Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Wolfgang Kraus

Der christlich-jüdische Dialog aus evangelischer Sicht*


   Dr. Wolfgang Kraus ist Professor für Neues Testament an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken, und Theologischer Berater und Vorsitzender der Theologischen Arbeitsgemeinschaft des Vereins „Begegnung von Christen und Juden“ (BCJ).

 

 

Der christlich-jüdische Dialog aus evangelischer Sicht

Vorüberlegungen – oder: auf dem Weg zum Thema[i]

Im Jahr 1962 erschien das Buch „Der ungekündigte Bund“. Es war die Dokumentation der Beratungen der ag Juden und Christen beim Berliner Kirchentag 1961. Neben Diskussionsvoten, die die fortdauernde Erwählung des Volkes Israel als Volk Gottes zum Ausdruck bringen, findet sich darin auch ein Aufsatz des früheren Berliner Neutestamentlers Günther Harder, der in diese Richtung argumentiert: „Die Verheißungen, die Israel gehören, bleiben seine Verheißungen. Ihre endgültige Erfüllung schließt Israel mit ein. ‚Das ganze Israel’ (Röm 11,26) wird und muß zur Vollendung kommen.“[ii] Grundvoraussetzung für Harders Argumentation ist ein Satz, wie er in der Erklärung von Berlin-Weißensee, 1950, begegnet. Dort heißt es: „Wir glauben, daß Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.“[iii] Im Jahr 1964 hielt Günther Harder dann in der Jüdischen Volkshochschule in Berlin einen Vortrag, der mit dem Hinweis darauf endete, es gebe in der Kirche – insbesondere in theologisch konservativen, lutherisch-konfessionellen Kreisen – noch immer Gegenstimmen, die der Verwirklichung der Erklärung von Berlin Weißensee entgegenstünden, in der das Volk Israel weiterhin als das erwählte Volk betrachtet werde.[iv] Diese Aussage wurde auf verschlungenen Wegen im Landeskirchenamt in München bekannt und erregte dort Aufsehen. Einer der Oberkirchenräte (Hermann Greifenstein) holte sich bei Prof. Wilhelm Stählin Rat. Dieser schrieb ihm, dass eine solche Aussage nur zu verstehen sei „im Zusammenhang mit jener Fehlentwicklung einer wortstarken Gruppe unserer evangelischen Kirche, die den Unterschied zwischen ecclesia und Synagoge verwischt, weil sie im Grunde weder an die Incarnation noch an die Auferstehung glaubt.“ Es handle sich, so Stählin, um eine „falsche Theologie ..., die in unserer Kirche sich heute breit macht und die ich für eine der verhängnisvollsten Verfallserscheinungen innerhalb der evangelischen Kirche halten muß. ... Es scheint mir also notwendig, daß von autoritativer Seite ein klares Wort zu dieser Aftertheologie von der Kontinuität des Volkes Gottes gesagt wird. Ich erinnere mich nicht genau, was auf der Weißenseer Synode 1950 (an der ich teilgenommen habe) gesagt worden ist. Jedenfalls hat die Synode keinesfalls erklärt, daß das Volk Israel weiterhin als das erwählte Volk betrachtet werden soll. Ich kann mir nicht denken, daß die Synode einer solchen offenkundigen Irrlehre zustimmt.“[v]


Als W. Stegemann mich fragte, ob ich bereit wäre, über den christlich-jüdischen Dialog aus evangelischer Sicht zu sprechen, dachte ich, mit diesem Beispiel beginnen und dann mit Bob Dylan sagen zu können: The times, they are a-changin’. Die Zeiten ändern sich; das ist inzwischen anders, die Position von Wilhelm Stählin und dem Münchener okr liegen endgültig hinter uns. In den letzten Monaten habe ich dann allerdings Beiträge gelesen, die im Zusammenhang des Versuchs der Implementierung eines „Israel-Bezuges“ in die Kirchenverfassung (kverf) der Evang.-Luth. Kirche in Bayern (elkb) im Korrespondenzblatt des bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins veröffentlicht wurden – und seither bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir wirklich davon ausgehen können, diese Position sei überwunden. Eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen: denn bereits die Geschichte und v.a. die Nachgeschichte der Synode der elkb von Straubing 2008 sprechen in dieser Hinsicht schon eine deutliche Sprache. Die Synode hielt 2008 Rückschau auf die Synodalerklärung von 1998 und versuchte zugleich einen Ausblick. Es wurde dann ein Papier verabschiedet, das deutliche Züge eines mit heißer Nadel genähten Flickens aufweist.[vi] Die Aussagen waren gut gemeint, aber teilweise sehr missverständlich formuliert. Doch das Interessante waren die Reaktionen in der kirchlichen Öffentlichkeit.


Es gab offene Briefe, die mit der Erklärung von Straubing die Grundlagen der Kirche in Frage gestellt sahen. Die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis (ksbb) veranstaltete eine Unterschriftensammlung gegen die Erklärung. Es gab vor allem den Vorwurf, mit einer deutlichen, synodalen Absage an die organisierte Judenmission werde der Bekenntnisstand verletzt und würden die heutigen sog. messianischen Juden verraten.

 

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*     Der Beitrag ist Pfr. Dr. Rudolf Landau, mit dem mich nicht nur die Frage nach der wahren Kirche und das Interesse an der Theologie Hans Joachim Iwands, sondern eine langjährige Freundschaft verbindet, zum 65. Geburtstag und damit zum Einstieg in den „Unruhe“-Stand, gewidmet.

[i] Der hier abgedruckte Vortrag wurde bei einer Tagung 2010 in Tutzing gehalten. Er stellt die überarbeitete und erweiterte Fassung des Aufsatzes „Die Bedeutung von Römer 9-11 im christlich-jüdischen Gespräch“, in: Florian Wilk/ J. Ross Wagner, Between Gospel and Election. Explorations in the Interpretation of Romans 9-11, WUNT 257, Tübingen 2010, 205-223, dar. Der Stil der Rede ist beibehalten. Fußnoten sind auf ein Minimum beschränkt. Den aktuellen Kontext des hier vorgelegten Beitrages bildet die Diskussion um eine Ergänzung der Kirchenverfassung (ErgKVerf) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) um einen expliziten Bezug zum jüdischen Volk. Bei der Landessynode im Frühjahr 2010 wurde hierzu ein Antrag eingebracht.

[ii] G. Harder, Das christlich-jüdische Gespräch im Verhältnis zum christlichen Zeugnis an Israel, in: Der ungekündigte Bund. Neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde, hg. von D. Goldschmidt u. H.-J. Kraus, Stuttgart 1962, 145-159, hier 158.

[iii] Text in: R. Rendtorff / H.H. Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, München Paderborn 1988, 548f.

[iv] E.-L. Schmidt, Die Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern und die Juden 1920-1992, in: W. Kraus (Hg.), Auf dem Weg zu einem Neuanfang, München 1999, 25-46, hier 38f.

[v] Ebd., 39.

[vi] Das Papier zeigt in Struktur und Diktion überaus deutlich, dass versucht wurde, unterschiedliche, zueinander in Spannung stehende Interessen zusammenzuzwingen.

 

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