Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Gregor Maria Hoff

Die Integrität des Dialogs


   Gregor Maria Hoff studierte klassische Philologie, Katholische Theologie und Germanistik in Bonn und Frankfurt/M. 1995 promovierte er, 1999 wurde er habilitiert. Seit 2002 ist er Professor für Fundamentaltheologie und ökumenische Theologie an der Universität Salzburg. Seit 2011 ist er stellvertretender Leiter des Fachbereichs Systematische Theologie. Sehr gern ist Prof. Hoff der Bitte der Herausgeber nachgekommen unser Redaktionsmitglied zu würdigen.


Hans Hermann Henrix zum 70.

Dialog lebt von Menschen und persönlichen Beziehungen, die sich an der Standfestigkeit der Gesprächspartner wie der Verlässlichkeit ihrer Positionen festmachen. Er bedarf differenzierter, intellektueller Akustik und setzt eine Erotik des Verstehens voraus, die das biographische Risiko einschließt, sich vom Einspruch des Gegenübers und jedem besseren Argument verändern zu lassen. Was trivial klingt, wird im Raum des jüdisch-christlichen Dialogs politisch brisant. Er stellt hohe Anforderungen gerade an den deutschen katholischen Theologen, der sich zur Schuldgeschichte seiner Kirche verhalten und sich der historischen Verantwortung des eigenen Volks stellen muss.  

Integrität des Dialogs lautet das entsprechende Stichwort. Man findet es bei Hans Hermann Henrix.[i] In mehrfacher Hinsicht kein Zufall. Wer nach dem Stand des jüdisch-christlichen Gesprächs heute fragt, greift zielsicher nach seinen Schriften.[ii] Das gilt im Blick auf die profunden Informationen und klugen Analysen, die Henrix bietet, wie für die Haltung des Autors, seinen Stil als theologischer Schriftsteller. Man meint, seine Stimme zu hören, wenn man ihn liest: den vornehmen Ton, der das Gespräch kennzeichnet, in das er sich unbeirrbar vermittelnd ziehen lässt – und in das er so viele Menschen gezogen hat. Integrität des Dialogs: Hans Hermann Henrix verkörpert sie. 

Der jüdisch-christliche Dialog ist das Lebensthema dieses umfassend ökume-nisch gebildeten Theologen.[iii] Am 21. November 1941 geboren, gehört Henrix zu der Generation, die noch Kindheitserfahrungen mit dem 2. Weltkrieg verbindet. Sie steht in einem biographischen Zusammenhang mit der Geschichte des Nationalsozialismus, für die sie keine Verantwortung trägt, um dennoch persönliche Verantwortung zu übernehmen. Der Schock der Shoa, das bleibende Entsetzen über die systematische Vernichtung der Juden, verbindet sich bei Henrix mit einer theologischen Einsicht, zu der seine Kirche spät, viel zu spät in aller Entschiedenheit gefunden hat: dass Israel die Kirche trägt; dass die Kirche auf das jüdische Glaubenszeugnis verwiesen und angewiesen bleibt. Während Henrix katholische Theologie an der Jesuiten­hochschule St. Georgen (Frankfurt a.M.) studierte, ging das 2. Vatikanische Konzil zu Ende – mit der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“, die Henrix in ihrer israeltheologischen Regie später immer wieder kommentierte. Der Ton dieses bedeutenden Dokuments lebt von der offenen Herzlichkeit Johannes xxiii., dem die Klärung der Beziehungen der Kirche zum Judentum am Herzen lag. Dieser Ton findet sich in den Arbeiten von Hans Hermann Henrix unverwechselbar wieder.


Am Niederrhein aufgewachsen, machte Henrix 1961 am Humanistischen Gymnasium in Viersen sein Abitur.  Sein Weg führte an die Universität Köln, wo er sich zunächst für Wirtschaftswissenschaften immatrikulierte, um von 1964 bis 1966 Philosophie und Theologie in St. Georgen zu studieren. Mehrere St. Georgener Professoren waren als Konzilsberater tätig, und sie trugen die Atmosphäre des kirchlichen Aufbruchs auch in ihre Hochschule. Den konziliaren Schwung dieser Zeit hat Henrix nicht mehr aufgeben wollen und nie verloren. Seine weiteren theologischen Studien führten ihn nach Innsbruck und Münster, seine Vorlesungen und Seminare in die Lehrveranstaltungen von Karl Rahner und Walter Kasper, dem Henrix Jahre später wieder begegnen sollte: nun seinerseits als kirchlicher Berater, als Konsultor der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum beim Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen, dem Kardinal Kasper vorstand.  

