Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau : Barbara Schmitz

 

Krupp, Michael, Einführung in die Mischna, Frankfurt/Leipzig (Verlag der Weltreligionen) 2007 (223 S., 17,80 €).

Mit dem kleinen Bändchen führt Michael Krupp konzise und präzise in die Welt der Mischna ein, indem es gleich zwei Anforderungen erfüllt: Zum einen ist es eine gut geschriebene Einführung in grundlegende Fragen der Mischna, zum anderen eignet sich der Band als auskunftskräftiges Nachschlagewerk. Vom Entstehungskontext in der Zeit des Zweiten Tempels über die Entstehung der Mischna, ihrer Sprache, einer Kurzzusammenfassung der einzelnen Traktate bis hin zur Vorstellung vollständiger Handschriften und Kommentare wird ein Bogen gespannt. Dieser wird ergänzt durch einige Beispieltexte aus der Mischna, die sich mit knappen und hilfreichen Kommentaren im Anhang befinden. Eine Zeittafel, ein Glossar sowie ein Abkürzungsregister erleichtern die Orientierung gerade für Einsteiger. So zeigt sich bei der Lektüre, was Krupp zu Beginn ankündigt: „Die Lektüre eines Buches wie der Mischna mag für manche wie eine Reise in ein unbekanntes Land sein […]. Man läuft durch das verwirrende Labyrinth von Straßen und Gassen […]. Und doch, zu Hause heil wieder angekommen, ist man verzaubert von dieser fernen Welt. Manchmal ist es gut, sich vorher einen Reiseführer von diesem Land anzusehen. Ein solcher Reiseführer will diese Einführung in die Welt der Mischna sein“ (11).

 


Die Wirklichkeit als Interpretationskonstrukt?

Herausforderungen konstruktivistischer Ansätze für die Theologie, hg. von Andreas Klein / Ulrich H.J. Körtner, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2011 (168 S., 34,90 €).

Anders als andere postmoderne Theorien, mit denen sich theologische Reflexionen mitunter intensiv auseinandergesetzt haben, zeigt sich bei der Rezeption konstruktivistischer Ansätze im theologischen Diskurs beredtes Schweigen: Andreas Klein und Ulrich H.J. Körtner nehmen in ihrem Sammelband diese Herausforderung an und bringen die anstehende Frage auf den Punkt: „Als Wort unserer Sprache ist ‚Gott’ unstrittig ein Teil der Wirklichkeit, die nach konstruktivistischer Auffassung als Interpretationskonstrukt zu begreifen ist“ (4). „Wie aber ist dieses Wirken oder Handeln Gottes unter konstruktivistischem Vorzeichen zu denken?“ (6) In neun Beiträgen – allesamt evangelisch-theologisch – werden aus den unterschiedlichen Fachperspektiven Berührungspunkte, Perspektiverweiterungen wie Anfragen diskutiert. Die durchgehend spürbare Distanz zu konstruktivistischen Ansätzen kennzeichnen diese unterschiedlichen und umsichtigen Auseinandersetzungen. Dass die Beschäftigung mit konstruktivistischen Ansätzen Bereicherung wie Herausforderungen für theologische Diskurse darstellen, wird durchgehend deutlich. Noch unausgeschöpft sind konstruktivistische Theorien im Gespräch zwischen Christentum und Judentum, die den Blick auf die unterschiedlichen theologischen, politischen, kulturellen Konstruktionen schärfen und damit das Gespräch auf eine andere Spur führen könnten.

 


Gamm, Hans-Jochen, Das Judentum. Eine Einführung, Berlin/Münster (Lit-Verlag) 2011 (184 S., 19,90 €).

