Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2008-1: Editorial

 

Im Mai 2008 wird der Staat Israel den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiern. Der Schriftsteller A. B. Jehoshua hat in einem Interview in der WELT vom 23. Februar 2008 mit wenigen Sätzen angedeutet, was die Gründung des jüdischen Staates 1948 bedeutete und was den Unterschied zu heute ausmacht: Die Gründung des Staates Israel „war in der Tat die Verwirklichung von etwas ganz Phantastischem. Wer nach 1945 durch die jüdischen Gemeinden Europas zog, der besichtigte nur Friedhöfe und vielleicht Museen. Kaum noch etwas schien nach dem Holocaust vom einst blühenden Leben zu existieren. Und dann die Staatsgründung! Wer bedenkt, dass nur etwa ein halbes Prozent der jüdischen Bevölkerung auf der Welt sich entschloss, diesen Staat aufzubauen, durch ihrer Hände Arbeit, mit Hilfe ihrer Entschlossenheit und durch ihre Intelligenz, der kann nur staunen; der ist überwältigt, was er heute hier sieht. Heute leben in Israel mehr als 50 Prozent der jüdischen Bevölkerung.“ Dieser Unterschied ist in mancher Hinsicht weiter illustrierbar. Dazu würde vor allem ein Blick auf eine reiche und blühende israelische Literatur und Kultur in vielen Sparten und auf eine vor allem auch in den modernen Technologien international wettbewerbsfähige israelische Wirtschaft gehören. Auch manches andere wäre zu ergänzen, nicht zuletzt auch im Bereich der Archäologie des Landes, der Philosophie, der Jüdischen Studien und überhaupt der Kulturwissenschaft. Schließlich wäre aber auch zu erkennen, dass auch Israel von der Globalisierung erfasst ist und sich mit den entsprechenden gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen auseinandersetzen muss. Israel ist insofern ein ganz normales Land westlich-demokratischer Prägung geworden.


Gleichwohl schiebt sich gerade aus europäischer Sicht vor diese Wahrnehmung eines blühenden, innovativen und kreativen Landes 60 Jahre nach seiner Entstehung immer wieder die seines langen und scheinbar unbeendbaren Kampfes um Sicherheit und Frieden, seiner Verteidigung gegen kriegerische und terroristische Angriffe und Bedrohungen. In Europa, so scheint es manchmal, ist diese Wahrnehmung des Staates Israel jedoch oft genug die einzige. Und der Blick wird zunehmend getrübt durch eine Einschätzung des arabisch-israelischen bzw. palästinensisch-israelischen Konfliktfeldes, die – um es vorsichtig auszudrücken – von doppelten Standards bestimmt wird. Wenn die Israelis, wie es A. B. Jehoshua im Interview ausdrückt hat, des „Konfliktes“, der „Kriege“, des „ewigen Terrors“ müde sind, dann sind immer mehr Europäer eher einer rationalen politischen und auch den Rahmenbedingungen des Konflikts gerecht werdenden Beurteilung müde. Immer mehr, so scheint uns jedenfalls, sind zu einer verzerrten Wahrnehmung der Rolle des Staates Israel und seiner politischen Akteure im Nahostkonflikt übergelaufen. Und dieses verbindet sich nicht selten mit dem Erwachen antisemitisch grundierter Unterströmungen in unserer Kultur und unseren Gesellschaften. Der verständliche Wunsch nach Frieden ist aber nicht dadurch realisierbar, dass man Israels Sicherheit hintanstellt und die gefährliche und zunehmende Bedrohung des Staates vor allem durch die Hamas, die Hisbullah und durch ihre iranischen Dirigenten und Förderer ignoriert. Es ist leider so, dass im Nahen Osten Antisemitismus teilweise zu einer religiös gestützten Weltanschauung aufgestiegen ist, die nicht weniges vom europäischen Wahn des 19. und 20. Jahrhunderts wiederholt. Es ist auch so, dass dies nicht nur Rhetorik ist, sondern dass die ideologische Munitionierung durch Aufrüstung mit Raketen und anderen Waffen im Süden Libanons und im Gaza-Streifen zumal begleitet wird. Und wehe, wenn dem Iran tatsächlich der Griff nach Nuklearwaffen gelingen sollte!