Den Weg in diese Aufgaben bereitete die Münsteraner Zeit vor, die bei Henrix schon früh auf eine israeltheologische Erweiterung der Ökumene aufmerksam machte und fortan immer wieder drängen ließ – programmatische Aufsätze belegen diesen spezifischen Zuschnitt seiner Theologie eindrucksvoll und auf lange Zeit hin bemerkenswert, aber auch bedauerlich außenseiterisch. Das hat Henrix nie daran gehindert, entschlossen den Weg in den jüdisch-christlichen Dialog und seine theologische Vertiefung zu gehen. Seine Tätigkeit an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen stellte hier die Weichen. Ab 1975 von Bischof Klaus Hemmerle gefördert, blieb Henrix von der charismatischen Figur dieses Bischofs inspiriert und geprägt. Ihm folgte er in den Gesprächskreis Juden und Christen beim ZdK, dem er seit 1977 angehört. Das Vertrauensverhältnis zu seinem Bischof prägte ihn nachhaltig.


Seit 1988 Leiter der Aachener Akademie, schuf er hier einen einzigartigen Raum für das jüdisch-christliche Gespräch. Eine Vielzahl von Tagungen und Publikationen belegt, wie Henrix als Veranstalter, immer aber auch als theologischer Akteur Schneisen für den Dialog schlug. Einen Höhepunkt bildet das Gespräch, das Henrix gemeinsam mit Kollegen 1986 zwischen Emmanuel Levinas und Klaus Hemmerle ermöglichte. Die suchende theologische Annäherung, die sich exemplarisch im Ringen um ein mögliches Verständnis kenotischer Christologie nach Auschwitz vollzieht, vermittelt sich in den Fragen von Hans Hermann Henrix.[iv] Was problematisch bleibt, bestimmt er auf neue Vermittlungsoptionen hin, als läse er ständig im Spiegel, im Abtausch der Blicke auf den anderen hin. Einfaches Zugeständnis, Überspielen der theologischen Unterschiede kommen nicht in Betracht. Stattdessen präpariert er „Nähe und Differenz in der Gottesrede“[v], ohne um ihre Vermittlung schon vorab zu wissen, ohne sie um ihre bleibende Spannung zu bringen. Das gemeinsam unterschiedene Gotteszeugnis wird vielmehr zu einer eigenen offenbarungstheologischen Größe.


In seinen eigenen Beiträgen – knapp 300 Titel weist seine Publikationsliste aus, die neben Herausgaben, Aufsätzen und Besprechungen auch vier Monographien umfasst[vi] – findet man in der Vielzahl von Themen letztlich die Arbeit am Gottesbegriff im Zentrum. Das Motiv gemeinsamer jüdisch-christlicher Gottesbestimmung gibt allem eine Richtung. Seine Berichte über die neuesten Entwicklungen im Dialog führen unbeirrbar auf die theologischen Sachfragen zurück. Das entschiedene Nein zu jeder Form einer christlichen Judenmission umgeht christologische Kernfragen nicht, sondern bringt sie ein. Die hohe Christologie Hans Hermann Henrix‘, der tödliche Ernst des Glaubens an den Gott, der sich in der menschlichen Geschichte inmitten ihrer zerstörerischen Gewalt durchsetzt, zeigt sich in einer kenotisch erschütterten Christologie: 

Im Blick auf den Einwurf von Levinas, die Menschwerdung sei zuviel für Gottes Armut und zu wenig für Gottes Herrlichkeit, besteht die christliche Antwort in der schlichten und philosophisch wehrlosen Rückfrage: Was aber, wenn es dem Gott Israels gefallen hat, eine Nähe einzugehen, die in der Tat als ein Zuviel erscheint für die göttliche Armut, und eine Anwesenheit zu wagen, die als ein Zuwenig erscheint für Gottes Herrlichkeit, ohne die seine Armut keine Erniedrigung ist?[vii]


