Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Carsten Jochum-Bortfeld

„So schwer liegt die Macht der Finsterniß auf dem Judenthum“[i]

Zum Bild des Judentums in der Kommentierung des Johannesevangeliums von Ferdinand Christian Baur

 

   Dr. Carsten Johum-Bortfeld ist Privatdozent für Neues Testament an der Universität Hildesheim und geschäftsführender Leiter des Fernstudiums Evangelische Theologie in Niedersachsen.

 

 

„So schwer liegt die Macht der Finsterniß auf dem Judenthum“[i]

Zum Bild des Judentums in der Kommentierung des Johannesevangeliums von Ferdinand Christian Baur

Wie nur wenige Theologen des 18. oder 19. Jahrhunderts hat der Tübinger Neutestamentler und Kirchenhistoriker Ferdinand Christian Baur die exegetische Wissenschaft bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt. Reventlow sieht in ihm einen zentralen Begründer der historisch-kritischen Methode in den Bibelwissenschaften.[ii] Baurs exegetische Bearbeitung des Johannesevangeliums (im Folgenden: Joh) ist hierfür ein prägnantes Beispiel. Das Joh bietet mit wie z.B. 8,44 Sätze und Vorstellungskomplexe, die für die Entwicklung christlicher Judenfeindschaft eine zentrale Rolle gespielt haben. Auf den folgenden Seiten werde ich das Bild des Judentums, das Baur in seiner Kommentierung des Joh entwirft, im Hinblick auf antijüdische Elemente untersuchen.


„Daß also so viele Menschen den wahren, zum ewigen Leben führenden Glauben nicht haben, hat seinen Grund in ihrer intellektuellen Unfähigkeit.“[iii]


Mit diesen Worten charakterisiert Baur Nikodemus in Joh 3: Der Lehrer Israels verbleibt in einer Form des Glaubens, die sich allein auf die Wunder (semeia) gründet. Der Glaube orientiert sich allein am sinnlich Erfahrbaren. Zu den wahren geistigen Begriffen kann Nikodemus nicht durchdringen. Baur setzt diesen nur äußerlichen Glauben mit dem eigentlichen Unglauben in Beziehung: „er (der äußerliche Glaube, cjb) ist nur auf der intellektuellen Seite, was der Unglaube auf der ethischen ist, ihre Einheit aber haben beide in derselben Liebe der Menschen zur Finsterniß, welche sich zum Licht nur negativ verhalten kann.“[iv]


Innerhalb weniger Zeilen stellt Baur eine bestimmte Sicht auf das antike Judentum, das Jesus nicht als Messias anerkannte, dar. Innerhalb des Buches „Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien, ihr Verhältnis zu einander, ihren Ursprung und Charakter“ bietet er eine Gesamtinterpretation des Joh. In diesem Kontext entwirft Baur das Bild des Joh vom Judentum, so wie er es durch seine exegetische Arbeit rekonstruiert hat, nach. Dieses Bild kann nicht frei von theologischen Prämissen Baurs sein. Deswegen muss nach den theologischen und vor allen Dingen philosophischen Voraussetzungen in der Baurschen Darstellung des Judentums im Joh gefragt werden. Dabei wird das Verständnis von Religion eine zentrale Rolle spielen. Baur spricht von einer religiösen Praxis, die auf den wahren geistigen Begriffen beruht.[v] Diese Vorstellung scheint eine normative Basis zu sein, von der aus Baur die jüdische Religion bewertet.

 

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[i] Ferdinand Christian Baur, Vorlesungen über neutestamentliche Theologie, hg. von Ferdinand Friedrich Baur, 1973 (Nachdruck der Ausgabe von 1864), 391.

[ii] Vgl. Henning Graf Reventlow, Epochen der Bibelauslegung. Bd. 4: Von der Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, 2001, 278.

[iii] Ferdinand Christian Baur, Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien, ihr Verhältnis zu einander, ihren Ursprung und Charakter, 1847, 144.

[iv] Baur, Untersuchungen, 144.

[v] Vgl. Baur, Untersuchungen, 144.

 

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