Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Christian Strecker

Respekt!

Laudatio für Wolfgang Stegemann anlässlich seines 60. Geburtstages am 8. November 2005


   Dr. Christian Strecker ist Privatdozent für Neues Testament an der Augustana-Hochschule. Er vertritt zur Zeit den Lehrstuhl von Prof. Dr. Gerd Theißen an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.


 

Respekt!

Sehr geehrte Festversammlung, vor allem aber lieber Wolfgang,

Wir haben uns hier und heute an Deinem 60. Geburtstag versammelt, um Dir und Deinem wissenschaftlichen Werk „Respekt“ zu zollen. Das Wort Respekt leitet sich bekanntermaßen aus dem lateinischen respectus ab. Respectus heißt wörtlich „das Zurückblicken“, „Rücksicht“. Der Vorsilbe re- eignet dabei eine räumliche und – hier erlaube ich mir die Sprache etwas zu „heideggern“ – es eignet ihr eine temporale Komponente. In räumlich-körperlicher Hinsicht ankert Respekt in der Erwiderung des Blicks. Genauer, in der Wertschätzung, die in der bewussten Beantwortung eines Blickes zum Ausdruck kommt. Respecto: Ich blicke zurück und respektiere den anderen solcherweise. In zeitlicher Hinsicht gilt, dass sich Respekt immer auch aus einem Wissen um Gewesenes speist. Respekt macht sich nicht zuletzt auch an den in der Vergangenheit erbrachten Leistungen einer Person fest. Respekt in räumlich-körperlicher Form wird Dir, lieber Wolfgang, durch diese eindrückliche Festversammlung zuteil, durch den „Augenblick“, den die Anwesenden bewusst mit Dir heute Abend teilen. Dir Respekt in temporaler Hinsicht zu zollen, die Anerkennung und Würdigung Deines wissenschaftlichen Werkes, dies will ich in meiner Laudatio gerne leisten.


Ich habe nun den Begriff „Respekt“ nicht von ungefähr als Einstieg gewählt. Er eignet sich wunderbar, um Dein wissenschaftliches Œuvre auf den Punkt zu bringen. Die vielen Aufsätze und Bücher, die Du seit den 1970er Jahren verfasst hast, sind alle getragen von einer ausgeprägten Haltung des Respekts. Sie sind im Näheren getragen von Respekt in vierfacher Hinsicht: Respekt gegenüber Marginalisierten, Respekt gegenüber dem Fremden, Respekt gegenüber dem Judentum und Respekt gegenüber dem Gewesenen.


1. Respekt gegenüber Marginalisierten

Weltweit, und das ist, liebe Festversammlung, wie ich gleich noch dokumentieren werde, keine Übertreibung, weltweit ist der Name Wolfgang Stegemann in der exegetischen Zunft mit der sozialgeschichtlichen Auslegung des Neuen Testaments verbunden. Zusammen mit Luise Schottroff und Gerd Theißen darf man Dich, lieber Wolfgang, als Diskursbegründer einer neuen Form der Bibelauslegung bezeichnen. Sicher, der sozialgeschichtliche Diskurs lässt sich in der neutestamentlichen Forschung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Anfänge gehen bis auf Wilhelm Weitling und Friedrich Lücke zurück. Sozialgeschichtlich orientierte Perspektiven auf das Neue Testament wurden dann Anfang des 20. Jahrhunderts zumal auch bei Ernst von Dobschütz, Adolf Deißmann, Ernst Troeltsch und einigen anderen entwickelt. Nichtsdestotrotz gilt es zu sehen, dass sich die sozialgeschichtliche Exegese, so wie sie heute in diversen Weiterentwicklungen als wichtiger Teil des Methodenkanons neutestamentlicher Wissenschaft international anerkannt ist, in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland auf breiter Ebene neu etablierte. Und daran hattest Du maßgeblichen Anteil.


