Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur: Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Schir ha-Schirim Rabba – ein spätantik-frühmittelalterlicher Midrasch zum Hohenlied


Das Lied der Lieder Salomos.

Dass er mich tränkte mit Küssen seines Mundes!

Denn deine Liebe ist süßer als Wein,

der Duft deiner Salben betörend,

feinstes Öl dein Name,

deshalb lieben dich die jungen Mädchen.

Zieh mich dir nach, wir wollen eilen!

Brächte der König mich in seine Gemächer!

Wir wollen jubeln und uns deiner freuen,

uns an deiner Liebe berauschen mehr als an Wein.

Wohl tun sie daran, dich zu lieben.[i]


So lautet der bekannte Auftakt des Hohenliedes (Cant 1,1-4), mit dem die Hebräische Bibel selbst in Sachen Erotik die Weltliteratur nachhaltig inspiriert hat. Ungezählte Dichter greifen im Laufe der Geschichte auf die alttestamentlichen Verse zurück, um sie ihrer je eigenen Liebesliteratur zu unterlegen: Goethe und Herder, Mendelssohn und Heine, Victor Hugo und Jean Giraudoux,[ii] Umberto Eco[iii] ... – ein paar kopierte Zeilen verhelfen schreibfaulen Verliebten noch heute leicht zu einem Liebesbrief! Augenfällig ist die Sinnlichkeit der zitierten Passage sowie des gesamten Hohenliedes. Gerade deshalb mögen die rabbinischen Auslegungen der talmudischen Epoche, den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, den geneigten Leser oder die am einfachen Wortsinn orientierte Leserin verwundern, wenn der Midrasch die vom Hohenlied sehr offen besungene Liebe auf eine ganz spezifische Weise verortet:

Dass er mich tränkte mit Küssen seines Mundes! (Cant 1,2). Wo wurde das gesagt? Rabbi Chanina Bar Papa sagte: Am Schilfmeer! Das ist es, was du sagst (Cant 1,9): Der Stute an des Pharao Wagen vergleiche ich dich, meine Freundin. Rabbi Juda sagte im Namen des Rabbi Simon: Am Sinai wurde das gesagt, wie es heißt (Cant 1,1): Das Lied der Liederdas Lied war das Hohelied, das Sänger vortrugen, wie es heißt (Ps 68,26): Sänger zogen voran, danach Spieler mit Instrumenten. (SchirR I,2).


Oder wenn dieser Verortung am Sinai entsprechend die Rabbinen die Küsse mit folgender Szene ausschmücken:

Dass er mich tränkte mit Küssen seines Mundes! (Cant 1,2). Eine andere Auslegung. Rabbi Jochanan sagte: Ein Engel überbrachte jeden Ausspruch des Heiligen, gepriesen sei er, und trug ihn jedem einzelnen Israeliten vor. Dann fragte der Engel ihn: Nimmst du diesen Ausspruch an? Er enthält so und so viele Rechtssätze, so und so viele Strafen, so und so viele Verordnungen, so und so viele leichte und schwere Gebote und so und so viele Belohnungen. Antwortete der Israelite darauf mit ‚ja‘, fragte der Engel weiter: Anerkennst du die Göttlichkeit des Heiligen, gepriesen sei er? Antwortete der Israelite wiederum mit ‚sicher, ja!‘, so küsste ihn der Engel unvermutet auf den Mund. Dies ist es, was geschrieben steht (Dtn 4,35): Dir, dir ist es gezeigt worden, damit du erkennst. (SchirR I,2).


Oder wenn schließlich die wie lustvollste Trunkenheit empfundenen Liebkosungen nüchtern und ernüchternd auf den Weg von Thora und Halacha weisen:

Denn deine Liebe ist süßer als Wein (Cant 1,2). Eine andere Auslegung: Das sind die Worte der Thora. (...).

Simon Bar Abba sagte im Namen des Rabbi Jochanan: Die Worte der Schriftgelehrten sind beliebter als die Worte der Thora. Was bedeutet (Cant 7,10): Und dein Mund wie köstlicher Wein? Chabraja sagte im Namen des Rabbi Jochanan: Die Worte der Schriftgelehrten sind beliebter als die Worte der Thora, denn es heißt: Deine Liebe ist süßer als Wein. (...).

 

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[i] Damit die Bezüge zwischen biblischen, rabbinischen und modernen Texten klar hervortreten, werden hier und im Folgenden alle hebräischen Zitate von der Verfasserin in eigener Übersetzung wiedergegeben.

[ii] Song of Songs in the Arts, in: Encyclopaedia Judaica 15, Jerusalem 1971, 151-152. 

[iii] Umberto Eco, Der Name der Rose, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1984 (italienische Originalausgabe 1980), 315-317.

 

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