Die aus dem Jahr 1998 stammende Einführung in das Judentum des Erziehungswissenschaftlers und Historikers Hans-Jochen Gamm ist 2011 durch den Lit-Verlag unverändert neu aufgelegt worden – lediglich erweitert um ein Vorwort von Yuval Lapide, der in warmherzigen Worten das Anliegen von Gamm wertschätzt. Lapide beschreibt den persönlichen Lebensweg von Gamm als „Judentumsentgiftung“ und als Prozess eines deutschen Christen, dessen Weg zu dem „reichhaltigen, blühenden, jüdischen Glaubensgarten“ geführt habe und der sich darum bemühe, „die verzerrte Sicht auf das Judentum zu entzerren bzw. dessen reiche Glaubenstradition […] in seiner Größe und Bedeutung neu erstrahlen zu lassen“ (4). Gamm führt seine Leser in einem geschichtlichen Längsschnitt von Religion und Lebensformen des Judentums über die Frage von Antisemitismus zur Geschichte des deutschen Judentums und des Staates Israel. Der Judenfeindschaft als sozialpsychologischem und pädagogischem Problem ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das durch ein weiteres mit Ideen zu konkreten Fragen zur Unterrichtspraxis ergänzt wird. In diesem konzipiert er „Judentum“ als Längsschnittaufgabe vieler Unterrichtsfächer, bei denen er eine besondere Sensibilität und inneres Verstehen der Lehrkräfte einfordert. Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von 1998 zu sein, bedeutet in diesem Fall leider auch, dass die informativen Statistiken, Tabellen und Statistiken am Ende des Bandes ebenfalls unverändert 1998 enden.

 


Dohmen, Christoph, Mose. Der Mann, der zum Buch wurde, Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) (Biblische Gestalten 24) 2011 (288 S., 18,80 €).

Der Untertitel dieses Bandes aus der Serie der „Biblischen Gestalten“ legt einen Weg nahe, den Christoph Dohmen genau umgekehrt beschreitet: Ausgehend von dem heute allein fassbaren Phänomen des zum Buch gewordenen Mose fragt Dohmen dann nach seiner literarischen Gestalt zurück. Im ersten Teil (A) differenziert Dohmen zwischen der Bedeutung und Funktion der Figur Mose („Wer ist Mose?“) und der historischen Rückfrage nach Mose („Wer war Mose?“). Im zweiten und umfangreichsten Teil (B) analysiert Dohmen die Darstellung von Mose, wie sie im Buch Exodus überliefert ist. Im abschließenden Teil (C) stehen die Auswirkungen des „Mose“ im Mittelpunkt, die sowohl in der biblischen Literatur als auch in der Rezeptionsgeschichte, in der Kunst, Literatur (Thomas Mann), der Psychoanalyse (Sigmund Freud), der Musik (Arnold Schönberg) und in Bezug auf ethische Fragen exemplarisch vertieft werden. Dohmen geht es nicht nur um die Rekonstruktion der Person des Mose, sondern auch darum aufzuzeigen, inwiefern die literarische Gestalt „Mose“ zu einer traditionsbildenden und identitätsstiftenden Funktion wurde.


Die Ringparabel und das Projekt Weltethos, hg. von Hans Küng/ Karl-Josef Kuschel/ Alois Riklin, Göttingen (Wallstein) 2010 (264 S., 24,00 €).

Die Publikation geht auf Ausstellungen des „Projekt Weltethos“ im Jahr 2008 zurück, die die Öffentlichkeit auf die Anliegen des Projekts lenken sollte. Im ersten Teil des Bandes steht die Ringparabel aus Lessings ‚Nathan der Weise‘ im Zentrum, vorgestellt durch einen Artikel von Hans Küng und zwei von Karl-Josef Kuschel. Im zweiten Teil stellt Küng das Projekt Weltethos vor, das nach einem Einleitungsteil durch einen katechismusartigen Frage- und Antwortteil fortgesetzt wird. Diesem wird sich sodann aus vier verschiedenen Perspektiven genähert: Walter Homolka aus jüdischer, Karl-Josef Kuschel aus christlicher, Amira Hafner-Al Jabaji aus islamischer und Ursula Renz aus philosophischer Sicht. Während der jüdische und christliche Beitrag eher die Anschlussfähigkeit an das Projekt Weltethos betonen, äußert sich die Philosophin Ursula Renz kritisch-differenzierter und stellt hermeneutische Grundfragen an das Projekt. Amira Hafner-Al Jabaji ihrerseits beklagt u.a. das Fehlen von Frauen und Frauenthemen in dem durch das Projekt initiierten interreligiösen Diskurs – gerade angesichts der zur Verfügung stehenden großen finanziellen Ressourcen: Dies habe zur Konsequenz, dass gerade die für Frauen problematischen ethischen Themen (Menschenhandel, Prostitution, Zugang zu Bildung und Ämtern etc.) ausgeblendet werden. Dessen ungeachtet beschreibt Josef Osterwalder in der Einleitung die Zielsetzung des Projekts, das nichts Geringeres im Sinn habe, als dass es Frauen und Männer brauche, „die die Idee des Weltethos aufgreifen und wie eine Fackel rund um die Welt tragen; ein Licht, das in alle Lebensbereiche hinein leuchten soll“ (7).


