Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2007-1: Editorial

 

Zwei Beiträge befassen sich mit der „Bibel in gerechter Sprache“. Sie ist ja in den Feuilletons nahezu aller bedeutenden überregionalen Zeitungen auf zum Teil scharfe Kritik gestoßen; auch namhafte wissenschaftliche und kirchenleitende Theologen haben das Projekt heftig beanstandet. Prof. Dalferth, Zürich, meint zum Beispiel, diese Übersetzung vermeide „erfolgreich, sich vom Eigensinn der biblischen Texte stören zu lassen. Ihr Umgang mit den Texten hat alle Züge einer schwärmerischen Ideologie.“ Ulrich Wilckens, emeritierter Professor für Neues Testament und ehemaliger Bischof der Nordelbischen Kirche, spricht in seinem „Gutachten“ sogar davon, dass die Übersetzung (jedenfalls des Neuen Testa­ments) „bekenntniswidrig“ sei (beide und andere Stellungnahmen sind nachzulesen unter: http://www.bigs-gutachten.de/rezensionen.php). In diesem Heft analysiert Gerhard Langer nach einigen grundlegenden Aussagen zur Übersetzung ausgewählte Beispiele der Übersetzung des Alten Testaments durch die „Bibel in gerechter Sprache“ vor allem auf die Frage hin, inwieweit sie jüdisch(-rabbinische) Lesarten einarbeitet, Übersetzungsprobleme der Einheitsübersetzung vermeidet und wie sie mit problematischen Begriffen wie etwa dem Begriff „Rache“ verfährt. Die Neutestamentler Wolfgang Stegemann und Ekkehard W. Stegemann diskutieren Übersetzungsbeispiele aus dem Neuen Testament und achten insbesondere darauf, ob und inwieweit es der „Bibel in gerechter Sprache“ gelungen ist, ihre eigenen Ansprüche hinsichtlich der gerechten Wahrnehmung des Judentums bzw. der Vermeidung anti-jüdischer Deutungen einzulösen. Beide Artikel bemühen sich unaufgeregt um eine sachliche Beurteilung und kommen bei allen auch kritischen Einwänden insgesamt zu einer positiven Einschätzung des Übersetzungsprojektes.


Der Artikel von Reiner Anselm greift noch einmal das Thema der Erinnerungs­kultur auf, das im letzten Heft am Beispiel des ersten Landesbischofs der Evan­gelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Hans Meiser, aufgegriffen wurde. Der Artikel gibt im Wesentlichen einen Vortrag wieder, den Prof. Anselm in Nürnberg bei einer Fachtagung gehalten hat, die zur Entscheidungsfindung über die Frage der Umbenennung der Meiser-Straße in Nürnberg beitragen sollte. Inzwischen hat der Stadtrat Nürnbergs eine (kommentierte) Umbenennung der Meiser-Straße (in Spitalgasse) beschlossen. Freilich bleibt das Thema aktuell, da jetzt auch das Stadtparlament in München über eine Umbenennung der dortigen Meiser-Straße berät. Insbesondere die einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordenen massiven antisemitischen Äußerungen von Landesbischof Meiser hatten zur Debatte um die Umbenennung geführt.


Was für engagierte Teilhaber/innen am christlich-jüdischen Dialog theologisch entschieden ist, bringt sich solcher Entschiedenheit zum Trotz immer wieder neu auf die Tagesordnung. Dazu zählt die Frage nach dem Verhältnis von Dialog und Mission. Aufklärung darüber erbaten die deutschen Rabbinerkonferenzen bei ihrer Begegnung mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD in Deutschland vom 12. März 2007. Im Umfeld dieser Begegnung erarbeitete Hans Hermann Henrix einen Werkstattbericht aus katholischer Sicht. Der Titel ist Programm: Von der Mission ohne Dialog zum Dialog ohne Mission.


Andere Vorbehalte gegen den Dialog hat der Beitrag von Michael Bongardt im Blick. Ausgehend von Fortschritten in der kirchlichen bzw. christlich-theologischen Einsicht in die Einzigartigkeit der Beziehung der Kirchen zum Judentum fragt er nach den noch offenen „Fugen“ zwischen den Bausteinen dieses Theologiegebäudes. Es ist vor allem die Frage, ob die Kirchen und Christen in der Zugehörigkeit jüdischer Menschen zum Judentum eine Heilsbedeutsamkeit sehen können oder nicht und ob eine solche christliche Heilszuversicht mit der Kirchenlehre von der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi in Einklang gebracht werden kann.


In der Rubrik ‚Klassiker der jüdischen Literatur’ stellt Gabrielle Oberhänsli-Wid­mer diesmal den mittelalterlichen Mystiker Joseph Gikatilla (1248-1325) vor mit einem Traktat über David und Bathscheva. Dabei dient der – für kabbalistische Verhältnisse – unterhaltsame Text als kleines Lehrstück jüdischer Mystik.


Wir setzen unsere Dokumentation zum „Libanon-Krieg“ diesmal mit einem besonders schweren Fall antisemitischer und antiisraelischer Agitation fort, deren Autorin eine christliche Libanesin ist, deren Duldung an einem Zeitvertrag mit der Stadt Essen hängt. Das antisemitische Flugblatt, das von ihr während des Krieges, einer behördlichen Integrationsschrift der Stadt Essen angeheftet, verbreitet wurde, hatte für die Autorin kaum behördliche und auch keinerlei gerichtliche Folgen. Das ist umso bedenklicher, als es eindeutig volksverhetzende Intentionen aufweist, die nach Artikel 130 des Strafgesetzbuches strafbar sind. Bemerkenswert ist, wie dieses Pamphlet in gleichsam exemplarischer Weise alteuropäische antisemitische Stereotypen auf Israel überträgt („Israelis“ sind die Christusmörder gewesen!), israelische Politiker nazifiziert („Adolf“ Olmert) und mit frecher Geschichtsfälschung (Cana im Libanon wird als das Kana des Weinwunders identifiziert, das nach dem Kapitel 2 des Johannesevangeliums in Galiläa liegt) die nazistische „Arisierung“ Jesu von Nazareth variiert. Zur Einordnung des Flugblatts und der Chronik seiner (Nicht-)Folgen drucken wir auch einen Text des Duisburger Sprach- und Sozialforschers Prof. Siegfried Jäger ab.


Eine Buchbesprechung durch Christian Strecker Link und die Bücherschau von Julie Kirchberg Link beenden das Heft.


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