Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2007-2: Editorial

 

Mit Norbert Reck kommt ein katholischer Theologe zu Wort, der gemeinsam mit anderen Angehörigen der dritten Generation nach der Schoa von Gott bewusst „im Land der Täter“ und „mit Blick auf die Täter“ sprechen möchte. Dabei verknüpft er eine bemerkenswerte traditions- und theologiekritische Unbefangenheit mit der Auffassung, dass es auch nach Auschwitz möglich ist, christlich von Gott zu sprechen. Er führt anregende Auseinandersetzungen mit Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann oder Papst Benedikt xvi. und nimmt nachdenklich geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse zu den Tätern des Nationalsozialismus auf.


Wolfgang Stegemann stellt ein Buch vor, an dem neben Norbert Reck auch Björn Krondorfer und Katharina von Kellenbach mitgewirkt haben. Es repräsentiert den von diesen drei, aber auch von anderen jüngeren Theologinnen und Theologen angestrebten Wechsel zu einem „Blick auf die Täter“ auch im Bereich von Theologie und Kirche.


Susannah Heschels Beitrag skizziert die Geschichte des unrühmlichen „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, dessen Leitung der Neutestamentler Walter Grundmann hatte und zu dessen Mitarbeitern u. a. auch der Berliner Alttestamentler Johannes Hempel zählte. Sie stellt die These auf, dass die rassistische Konzeption des „Entjudungsinstituts“ nicht einfach nur eine Anpassung an die Naziideologie war, sondern an Affinitäten christlicher Theologie zum Rassedenken anknüpfen konnte. Im Mittelpunkt ihrer inhaltlichen Analysen steht die von Grundmann (u. a.) vertretene Deutung des „galiläischen“ Jesus als „Arier“, die in der Zeit der NS-Herrschaft nicht vom Himmel gefallen ist, sondern offenkundig eine (wenn auch radikale) Konsequenz der Auslegung des historischen Jesus in „rassischen Kategorien“ (racializing Jesus) darstellt.


S. Heschel ist, wie nicht zuletzt der hier abgedruckte Beitrag demonstriert, eine der Begründerinnen eines entsprechenden aktuellen Diskurses vor allem US-amerikanischer Provenienz, zu dem auch das Buch von Shawn Kelley gehört (Racializing Jesus: Race, Ideology and the Formation of Modern Biblical Scholarship, 2002), das Gabriella Gelardini vorstellt. Kelley vertritt die These, dass die zeitgenössische Bibelwissenschaft immer noch in rassistische Diskurse verstrickt sei und führt deren ideologische Wurzeln bis auf Hegel und Baur, aber auch auf Heidegger und Bultmann zurück. Am Beispiel von Vertretern der neueren amerikanischen Gleichnisschule möchte Kelley auch eine bis in die Gegenwart sich fortsetzende Wirkung dieses Deutungsparadigmas nachweisen. Sein Beitrag zur Selbstkritik der neutestamentlichen Wissenschaft wird von Gelardini auch kritisch, zumal im Blick auf die Terminologie, die Methodik und die exegetische Praxis geprüft.


In diesen inhaltlichen Kontext gehört auch der Beitrag von Rolf Rendtorff. Die traditionsreiche „Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft“ war durch Äußerungen ihres langjährigen Herausgebers Johannes Hempel gegen Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in eine schwere internationale Krise geraten. Rendtorffs kritische Analyse zeigt, dass die Probleme in wesentlichen Punkten nicht wirklich aufgearbeitet worden sind.


Im Aufsatz von Susanne Plietzsch wird die „Bibel in gerechter Sprache“ (BigS) als Bibelübersetzung der deutschsprachigen Befreiungstheologie gewürdigt. Neben deren Anliegen, Frauen „zur Sprache“ zu bringen, geht die Verfasserin auf die Distanz zur christlich-dogmatischen Tradition ein, die diese Bibelübersetzung aufweist, sowie auf ihre Standortbestimmung innerhalb des jüdisch-christlichen Verhältnisses. Die heftige Auseinandersetzung um die „Bibel in gerechter Sprache“ wird von ihr als Autoritätsdiskurs gedeutet.


Jakob J. Petuchowski, ein international anerkannter Fachmann in Fragen der jüdischen Liturgie, beschreibt in einem sehr informativen Beitrag die Wandlungen des jüdischen Gebetsbuches. Er geht dabei insbesondere der Frage nach, ob es „das“ jüdische Gebetbuch je gegeben hat, und erklärt, warum es dies nicht geben kann: „Es gibt, und es gibt nicht so etwas wie `das´ traditionelle jüdische Gebetbuch. Es gibt weniger als eins, wie es einige orthodoxe Juden glauben möchten; und es gibt mehr als eins, wie einige Reform-Apologeten zugeben möchten.“


Für „Kirche und Israel“ ist es eine große Freude, Peter von der Osten-Sacken mit der Wiedergabe der Laudatio zu seiner Ehrenpromotion (2007) durch die Freie Universität Berlin und ihr Seminar für katholische Theologie zu grüßen. Osten-Sacken, Professor für Neues Testament und Christlich-Jüdische Studien an der Kirchlichen Hochschule Berlin (West) und an der Humboldt-Universität, hat intensiv an der biblisch orientierten theologischen Grundlegung des christlich-jüdischen Dialogs gearbeitet. Er warnt stets davor, den traditionellen christlichen Antijudaismus zu verharmlosen. Von 1974 bis 2007 hat er das Institut Kirche und Judentum geleitet und hierbei eine beträchtliche Wirkung für Bibelwissenschaft und Dialog entfaltet. Dass mit Michael Signer ein Rabbiner die Laudatio für den evangelischen Exegeten am Seminar für katholische Theologie hält, kommentiert auf seine Weise das Wirken von der Osten-Sackens, der 2005 auch die Buber-Rosenzweig-Medaille erhielt.


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal ein Theaterstück vor, das einen ungewöhnlich langen Titel trägt: „Der Prozess von Schamgorod, so wie er sich am 25. Februar 1649 abgespielt hat“. Dieser 1979 von Elie Wiesel verfasste Text ist alles andere als ein historisches Drama; er weist in seiner Botschaft erstaunliche Parallelen zu Norbert Recks Beitrag über Schoa-Theologien auf.

 

Die Bücherschau von Julie Kirchberg informiert wieder knapp und klar über Neuerscheinungen im Themenspektrum unserer Zeitschrift. Link


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