Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2006-2: Editorial

 

 

Klaus Wengst, der Bochumer Neutestamentler, widmet seinen Beitrag zu Paulus als Eiferer für Gott und Apostel der Völker der Erhellung der Wende im Leben des Paulus, die wir gewöhnlich das „Damaskuserlebnis“ nennen. Er zeigt auf, dass sich der vor allem auf die Darstellung der Apostelgeschichte berufende Slogan „Vom Saulus zum Paulus werden“ gerade nicht dieser verdankt, sondern eine Rückprojektion darstellt. Doch warum hat sich Paulus vor Damaskus an negativen Maßnahmen gegen christusgläubige Juden beteiligt? Und wie ist es dazu gekom­men, dass er selbst ein hervorragender Verkündiger dessen geworden ist, was er vorher bekämpft hat? Wengst legt in seiner sorgfältigen und wohlbegründeten Antwort dar, dass Paulus als pharisäischer Eiferer in der Tradition des Pinchas vor allem dadurch provoziert wurde, dass die Anhänger und Anhängerinnen Jesu eine aus Juden und Nichtjuden zusammengesetzte Gruppe bildeten und auch nicht gemäß der jüdischen Weise lebten. Aufgrund seiner Erfahrung, wie er sie etwa in Gal 1,15f. beschreibt, wird er überzeugt, programmatisch dieses Leben selbst zu führen und dafür missionierend als Apostel der Völker zu werben. Dabei verbindet sich mit diesem Ereignis bei ihm die Vorstellung von einem „Umbruch der Zeiten“. Seine Gegenwart deutet er darum mit der jüdischen Bibel als Anbruch der „endzeitlichen Neuschöpfung“, in der „die biblisch verheißene Gabe des Geistes Gottes über ‚alles Fleisch’ zum Zuge (kommt)“.


Der Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa, Kustos und neben dem Apostolischen Nuntius und dem lateinischen Patriarchen zu Jerusalem der ranghöchste Vertreter des Vatikans im Heiligen Land, hat in diesem Jahr am Jom-Ha’Schoah in Tel Aviv eine Gedenkansprache gehalten – in hebräischer Sprache. Dieses Ereignis selbst spricht schon Bände. Wir dokumentieren hier die bemerkenswerte Ansprache in der Übersetzung aus dem Hebräischen. In Kirche und Israel konnte man schon im letzten Heft über den mutigen Pater lesen.


Das Jahr 2006 sollte nach dem Willen der Evangelisch-Lutherischen Landskirche in Bayern ein Gedenkjahr für deren ersten Landesbischof werden. Eine Festschrift und verschiedene Veranstaltungen erinnerten an Hans Meiser. Auf starken Wider­stand stieß allerdings ein geplanter Gedenkgottesdienst am 50. Todestag Meisers, der auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg stattfinden sollte. Ausgelöst durch einen öffentlichen Protest des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Arno S. Hamburger entbrannte eine heftige Debatte um den ehemaligen Landebischof in Nürnberg. Dort, wie in der älteren Generation Mittelfrankens überhaupt, gilt Meiser als Symbol des kirchlichen Widerstands gegen das Naziregime. Stein des Anstoßes ist die Benennung einer Straße im Zentrum Nürnbergs nach Meiser, die die Stadt­ratsfraktionen von spd und grünen umbenennen wollen. Wolfgang Stegemann beteiligte sich an diesen Debatten und schildert hier einige Aspekte des Diskurses aus seiner Sicht. Wichtige Erkenntnisse der neueren Kirchengeschichtsschreibung, die Meiser schon länger nicht mehr zum Widerstand gegen das Unrechtsregime der Nazis rechnet, zeigt er auf. Stegemann ordnet insbesondere die teilweise massiven judenfeindlichen Äußerungen Meisers in den sog. „modernen“ (rassistischen) Anti­semitismus ein. Die noch andauernde Debatte um Meiser fördert immer neue Dokumente zutage und dient als Beispiel für die deutsche Erinnerungskultur. Sie ist auch ein Test für den offiziellen kirchlichen Umgang mit problematischen, aber Legenden umflochtenen Eliten, zu denen der erste Landesbischof Bayerns gehörte.


Hannah Arendt wäre am 14. Oktober 2006 hundert Jahre alt geworden. Aus die­sem Anlass finden sich in den Feuilletons zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften Artikel, die dieser bedeutenden politischen Philosophin gedenken. Auch andere Medien dokumentieren ihr Leben und besprechen ihr Denken. Zahlreiche Bücher über Hannah Arendt, die in jüngster Zeit erschienen sind, zeigen an, dass die Rezeption ihres Werkes mit den Jahren eher zu- als abnimmt. Diese Zeitschrift beteiligt sich mit persönlichen Erinnerungen ihrer Nichte Edna Brocke.


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal den 1926 erschienenen Roman „L'Enfant Prophète“ vor, der erst seit 2005 in deutscher Übersetzung vorliegt. Sein beinahe in Vergessenheit geratener Ver­fasser, der aus Genf stammende Schriftsteller und Publizist Edmond Fleg (1874-1963), wird heute auch in seiner Wahlheimat Frankreich wiederentdeckt – sozu­sagen als ein moderner Prophet, der sich Zeit seines Lebens für die humanitären Werte des Judentums stark gemacht hat, ein „doux porteur d'un message divin“ – der leise Überbringer einer göttlichen Botschaft.

Der dreiunddreißig Tage dauernde Krieg, den Israel gegen die Hizbullah im Li­banon nach deren das Völkerrecht verletzenden Übergriff auf israelische Soldaten auf israelischem Staatsgebiet geführt hat, wird noch manche analytische Rückschau und Beurteilung bedürfen. Nicht zuletzt bedarf es einer Debatte über den stark anti­israelischen „Krieg der Bilder“ in den Medien. Wir dokumentieren hier eine kleine Auswahl von Artikeln von Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Herkunft und Couleur.


Gerhard Langer widmet sich dem Roman „Anders als die anderen“ des in Argen­tinien lebenden Wiener Exilschriftstellers Alfredo Bauer. Bauer zeichnet darin 2000 Jahre jüdische Geschichte nach, wobei vor allem die Beziehung zum Christentum eine entscheidende Rolle spielt. Es geht um Zugehörigkeit und Anderssein. In diesem Zusammenhang vertritt Bauer die Position, dass die Grenzlinien nicht innerhalb der Glaubensgemeinschaften, sondern quer durch sie hindurch verlaufen. Bauers Ideal ist der Kulturmensch, geistes- und vernunftbegabt, der sich vom radikalen fa­natisierten Glaubenseiferer abhebt. Der ideale Kulturmensch ist auch der ideale Jude.


Es findet sich wieder am Schluss eine Bücherschau von Julie Kirchberg, die in gewohnter Sorgfalt und mit treffsicherer Urteilskraft zahlreiche Neuerscheinungen vorstellt. Link


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