Frankemölle, Hubert, Das jüdische Neue Testament und der christliche Glaube. Grundlagenwissen für den jüdisch-christlichen Dialog, Stuttgart (Kohlhammer) 2009 (256 S., 27,00 €).

Im Titel wird bereits das Programm des Buches deutlich: Frankemölle geht es darum zu zeigen, dass das Neue Testament nicht anders denn als jüdische Schrift verstanden werden kann. In acht Kapiteln schreitet er den Horizont ab, der mit Blick auf die Jesusüberlieferung das Grundlagen­wissen für den jüdisch-christlichen Dialog darstellt. Dazu stellt er im zweiten Kapitel Jesus von Nazareth vor und verortet biographische An­gaben und theologische Aussagen, wie sie in den Schriften des nt überliefert sind, in ihrem zeitgenössisch-jüdischen Umfeld. Im dritten Kapitel kontextualisiert Frankemölle Jesus in den vielfältigen Strömungen und Gruppen des Judentums vor 70 n. Chr. Gerade für „Erstinteressierte“ – aber nicht nur für diese! – dürfte das sechste Kapitel hilfreich sein, in dem zentrale theologische Aussagen und Deutemuster im Horizont des zeitgenössischen Judentums erläutert werden und diese so ihren eigentlichen Aussagekontext zurückerhalten. Das siebte Kapitel geht speziell auf ein zentrales Problem christlicher Überlieferung angesichts des Judentums ein: nämlich die Frage nach der Auflösung des Monotheismus im nt. Frankemölles Band stellt das Grundlagenwissen so zusammen, dass es sowohl als zuverlässige Einführung in die Thematik wie auch als Kompendium dienen kann.


Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden. Neue Perspektiven, hg. von Y. Michal Bodemann und Micha Brumlik, Göttingen (Wallstein) 2010 (294 S., 19,00 €).

Y. Michal Bodemann und Micha Brumlik haben in ihrem Sammelband 37 kurze Beiträge vereint, die unter den Überschriften „Kindheiten“, „Denk’ ich an Deutschland“, „Religiöser Pluralismus“, „Jüdische Immigration“, „Israel und Deutschland“, „Identitäten“ und „Der Zukunft zugewandt“ Spotlights auf jüdisches Leben in Deutschland werfen. Durch die Vielzahl der Beiträge wird deutlich, wie plural, politisch, kulturell und theologisch differenziert jüdische Lebensentwürfe in Deutschland und jüdische Perspektiven auf Deutschland sind. Dabei kommen kritische Positionen gegenüber dem Zentralrat ebenso zu Wort wie das Thema Armut unter jüdischen Immigranten aus den ehemaligen gus-Staaten, sehr differenzierte Auseinandersetzungen mit den Aktivitäten von Chabad Lubawitsch in Deutschland ebenso wie jüdische Jugendarbeit. Auf diese Weise eröffnet dieser kurzweilige Band ein interessantes Panorama vom jüdischen Leben in Deutschland.


Straßburg, Klaus-Dieter, Die Trinitätslehre im jüdisch-christlichen Dialog, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2009 (304 S., 29,90 €).