Es handelt sich in der christologischen Leseanweisung zugleich um eine stille Hermeneutik des jüdisch-christlichen Dialogs. Er macht sich an messianischer Hoffnung fest, die Christen von Juden haben und mit ihnen teilen, im Unterschied der theologischen Interpretationsformen. Ihre – bleibende? – Bedeutung vor Gott steht aus. Das entlastet den theologischen Disput eschatologisch, macht ihn aber zugleich umso schärfer, denn es geht immer ums Ganze unserer Existenz vor Gott. Wie es um uns steht, um unseren Glauben und die offenen Fragen, die das Gespräch stacheln, wird sich am Ende unseres Lebens erweisen, wenn unser Glaube vom Herrn der Geschichte gewogen wird. Unser Glaube sei nicht zaghaft, wohl demütig, ohne Anspruch auf einen Komparativ, ohne Polemik gegen anderen Glauben.[viii]


Diese hermeneutische Regel erlaubt es Henrix, die möglichen Anknüpfungspunkte zu bestimmen, die jüdische Denker und Denkfiguren für ein christliches Inkar­nationsverständnis bieten. Dabei hält er fest im Blick, dass es gerade der Glaube an die Menschwerdung Gottes ist, der jüdischen Einspruch provozieren muss. Das macht seine eigenen Überlegungen umso markanter – behutsam formuliert, oft in Fragen, immer tastend, nie unbestimmt: 

Bei allem Festhalten an der souveränen Erhabenheit und Transzendenz Gottes ist der Tradition des nachbiblischen Judentums tief eingestiftet: Gott neigt sich zu seinem Volk herab; Er offenbart sich ihm und geht seine Wege mit; Gott lässt sich durch das Schicksal seines Volkes anrühren und betreffen bis dahin, dass im Exil Israels Gott selbst das Exil erleidet.[ix]


Der Gott, der sich in die Geschichte herabneigt, vermittelt sich an Israel – die Be­deutung der Transzendenz Gottes offenbart sich in der Geschichte einer göttlichen Zuwendung. Sie spielt in Geschichte, sie eröffnet menschliche Lebensräume, von denen Gott nicht einfach zu trennen ist. Ungetrennt und unvermischt – das Paradigma der chalkedonensischen Christologie kann für Henrix an dieser Stelle zum Einfallstor einer wechselseitigen Gottesbestimmung werden.[x] Sie erweist sich in den Gestalten einer „Nachahmung Gottes“[xi], im gelebten „Entsprechungsverhältnis zwischen Gott und seinem Volk“,[xii] in dem die Heiligkeit Gottes menschlich zur Geltung kommt. Die Heiligkeit Gottes zu leben, inkarniert sie. Juden wie Christen folgen diesem Heiligkeitsgesetz; auf diese Weise teilen sie, in der Fluchtlinie von Henrix‘ Gedanken, eine gemeinsame Geschichte der Inkarnation. Die beanspruchte Analogie ist prekär. Niemand weiß das besser als Henrix. Kein Bruch, wohl aber ein Moment der Trennung, der Negation bestimmt die gegebene und gesuchte Gemeinschaft von Judentum und Christentum gerade an diesem heißesten Punkt ihrer Gottesauffassungen. Aber auch das lässt sich mit Henrix nur in mehreren, ineinander verschobenen Spannungsbögen angemessen zur Geltung bringen: 

Die unterschiedliche Vorstellung von der Nachahmung Gottes, die „Verbindung von Gemeinschaft und Ungemeinschaft“ auch unter dem Aspekt der Grundausrichtung gläubiger Existenz in Judentum und Christentum ist wahrzunehmen. Die Differenz, Unterschiedenheit und Ungemeinschaft ist nicht ohne eine zugleich gegebene Unterströmung von Affinität, Nähe und Gemeinsamkeit.[xiii]


Die intellektuelle Form des Dialogs zeigt in ihrer differenzhermeneutischen Komposition, dass sie streng theologisch verankert ist. Deshalb kann Henrix mit besten Gründen seine Aufsätze mit dem theologischen Marker „Dialog als Programm“ versehen.[xiv] Jüdische Philosophen stehen hier – von Rosenzweig bis Levinas – ebenso Pate wie der genannte Klaus Hemmerle und viele andere Partner des weltweit verzweigten Gesprächs, das Henrix führt und pflegt. Dialogische Theologie – sie charakterisiert den Vermittlungstheologen Hans Hermann Henrix in seinen Argumentationsfiguren und seiner Lebensform.


