Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2006-1: Editorial

 

Mit einem gewichtigen Beitrag von Edith Wyschogrod beginnt dieses Heft. Die amerikanisch-jüdische Philosophin, eine ausgewiesene Expertin der Philosophie von Emmanuel Levinas, stellt Beziehungen her zwischen dessen Hauptwerk „Totalität und Unendlichkeit“ und jenen berühmten, immer wieder kommentierten Fragen Hillels aus den Pirke Aboth, die auch in der Geschichte der jüdischen Philosophie eine bedeutende Rolle gespielt haben: „Wenn ich nicht für mich selbst bin, wer ist dann für mich? Und wenn ich für mich selbst bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann?“ In eine Reihe mit Rabbi Nathans erstem Kommentar zu den Aboth und Samson Raphael Hirschs von der Aufklärung beeinflussten Deutung stellt sie nun Levinas’ Philosophie, zu der sie zugleich eine neue Deutungsrichtung beisteuert, jenseits der bisherigen Kontextualisierungen seiner Philosophie durch die Einflüsse von Heidegger und Rosenzweig. Dabei geht es ihr nicht um eine oberflächliche Rezeption, sondern um „eine tiefe und nicht-offenkundige Verbindung“ zwischen diesem spezifischen rabbinischen Text und der Struktur von „Totalität und Unendlichkeit“. Der erwähnte Text aus den Pirke Aboth wird von Wyschogrod als eine „Miniatur“ der Arbeit von Levinas gedeutet, wobei der Begriff der „Miniatur“ hier seinerseits eine eigene Sinndeutung erhält.


Im Beitrag von Susanne Zeller wird problematisiert, ob Bezüge zwischen dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und dem Judentum und zu den spanischen „Conversos“ und deren Nachfahren herzustellen sind. Wie an Hand von Briefen des Erasmusnachlasses dokumentiert werden kann, gibt es antijüdische sowie antisemitisch zu identifizierende Textstellen, die ungeachtet des Zeitgeistes des 16. Jahrhunderts, in welchem ein solches Denken zwar üblich war, für einen Humanisten wie Erasmus aber unverständlich bleiben. Deshalb soll hier zu weiteren Forschungen über die Geschichte des Antisemitismus in Europa und den Zusammenhang zwischen der humanistischen Bewegung der frühen Neuzeit und  dem Judentum angeregt werden.


Der Historiker Uri R. Kaufmann gibt uns einen interessanten Einblick in den Zürcher Protestantismus von 1830 bis 1912, und zwar zumal von dem Teil, der durch die Liberale Theologie aus Deutschland beeinflusst wurde und der sich anders als die in der Schweiz sogenannten „Positiven“ der Modernisierung öffnete und durch den politischen Freisinn unterstützt wurde. Gleichwohl verbreiteten auch die Liberalen ein Bild von „einer überholten jüdischen Religion, deren Bräuche, vor allem das Schächten, nicht mit dem Humanismus christlicher Herkunft zu vereinbaren wären. Von wichtigen, wenn auch wenigen Ausnahmen abgesehen, zeigten gerade auch Vertreter der Liberalen Zürcher Theologie kein Verständnis für die Situation der jüdischen Minderheit und erwarteten deren Assimilation. Diese detailreiche Studie ist in vieler Hinsicht eine Ergänzung zu den Untersuchungen zur zeitgleichen deutschen protestantischen Theologie und ein Hinweis darauf, dass der „Zeitgeist“ keine Grenzen kennt.


Margarete L. Frettlöh deutet in ihrer Analyse des Namens „Judah“ Gen 29 vor allem als ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Leah, wobei die ungeliebte Frau den Dank an den sich ohne Verdienst ihr gegenüber gnädigen Gott erweist und sich auch von Jakob „emanzipiert“. Angemerkt sei, dass sich dieser Emanzipationsprozess offensichtlich nicht durchhält, da Leah beim sechsten Kind, Sebulon, in Gen 30,20 meint: „Gott hat mich mit einem schönen Geschenk bedacht. Jetzt endlich wird mein Mann bei mir bleiben, da ich ihm doch sechs Söhne geboren habe.“ Der Beitrag lässt rabbinische Deutungen zu Wort kommen, spiegelt aber vor allem eine pointiert protestantisch-christliche Betrachtung wider. Neben den wichtigen Hinweisen auf Judah und Tamar und die Rolle Judahs gegenüber Josef sowie der Betrachtung von Jesus als des die Botschaft des jüdischen Gottes an die Welt tragenden Nachfahren Judahs wäre vor allem im Blick auf das Neue Testament die Bedeutung der Judasfigur ein spannendes Desiderat, das freilich in einem kleinen Artikel nicht eingeholt werden kann.


Aus Anlass des sechzigsten Geburtstages, den unsere Mitherausgeber Wolfgang Stegemann und Ekkehard W. Stegemann am selben Tag im November 2005 feiern durften, drucken wir die von Kollegen gehaltenen jeweiligen Laudationes ab. Alfred Bodenheimer hat seine Ansprache in Basel gehalten, Christian Strecker in Neuendettelsau. Beide sind als Autoren den Leserinnen und Lesern von Kirche und Israel bereits bekannt.

Alfred Bodenheimer Link

Christian Strecker Link


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal Lion Feuchtwangers Roman „Jud Süss“ (1925) vor. Bedingt durch den gleichnamigen Propagandafilm der Nazis, ist die Figur des Jud Süss bis in unsere Zeit vorwiegend in ihrer antisemitischen Verzerrung bekannt. Der deutsch-jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958) hat jedoch seinen Protagonisten ganz anders gestaltet: Jud Süss ist im literarischen Original nicht nur der karrierehungrige Machtmensch, sondern ebenso eine sensible Persönlichkeit, deren Religiosität tief im Judentum verwurzelt ist. Die Re-Lektüre des Romans möchte mithin auch ein Korrektiv an der tragischen Wirkungsgeschichte des „Jud Süss“ leisten.


Wir dokumentieren ein ursprünglich im ‚Corriere della Sera‘ veröffentlichtes Gespräch mit Pater Pizzaballa, der Franziskaner-Kustos in Jerusalem ist. Er spricht mit deutlichen Worten die zum Teil bedrohliche Situation von Christen und Christinnen im Bereich der palästinensischen Gebiete an. Da die drastische Verschlechterung der Menschenrechtssituation der christlichen Minderheit in der palästinensischen Gesellschaft weithin unbekannt ist oder ignoriert wird, weisen wir hier noch auf die Studie „Human Rights of Christians in Palestinian Society“ von Justus Reid Weiner hin, die 2005 vom Forschungsinstitut „Jerusalem Center for Public Affairs“ (www.jcpa.org) veröffentlicht wurde (isbn 965-218-048-3).


Last but definitely not least findet sich wieder am Schluss eine Bücherschau von Julie Kirchberg. Link


Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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