Klaus-Dieter Straßburg widmet sich in seiner 2008 an der Universität Marburg eingereichten Dissertation der „letzte[n] und schwierigste[n] Frage im jüdisch-christlichen Dialog“ – so Straßburg nach Wyschogrod (13): dem Problem christlicher Trinitätslehre angesichts der streng monotheistischen Konzeption im Judentum. Dabei untersucht Straßburg das Verständnis der Einheit bzw. der Dreieinigkeit Gottes auf jüdischer Seite bei Martin Buber und Franz Rosenzweig, auf christlicher Seite bei Friedrich-Wilhelm Marquardt und Jürgen Moltmann. Aus den Analysen formuliert Straßburg Konsequenzen für den jüdisch-christlichen Dialog unter vier Rücksichten – für die These des gemeinsamen Bekenntnisses zu „dem einen Gott“, für das Problem der Judenmission, für die inhaltliche Ausgestaltung des Dialogs sowie für die Bedeutung der Schoa. Allein die Auswahl von Rosenzweig und Buber auf jüdischer sowie Marquardt und Moltmann auf christlicher Seite macht deutlich, dass es sich nicht um eine Untersuchung der christlichen bzw. der jüdischen Konzeptionen, sondern vielmehr um einen Vergleich ausgewählter und mitunter nur bedingt repräsentativer jüdischer bzw. christlicher theologischer Entwürfe handelt. Straßburg bringt somit vier Entwürfe miteinander in ein Gespräch, die allesamt bereits aus gesprächsbereiter und gesprächsoffener Perspektive gegenüber dem jeweils Anderen stammen. Theologischer Ausgangspunkt für die monotheistischen bzw. trinitarischen Entwürfe ist für Straßburg der Gedanke des göttlichen Seins als eines Seins in Beziehung, das er als die gemeinsame Grundlage der diskutierten Entwürfe annimmt.  Dabei formuliert Straßburg in seinem Fazit einen trinitarischen Denkansatz, der „den Grund der göttlichen Erwählung im Leben und Sterben des erwählten jüdischen Menschen Jesus von Nazareth [sieht], in welchem sich die ewige innergöttliche Beziehung des Vaters zum Sohn und darin Gottes Liebe zunächst zu den Juden, dann zu allen Menschen offenbart“ (279). Inwieweit diese theologische Bestimmung christlicher Trinitätslehre sich als weiterführend im christlich-jüdischen Gespräch für jüdische Teilnehmer erweist, sei dahingestellt. Die Mahnung, dass es die Aufgabe christlicher Theologie sei, „deutlich zu machen, dass die Annahme einer innergöttlichen Beziehung zwischen Vater und Sohn im Geist der Liebe keine gedankliche Installation dreier Götter bedeutet, welche die Ausschließlichkeit der Herrschaft des einen Gottes und mit ihr die Erwählung Israels in Frage stellen würde“ (279), ist in jedem Fall zu unterstreichen.


Tzvetkova-Glaser, Anna, Penta­teuch­auslegung bei Origenes und den frühen Rabbinen, Frankfurt a.M. (Peter Lang) (Early Christianity in the Context of Antiquity 7) 2009 (467 S., 77,80 €).

In den vergangenen Jahren war das Verhältnis zwischen Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten Gegenstand verschiedener Studien. Zunehmend wird deutlich, dass es sich nicht nur um gegenseitige Abgrenzungsprozesse handelt, sondern dass vielmehr vielfältige Beeinflussungen vorliegen. Einen Beitrag zu dieser Frage liefert die 2008 eingereichte Dissertation (Alte Kirchengeschichte/hu Berlin) von Anna Tzvetkova-Glaser, die die Auslegungen des Pentateuchs bei Origenes und den frühen Rabbinen vergleicht. Mit Origenes hat Tzvetkova-Glaser einen frühen christlichen Gelehrten ausgewählt, der in den Zentren jüdischer Gelehrsamkeit, Alexandrien und Caesarea Maritima, tätig war; damit ist ein Austausch untereinander vorstellbar. Anna  Tzvetkova-Glaser führt den Vergleich großflächig an 18 Textbeispielen aus dem Pentateuch durch (Welt- und Menschenschöpfung, Eden, Bindung Isaaks, Pascha, Empfang der Tora etc.). Ausgangsbasis sind dabei die Homilien des Origenes und z.T. andere seiner Schriften einerseits sowie die im palästinischen Milieu verfassten Midraschim andererseits – auch wenn sich bei letzteren freilich die Frage der Datierung stellt. Mit ihrem Oberflächensurvey sucht Tzvetkova-Glaser die großen Linien der Verhältnisbestimmung zu erfassen: So lassen sich rabbinische Einflüsse bei Origenes und christlich-origenianische Einflüsse in der rabbinischen Exegese feststellen, so dass man von expliziten wie impliziten Auseinandersetzungen zwischen den Exegeten sprechen kann. Damit liefert Tzvetkova-Glaser einen Beitrag, der es erlaubt, das spezifische Verhältnis unter den Gelehrten genauer zu erfassen.


von Lochner, Elisabeth, Entscheidende Körper. Zur Hermeneutik jüdischer Bioethik im Bereich des vorgeburtlichen Lebens, Freiburg i. Br. (Herder) (Freiburger theologische Studien) 2008 (196 S., 36,-- €).