Dein sozialgeschichtlicher Ansatz war damals unverkennbar befreiungstheologisch geprägt. Er stand unter dem Motto: Aus dem Biblisch-Theologischen das Soziale ableiten! Dies zeigt sich in dem zusammen mit Luise Schottroff verfassten Buch „Jesus von Nazareth. Hoffnung der Armen“. Es erschien erstmals 1978 und fand in mehreren Auflagen über viele Jahre hinweg eine große, weit über die engen fachwissenschaftlichen Kreise hinausreichende Leserschaft. Dort ist im 1. Kapitel folgende nähere Beschreibung der sozialgeschichtlichen Aufgabe zu lesen:

Die sozialgeschichtliche Fragestellung hat nicht nur das Ziel, das Bild der Vergangenheit bunter zu machen. Ihr eigentlicher Grund ist ein theologischer. Jesusnachfolge ist ein Weg, der Menschen zusammengeführt hat, die in Not waren. Diese Not ist damals wie heute auch die Not, die Unterdrückung, Haß, Gewalt und Ausbeutung erzeugen. Wer Jesusnachfolge auf ein Geschehen in den Herzen, den Köpfen und in den privaten zwischenmenschlichen Bezügen konzentriert, beschränkt die Jesusnachfolge, verharmlost Jesus (10).


Die sozialgeschichtliche Auslegung, so wie Du sie damals betrieben hast, war unverkennbar politisch-theologisch aufgeladen. Sie sah sich bewusst in die Jesusnachfolge gestellt. Sie war in voller Absicht parteiisch und vorsätzlich einseitig in ihrem Engagement für die Unterjochten, für die ihrer Freiheit Beraubten und Ausgegrenzten. Die Analyse der antiken sozioökonomischen Situation, innerhalb derer die neutestamentlichen Texte entstanden, wurde damals im Geist der Hoffnung für die Entrechteten vollzogen, in der kritischen Absicht, die Ideologien der Macht zu entlarven.


Diesen politischen sozialgeschichtlichen Ansatz der Bibelexegese hast Du in mehreren Büchern weiter ausgebaut und an diversen Beispielen konkretisiert, so in den zusammen mit Willy Schottroff herausgegebenen Aufsatzbänden „Der Gott der kleinen Leute“ (1979) und „Traditionen der Befreiung“ (1980) wie auch in Deiner Studie „Das Evangelium der Armen“ (1980). Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben, dass Dein Aufsatz „Wanderradikalismus im Urchristentum? Historische und theologische Auseinandersetzung mit einer interessanten These“, der im zweiten Band „Der Gott der kleinen Leute“ erschien, noch heute zu den wichtigsten und meist zitierten Kritiken an Gerd Theißens bekannter Wanderradikalenthese zählt.


All diese Publikationen entfalteten ihre Wirkung nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus. Deine Arbeiten wurden nicht nur ins Englische übersetzt. Das Buch „Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen“ liegt ebenso in spanischer, italienischer, niederländischer, dänischer und japanischer Sprache vor. „Der Gott der kleinen Leute“ wurde gleichfalls ins Englische und Japanische übertragen. Und „Das Evangelium der Armen“ ist in einer englischen, italienischen, japanischen und sogar in einer indonesischen Version verfügbar. Diese Bilanz ist eindrücklich und dokumentiert die weltweite Wirkung Deiner sozialgeschichtlichen Studien. Du hast durch sie einen Bekanntheitsgrad unter Theologinnen und Theologen gerade auch in der sog. Dritten Welt erlangt, der in diesem Ausmaß nicht sehr vielen europäischen Exegeten und Exegetinnen zuteil wurde.


Bemerkenswert ist dabei auch, dass Du in jener Zeit, als all die genannten Publikationen entstanden, nicht als Professor, sondern als Assistent in Heidelberg tätig warst – zunächst in den Jahren 1979–1980 im Fach „Systematische Theologie“ bei Lothar Steiger und im Anschluss daran im Fach „Neues Testament“ bei Gerd Theißen (1980–1984). Die Grundlagen für Deine frühen sozialgeschichtlichen Untersuchungen wurden freilich bereits in den Jahren zuvor gelegt, als Du in Mainz eine neutestamentliche Assistentur bei Egon Brandenburger innehattest.


