Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Alfred Bodenheimer

Hälfte des Lebens

Laudatio für Ekkehard Stegemann - anlässlich seines 60. Geburtstages am 8. November 2005


   Alfred Bodenheimer ist Professor für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Zugleich ist er Erster Prorektor und Leiter der Hochschule für Jüdische Studien.


 

Hälfte des Lebens


Liebe Festgesellschaft, lieber Ekkehard,

darum gebeten, an diesem Abend literarische Notizen von mir zu geben, habe ich, ins Mark meiner Leidenschaft getroffen, natürlich sofort zugesagt, noch ohne mir im Geringsten vorstellen zu können, wie diese Notizen aussehen und worauf sie basieren könnten. Ein nächster Schritt bestand in der Erkenntnis, es sollten diese Notizen unter der vielleicht zufälligen, aber nicht minder spannenden Vorgabe stehen, dass Dich, lieber Ekkehard, und mich altersmäßig genau neunzehn Jahre und dreihunderteinundsechzig Tage trennen und dass dieser 7. November nur um einen Tag die Mitte zwischen meinem vierzigsten und Deinem sechzigsten Geburtstag verfehlt. „Hälfte des Lebens?“, die mit einem Fragezeichen angereicherte wohl berühmteste Titelzeile Hölderlins sollte hier der Idee Ausdruck geben, dass gerade dieser Zeitpunkt, die Hälfte des Lebens, nicht erahnt werden kann, oder anders: dass er auf verschiedene Weisen errechnet werden kann, statistisch etwa oder auch ideell. Im ersteren Falle zeigt uns ein Blick auf die Erhebungen des Bundesamtes für Statistik im Jahre 2002, dass die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in der Schweiz bei 77,8 Jahren angesetzt wird. Nimmt man realistischerweise eine gemäßigte Anhebung dieses Wertes in den kommenden vierzig Jahren um, sagen wir, 2,2 Lebensjahre an, so stünde ein heute Vierzigjähriger genau in der statistischen Mitte seiner zu erwartenden Lebenszeit. Doch wer das Leben in seiner Wertigkeit jenseits der Berechnung von Rentenbezügen je Erwerbstätigen betrachtet, dem kann Statistik nicht das halbe Leben sein – oder, um es mit Hamlets in freilich anderen Zusammenhängen an Horatio gesprochenem Wort auszudrücken:


There are more things in heaven and earth, Horatio,

Than are dreamt of in your philosophy.


Dieses Mehr kommt etwa zum Ausdruck im Wunsch, den jede Geburtstagsgratulation unter Juden begleitet: bis Hundertundzwanzig. Hundertzwanzig Jahre waren bekanntlich das Alter des Moses (in jüdischen Kontexten Moses unser Lehrer, Mosche Rabbenu, genannt) als Gott ihn zu sich rief, und hundertzwanzig Jahre sind, einem vor wenigen Jahren in der Forschungsbeilage der nzz erschienenen Artikel zufolge, tatsächlich die Lebenserwartung, die ein Organismus unter optimalen Umständen herzugeben imstande wäre. Nun darf man bei einem dezidierten Nichtraucher, wie Du es ja mittlerweile bist, lieber Ekkehard, zumindest ansatzweise von solchen optimalen Umständen sprechen.


Aus der ungefähren statistischen Hälfte des Lebens heraus sprechend zur exakten geistigen, so sie sich an Mosche Rabbenu festmacht, ergibt sich die Herausforderung, dem Leben als Ganzem auf die Spur zu kommen. So viel war mir bald klar – doch noch immer fehlte mir der literarische Anlass zu einem solchen Unternehmen. Bis eines Tages, beileibe nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal mit Blick auf den heutigen Abend gelesen, einer von Franz Kafkas Kürzesttexten mit dem Titel „Das nächste Dorf“ sich anbot, ja geradezu aufdrängte. Ich zitiere ihn hier im vollen Wortlaut.