Sein wacher Blick für die großen Themen verbindet sich auf dieser Basis mit der intellektuellen Sensibilität für ihren problematischen Kern. Im Abtausch der Argumente, noch wo er sich diskret absetzt, spürt man in seiner Kritik die Bereitschaft zur Wertschätzung. Bei vielen der eindringlichsten Texte von Hans Hermann Henrix handelt es sich um Porträts, die sich hermeneutisch in Dienst nehmen lassen.[xv] Dem entspricht seine ökumenische Entschlossenheit, die sich im irenischen Gestus der Gedankenführung durchsetzt. Sie besitzt durchaus eine politische Dimension, nämlich eine dialogische Verbindlichkeit, die den Aachener Europäer zum religionspolitischen Vermittler macht. Sein Engagement für die Adalbert-Stiftung belegt dies eindrucksvoll.


Hans Hermann Henrix wird in diesem Jahr 70 Jahre alt: ein geduldiger, kluger Berater seiner Kirche, der mit kirchenpolitischen Widerständen und auch persönlichen kirchlichen Enttäuschungen leben musste, ohne je zu verbittern oder zu resignieren; ein gelehrter Theologe, dessen Autorität mit den seltenen Auszeichnungen einer Ehrenpromotion (durch die Universität Osnabrück 2000) und der Verleihung einer Honorarprofessur (durch die Universität Salzburg 2009) akademische Anerkennung fand; ein Gentleman des jüdisch-christlichen Dialogs, für dessen Integrität er steht.




[i] H. H. Henrix, Messianisches Judentum heute. Eine überraschende Wirklichkeit und Irritation im christlich-jüdischen Verhältnis, in: StdZ 229 (2011), 519-530, hier 529.

[ii] Vgl. vor allem die beiden von Henrix mitverantworteten Standardwerke: R. Rendtorff / H.H. Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band I: Dokumente von 1945 bis 1985, Paderborn-Gütersloh 32001; H. H. Henrix / W. Kraus (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band II: Dokumente von 1986 bis 2000, Paderborn-Gütersloh 2001.

[iii] Vgl. H. H. Henrix, Schweigen im Angesicht Israels? Zum Ort des Jüdischen in der ökumenischen Theologie, in: G. Langer / G. M. Hoff (Hg.), Der Ort des Jüdischen in der katholischen Theologie, Göttingen 2009, 264-297.

[iv] G. Fuchs / H.H. Henrix (Hg.), Zeitgewinn. Messianisches Denken nach Franz Rosenzweig, Frankfurt a.M. 1987, 163-183. 

[v] H.-H. Henrix, Jüdisch-christlicher Dialog. Aus katholischer Sicht, in: P. Eicher (Hg.), Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe (Neuausgabe), Bd. 2, Mücnhen 2005, 321-331, hier 327. 

[vi] Vgl. die vollständige Publikationsliste auf http://www.henrixhh.de

[vii] H.H. Henrix, Judentum und Christentum. Gemeinschaft wider Willen, Kevelaer 2004 (2. erweiterte Auflage 2008), 167.

[viii] Ebd.

[ix] Ebd., 185.

[x] Vgl. ebd., 168.

[xi] Vgl. ebd., 175-192.

[xii] Ebd., 180f.

[xiii] Ebd., 189.

[xiv] So überschreibt er den ersten Teil seines gewichtigen Aufsatzbandes: H.H. Henrix, Gottes Ja zu Israel. Ökumenische Perspektiven christlicher Theologie (Studien zu Kirche und Israel 23/ Aachener Beiträge zu Pastoral- und Bildungsfragen 21), Berlin/Aachen 2005, 5ff.

[xv] Vgl. exemplarisch die unter dem Titel „Dialog im Vollzug“ gesammelten Aufsätze zu Rosen-zweig,  Jonas und Levinas im zitierten Aufsatzband (203ff.) und den gemeinsam mit Hanspeter Heinz herausgegebenen Band: „Was uns trennt, ist die Geschichte“. Ernst Ludwig Ehrlich – Vermittler zwischen Juden und Christen, München/Zürich/Wien 2008.

 

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