Über die Zeit in Mainz ist im Übrigen in Deinem autobiographischen Essay „Was wird aus der wirklichen Geschichte“, der sich in dem 2003 von Eve-Marie Becker herausgegebenen Band „Neutestamentliche Wissenschaft“ findet, folgende interessante Notiz zu lesen:

Ich war ... Assistent im Neuen Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Mainz geworden, wo man sich nach meinem Eindruck in einem ‚Lagerkampf‘ befand, dessen eines sich mit der ‚Kritischen Theorie‘ beschäftigte und identifizierte, während es dem anderen Lager schon schwer fiel, zwischen Sozialisation und Sozialismus zu unterscheiden. Dazwischen ein relativ kleines Grüppchen, das vor allem aus Luise Schottroff, Dorothee Sölle und mir bestand. Wir hatten durchaus unsere Nähe zu den Anhängern der ‚Kritischen Theorie‘, doch missfiel uns, als diese plötzlich gemeinsame Sache mit dem anderen Lager machten, mit dem Ziel, Dorothee Sölle um ihren Lehrauftrag zu bringen: der ‚herrschaftsfreie Dialog‘ hatte für mich damit ausgedient (258).


Denken ist bekanntermaßen nicht unbedingt ansteckend, auch wenn man sich mit der Kritischen Theorie beschäftigt. Ungeachtet der Frage, wie man nun Habermas’ Konzept des herrschaftsfreien Dialogs im Genaueren bewerten mag, Du hast Dich damals jedenfalls klar auf die Seite derjenigen gestellt, denen man übel mitspielte. Und man war in jener Zeit in solchen Dingen wenig zimperlich. Du hast Dich mit Dorothee Sölle solidarisiert und wenig später mit ihr und Luise Schottroff im sog. Heidelberger Arbeitskreis zusammengearbeitet, einem Kreis, zu dem auch Frank Crüsemann, Kuno Füssel u.a. gehörten. Dieser Arbeitskreis fungierte gewissermaßen als Basislager der sozialgeschichtlichen Aufbrüche.


1984, in jenem berühmten Orwellschen Jahr, kam für Dich dann der Schritt ins mittelfränkische global village Neuendettelsau. Du warst inzwischen habilitiert und wurdest auf den Lehrstuhl für Neues Testament an der Augustana-Hochschule berufen. Mit Gerd Theißen, dem Erstgutachter Deiner Habilitation, gründetest Du hier den „Sozialgeschichtlichen Arbeitskreis“, der sich fortan regelmäßig in Neuendettelsau traf und neben Mitgliedern wie Peter Lampe, Francois Vouga, Michael Wolter gerade auch jüngeren Forschenden eine wichtige Diskussionsplattform bot. Dies gilt zumal auch für Deine Schülerinnen und Schüler.


In dieser Zeit ist eine Verschiebung in Deiner exegetischen Arbeit hin zu einer stärker sozialwissenschaftlich respektive soziologisch orientierten Auslegung der neutestamentlichen Texte zu beobachten. Dies wird etwa in dem vielbeachteten und bis heute intensiv diskutierten Aufsatz „War der Apostel Paulus ein römischer Bürger?“ deutlich, der 1987 in der Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft (ZNW) erschien. Mit der Verneinung der in dem Aufsatztitel geführten Frage wandtest Du dich gegen den in diesen Jahren sich verfestigenden sog. „neuen Konsens“ in der sozialgeschichtlichen Betrachtung des Neuen Testaments. Diesem Konsens zufolge hatten sich die frühen christusgläubigen Gemeinden aus Mitgliedern aller sozialen Schichten, zumal auch aus solchen der gesellschaftlichen Elite, zusammengesetzt. Indem Du mit guten Gründen aufzeigen konntest, dass das Bild von Paulus als römischem Bürger eher auf ein Konstrukt des Verfassers der Apostelgeschichte denn auf historisches Wissen zurückging, hieltest Du an der klassischen Bestimmung des frühen Christentums als einer Bewegung der Unterschicht fest. Jenseits Deines früheren explizit befreiungstheologischen Ansatzes bliebst Du so doch letztlich der früheren Orientierung an einer Theologie der „kleinen Leuten“ treu.