Es sollte in der Tat ein einmaliger Fauxpas bleiben, welchen sich die Außenministerin der Schweiz kürzlich leistete, als sie sich lächelnd und verschleiert mit dem iranischen Präsidenten für ein Gasgeschäft ablichten ließ. Der Staat Israel ist nicht, wie manche meinen, wegen des Holocaust entstanden. Aber es ist der Holocaustleugner im Iran, der heute seine Existenz massiv und völlig unverhohlen bedroht. Wer Auschwitz leugnet, will Auschwitz! Hier, so scheint uns, kommt ein durchaus düsterer Aspekt in den Zukunftshorizont. Andererseits sehen wir jedoch auch, dass trotz mancher schleichenden gesellschaftlichen und leider auch kirchlich-christlichen Delegitimierung etwa die jetzige deutsche Bundesregierung unter der Kanzlerin Angela Merkel uneingeschränkt deutlich das Existenzrecht des Staates Israel verteidigt und mit Regierungen von anderen europäischen Staaten zusammen, nicht zuletzt natürlich mit den USA, eine aktive Rolle für die Sicherung der Existenz des jüdischen Staates spielt. Das gilt auch im Blick auf die Kritik an den Nuklearaufrüstungsbemühungen im jetzigen Iran. Freilich glauben wir, dass man sich in den europäischen Gesellschaften und Kirchen noch oder wieder deutlicher für die Zukunft des jüdischen Staates und damit gegen seine reale Bedrohung verwenden muss. Diese Aufgabe haben nicht zuletzt auch die kirchlichen Institutionen. Kirche und Israel haben wir unsere Zeitschrift mit Bedacht genannt. Denn so sehr wir den interreligiösen Austausch zwischen Christen und Juden begleiten und fördern wollten und wollen, so sehr sind wir davon überzeugt, dass der politische, der nationale und staatliche Ausdruck, den das jüdische Volk im Land Israel gefunden und für den der Zionismus gearbeitet hat, auch abgesehen von religiösen und kulturellen Aspekten und Implikationen, ein politisch-historisches Ereignis von einmaliger Bedeutung ist. 60 Jahre Staat Israel bedeutet darum auch 60 Jahre Existenz von Juden als Mehrheit im eigenen Staat, also mit eigenem politischem und nationalem Ausdruck. Es bedeutet dieses Jubiläum darum auch, dass wir in Kirche und Israel weiter und, wenn möglich vermehrt, dafür eintreten werden, dass diesem Staat seine Verantwortung für sich selbst belassen bleiben muss und dass es Rahmenbedingungen internationaler Art geben muss, dass die Israelis in Sicherheit ihrer Verantwortung für sich selbst nachkommen können.


Wir beginnen in diesem Heft mit ein paar Streiflichtern, zunächst auf die vatikanisch- bzw. römisch-katholischen Beziehungen zum Staat Israel. Einen spannend zu lesenden „Insiderbericht“ gibt uns Dr. Yosef N. Lamdan, der als Botschafter Israels u.a. von 1994 bis 1999 den Vereinten Nationen in Genf und von 2000 bis 2003 beim Vatikan diente. Er zeigt sich einerseits durchaus ernüchtert, insofern als er die unter Umständen auch harte Distanzierung des Vatikans erfahren hat, wo dieser unter allen Umständen eine politisch-neutrale Position nicht gefährden wollte, etwa im Zusammenhang mit der sogenannten 2. Intifada. Andererseits zeigt er sich davon überzeugt, dass die Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl immer besondere sein werden.


Den langen und schwierigen Weg des Vatikans zur Anerkennung des Staates Israel zeichnet Dr. Eugene J. Fisher nach, der von 1977 bis 2007 Generalsekretär des Sekretariats für katholisch-jüdische Beziehungen der nationalen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten war. Er relativiert dabei manches, das von vielen als schroffe Ablehnung und gar als in der traditionellen Lehre der Verachtung begründet angesehen wurde und wird. Vor allem stellt er die positive Rolle der meisten katholischen und insbesondere der südamerikanischen Länder heraus, die 1947 in der uno für den Teilungsplan gestimmt haben. Dass der Vatikan und Israel erst spät einen Botschafteraustausch vertraglich vereinbart haben, hat nach Eugene Fisher damit zu tun, dass im Jahr 1993 die Osloer Friedensverhandlungen begannen. Der Heilige Stuhl habe darin die Chance gesehen, nicht „auf Kosten seines sorgfältigen Gleichgewichtes, gleichzeitig pro-israelisch und pro-palästinensisch zu sein“, zu handeln und damit seine Beziehungen zu arabisch-muslimischen Gemeinschaften zu gefährden.


