Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans-Joachim Sander

Mission statt Erwählung.
Die Abhängigkeit des Christus-Symbols vom Index der bleibenden jüdischen Erwählung.[i]


   Hans-Joachim Sander studierte Katholische Theologie, Mathematik und Geschichte an verschiedenen Universitäten, promovierte 1990 in kath. Theologie an der Universität Würzburg und habilitierte sich dort 1997. Er ist seit 2002 Univ.-Prof. für Dogmatik an der Universität Salzburg und Mitherausgeber dieser Zeitschrift.

 

 

Mission statt Erwählung.
Die Abhängigkeit des Christus-Symbols vom Index der bleibenden jüdischen Erwählung

Im Jahr 2009 kam es zu einem heftigen Streit um ein Papier des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken „Nein zur Judenmission - Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“.[ii] Neben katholischen Bischöfen trat damals auch Robert Spaemann mit einem Artikel in der FAZ vehement gegen Relativierungen der Judenmission auf. Sein Artikel war betitelt mit: „Gott ist kein Bigamist“.[iii] Er bemühte darin als Kronzeugin Edith Stein, die ihrer Schwester beim Abtransport ins Vernichtungslager sagte: „Komm wir gehen für unser Volk!“. Im Rückgriff auf das Testament Edith Steins deutet er das ‚für’ als: „zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes“.


Wenn deutsche Intellektuelle zur Absicherung einer Behauptung den Holocaust bemühen, sollte man nach aller Erfahrung genauer hinsehen. Edith Stein wurde am 7. August 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort am 9. August ermordet. Ihr Testament stammt vom 9. Juni 1939. Es liegen also etwas mehr als drei Jahre zwischen dem Eintrag in das geistliche Testament, das eine damals unvermeidliche Frömmigkeitspraxis für Kleriker und Ordensangehörige war, und den Worten, auf die sich Spaemann beruft. Angesichts der Zeitumstände sind das für eine Philosophin von der Qualität Edith Steins durchaus Lichtjahre. Aber ich will keine Edith-Stein-Debatte führen, sondern herausstellen, wie viel Spaemann daran gelegen ist, die Grundaussage des genannten Papiers aus dem Feld zu schlagen. Schon der Titel seiner Wortmeldung klingt wie die Befürchtungen eines insgeheim zweifelnden Liebhabers, ob die Geliebte nicht doch ihre erste Liebe mehr als nur im Herzen bewahrt. Es geht offenkundig um eine existentielle Dimension, bei der es gefährlich zu werden scheint.


Die gefährlichen Juden und die gefährdete Kirche – das Grundproblem der Judenmission

In Spaemanns Artikel findet sich folgende Nebenbemerkung, die mitten in das Problem christliche Mission an Juden führt: „Man muss sich klarmachen, dass die Annahme der meisten dieser Thesen einen Bruch mit dem Selbstverständnis der Kirche seit den Tagen der Apostel bedeuten würde. Ich für meinen Teil könnte dieser Kirche nicht mehr angehören. Denn seit dem sogenannten Apostelkonzil versteht sich die Kirche als Kirche aus Juden und Heiden seit Jesus, wie Paulus schreibt, durch sein Kreuz den Zaun zwischen Juden und Heiden niedergerissen hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mit dem Verschwinden des Judenchristentums als eigener Gruppe in der Kirche unter dem Druck von Byzanz und dem Islam die christliche Kirche phänotypisch zur Heidenkirche geworden ist.“ Nur auf der Basis einer strategisch angesetzten Inklusion von Juden kann sich die katholische Kirche auf den Schultern der Apostel überhaupt halten, der anzugehören Robert Spaemann existentiell so wichtig ist.


Als einer der Autoren der attackierten Thesen muss mich fragen, ob ich verantwortlich sein will, dass Robert Spaemann aus der katholischen Kirche austritt. Aber auf mich kommt es ja auch gottlob dabei nicht an, sondern auf die Juden. Wenn diese sich nicht mehr von der Universalität christlicher Mission überzeugen lassen – und sei es auch nur eschatologisch, wie Spaemann die berühmte Karfreitagsfürbitte des gegenwärtigen Papstes deutet –, dann hat Robert Spaemann keinen Ort mehr in der Kirche.

 

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[i] Vortrag auf der Tagung „Christen und Juden – Offene Fragen. Positionen um Christus, Messias, Politik und Konsum“, Evangelische Akademie Tutzing, 22.-24. Oktober 2010.

[ii] Für die weitere Debatte „um eine innerchristliche theologische Verständigung über die Heilsfrage“ (10) vgl. Hubert Frankemölle/Josef Wohlmuth (Hg.), Das Heil der Anderen. Problemfeld ‚Judenmission’, Freiburg 2010, sowie Gregor Maria Hoff, Nach der Judenmission? Eine katholische Positionsbestimmung, in: Mariano Delgado/Hans Waldenfels (Hg.), Evangelium und Kultur, Fribourg 2010, 411-429.

[iii] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. April 2009.

 

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