Ethische Entscheidungen und die dazugehörende Gesetzgebung beschäftigen die deutsche Öffentlichkeit seit langem – jüngst in der Debatte um die Verfahren der pid. Gerne wird in diesen Diskussionen – meist von christlicher Seite – auf die sog. „jüdisch-christliche“ und biblische Tradition verwiesen, die keine Eingriffe in vorgeburtliches Leben gestatten würden. Dass diese Position der zeitgenössischen wie traditionellen jüdischen Haltung gerade nicht entspricht, sondern diese vereinnahmt, ohne sie zu hören, wird dabei nicht wahrgenommen. Daher widmet sich Elisabeth von Lochners Dissertation (Katholische Moraltheologie, Universität Freiburg) diesem Thema: Sie erläutert jüdische Positionen zu Bioethik und vorgeburtlichem Leben, die die medizinischen Möglichkeiten aus genuin theologischen Gründen befürworten. Elisabeth von Lochner spannt einen weiten Bogen von Sexualität, Familienplanung, assistierte Reproduktionstechniken bis hin zu Fragen des Klonens. Dabei geht es ihr nicht um die Darstellung jüdischer Positionen, sondern um die theologisch-hermeneutischen Argumentationen, die – ausgehend von einer ähnlichen Textbasis – zu geradezu zu gegensätzlichen Ergebnissen im Bereich der jüdischen im Vergleich zur christlichen Ethik führt: Schöpfungstheologie wird in der jüdischen Tradition als Schöpfungsteilhabe verstanden, die Konzeption der Imago Dei als Imitatio Dei. Von Lochner beschreibt als Ziel, einen modernen Problembereich von „zunächst unvertrautem Blickwinkel aus ideengeschichtlich zu beleuchten, um […] einer schnellen Vereinnahmung dieses Hintergrundes in der Rede des so genannten jüdisch-christlichen Erbes entgegenzutreten“ (246).


Müller, Matthias, Christliche Theologie im Angesicht des Judentums. Bausteine einer Phänomenologie des Wartens, Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2009 (368 S., 32,-- €).

Christliche Theologie im Angesicht des Judentums durch den Begriff des Wartens zu konzipieren, ist ein origineller wie spannender Zugriff. Den Ausgangspunkt bildet die Auseinandersetzung mit dem Gedanken der Geduld bei Lévinas. Darauf folgt eine sorgsame und umsichtige Lektüre jüdischer Traditionsliteratur unter der Überschrift „Wartendes Judentum“, die durch eine Untersuchung der christlichen Tradition anhand ausgewählter Kirchenväter und Theologen des 20./21. Jh. – in interessanter Differenz – als „Christliche Theologie des Wartens“ untersucht wird. Im Laufe der Studie ist zu beobachten, dass die Begriffe „Warten“ und „Geduld“ changieren und die Frage nach dem Subjekt des Wartens bzw. der Geduld differieren (Gott, Judentum, Israel, Christus, …). Abgeschlossen wird die Studie durch die Zuspitzung auf die Frage „Der wartende Christus und das Judentum“, um „mit der Geduld eine zumindest in einigen Pfaden in der Mitte der christlichen Theologie verwurzelte Eigenschaft und Handlungsform Gottes vorzustellen, die der göttlichen Unbedingtheit entspricht […]. Von der unbedingten Geduld Gottes als zeitlicher Größe wird deutlich, dass die sich bis heute vollziehenden Heilsereignisse nicht sekundäre Zugeständnisse an ein bedauerliches ‚noch nicht’ sind, sondern dem Wesen Gottes und seinen Verheißungen selbst entsprechen“ (348). Und das bedeutet für Müller auch: „Warum die Anerkennung der bleibenden Heilsbedeutung des Judentums nicht die Annahme eines Heilsweges neben Christus bedeutet, lässt sich also von der Unbedingtheit der Geduld Gottes her ohne eschatologische Spekulationen über die Frage der Messianität Jesu für Israel einsichtig machen. Wenn das Christentum sich im Chris­tus­ereignis selbst auf das Judentum verwiesen weiß, muss die Frage, ob eine Heilsbedeutung des Alten Bundes aus der Perspektive des christlichen Bekenntnisses einen ‚Sonderweg’ neben Christus bedeutet, mit ‚Nein’ beantwortet werden. Die Aussage wird allerdings nicht von einem christlichen Wissen um die Zukunft Israels her getroffen, sondern von der (in der Geduld gegebenen) Gegenwart Christi. Die Frage nach dem Sonderweg ist grundsätzlich falsch gestellt, da sie eine theologische Einsicht außerhalb von Christus annimmt“ (343-344).


