Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2010-2: Editorial
 

Die Basler Neutestamentlerin Christina Tuor-Kurth stellt „Frömmigkeit und Gerechtigkeit“ als grundlegende Werte in antiken Identitätsdiskursen vor. Sie macht darauf aufmerksam, dass die zwei Hauptgebote oder Kardinaltugenden – die angemessene Verehrung der Gottheit und das angemessene Verhalten zu den Mitmenschen – eine antike Diskursformation darstellen, die in jüdischer, frühchristlicher, aber auch römisch-griechischer Kultur zur jeweiligen Selbstbeschreibung einerseits, aber andererseits auch in der Auseinandersetzung mit anderen identitätspolitisch eingesetzt wurden.

 

Der Heidelberger Privatdozent für Praktische Theologie Michael Heymel, der auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralarchiv der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau ist, veröffentlicht hier erstmals einen Hirtenbrief der dänischen Bischöfe an die Behörden der deutschen Besatzungsmacht (1943), der auch von allen dänischen Pfarrern von den Kanzeln verlesen wurde. In diesem Hirtenbrief setzten sich die Bischöfe mutig und eindeutig gegen die Verfolgung der dänischen Jüdinnen und Juden ein. Der kundige Kommentar beleuchtet die besonderen historischen Verhältnisse und klärt über die beteiligten Personen auf. Erhellend sind auch die Vergleiche, die Heymel etwa zu Martin Niemöller und überhaupt dem Versagen der Bekennenden Kirche in Deutschland gegenüber der Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden zieht. Heymel sagt zu recht: Der Hirtenbrief ist auch in inhaltlicher Hinsicht „ein bemerkenswertes Dokument. Er führt drei gewichtige Argumente gegen die Verfolgung der Juden an: (1) biblisch-theologische, (2) christlich-ethische und (3) verfassungsmäßig-rechtliche.“

 

Der Beitrag Meir Y. Soloveichiks zur Theologie von Michael Wyschogrod macht auf eine singuläre Gestalt unter den jüdischen Denkern der Gegenwart aufmerksam, welcher der modernen Orthodoxie angehört und die rabbinische Gelehrsamkeit mit der Offenheit für westliche Kultur verbindet. Diese Offenheit enthält ein vitales Interesse am Christentum. So hat Wyschogrod sich selbst einen „jüdischen Barthianer“ genannt. Solche Selbstkennzeichnung steht für ein religiöses Denken, das bei der Offenbarung des Gottes Israels bzw. bei der Erwählung Israels durch seinen Gott ansetzt und – ähnlich wie Barth – der philosophischen Vernunft kein eigenes Mitspracherecht im Verständnis der Offenbarung Gottes einräumt. Seine Kritik an Maimonides und heutige philosophische Stimmen im jüdischen Denken erinnert von Ferne an die maimonidische Kontroverse des Mittelalters, wo innerjüdisch der Philosophie die Verfälschung biblischer Gottesvorstellung vorgehalten wurde. Für das jüdisch-christliche Gegenüber bedeutet Wyschogrods Betonung, dass Gott als der Gott Israels in die Geschichte eintritt, die kritische Einrede, die Differenz von Israel und den Völkern nicht einzuebnen oder zu vergessen; und seine Zurückweisung der Inkarnation des Sohnes Gottes in Jesus von Nazareth mahnt die christliche Theologie, Gottes Eintreten in die Welt nicht ohne Gottes Wohnungsnahme unter Israel zu denken. Mit seinen Einsprüchen wirkt er anregend auf die aktuelle christliche Theologie.

 

Wolfgang Stegemann und Ekkehard W. Stegemann setzen sich mit einigen Grundthesen des vieldiskutierten Buchs über „die Erfindung des jüdischen Volkes“ des Tel Aviver Professors für französische Geschichte Shlomo Sand auseinander. Sie prüfen manche seiner theoretischen Annahmen und stellen fest, dass sie nicht auf der Höhe heutiger Diskurse stehen. Das Buch ist angelegt als politisches Manifest und zielt auf eine Delegitimierung Israels als Staat des jüdischen Volkes. Indem es die kühne und am Ende abwegige Behauptung zu beweisen versucht, dass Juden nie ein Volk, sondern immer nur eine Religion waren, beschuldigt das Buch vor allem „zionistische“ Historiker, einen interessegeleiteten Mythos über das jüdische Volk erfunden zu haben.

 

Wie sehr die Unfähigkeit, die Schoah zu verstehen, in heutige, aktuelle Wirklichkeit jüdischen Lebens in Frankreich und in Europa hineinwirkt, versucht der Philosoph Alain Finkielkraut, Sohn zweier jüdisch-polnischer Überlebender, zu reflektieren. Migranten aus arabischen, afrikanischen und islamischen Staaten interpretieren die europäische Geschichte – vor allem ihre Schattenseiten – auf ihre eigene heutige Situation hin und tun dies zuweilen in hoch aggressiver Form. Hierbei versuchen sie vor allem, sich selbst in einer Rolle von „Opfern“ zu präsentieren und so einen Viktimisierungsdiskurs in Konkurrenz zur Schoah zu etablieren.

 

In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal Lea Goldberg vor, eine literarische Persönlichkeit von höchstem Rang, die in Israel (fast) jedes Kind kennt und die einem deutschen Lesepublikum unbedingt vorgestellt werden sollte.

 

Wir dokumentieren hier den Aufruf einer Gruppe von Christen in den Palästinenser Gebieten, der unter dem Titel „Die Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen“ am 11. Dezember 2009 in Bethlehem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.  In der Diskussion firmiert es als „Kairos: Palästina“.  Dieser Name spielt auf ein Dokument an, das gegen die rassistische Apartheidpolitik Südafrikas gerichtet war. Der in Jerusalem lebende Theologe und Philosoph Malcome F. Lowe leuchtet als Kenner der Szene Hintergründe der Entstehung des Dokumentes aus.  Und Rolf Schieder, Professor für praktische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin, kommentiert es im Zusammenhang anfänglicher Diskussionen darüber in der EKD. 

 

Zwei Buchbesprechungen am Ende des Heftes weisen auf wichtige Neuerscheinungen hin.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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