Als große Summe Deiner sozialgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Arbeit darf dann das zusammen mit Deinem in Basel lehrenden Zwillingsbruder Ekkehard verfasste und in erster Auflage 1995 veröffentlichte Buch „Urchristliche Sozialgeschichte. Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in der mediterranen Welt“ angesehen werden. Die eindrückliche Untersuchung diskutiert alle zentralen sozialen Implikationen neutestamentlicher Texte auf hohem Niveau und steht dabei im intensiven interdisziplinären Austausch mit Erkenntnissen und Modellen aus dem weiten Feld der Sozialwissenschaften. Das Buch avancierte sehr schnell zum Standardwerk der sozialwissenschaftlichen Exegese, erschien bald in zweiter Auflage und wird inzwischen weltweit breit rezipiert. Es liegen Übersetzungen ins Englische, Spanische, Italienische und Portugiesische vor. Weitere mögen noch folgen. Einmal mehr wird hier das hohe internationale wissenschaftliche Renommee sichtbar, das Du, Wolfgang, seit vielen Jahren genießt.


Bei alledem blieb Dein politisches Engagement und Dein Respekt gegenüber den gesellschaftlich und insbesondere kirchlich Marginalisierten unverändert erhalten. Dies zeigt sich etwa in Deinen Aufsätzen zum Thema Homosexualität. So in dem Beitrag „Keine ewige Wahrheit. Die Beurteilung der Homosexualität bei Paulus“, der in dem von Barbara Kittelberger u.a. herausgegebenen Aufsatzband „Was auf dem Spiel steht“ 1993 erschien, oder in dem in der Zeitschrift für Neues Testament (ZNT) 1998 publizierten Artikel „Homosexualität – ein modernes Konzept“. In diesen Beiträgen stellst Du, u.a. unter Rückgriff auf die einschlägigen Untersuchungen von Michel Foucault, heraus, dass im Neuen Testament und speziell bei Paulus keineswegs „Homosexualität“ als solche attackiert werde, habe es doch in der Antike kein unserem heutigen Verständnis von Homosexualität entsprechendes Konzept gegeben. Was Paulus angriff, sei vielmehr eine bestimmte sexuelle Praxis gewesen, in der ein Mann im Geschlechtsakt die passive Rolle einer Frau übernahm und solcherweise das auf Herrschaft ausgerichtete Männlichkeitsideal seiner Zeit verriet. Nicht so sehr die Frage nach dem Geschlecht war mithin entscheidend, als vielmehr die, wer im Geschlechtsakt die aktive und wer die passive Rolle einnahm. Vor diesem Hintergrund gibst Du in dem erwähnten Aufsatz der Zeitschrift für Neues Testament zu bedenken:

Wir müssen uns also mit dem Problem auseinandersetzen, ob sich in der modernen Ablehnung oder Verwerfung von ‚Homosexualität‘ ein antikes Männlichkeits- bzw. Weiblichkeitsideal bewahrt, ein vormodernes, vordemokratisches und unemanzipiertes Bewußtsein von penetrierenden, zeugenden und dominierenden Männern und deren weiblichem Gegen[part] (67).


In diesen Untersuchungen und einigen weiteren, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, wird eine neuerliche Verschiebung in Deiner wissenschaftlichen Entwicklung deutlich. Sie besteht in einer verstärkten Beachtung der kulturellen Unterschiede zwischen den modernen und den antiken Gesellschaften. Diese Verschiebung geht mit einer Hinwendung zu kulturanthropologischen Fragestellungen und Modellen einher, die von einem gezielten Achten auf das Andere, Fremde getragen sind.