Taxacher, Gregor, Apokalyptische Vernunft. Das biblische Geschichtsdenken und seine Konsequenzen, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2009 (254 S., 39,90 €).

Gregor Taxacher visiert die Entwicklung einer Geschichtstheologie an, die er unter dem Leitbegriff „apokalyptische Vernunft“ zu entwickeln sucht. Dabei versteht er diese als die sich von Gottes Offenbarung herleitende Vernunft, die aus Gottes Selbstmitteilung als „theo-eschatologische Belichtung menschlicher Weltgeschichte besteht“ (14). Weil das Sich-Selbst-Überlassen der Geschichte dem biblischen Glauben nicht entspreche, fordert Taxacher eine Geschichtstheologie, als deren Prolegomenon er sein Buch versteht.


Jüdische Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, bearbeitet von Elfi Pracht-Jörns, Köln/ Weimar/ Wien, (böhlau) 2011 (404 S., 29,90 €).

Der vom Landschaftsverband Rheinland finanzierte Band gibt anhand von 85 ausgewählten Quellentexten Einblick in jüdische Lebenswelten im Rheinland von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Diese in erster Linie für Multiplikatoren wie Lehrerinnen und Lehrer konzipierte Quellen­sammlung ermöglicht eine eigen-ständige Beschäftigung mit Originaltexten – von der Kurkölnischen Judenordnung von 1599 über die Krefelder Synagogenordnung aus dem Jahr 1847 bis hin zu dem Bericht eines jungen Zuwanderers aus Oberhausen aus dem Jahr 2009. Jeder der 85 Texte ist mit einer eigenen Einführung versehen; der Quellentext ist sodann im Originallaut wiedergegeben und mit Anmerkungen und speziellen Literaturhinweisen versehen. Wichtige hebräische Begriffe sind in einem Glossar erläutert; eine Zeittafel sowie eine herausnehmbare Karte über jüdische Gemeinden im 19.-21. Jh. im Anhang geben orientierenden Überblick. Dieser Band ist als ein wichtiges Hilfsmittel allen zu empfehlen, die das Interesse an jüdischen Lebenswelten mit dem Interesse an regionaler Geschichte und entdeckendem Lernen verbinden möchten; diese Quellensammlung kann in Oberstufenklassen und Bildungseinrichtungen, aber auch in Veranstaltungen an Uni­versitäten Einsatz finden.


Der Ort des Jüdischen in der katholischen Theologie, hg. von Gerhard Langer und Gregor Maria Hoff, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2009 (333 S., 61,95 €).

Die Frage nach dem Ort des Jüdischen in der katholischen Theologie war Gegenstand einer Ringvorlesung im WS 2006/2007 an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, die unter der Leitfrage „Wie wurde das Jüdische theologisch diszipliniert?“ (7) stand. Diese Frage haben die Salzburger Fachvertreter, ergänzt um die Externen Hans Herman Henrix und Ottmar Fuchs, in Bezug auf die eigene Disziplin ausgelotet. So finden sich in diesem Band neben fachspezifischen Oberflächensurveys (so z.B. Gerhard Langer für das Alte Testament), Einzelstudien wie die Geschichte der Fürbitte für die Juden im Karfreitags-Hauptgottesdienst (Rudolf Pacik), sowie persönlich inspirierte Reflexionen des eigenen Faches (vgl. Anton Bucher zum Judentum im katholischen Religionsunterricht oder Ottmar Fuchs Beitrag für den Bereich der Pastoraltheologie). Auf diese Weise ergibt sich eine Momentaufnahme katholischer Theologie, die Erreichtes sichtbar macht, aber auch Desiderate deutlich hervortreten lässt.


