Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2009-1: Editorial

 

In seinem Beitrag „Die Bibel Israels – Grundlage des christlich-jüdischen Dialogs“ betont Erich Zenger die Selbstverpflichtung der Kirchen zum christlich-jüdischen Dialog um ihrer selbst willen. Er würdigt die Bibel Israels als Basisurkunde jüdischer Existenz und als grundlegenden Teil der Bibel des Christentums. Da die Belastung der christlichen Auslegung des Alten Testaments durch einen positionellen Antijudaismus bis heute nachwirkt, fordert er eine neue christliche Bibellektüre jenseits herkömmlicher Kategorien und künstlicher Gegensätze. Den Beitrag hielt Zenger in der Katholischen Akademie Hamburg anlässlich der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an ihn zum Auftakt der Woche der Brüderlichkeit 2009. Wir gratulieren dem früheren Mitherausgeber und geschäftsführenden Herausgeber von „Kirche und Israel“ dazu herzlich.


Ekkehard W. Stegemann zeichnet jüdische Lebenswelten im frühkaiserzeitlichen Rom nach. Er setzt sich dabei auch mit einem vor kurzem erschienenen Buch des Oxforder Judaisten und Altertumswissenschaftlers Martin Goodman auseinander. Insbesondere diskutiert er dessen These, dass sich mit dem Aufstieg des Kaiserhauses der Flavier im Kontext des Ersten Römisch-Jüdischen Kriegs die Ursprünge des antiken Antisemitismus verbinden, sofern eben die römische Niederschlagung des Aufstandes in Judäa und Galiläa zugleich als ein Triumph über das Judentum als Religion propagandistisch inszeniert wurde. Stegemann sieht wie Goodman die sogenannte „Judensteuer“ als eine bemerkenswerte Steigerung antijüdischer Feindseligkeit Roms an. Sie kumuliert zumal in der „Hexenjagd“, die nach Vespasian und Titus der Flavier Domitian veranstaltete. Doch hat nicht nur Judenfeindschaft eine ältere Tradition in Rom, und zwar auch verbunden mit der Verachtung jüdischer Bräuche und Sitten. Vielmehr sind zumal Caesar und sein Nachfolger Augustus auch darauf bedacht gewesen, Versammlungsrechte der Juden und damit auch ihre Kultausübung zu schützen.


Henning Theißen stellt die von der Rheinischen Synode im Januar 2009 beschlossene neue Arbeitshilfe für die Kirchengemeinden mit dem Titel „Abraham und der Glaube an den einen Gott. Zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen“ kurz vor und kommentiert einige ihrer Thesen. Anders als noch in der Handreichung der ekd aus dem Jahr 2006 („Klarheit und gute Nachbarschaft“) steht im Mittelpunkt der Arbeitshilfe der Monotheismus, der in den Themen Trinitätslehre und Abrahambund entfaltet wird. Theißen geht vor allem auf die Methode bzw. den hermeneutischen Ansatz der Arbeitshilfe ein, die Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem christlich-jüdischen Dialog in der Begegnung mit dem Islam fruchtbar machen will. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Arbeitshilfe einen „zwiespältigen Eindruck“, hinterlässt, der „zwischen einem interreligiösen Fundamentalkonsens in Glaubensfragen und bloßen ethischen Mindeststandards im Miteinander der Religionen schwankt.“ Der Autor hätte gerade von der Rheinischen Kirche eine stärkere Beachtung von Karl Barths „Lichterlehre“ erwartet, nach der von dem einen Wort Gottes ausgehend andere Lichter und Worte in der Welt als verbindliche Wahrheit Anerkennung finden können.


In diesem Heft bieten wir die Übersetzung eines Artikels von David Berger (zuerst erschienen in: Studies in Christian-Jewish Relations 3/2008) zu Einstellungen in Judentum und Christentum zur Bekehrung bzw. Mission der jeweils Andersgläubigen. Nicht zuletzt die Wiedereinführung der revidierten Tridentischen Messe wie auch eine Anzeige in der New York Times der sog. „Jews for Jesus“ repräsentieren ein aktuelles Interesse an der Konversion von Jüdinnen und Juden von Seiten des Christentums. Berger reflektiert historisch differenzierte Positionen zur Frage der Missionierung im Judentum wie im Christentum. Außer den aggressiven, ja gewalttätigen christlichen Missionsaktivitäten gegenüber dem Judentum, auf die er nicht näher eingeht, unterscheidet Berger vier theologische Positionen, die auf der Basis der christlichen Erlösungslehre von der Verdammung bis zur toleranteren Möglichkeit der künftigen Rettung auch von Angehörigen der nicht-christlichen Religionen (inklusive des Judentums) reichen. Keine dieser christlichen Positionen verzichtet allerdings grundsätzlich auf die Missionierung unter Juden. Berger sieht allerdings einen Fortschritt darin, dass alle Positionen physischen oder ökonomischen Zwang zur Durchsetzung ihres Bekehrungsinteresses ablehnen. Doch weist er zu Recht darauf hin, dass in einer offenen demokratischen Gesellschaft ein „Hauch von Druck, wenn nicht gar von echter Nötigung“ bleibt, „wenn Mitglieder der Mehrheitsreligion nachhaltige Kampagnen durchführen, um die Minderheit von ihrem Glauben zu überzeugen.“ Berger erwartet auch, dass man auf christlicher Seite die Gewaltgeschichte gegenüber dem jüdischen Volk berücksichtigt bzw. auch beachtet, welche persönlichen und gesellschaftlichen Probleme aus den Bekehrungsabsichten erwachsen können.


