Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klaus Wengst

Christen als „Amaleks“ Kinder und ihre Verwiesenheit auf Israel: ein offenes Problem[i] 

   Klaus Wengst ist evangelischer Theologe und emeritierter Professor für Neues Testament der Ruhr-Universität Bochum.

 

 

 

Christen als „Amaleks“ Kinder und ihre Verwiesenheit auf Israel: ein offenes Problem


Der Titel meines Vortrags mag etwas rätselhaft erscheinen. Diese Formulierung war in meinem ursprünglichen, noch umständlicheren Vorschlag der Untertitel. Als Bibelwissenschaftler liegt es für mich nahe, mich einem gestellten Thema mit biblischen Texten zu nähern. Das gestellte Thema ist „Erinnerung“, Erinnerung an ein unvorstellbar grausames Geschehen[ii]. Von solcher Erinnerung ist in eigenartiger Weise in Dtn 25,17-19 die Rede. Darauf bezogen hatte ich als Titel formuliert: „Sich erinnern, was ‚Amalek‘ Israel getan hat, und die Erinnerung an ‚Amalek‘ auslöschen“. Doch bevor ich auf diesen Text eingehe, will ich in einem ersten Teil einige Überlegungen anschließen an die Titelformulierung der gesamten Vortragsreihe, die zuerst vorgeschlagene und die schließlich gewählte.


Die bleibende Bedeutung der Erinnerung oder die bleibende Bedeutung der Schoa?

Im gedruckten Programm ist die Vortragsreihe überschrieben: „Die bleibende Bedeutung der Erinnerung an die Schoa“. Der ursprüngliche Arbeitstitel lautete: „Die bleibende Bedeutung der Schoa für unser Selbstverständnis“, für diesen Abend zugespitzt: „für unser christliches Selbstverständnis“. Ich denke, dass die Änderung sehr überlegt erfolgt ist und dass es gut war, sie vorgenommen zu haben. Die ursprüngliche Formulierung ist nicht davor geschützt, die Schoa zu verzwecken, von positiven Auswirkungen her, die das Bedenken der Schoa gehabt hat, dieser selbst in irgendeiner Weise Sinn zu geben. Es hat mich schon als Kind verstört, wenn meine Großmutter ein schlimmes Ereignis im Dorf mit dem Satz kommentierte: „Man weiß nicht, wofür es gut war.“ Es kommt ja vor – Gott sei Dank! –, dass Schlimmes in irgendeiner Weise zum Guten ausschlägt oder die eine oder andere positive Folge hat. Aber es darf nicht sein, dem zutiefst Sinnlosen des planvollen massenhaften Mordens in der Schoa durch nachträgliches Aufladen mit Sinn auch nur den Hauch von Legitimation zu geben.


Ich will das hier anstehende Problem an einem neutestamentlichen Text im Kontrast mit einem altkirchlichen verdeutlichen. In der Apokalypse des Johannes erblickt der Seher bei der Öffnung des fünften Siegels (Apk 6,9f.) unter dem himmlischen Altar „die Seelen derjenigen, die um des Wortes Gottes willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten, hingeschlachtet worden sind“. Er hört sie schreien; es ist ein Schrei aus der Not, ein Schrei, der Abhilfe verlangt, Gottes Eingreifen fordert: „Wie lange noch, heiliger und wahrhaftiger Herrscher, richtest Du nicht und vergiltst Du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?!“ Was die Ermordeten schreien, ist ein ausgesprochener Protestruf. Sie erheben Protest gegen die Gewaltgeschichte, deren Opfer sie geworden sind, und verlangen ihr Ende. Selbst und gerade sie, die Märtyrerinnen und Märtyrer, sind noch nicht am Ziel, solange die Gewaltgeschichte unablässig weiterläuft, solange ihre Mörder, dazu noch unter dem Schein des Rechts, ihr Werk weitertreiben können. Hier besteht ein fundamentaler Unterschied zur Sicht des Martyriums bei Ignatius von Antiochia. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom bittet dieser die Gemeinde mit größtem Nachdruck, alles zu unterlassen, was sein Martyrium verhindern könnte. Er will es unbedingt erleben und fiebert ihm geradezu entgegen. So formuliert er: „Ich schreibe allen Gemeinden und halte allen eindringlich vor, dass ich gerne für Gott sterbe, wenn ihr es nur nicht verhindert. Ich mahne euch, dass ihr mir ja nicht ungelegen Gunst erwirkt! Lasst mich ein Fraß von Raubtieren sein! Durch sie ist es möglich, zu Gott zu gelangen. Weizen Gottes bin ich und durch die Zähne von Raubtieren werde ich gemahlen, damit ich als reines Brot Christi erfunden werde“ (IgnRöm 4,1). Ignatius denkt individuell im Blick auf die eigene Person; er will durch das Martyrium zu Gott und damit zum Ziel gelangen. Ganz anders Johannes: Für ihn sind die Märtyrerinnen und Märtyrer noch nicht am Ziel. Er sieht sie nach Apk 6,11 in einem Wartestand. Das ist für ihn deshalb so, weil er nicht individuell denkt, sondern die Geschichte im Blick hat, die weiterhin solche Opfer produziert. Er bezieht sich dabei auf die Schrift. Das „Wie lange noch?“ ist Aufnahme entsprechender Fragen der Klagepsalmen. „Wie lange noch sollen Gewalttätige, Ewiger, wie lange noch sollen Gewalttätige triumphieren?!“ (Ps 94,3). Der Ruf „Wie lange noch?!“ ist ein Schrei nach der Wiederherstellung des Rechts. Gott soll als Richter handeln und den Ermordeten zu ihrem Recht verhelfen und die Mörder zur Rechenschaft ziehen. Darum geht es, nicht um „Rache“.

 

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[i] Vortrag, gehalten am 25. November 2009 in Mainz, Haus am Dom, im Rahmen der Reihe: „Die bleibende Bedeutung der Erinnerung an die Schoa“.

[ii] Sicher kann dieses Geschehen „vorgestellt“, es kann sogar – etwa bei einer Besichtigung von Auschwitz und Birkenau – sehr präzis beschrieben werden. Aber das Unvorstellbare bleibt gerade, dass es tatsächlich ausgeführt wurde.

 

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