Mein Großvater pflegte zu sagen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht ausreicht.“


Die kleine Geschichte, die Geschichte eigentlich mehr ihrem zusammenfassenden Sinngehalt als ihrem narrativen Duktus nach ist, hat manche prominente Interpreten gefunden. Walter Benjamin, Bertolt Brecht oder Werner Kraft sind nur eine Auswahl von ihnen. Ich meinerseits möchte heute abends nur kurz, mit spezifischem Verweis auf die angesprochene absolvierte Lebenshälfte von Dir, Ekkehard, auf diesen Text blicken. Es gibt nämlich ein entscheidendes Element, das ich bei keinem der Exegeten dieses Textes, soweit ich mich ihrer erinnere, gefunden zu haben glaube: Der Großvater sagt nicht, dass er kaum begreift, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, da schon die Zeit eines glücklich ablaufenden Lebens dazu nicht ausreicht. Er sagt vielmehr, dass er kaum begreift, wie ein junger Mensch sich zu einem solchen Ritt entschließen kann, ohne zu fürchten, dass die Zeit eines Lebens dazu nicht ausreicht. Was sich ihm, dem Großvater, in der Erinnerung zusammendrängt, ist so kurz, dass er es rückblickend nur noch mit der Resignation vor einem von vorneherein nicht zu Leistenden betrachten kann. Kaum begreifen heißt auch, ausbuchstabiert: wahrscheinlich doch begreifen. Denn ebenso wie in der Erinnerung die Lebenszeit so gedrängt wird, dass sie selbst den kurzen Ritt nicht mehr hergibt, so sehr wird ja der Ritt, auch und gerade wenn er nicht ins nächste Dorf führt, zum Leben selbst. Kafka ist ja nun bekannt für das Erfassen von Situationen, in denen nicht die Kürze einer Frist an der Ausführung einer Sache hindert (und von Kürze des Lebens ist in seinem Text auch gar nicht die Rede, nur von gedrängter Erinnerung), sondern in denen ein Weg, gerade der kürzeste, unendlich lang werden kann und das Ziel zur Fiktion verblasst. Und wenn wir etwas über die Psychologie der Erinnerung wissen, dann doch dies, dass sie oft einem erratischen, in seiner Natur unkoordinierten Prozess im Rückblick eine fiktionale Zielrichtung oder Folgerichtigkeit zukomponiert, sodass unser Leben am Ende zumindest für uns selbst ein Sinngefüge erhalten mag, das ihm als Prozess mit all seinen schon unserem Wesen inhärenten Störungen der von uns selbst verfolgten Prozesse „von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen“, wie Kafka schreibt, nie eigen war oder sein konnte.


Was der Großvater in der kurzen Erzählung also tut, kann auch als bewusstes Durchbrechen des Sinngefüges verstanden werden, das Erinnerung zu konstruieren ständig bemüht ist. Indem er ein mögliches Ziel des jungen Menschen nennt, das nie erreicht werden kann, setzt er die Fähigkeit des Erinnerns auf die Verirrungen des Prozesses und eben nicht auf die oft nachträglich erst eingesetzten in diesem Prozess erreichten Ziele an. Der junge Mensch überwindet seine Furcht, indem er sich dauernd und oft nachträglich Etappenziele erfindet, deren Erreichen ihn hinsichtlich des notwendigerweise (und nicht zuletzt durch die Etappierung des Lebensprozesses) vielfach zerstückelten und gegabelten Wegs das Ziel aus den Augen zu verlieren zugleich hilft und ihn darüber beruhigt.


Ja, lieber Ekkehard, nur du weißt – und vielleicht auch du nicht –, wo das nächste Dorf einst gelegen hat, zu dem du ausgeritten bist. Das einzige, was wir alle wissen, ist, dass du ausgeritten bist. Zuweilen, vielleicht mehr en passant, hast Du wohl das eine oder andere Dorf erreicht – doch just die erreichten Dörfer stellen sich ja dann immer als potemkinsche heraus. Geboren als Deutscher sechs Monate nach Kriegsende, war der für den Großvater bei Kafka noch stark individuelle Begriff „Erinnerung“ für dich ohnehin nie mit der Unschuld des einst deine persönliche Biografie Zusammenfassenden geladen, sondern mit einem Erbe, dem du dich bewusst gestellt hast. Das nächste Dorf versprach unter solchen Umständen a priori nicht mehr, konnte nicht mehr versprechen als einen klareren Blick auf das letzte Dorf. Und wo immer das nächste Dorf einst gelegen haben mag oder verschwunden ist, deine Haltung, die wohl von Anfang an das Gegenteil gewesen ist von Furcht, hat dir diesen klaren Blick verschafft, einen klaren und zugleich panoramischen Blick, der, in verschiedensten Gebieten, von der klaren Analyse des Geschehenen zu einem Überblick über das Bestehende bis hin zu Visionen für eine Zukunft reicht.


