Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2008-2: Editorial


Das Johannesevangelium ist schon seit längerer Zeit eine Art Testfall für die Frage, ob neutestamentliche Texte selbst anti-jüdische Botschaften enthalten, oder ob der Antijudaismus des Neuen Testaments erst von dessen Auslegerinnen und Auslegern in die Welt gesetzt worden ist. Adele Reinhartz, die sich als „jüdische Exegetin“ versteht und als Interpretin des Johannesevangeliums internationale Anerkennung genießt, geht in ihrem hier in Übersetzung abgedruckten Aufsatz auf einige interessante Hypothesen zur Frage des Antijudaismus im Johannesevangelium ein. Ihr Aufsatz bietet nicht nur einleuchtende Argumente in seiner Kritik an den „symbolischen“ Deutungen des Begriff „die Juden“ im vierten Evangelium (nur ein Beispiel: der Begriff sei in Anführungszeichen zu setzen, da gar nicht das wirkliche jüdische Volk gemeint ist, sondern der Name „Jude“ hier nur für die Ungläubigen stehe). Auch ihre eigene Auslegung leuchtet ein und ist gut begründet.  Reinhartz kommt nämlich u. a. zu dem Ergebnis, dass die antijüdischen Elemente dem Text des vierten Evangeliums inhärent sind. Sie legt dar, dass die auf dualistischen Fundamenten beruhende Heilslehre (Soteriologie) des Johannesevangeliums realen Jüdinnen und Juden keine Möglichkeit auf Rettung und Heil offenhält.


In seiner Würdigung des nordamerikanischen Bibelwissenschaftlers Brevard Childs (1923-2007) arbeitet Rolf Rendtorff heraus, wie Childs von einer die Eigenständigkeit der Hebräischen Bibel sorgfältig achtenden „Einleitung in das Alte Testament“ zu einer immer konsequenteren Lektüre zunächst des Alten Testaments und dann beider Teile des christlichen Doppelkanons als „Schrift“ gekommen ist. Dabei hat Childs seinen Interpretationsansatz, der oft auch canonical approach genannt wird, derart zugespitzt, dass er auch die Hebräische Bibel als Teil der christlichen Bibel und mithin aus christlich-dogmatischer Perspektive gelesen hat. Rendtorff  betont demgegenüber die Notwendigkeit einer Interpretation, die die „jüdische Identität“ des Alten Testaments beachtet.


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal mit dem „Ewigen Juden“ eine Figur der christlichen Legende in der Bearbeitung eines jüdischen Autors vor: 1981 hat Stefan Heym seinen Roman „Ahasver“ veröffentlicht. Dabei zeigt der vor allem durch sein politisches Schaffen bekannte Autor ein differenziertes theologisches Verständnis, welches er auf virtuose Weise literarisch umzusetzen weiß.


In einem kürzlich erschienenen Buch „Jews and Power“ (2007) hat Ruth R. Wisse, Professorin für Jiddische und vergleichende Literatur in Harvard, den Begriff „moralischer Solipsismus“ geprägt. Sie kennzeichnet damit eine sich nach ihrer Meinung häufig zu findende Tendenz bei Juden, als Individuen oder als Kollektiv, eher der eigenen Moralität als dem Überleben Vorrang zu geben. Wisses Buch ist Ausdruck eines gegenwärtig zunehmend geführten innerjüdischen polit-ethischen Diskurses, für den wir in diesem Heft ein Beispiel dokumentieren mit einem Text des renommierten israelischen Politikwissenschaftlers Yehezkel Dror. Er trägt die bezeichnende Überschrift: „Wenn das Überleben des jüdischen Volkes auf dem Spiel steht, bleibt kein Platz für die Moral“. Wir drucken dazu die scharfe Entgegnung eines orthodoxen jüdischen Professors für Jüdische Studien ab, dessen Pseudonym Jeremiah Haber ist. Ekkehard W. Stegemann kommentiert die Debatte in einem kurzen Beitrag.

Jeremiah Haber

Ekkehard W. Stegemann


Ob es so etwas wie ein Plus im christlichen Verständnis der Nächstenliebe gegenüber dem jüdischen Verständnis der Liebe als „Hauptsache“ der Torah wirklich gibt, geht Hans Hermann Henrix kritisch nach. Die übliche Übersetzung des Liebesgebots „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ mag dafür stehen, dass Nächstenliebe durchaus ihren Bezug zur Selbstliebe bzw. -achtung hat und lebenspraktisch behält. Aber der Grund und Ursprungsort des Ethischen der Liebe liegt jenseits des Maßes der Selbstliebe in der Liebe des Anderen.


Michal Trüger, eine fortgeschrittene Masterstudentin der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, stellt in ihrem Beitrag  den Rabbiner, Schriftsteller und Politiker Ludwig Philippson (1811-1889) vor. Sie zeigt in einer Diskursanalyse seiner wichtigsten Schrift auf, wie Philippson dem entstehenden und sich rasch ausbreitenden politischen und rassistischen Antisemitismus als Schriftsteller und Politiker mutig entgegentrat und anders als andere nicht resignativ-passiv sich verhielt. Philippson bestritt vehement die antisemitische Verleumdung, dass Judesein und Deutschsein unvereinbar wären. Michal Trüger zeichnet Philippson als einen Streiter, der seiner rationalen Argumentation durchaus emotionale Gestalt geben konnte. Aus der heutigen Retrospektive verbindet sich mit Philippsons Kampf etwas Tragisches. Das jedoch liegt nicht daran, dass er einen falschen Kampf geführt hat, sondern angesichts des triumphalen Siegs des antisemitischen Hasses im 20. Jahrhundert einen, wie sich herausgestellt hat, aussichtslosen.


Unter der Rubrik „Dokumentation“ drucken wir zunächst die bemerkenswerte Rede in der Frankfurter Paulskirche von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ab, die sie aus Anlass der Feier des 60. Jahrestags der Entstehung des Staates Israel gehalten hat. Es folgt ein bedenkenswerter Artikel zu einer „neuen Strategie für den israelisch-palästinensischen Konflikt“, der auf einem Vortrag basiert, den der ehemalige Generalstabschef Moshe Ya’alon Ende Juni 2008 in Jerusalem gehalten hat.

Charlotte Knobloch

Moshe Ya’alon


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