Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2009-2: Editorial


In der Erörterung grundlegender Fragen der christlich-jüdischen Beziehung kommt es immer wieder zu Diskussionen an der Grenze von Philosophie und Theologie. Hierbei inspirieren besonders jüdische Philosophen aus Frankreich den Austausch, der anhält. Räumte Emmanuel Levinas der Bibel wie selbstverständlich ein Mitspracherecht in seiner Philosophie ein, ohne um den Charakter des Philosophischen besorgt zu sein, so legte Jacques Derrida größten Wert darauf, als Philosoph ernst genommen zu werden. Sein Judesein blieb eher im Hintergrund. Erst in seinem Spätwerk erörterte Derrida Themen, die aus seiner jüdischen Identität herkommen und in die Mitte von Theologie vorstoßen. Sein Beitrag „Abraham, der andere“ ist ein sprechender Beleg dafür. Ihm gilt der Artikel des Bonner Dogmatikers Josef Wohlmuth, der bei Derrida und seinem Entwurf eines „abrahamitischen Judentums“ eine Eröffnung des Freiraums sowohl für Verantwortung als auch für christliche Theologie und ihre Reflexion über Gott und seinen Namen konstatiert.


Der Kirchenhistoriker Wolfgang Sommer erinnert in seinem Beitrag an eine weithin unbekannte Stimme im deutschen Protestantismus während der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Er stellt den Beitrag Wilhelm von Pechmanns, des langjährigen Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages, für Christen jüdischer Herkunft und für Juden dar. Von Pechmann forderte schon nach dem Boykott vom 1. April 1933 einen eindeutigen öffentlichen Protest seitens der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ohne Erfolg. Und dieses öffentliche Schweigen hielt an trotz zunehmender Verfolgung und nachdrücklicher weiterer Intervention von Pechmanns. Wolfgang Sommer stellt heraus, wie die offizielle Kirche ihre Verantwortung für das ganze Volk, die von Pechmann einforderte, schuldhaft versäumte und schließt: „Ein fortgesetztes Schweigen der Christen bedeutet die Mitschuld an einem einzigartigen Verbrechen und die moralische Isolation des deutschen Volkes wie noch nie in seiner bisherigen Geschichte.“


In der Auseinandersetzung um die kritischen Lesarten der Bibel, die von der wissenschaftlichen Exegese eingeführt worden sind und die sich etabliert haben, spielt der Rückgriff auf so genannte geistliche Lesarten eine große Rolle. Es gibt eine Fülle von Literatur, die in der Regel vom Bemühen bestimmt ist, der unausweichlichen Relativierung des christlichen Lesens der Bibel durch den kritischen Blick auf den Text zu entgehen und speziell der Relativierung des auch für das erste Testament beanspruchten biblischen Christus-Fokus eine Hermeneutik für einen nicht-relativierten Lesemodus entgegen zu stellen. Neben einer wachsenden Zahl von Internetauftritten in diesem Bereich gibt es ganze christliche Gemeinschaften, die sich der geistlichen Schriftauslegung verschrieben haben wie die Benediktinerinnen von Mariendonk. Die altkirchliche Praxis des mehrfachen Schriftsinnes in der Tradition der Schule von Alexandria bietet dafür einen intellektuell veritablen Anknüpfungspunkt, der nicht zuletzt in der systematischen Theologie eine relecture erlebt (u.a. Körtner, Voderholzer). Paul Petzels Beitrag widmet sich dem mastermind dieser relecture, de Lubacs Forschungen zur patristischen und mittelalterlichen Schriftauslegung, und stellt die entscheidende theologische Sachfrage, ob und wie tragfähig Allegorien für das Aufschließen biblischer Zusammenhänge sein können.