Viele Wochen beschäftigte eine quälende Auseinandersetzung um die päpstliche Aufhebung der Exkommunikation für die vier Weihbischöfe der Bruderschaft Pius x. vom 21. Januar 2009 die allgemeine und internationale Öffentlichkeit. Im Blick auf die Wende zu einem positiven Verhältnis der Kirchen zum Judentum seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) sprach man von Abbruch, Rückschritt und Kehrtwende in diesem Verhältnis. Stimmen des Protestes, der Empörung und Fassungslosigkeit innerhalb der katholischen Kirche und aus den evangelischen Kirchen wurden sekundiert von jüdischen Stimmen der Sorge, Ängste und Kritik. Man fragte besorgt, ob der Versuch zur Heilung des Schismas der Piusbruderschaft neue Zerwürfnisse in der Kirche selbst und im Verhältnis zum jüdischen Volk hervorruft. Hans Hermann Henrix versucht eine Analyse der aktuellen Kontroverse und fragt nach Perspektiven einer Lösung. Wir eröffnen mit seinem Beitrag eine neue Rubrik „Aktuelles“ und hoffen, dass künftig nicht nur von Kontroversen zu handeln sein wird.


Die Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ umfasst diesmal zwei Texte. Korbinian Spann stellt das Werk „Jettchen Gebert“ des deutsch-jüdischen Autors Georg Hermann vor. Die Liebes- und Leidensgeschichte eines jungen Mädchens gewährt einen Einblick in das jüdische Leben Berlins im 19. Jahrhundert. Zudem, aus aktuellem Anlass, zum hundertjährigen Geburtstag von Tel Aviv, und wie gewohnt in der Rubrik stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer einen bedeutenden Exponenten der Stadt vor, den israelischen Maler und Autor Nachum Gutman (1898-1980) mit seinem Kinderbuch „Beatricia oder eine Geschichte, die mit einem Esel beginnt und mit einem gewalttätigen Löwen endet“. Denn ähnlich wie die bei Jaffo gelegene kleine Siedlung aus dem Jahre 1909 sich heute zu der Weltstadt Tel Aviv entwickelt hat, erklimmt auch das scheinbar einfache Kinderbuch „Beatricia“ die Höhen der Weltliteratur.


Edna Brocke hat einen kurzen Abriss der Geschichte Tel Avivs besorgt und dokumentiert das Lied von der „Weißen Stadt“, das sie auch ins Deutsche übersetzt hat. Wer wenigstens einmal diese israelische Metropole mit ihrem zögernden Charme, ihren nervenaufreibenden Verkehrsstaus, die nur ihre provokante Säkularität und Modernität unterstreichen, aber auch mit ihrer hinreißenden kulturellen Präsenz und – die Emotionalität sei gestattet  – ihrem romantischen mediterranen Panorama besucht hat, wird das Lied von der „Weißen Stadt“ nun auswendig lernen können.


Hans Hermann Henrix und Edna Brocke gedenken des so früh verstorbenen Michael Signer. Dieser außerordentliche Rabbiner und akademische Lehrer, ein wirklicher „Ben-Adam“, wie man in jüdischer Tradition sagt, wird von beiden nicht nur mit großem Respekt, sondern in tiefer menschlicher Verbundenheit gewürdigt. Was viele an Michael Signer geschätzt und von ihm gelernt haben, nicht zuletzt im Blick auf das Thema, dem wir in unserer Zeitschrift Raum geben, kommt in diesem doppelten Nachruf zum Ausdruck. Sein Andenken sei zum Segen für uns beide, Juden und Christen.


Julie Kirchberg hat wieder, wie gewohnt, ihre Bücherschau aufgenommen, informierend und interessierend. Link


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