Albertini, Francesa Yardenit, Die Konzeption des Messias bei Maimonides und die frühmittel­alterliche islamische Philosophie, Berlin / New York (de Gruyter) (Studia Judaica XLIV) 2009 (472 S., 128,-- €).

Francesa Yardenit Albertini, die 2011 leider viel zu jung verstorbene Judaistin an der Universität Potsdam, untersucht die Konzeption des Messias bei Maimonides und zeigt dabei auf, dass und wie die unterschiedlichen intellektuellen zeitgenössischen Strömungen das Denken von Maimonides beeinflusst haben: Dies sind neben der Theologie der Karäer verschiedene Strömungen im Islam (vor allem die mu‛tazilitischen und ash‛aritischen), muslimische Denker wie Alfarabi sowie die arabische Konzeption des platonischen König-Philosophen, die sie in einzelnen Kapiteln eingehend untersucht. Dabei geht es Albertini um die Analyse der politischen Konzeption des Messias­gedankens im historischen Kontext sowie um eine Rekonstruktion der Verknüpfungen und gegenseitigen Beeinflussungen von Islam und Judentum durch die Vermittlung der griechischen Philosophie. Zugleich grenzt sich Albertini deutlich von einer möglichen aktuellen Funktionali­sie­rung ihrer Studie ab: Sie verfolge „nicht die Absicht damit einen interreligiösen Dialog anzustreben. […] Im Laufe meiner Forschung habe ich weder im Denken Alfarabis noch in dem des Maimonides einen Hinweis gefunden, der uns erlauben könnte, auf Seiten dieser Philosophen von einem angeblichen Interesse für den ‚interreligiösen Dialog’ auszugehen“ (435-436).

Albertinis Studie ist eine Bereiche­rung: Mit hoher Fachkompetenz und Textkenntnis erschließt sie Maimoni­des in seinem zeitge­nössischen musli­mischen Umfeld und führt die Leserinnen und Leser damit gleich in zwei dem westlichen mainstream vielfach unbekannte Text- und Denkwelten ein.


Heuser, Andrea, Vom Anderen zum Gegenüber. „Jüdischkeit“ in der deutschen Gegenwartsliteratur, Köln/ Weimar/Wien, (böhlau) 2011 (396 S., 44,90  €).

In ihrer 2008 an der Universität Köln eingereichten Dissertation analysiert Andrea Heuser jüdische Identitätsreflexionen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Sie ordnet ihren Stoff durch zwei Zeitachsen: Die eine ist das Jahr 1945 mit Alfred Anderschs „Efraim“, Jean Amérys „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“, Paul Celans „Todesfuge“, Wolfgang Hildesheimers „Tynset“, Alain Finkielkrauts „Der eingebildete Jude“ und Esther Dischereits „Als mir Golem öffnete“. Die zweite Achse bildet nach Heuser das Jahr 1989; hier analysiert sie Ruth Klügers „weiter leben“, Bernhard Schlinks „Die Be­schneidung“, Robert Schindels „Gebürtig“, W.G. Sebalds „Die Ausge­wanderten“, Katharina Hackers „Eine Art Liebe“, Barbara Honigmanns „Alles, alles Liebe“, Dagmar Leupolds „Nach den Kriegen“ sowie Maxim Billers „Die Tochter“.  Andrea Heuser schließt ihre Analy­sen mit einer interessanten Über­legung ab: „Die offene zukunfts­weisende Frage könnte daher ab­schließend lauten: Wenn die besagte Literatur der Rückbindung, wenn das literarische Gespräch zwischen ‚Deut­schen’ und ‚Juden’ den außer­literari­schen öffent­lichen Diskursen zwischen Deutschen und Juden so weit voraus ist, wächst diesem Raum des Fiktionalen damit nicht auch die Qualität einer Utopie zu? Zumindest lässt sich für die deutsche Literatur eines sagen und wagen: Das Prinzip ‚Hoffnung’“ (372).


Dietrich, Walter, Samuel (1 Sam 1-12), Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2011 (Biblischer Kommentar VIII/1) (562 S., 149,-- €).