2. Respekt vor dem Anderen, Fremden

Was die Einbürgerung der kulturanthropologischen Exegese in Deutschland angeht, nimmst Du eine Vorreiterrolle ein. Lange bevor andere hierzulande kulturanthropologische Perspektiven und Themen in ihren Büchern aufgriffen, hast Du Dich um die Integration kulturanthropologischer Modelle innerhalb der deutschen Exegese verdient gemacht. Bereits im Jahr 1993 legtest Du die Übersetzung der diesbezüglich wegweisenden Studie „The New Testament World. Insights from Cultural Anthropology“ von Bruce J. Malina vor. In der von Dir verfassten Einführung wurden die Anliegen und das Profil dieses im Kontext der neutestamentlichen Forschung neuen exegetischen Ansatzes erst­mals im deutschen Sprachraum vorgestellt. In dem besagten Text beschreibst Du die kulturanthropologische Exegese als konsequente Fortentwicklung der Sozialgeschichte. Es sei zu beachten, so ist darin zu lesen, daß wir mit ... sozialgeschichtlichen Untersuchungen zwar eine Menge an Informationen über die äußeren Bedingungen des alltäglichen Lebens gewinnen, doch kaum etwas über die inneren Einstellungen und Verhaltensweisen der antiken Menschen in Erfahrung bringen.“ Diesbezüglich sei ein Rückgriff auf die Kulturanthropologie angezeigt, denn dieser ginge es „um die Deutung menschlichen Verhaltens, das als symbolisches Handeln seine Bedeutung im größeren Zusammenhang der lebenspraktisch gelernten, zum größten Teil verinnerlichten Symbolwelt der Kultur empfängt (10f.).


In mehreren Artikeln konntest Du diesen exegetischen Ansatz inzwischen selbst auf das Neue Testament applizieren, u.a. unter Rückgriff auf medizinanthropologische Einsichten, so etwa zuletzt in dem Aufsatz „Dekonstruktion des Wunderbegriffs. Plädoyer für eine kulturanthropologische Deutung der Wundergeschichten“, der 2004 in der Festschrift für Luise Schottroff („Dem Tod nicht glauben“, hg. von F. Crüsemann u.a.) veröffentlicht wurde.


Einige Jahre zuvor, nämlich 1999, legtest Du in der Zeitschrift „Verkündigung und Forschung“ eine umfassende Sichtung des damaligen internationalen Forschungsstandes kulturanthropologischer Exegese vor. Bereits seit 1991 bist Du Mitglied der „Context Group“, jener internationalen Forschergruppe, die die Kulturanthropologie nachhaltig in der Exegese verankerte. Zu dieser Forschungsgruppe gehören neben Bruce Malina auch John Elliott, Scott Bartchy, John Pilch, Philip Esler u.v.a. Im Jahr 2002 gabst Du zusammen mit Bruce Malina und Gerd Theißen den Aufsatzband „Jesus in neuen Kontexten“ heraus. Er geht auf ein maßgeblich von Dir initiiertes und organisiertes Treffen des Sozialgeschichtlichen Arbeitskreises und der Context Group in der Akademie Tutzing zurück. Der Band verhalf dazu, die kulturanthropologische Arbeit der Context Group nun auch im deutschen Sprachraum einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. Nicht unerwähnt sollte schließlich auch die von Dir edierte Aufsatzsammlung „Religion und Kultur. Aufbruch in eine neue Beziehung“ bleiben. Sie erschien 2003 als 4. Band der Reihe „Theologische Akzente“ der Augustana-Hochschule und enthält zahlreiche Beiträge, die auf unterschiedlichen Feldern der Bedeutung der Kultur im Raum der Religion nachgehen.


3. Respekt gegenüber dem Judentum

Seit 1994 ist Wolfgang Stegemann geschäftsführender Mitherausgeber der internationalen Dialogzeitschrift „Kirche und Israel“. Diese Tätigkeit indiziert einen weiteren wichtigen Schwerpunkt seines wissenschaftlichen Schaffens, nämlich die Auseinandersetzung mit der schwierigen und durch unsägliches Leid belasteten Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Christentum. In zahlreichen wichtigen Aufsätzen, die nicht zuletzt in „Kirche und Israel“ erschienen, bist Du, lieber Wolfgang, dieser Frage als Exeget historisch aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder von Neuem nachgegangen. So hast Du in einem Beitrag, der im ersten Heft des Jahres 1998 der genannten Zeitschrift nachzulesen ist, die Frage der jüdischen Beteiligung an der Kreuzigung Jesu problematisiert. Rücksichtlich der eminenten Rolle, die gerade dieses Thema im christlichen Antijudaismus spielte, ist dieser Beitrag von großer Bedeutung.