Es ist ein sehr persönlicher Bericht einer Reise nach Israel, den Dr. Gudrun Eussner, eine in Frankreich lebende Publizistin, die lange Jahre als Referentin in der Entwicklungspolitik tätig war, zu diesem Heft beisteuert. Der Titel des Beitrags - Israel gleicht keinem anderen Land! – bringt die vielfältigen Eindrücke, die G. Eussner auf ihrer ersten Reise nach Israel gewonnen hat, kongenial auf den Begriff. Doch ist ihr Artikel mehr als ein Reisebericht. Er ist die politisch, historisch und kulturell sensible Reflexion von persönlichen Erfahrungen, von der Begegnung mit der Vielfalt der Gesellschaft des heutigen Israel. Die pointierte Position und die bemerkenswert eigenständige Präsenz, die G. Eussners engagierte Stellungnahmen zu aktuellen politischen und kulturellen Themen auf ihrer Homepage (www.eussner.net) auszeichnen, prägen auch diesen Artikel, der eine ganze Artikelserie aus dem Internet für diese Zeitschrift verdichtet.


Einen lehrreichen Detailblick auf die zionistische Geschichte wirft der Artikel der israelischen Schriftstellerin Sarah Ben-Re’uwen über Hadassa Rosenblüth – „die Königin der jemenitischen Stickerei“. Er stellt die Biographie einer starken Frau dar, die die Tatsache, als Frau geboren worden zu sein, feministisch gestaltete und die Schwierigkeiten der Besiedlung des Landes zionistisch mit zu gestalten half – und beides in bravouröser Weise.


„Ernsthafte Störungen“ konstatiert Hanspeter Heinz, der emeritierte Augsburger Pastoraltheologe und Vorsitzende des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, angesichts der vom Papst selbst formulierten neuen Karfreitagsfürbitte für den lateinischen Gottesdienst. Diesem Anzeichen regressiver Tendenzen im Verhältnis zum Judentum ist auch die Stellungnahme des „Gesprächskreises“ gewidmet, die wir dokumentieren. Kurz vor Redaktionsschluss haben wir Kenntnis von einer Stellungnahme des Staatssekretariats des Heiligen Stuhls erhalten. In dieser wird hervorgehoben, dass keinerlei Wandel im Verhältnis zu den Juden beabsichtigt sei, wie es vor allem durch Nostra Aetate neu eröffnet wurde.


Christian Muckenhumer, Mitarbeiter am Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg, bietet einen informativen Artikel zum aktuellen Antisemitismus in Frankreich. Er ordnet die teils erschreckenden Brutalitäten und unverfrorenen öffentlichen Verharmlosungen der antisemitischen Taten und Diskurse der letzen Jahre in einen größeren historischen Kontext der Judenfeindschaft in Frankreich ein. Danach fällt auf, dass bis in die 90er Jahre antisemitische Diskurse vorherrschten, allerdings im Gefolge des internationalen Terrorismus (vor allem des Anschlags 9/11 auf die Twin Towers) und der 2. Intifada (2000) es zunehmend zu Gewaltaktionen gegen Einzelne und jüdische Einrichtungen gekommen ist. Die Ursachen für den heutigen Antisemitismus in Frankreich werden – wie Muckenhumer zeigt – äußerst kontrovers diskutiert. Dabei wird insbesondere auch darüber gestritten, welche Rolle der Antiisraelismus, meistens „Antizionismus“ genannt, und der Einfluss islamistischer Ideologie und Gruppen spielen.


Ekkehard W. Stegemanns Nachruf auf Prof. Dr. Dr. hc. mult. Ernst-Ludwig Ehrlich (1921-2007) ehrt einen der bekanntesten und einflussreichsten der Pioniere christlich-jüdischer Begegnung nach der Schoah. Wir erinnern damit auch an einen Kollegen, der unserer Zeitschrift seit ihren Anfängen eng verbunden war.


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal den israelischen Romanautor Meir Shalev vor. Im Unabhängigkeitskrieg geboren, teilt Meir Shalev seinen 60. Geburtstag mit dem Staat Israel. Der hier besprochene „Russische Roman“ ist denn auch kein russischer, sondern ein durch und durch israelischer Roman, in welchem sein Verfasser bald ironisch, bald nostalgisch, kritisch und liebevoll zugleich auf die Generation der Pioniere und Gründerväter des heutigen Staates blickt.


Neben der schon erwähnten Stellungnahme zur Karfreitagsfürbitte setzen wir in der Rubrik „Dokumentation“ unsere Berichterstattung zum Fall E. Khalil fort, die wir im Heft 1 (2007) begonnen haben.

 

Ekkehard W. Stegemann stellt Peter Schäfers Buch „Jesus im Talmud“ vor.


Die interessante und vielfältig informierende Bücherschau verdanken wir wiederum Julie Kirchberg. Link

 

 

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