Mit den Kapiteln 1-12 liegt der erste Teil der Kommentierung des Ersten Samuelbuchs von Walter Dietrich zusammenhängend und gebunden vor, der in Einzelfaszikeln seit 2003 in ungefähr jährlichen Abständen erschienen ist.

Im ersten Teil (1*-58*) gibt Walter Dietrich eine doppelte Einführung: In der ersten nimmt er die literarische Gestaltung von 1 Sam 1-12 in den Blick (synchrone Aspekte), in der zweiten das literarhistorische Wachstum der Texte (diachrone Aspekte). Nach einem umfangreichen Literaturverzeichnis (59*-74*) folgen 560 Seiten der Kommentierung von 1 Sam 1-12, die durch verschiedene Register abgeschlossen werden. Die Kommentierung hält sich an die durch die Reihe „Biblischer Kommentar“ vorgegebene Struktur: Unter „Text“ wird eine wissenschaftlicher Genauigkeit verpflichtete Übersetzung mit textkritischen Überlegungen geboten. Unter den Stichworten „Form“ und „Ort“ diskutiert Dietrich die synchronen und diachronen Fragen, und unter „Wort“ folgt eine semantische Analyse. In der fünften und letzten Kategorie „Ziel“ fragt Dietrich danach, „was das anthropo­logisch und theologisch bleibend Bedeutsame des jeweiligen Textes sein könnte“ (V-VI). Damit grenzt er sich von christologischen Interpretationen der alttestamentlichen Texte ab, wie sie an dieser Stelle mitunter in der Reihe „Biblischer Kommentar“ zu finden sind. Nach der Lektüre des Kommentars bleibt zu hoffen, dass bald weitere Faszikel der Kommentierung folgen werden.


Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, hg. von der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, 3 Bände (Theologischer Verlag Zürich) 2011 (2716 S.,  97,50 €).

Nach dem Abschluss der Neuübersetzung der 1531 erstmals erarbeiteten Zürcher Übersetzung im Jahr 2007 liegt nun auch die dreibändige Kommentarreihe erklärt des dazu vorgesehenen Begleitpro­gramms bibel(plus) vor. Die ersten beiden Bände kommentieren das Alte Testament (Bd. 1: Gen bis 2 Kön, Bd. 2: 1 Chr bis Maleachi), der dritte Band das Neue Testament. Jedes biblische Buch beginnt mit einem Steckbrief sowie einer in blau unterlegten, kurzen Inhaltsangabe. Beides ist zur ersten Orientierung nützlich, auch wenn die Angaben mitunter sehr vage ausfallen (müssen); so ist beispielsweise unter Abfassungszeit des Buches Genesis „ca. 1000-200 v. Chr., mit zum Teil erheblich älteren Vorstufen“ zu lesen. Auf die Zusammenfassung folgt die deutsche Übersetzung des biblischen Textes. Dieser wird dann in einer etwa gleichlangen Kommentierung erläutert, wobei der Kommentar selbst durch ein anderes Schriftbild abgesetzt ist. Der zur Rezension vorliegende erste Band der Serie zeichnet sich dadurch aus, dass wichtige Aspekte des biblischen Textes sorgsam ausgewählt und allgemeinverständlich, aber wissenschaftlich präzise erläutert werden. Damit bietet die Kommentierung Einsichten sowohl für biblische Einsteiger als auch für informierte Leserinnen und Leser. Positiv ist ebenfalls zu vermerken, dass der als „HERR“ übersetzte Gottesname in der Kommentierung mit JHWH wiedergegeben wird. Neben der Kommentierung finden sich Randnotizen, die auf biblische Bücher bzw. andere Bibelstellen verweisen, die weiterführende Literatur empfehlen oder die ein Stichwort erläutern, indem der Glossareintrag der Zürcher Bibel (z.T. mit Abbildungen) abgedruckt ist. Das spezifische Profil der Zürcher Bibel wird in dieser Kommentierung unter dem Stichwort „Wirkung“ deutlich, unter dem eigens die Bedeutung bestimmter Bibelstellen für die reformatorische Theologie erläutert wird. Durch die Randnotizen wird insgesamt ein navigierendes Lesen ermöglicht, das die gute Kommentierung trefflich unterstützt.

 

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