Darüber hinaus hast Du Dich in Anbetracht der Schoah als ein in Deutschland geborener Theologe der drängenden Frage der diesbezüglichen politischen Verantwortung der Kirche gestellt. Davon zeugt u.a. der von Dir 1990 herausgegebene Band „Kirche und Nationalsozialismus“. Er geht auf eine Vorlesungsreihe zurück, die anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht im Wintersemester 1989/1990 an der Augustana-Hochschule durchgeführt wurde. Der Band enthält u.a. Beiträge des ehemaligen Berliner Bischofs und Mitglieds der Bekennenden Kirche Kurt Scharf sowie – in der zweiten, überarbeiteten und erweiterten Auflage 1992 – des katholischen Systematikers Johann Baptist Metz. In dem Buch findet sich zudem ein sehr lesenswerter Beitrag von Dir zum Thema „Christliche Judenfeindschaft und Neues Testament“. Darin setzt Du Dich auch mit jenem Neutestamentler auseinander, der Dich seit frühesten Jahren stark beeinflusste, nämlich Rudolf Bultmann. Dessen Jesusbuch hast Du, so schreibst Du in Deinem autobiographischen Essay, bereits als Kindergottesdiensthelfer gelesen, und zwar, weil es der Pastor kritisiert und verworfen hatte. Bultmann hat Dich nicht losgelassen. Seinem theologisch-hermeneutischen Denken bist Du in Deiner Dissertation umfassend nachgegangen. Die Arbeit wurde 1975 von der Universität Heidelberg angenommen und 1978 unter dem Titel „Der Denkweg Rudolf Bultmanns. Darstellung der Entwicklung und der Grundlagen seiner Theologie“ als Monographie publiziert. Nun, im Jahr 1990, decktest Du die antijüdischen Stereotypen auf, von denen gerade auch die existentiale Hermeneutik Bultmanns durchdrungen war. Namentlich in dem Beitrag „Das Verhältnis Rudolf Bultmanns zum Judentum. Ein Beitrag zur Pathologie des strukturellen Antijudaismus“, der im ersten Heft des Jahres 1990 von „Kirche und Israel“ abgedruckt ist, führtest Du diese Stereotypen auf eine antijüdische Traditionskette in der theologischen Wissenschaft insgesamt zurück.


Vor diesem Hintergrund hast Du Dich dann in mehreren Beiträgen zumal für eine nicht durch Antijudaismen geprägte Paulusexegese stark gemacht. In diesem Zusammenhang wurde Dir, auch im Dialog und Austausch mit Deinen Schülern, die sog. new perspective on Paul wichtig. Auf Deine Initiative ging das erste Heft des Jahres 1996 der Zeitschrift „Kirche und Israel“ zurück, das sich ausführlich dieser neuen Paulusdeutung widmete. Dort finden sich zwei von Dir übersetzte Beiträge von Krister Stendahl und James D.G. Dunn, zweier bedeutender Protagonisten der sog. neuen Paulusperspektive. Damit hast Du die Rezeption dieser in Deutschland zu dieser Zeit noch unzureichend wahrgenommenen Paulusdeutung maßgeblich befördert. Hierzu fügt sich auch die unlängst von Dir zusammen mit Käthy Ehrensperger vorgelegte Übersetzung der kleinen Monographie „Das Vermächtnis des Paulus. Eine neue Sicht auf den Römerbrief“ von Krister Stendahl.