Und nun also sechzig Jahre, vielleicht schon annähernd das Alter des Großvaters bei Kafka. Ich möchte dazu der Erzählung Kafkas einen kurzen rabbinischen Text zur Seite stellen, den du, Ekkehard, sicher kennst. Im Mischnatraktat Awot – das, anders als andere Traktate, keinerlei gesetzesrelevante Verfügungen und Überlegungen enthält, sondern vorab Sinnsprüche der Tannaiten – steht im 2. Kapitel, Absatz 21 im Namen Rabbi Tarfons: „Es ist nicht an dir, das Werk zu vollenden, und du bist nicht frei, dich seiner zu entledigen.“ Ein Satz, der einen ebenso trösten kann (vor allem, da er in seiner Fortsetzung reichen Lohn für extensives Torastudium verspricht), wie er einen aber auch zur Verzweiflung treiben kann. Denn „es ist nicht an dir“ heißt wohl: Du musst nicht, aber ebenso deutlich auch: Du kannst nicht. Und irgendwann sind wir doch alle ins Leben gestartet mit dem Anspruch, ein Lebenswerk zu schaffen, und darunter stellten wir uns dann etwas Rundes, Fertiges, in sich Sinnvolles vor. Und dann zersplittert uns dieses Leben in unzählige Fragmente, die wir mit der Hilfskonstruktion „Erinnerung“ so zusammenkitten, dass wir zugleich vergessen, dass die Furchtlosigkeit des Weitermachens und Neuansetzens und Glaubens an das Projekt „Leben“ als ein ganzheitliches mehr wiegt als die gewissenhaft und immer illusionsloser registrierten Einzelschritte.


Doch ich denke, Rabbi Tarfons Agenda ist ohnehin eine andere. Man könnte sie, da unausgesprochen, als geheime Agenda bezeichnen, doch womöglich war ihm das Unausgesprochene so selbstverständlich, dass er es gar nicht sagen musste. Der Gedanke nämlich, sich einem Werk zu widmen, das nicht vollendbar ist, kann erst unter dem Aspekt von Tradition tragen. Tradition, im Judentum schon immer eine Synthese von Kabbala (im klassisch rabbinischen Verständnis) und Chidusch, von Empfangenem und Innovation, ist der Schlüssel zu einem Verständnis von Leben, das auch als halbes schon ein ganzes, auch als ganzes unverzichtbares Glied eines viel größeren und dennoch immer nur partiellen, halben Ganzen ist.


So womöglich übrigens auch bei Kafka: Bräuchte es denn diese Einleitung mit dem Großvater, wenn nicht die klare Andeutung hier die der Tradition wäre? „Mein Großvater pflegte zu sagen: Das Leben ist erstaunlich kurz.“ Hier ist Tradition am Werk, die die Lehre von der Kürze des Lebens in die Unendlichkeit der Generationen spricht, die sich alle nicht fürchten werden vor dem Ritt ins nächste Dorf, für die aber, als Generationenfolge, dieser Ritt zu einem gemeinschaftlichen, staffelmäßig fortgesetzten wird, die aus diesem Ritt ihren eigentlichen Sinngehalt als Gemeinschaft herleiten.


Ja, lieber Ekkehard, insofern ist es nicht mehr besonders wesentlich, welche Hälfte des Lebens gegenwärtig für wen von uns beiden beginnt. Da das Nichtvollendenkönnen für uns alle Programm ist, kann es allenfalls um die beste, authentischste Synthese von Tradition gehen, in die wir uns einklinken. Als Lehrer, als Forscher, als Mensch – und, das darf ich persönlich sagen: als Freund – reitest Du unverdrossen aus, reitest voran, erkundest das neue Gelände oder ahnst aus langen Ritten schon, wie es hinter dem nächsten Hügel aussehen wird. Darf ich mich hier, von meinem eigenen Pferd her auf eigenen Pfaden grüßend, von anderen Großvätern beraten, in eine andere Lebenshälfte eintretend, als jemand Dir empfehlen, der immer wieder einen Vorwand finden wird, Dich streckenweise zu begleiten? Das wünsche ich mir, fast mehr noch als Dir, zu diesem Tage.

 

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