Die Prominenz religiöser Debatten in der Gesellschaft nimmt zu und gehört in den Bereich einer ‚gefühlten’ öffentlichen Wiederbelebung von Religion. In der Ablösung der Säkularisierungsthese, die lange Zeit für die soziologische Einschätzung von Religion leitend war, durch Theoreme, die von public religions ausgehen (José Casanova), oder die Suche nach religiöser Authentizität als Kennzeichen der neuen Phase des säkularen Zeitalters (Charles Taylor) wahrnehmen, wird diese gefühlte Einschätzung wissenschaftlich untermauert. Eine neue Einschätzung der gesellschaftlichen und religiösen Pluralität, die von Religionsgemeinschaft herkömmlich als bedrängend erfahren wird, bricht sich in diesen Theoremen Bahn. Hans-Joachim Sanders Beitrag befragt neuerdings geführte öffentliche Debatten über religiöse Probleme auf ihren Anteil an Selbstvergewisserungen angesichts einer prekären Pluralität und stellt einen Zusammenhang mit dem Phänomen der public religions her.


Der Historiker Simon Erlanger, der als jüdisches Mitglied der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission in der Schweiz tätig ist, reagiert mit seinem Beitrag auf jüngste Irritationen im jüdisch-christlichen Dialog. Er meint, dass das „Vertrauen noch nicht aufgebraucht ist“, aber dass das „Pflänzchen“ Dialog nicht noch sehr viel mehr an Klimaveränderung zum Schlechteren hin erträgt.


Edna Brocke nimmt die Debatte über die „Abrahamskindschaft“ bzw. die „abrahamitischen Religionen“ auf (vgl. KuI 1/2009,4-12) und diskutiert die damit verbundene Identitätskonstruktionen im Judentum, im Islam und im Christentum. Sie weist daraufhin, dass aus der Perspektive der Abstammung von Abraham nur dessen Nachkommenschaft in der Linie über Isaak bzw. Ismael als „abrahamitisch“ bezeichnet werden kann, während die christliche Identitätskonstruktion einer solchen Abstammungslinie entbehrt. Die Linie der Verheißungsträger geht allerdings nur über Isaak und nicht über Ismael.


Das Jahr 2009 ist ein Jahr des Verlustes für jene, die sich der christlich-jüdischen Beziehung verpflichtet wissen. Mit einer Doppelwürdigung hatten wir in Heft 1 vom zu frühen Tod des Rabbiners, akademischen Lehrers und Dialogikers Michael Signer (1945-2009) am 10. Januar 2009 zu berichten. Nur wenig später – am 25. Januar 2009 – starb Leon Klenicki (1930-2009), der eine bedeutende Stimme des amerikanischen Judentums war und sich als Rabbiner und unbeirrter Anwalt des Dialogs auch im deutschen Kontext zu Wort meldete. Hans Hermann Henrix würdigt Persönlichkeit und Wirken des Verstorbenen. Sein Nachruf sei durch den Hinweis ergänzt, dass Edith Wyschogrod (1930-2009) – Ehefrau von Michael Wyschogrod – , welche Emmanuel Levinas in die amerikanische Diskussion einführte und eine einflussreiche Philosophin der Religion war, am 16. Juli 2009 verstarb.


Wie bereits im ersten Heft dieses Jahres stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer in der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ noch einmal ein hebräisches Kinderbuch vor: den „Utzli Gutzli“ von Abraham Shlonsky. Dieses Singspiel – halb Theaterstück, halb Kinderoper – ist nicht nur ein Juwel israelischer Kinderliteratur, sondern zeigt auch anschaulich, wie ausgiebig hebräisches Schrifttum mit der Weltliteratur flirtet, verbirgt sich doch hinter dem ulkigen Namen „Utzli Gutzli“ niemand anderes als das aus den Grimmschen Märchen bekannte Rumpelstilzchen.


In unserer Rubrik Aktuell dokumentieren wir einige Stimmen zum vieldiskutierten „Goldstone-Bericht“, der vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf zum Gaza- bzw. Hamaskrieg (Dezember 2008/Januar 2009) in Auftrag gegeben und kürzlich mit einer Resolution verabschiedet wurde. Ekkehard W. Stegemann kommentiert den Vorgang.


Julie Kirchberg verdanken wir wieder eine ausführliche Bücherschau. Link

 

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