4. Respekt gegenüber dem Gewesenen

Neutestamentler und Neutestamentlerinnen haben als Überlebende, die sich mit den Texten von Toten auseinandersetzen, naturgemäß mit der Geschichte zu tun. Bisweilen herrscht in ihren Werken freilich ein wenig reflektierter Historismus vor. Das ist bei Dir, lieber Wolfgang, nicht der Fall. Von Beginn Deiner wissenschaftlichen Laufbahn an ist Dein Werk durch die Auseinandersetzung mit hermeneutischen Problemen und Geschichtstheorien bestimmt. Bereits in Deiner Dissertation über den Denkweg Rudolf Bultmanns spielte das Thema eine gewichtige Rolle. Die Arbeit widmete sich eingehend den geschichtsphilosophischen und theologischen Voraussetzungen der Exegese Bultmanns, einer Exegese, die bekanntermaßen die berühmte und viel diskutierte Frage nach dem „wie es gewesen“ aushebelte und das in den neutestamentlichen Texten je und je sedimentierte Selbstverständnis herauszudestillieren suchte. Ohne Bultmann im Einzelnen zu folgen, ist auch Dein Umgang mit dem Neuen Testament weit von einem unreflektiert historistischen Umgang mit den neutestamentlichen Texten entfernt. In Deiner Habilitationsschrift, die 1983 von der Universität Heidelberg angenommen wurde, und die dann 1991 unter dem Titel „Zwischen Synagoge und Obrigkeit. Zur historischen Situation der lukanischen Christen“ in der angesehenen Reihe „Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments“ (FRLANT) erschien, hast Du die lukanischen Texte nicht als vermeintlich reine Repräsentation der geschilderten Vorgänge der Apostelzeit verwertet, sondern konsequent aus ihrer Entstehungszeit und ihrem soziokulturellen Umfeld heraus ausgeleuchtet.


In jüngerer Zeit bist Du dann der komplexen Thematik der Geschichtstheorie namentlich unter Rekurs auf Überlegungen von Friedrich Nietzsche, Michel Foucault, Hayden White und Michel de Certeau nachgegangen, so insbesondere in dem bereits erwähnten autobiographischen Essay „Was wird aus der wirklichen Geschichte“. Vor dem Hintergrund postmoderner Theorie wehrst Du dort ein positivistisches, an vermeintlichen „Fakten“ orientiertes Geschichts- und vor allem auch Wirklichkeitsverständnis nachdrücklich ab. In Deinen Ausführungen hebst Du hervor:

Mir scheint, wir haben zu lernen, dass die einstmals sicheren Grenzen zwischen Fiktion und Fakten, zwischen Mythos und Geschichte, zwischen Mythos und Wissenschaft, rational und irrational, Magie und Religion, Religion und Glaube, richtig und falsch, was auch immer, durchlässiger geworden sind, sich teilweise regelrecht in Auflösung befinden, sich teilweise als Inventionen einer aufgeklärten Epoche zu erkennen geben, die sich am entstehenden und erfolgreichen naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma bzw. Methodenideal orientierte (265).


Diese manifeste Relativierung der im aufgeklärt-wissenschaftlichen Milieu sicher geglaubten Grenzen wird von Dir nun aber gerade nicht als Verlust, sondern als Chance verstanden. Es ist just der Respekt vor dem nicht restlos vereinnehmbar Gewesenen, der dem Glauben einen Überlebensraum belässt. Denn der Glaube, so endet Dein Aufsatz, „hält sich offen für das Andere, das noch nicht Bekannte und Gewusste“. Dass dieser Satz keine fundamentalistische Wende in Deinem Werk anzeigt, weiß jeder, der Dich kennt.


5. Quintessenz und Schluss

Respekt gegenüber Marginalisierten, Respekt gegenüber dem Fremden, Respekt gegenüber unseren Schwestern und Brüdern im Judentum und Respekt gegenüber dem Gewesenen – diese vier Ausprägungen des Respekts kennzeichnen, wie ich in meinen Ausführungen zu zeigen versucht habe, das wissenschaftliche Werk von Wolfgang Stegemann. Das fünfte Element, die Quintessenz, der Äther, aus dem sich alles speist, darf am Ende aber nicht unerwähnt bleiben. Das ist die Schrift, und zwar die Schrift in doppelter Bedeutung. Die Exegese beschäftigt sich ja nicht nur mit der Schrift, der Bibel, sie ist ihrerseits in Schrift eingelassen; sie ist auch schriftstellerische Arbeit. Exegese bedeutet Auslegen der Schrift in Form von Schrift. Die Exegese ist mithin Anwältin der Schrift in doppelter Bedeutung. Du, lieber Wolfgang, bist ein Anwalt der Schrift gerade auch im literarischen Sinn. Du weißt die Worte recht zu setzen. Du bist ein Mann des geschliffenen Wortes, auch – und das verbindet Dich mit dem heutigen Festredner, Friedrich Wilhelm Graf[i] – des scharfen und zugespitzten Wortes.


