haben der Staat Israel und die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen, ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer neuen Begegnung zwischen Deutschen und Juden nach dem Gräuel der Verwüstung, der Schoah, und in permanenter Erinnerung daran. Im Oktober wird es vierzig Jahren her sein, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung Nostra Aetate veröffentlichte, die ein Meilenstein auf dem Weg der Revision des Verhältnisses der römisch-katholischen Kirche zum Judentum war. Und fünfundzwanzig Jahre war es im Januar her, dass die Rheinische Kirche ihren bahnbrechenden Synodalbeschluss zur „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ fasste. Die Zeitschrift Kirche und Israel hat allen Anlass, gerade dieser Erklärungen dankbar zu gedenken. Denn es ist mit ihnen ein Fundament gelegt worden, auf dem sie auch bei aller kritischen Würdigung dieser Dokumente selbst weiter gebaut hat und baut.


Einer, der von Anfang an auf katholischer Seite das Gespräch mit Juden gesucht und geführt hat, war Pater Dr. Willehad Paul Eckert. Er ist am 18. Januar 2005 im achtzigsten Lebensjahr gestorben. Wir nehmen von diesem gelehrten, menschenfreundlichen Mann, der unermüdlich für den Dialog von Christen und Juden einstand, mit Bewegung und Trauer Abschied. Wir werden ihn in dankbarer Erinnerung halten.


Am 10. Mai 2005 wird Prof. Dr. Rolf Rendtorffjibadel le-chajjim arukim – seinen achtzigsten Geburtstag feiern. Wir grüßen ihn hier schon in Verehrung, Dankbarkeit und Freundschaft als den Gründer unserer Zeitschrift. Aus Anlass seines Geburtstags wird die Theologische Fakultät Heidelberg am 1. Juni 2005 in Heidelberg ein Symposion und einen Festakt veranstalten, zu denen schon auf diesem Weg herzlich eingeladen wird. Deren Beiträge samt einer ausführlichen Laudatio werden dann im nächsten Heft veröffentlicht werden.


Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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