Letzteres wird etwa in Deinem Aufsatz „Amerika, du hast es besser. Exegetische Innovationen der neutestamentlichen Wissenschaft“ deutlich, der 1999 in dem von Rainer Anselm u.a. herausgegebenen Band „Die Kunst des Auslegens“ erschien. Darin unterziehst Du die gegenwärtige Exegese in Deutschland einer scharfen Kritik. Du wirfst ihr vor, zu einer „provinziellen Wissenschaft“ geworden zu sein, die innerhalb der theologischen Disziplinen eine randständige Existenz führe und die intellektuellen Diskurse, die die allgemeine Öffentlichkeit bewegten, außen vor halte. Diese zu rezipieren erlaube man sich eben nur anlässlich von Einladungen zu Akademie-Tagungen. „Grundsätzlich handelt es sich dabei aber eben nur um Eintagsfliegen, die eine Akademie-Tagung nicht überleben“.


Deine eigenen Arbeiten sind freilich ein Beleg dafür, dass es durchaus anders geht. Dies gilt nun auch für die Festschrift, die anlässlich Deines 60. Geburtstages entstanden ist. Aus „Respekt“ vor Dir und Deinem Werk haben 29 Autorinnen und Autoren zu ihrem Entstehen beigetragen. Das Buch liegt unter dem Titel „Kontexte der Schrift II: Kultur, Politik, Religion, Sprache – Text“ vor.[ii] Die darin vereinten Beiträge nehmen zahlreiche Einsichten, Problemstellungen und Innovationen aus den Bereichen der Sozial-, Kultur-, Literatur- und Religionswissenschaft, aus Philosophie und Politik auf und wenden diese in unterschiedlicher Form auf die alt- und neutestamentliche Exegese an. Sie widmen sich dabei im Genaueren vier Kontexten der Bibel respektive der Bibellektüre. Unter dem Stichwort „Kultur“ finden sich Beiträge vom P.F. Esler, H. Utzschneider, S.S. Bartchy, B.J. Malina, J.J. Pilch, K. Neumann, R. Schieder und Chr. Strecker. Unter der Überschrift „Politik“ sind Aufsätze von R. Jost, L. Schottroff, U. Wegner, J. Zangenberg, F. Vouga, G. Theißen, E. Reinmuth und M. Hoffmann vereint. G.J. Langer, P. Steinacker, A.J.M. Wedderburn, H. Thyen, H. Räisänen und A. Nehring haben Abhandlungen zum Stichwort „Religion“ beigesteuert und J.H. Elliott, S. Alkier, M. Schneider, D. Rusam, K. Erlemann, W. Kahl sowie L. Steiger zum Stichwort „Sprache – Text“.


Verbunden mit den besten Wünschen darf ich Dir nun diese Festschrift überreichen!




Anmerkungen

[i] Im Anschluss an die Laudatio hielt auf Wunsch des Jubilars der Münchner Professor für Systematische Theologie und Ethik Friedrich Wilhelm Graf einen Festvortrag zum Thema „Wissenschaftliche Theologie versus klerikale Milieutheologie? Einige Anmerkungen zum Streit
über den institutionellen Ort akademischer Theologie“.

[ii] Christian Strecker (Hg.), Kontexte der Schrift, Bd. II: Kultur, Politik, Religion, Sprache – Text. Wolfgang Stegemann zum 60. Geburtstag, Stuttgart 2005. Die Festschrift enthält auf den Seiten 455–466 ein von Klaus Neumann zusammengestelltes, ausführliches Verzeichnis der Schriften von Wolfgang Stegemann. Diesem sind auch die genaueren bibliographischen Angaben der in der Laudatio genannten Publikationen zu entnehmen.

 

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