Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heinz Tenhafen

Jesus von Nazareth: Weder „Jude“ noch „Christ“?

John H. Elliotts Thesen zur kollektiven Identität Jesu und des Judentums seiner Zeit – Darstellung und Kritik


   Dr. Heinz Tenhafen ist pensionierter Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland; er hat in seiner Dissertation („Das neue Gottesvolk. Die Anfänge des Christentums und der antike Ethnizitäts-Diskurs“, 2004) auf dem hier zur Debatte stehenden thematischen Feld gearbeitet.


 

Jesus von Nazareth: Weder „Jude“ noch „Christ“?

John H. Elliotts Thesen zur kollektiven Identität Jesu und des Judentums seiner Zeit – Darstellung und Kritik

Seit mehr als drei Jahrzehnten bemüht sich die so genannte dritte Suche nach Jesus (third quest) darum, Neues über den historischen Jesus herauszufinden. Ein gegenüber den bisherigen Jesusdiskursen erreichter Konsens der gegenwärtigen Epoche der Jesusforschung besteht insbesondere darin, dass Jesu Zugehörigkeit zum Judentum nicht mehr infrage gestellt wird. Im Gegenteil – die Anerkennung von Jesu jüdischer Identität wird geradezu als ein konstitutives Kennzeichen der dritten Forschungsepoche verstanden. Diese an sich selbstverständliche, aber in den christlichen Diskursen über zwei Jahrhunderte lang umstrittene Einsicht wurde nicht zuletzt begünstigt durch ein neues, gerechteres Bild vom Judentum zur Zeit Jesu, das etwa von E.P. Sanders durch die Verbindung von Erwählung und Tora im Begriff des „Bundesnomismus“ auf den Punkt gebracht wurde. Überhaupt hat Sanders den bisherigen Konsens von einem sektiererisch fragmentierten Judentum, der im Begriff des „Gruppenpluralismus“ noch relativ neutral versprachlicht worden war, prinzipiell infrage gestellt und durch den Begriff des „common Judaism“ (gemeinsames Judentum) ersetzt.[i] Sanders‘ Analysen sind allerdings noch ganz und gar geleitet von einem „Religionsmodell“ des antiken Judentums, dem gegenwärtig ein „Ethnizitätsmodell“ gegenübergestellt wird,[ii] und zwar zumal von Bibelwissenschaftlern, die sozialwissenschaftliche Methoden in ihren historischen Analysen einsetzen. So hat z.B. die kulturanthropologisch orientierte Bibelexegese den Fokus auf den Kontext der jüdischen Kultur bzw. den mediterranen Kulturraum insgesamt gerichtet und gezeigt, dass diese von Werten (etwa Ehre und Schande) geprägt waren, die in den westlichen Gesellschaften unserer Zeit keine große Rolle mehr spielen. Von nachhaltiger Bedeutung ist in unserem Zusammenhang die Einsicht, dass in den antiken Gesellschaften des Mittelmeerraums Religion bzw. religiöse Praktiken nicht als ein eigenständiger, separater Bereich menschlicher Erfahrungen verstanden wurden, sondern als Teilbereich der Kultur eines Volkes – und damit also zur kollektiven ethnischen Identität gehörten. Wenn sich aber das Judentum auch zur Zeit Jesu zunächst und vor allem durch Aspekte der Ethnizität als Kollektiv identifizierte, dann muss dies natürlich auch Auswirkungen auf Jesus von Nazareth, sein kollektives Selbstverständnis und eben auch dessen Deutung durch die Bibelwissenschaft haben. Genau diesem Thema hat der amerikanische Neutestamentler John H. Elliott, einer der Mitbegründer der sozialwissenschaftlichen Bibelexegese, einen ausführlichen und bemerkenswerten Aufsatz gewidmet mit dem Titel: Jesus the Israelite was neither a „Jew“ nor a „Christian“: On correcting misleading nomenclature.[iii] Schon mit dem Titel seiner Untersuchung macht Elliott nicht allein sein grundsätzlich zu begrüßendes Anliegen deutlich, nämlich die Verwendung von Begriffen aus unserer Zeit zur Kennzeichnung ethnischer Identitäten des ersten Jahrhundert der Zeitrechnung als anachronistisch und gegebenenfalls auch irreführend zu kennzeichnen; er stellt vielmehr bereits im Titel das Ergebnis seiner dann folgenden Analyse voran: Weder die Bezeichnung „Christ“, noch aber auch die Bezeichnung „Jude“ kennzeichnen nach Meinung von Elliott die kollektive Identität Jesu in angemessener Weise; historisch zutreffender sei vielmehr der Kollektivbegriff „Israelit“ für Jesus. Überraschend ist zweifellos nicht, dass Elliott Jesus nicht als „Christ“ bezeichnen möchte, doch fällt durchaus aus der bisherigen Nomenklatur heraus, dass für Jesus (und übrigens auch seine Nachfolgeschar, wie der Aufsatz dann zeigen wird) die Bezeichnung „Jude“ unangemessen sei. Der Verfasser hält freilich überhaupt die Begriffe „Jude“ (Jew) und „Judentum“ (Judaism) für den hier infrage kommenden Zeitraum für anachronistisch. Davon könne mit gutem Grund erst seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. die Rede sein.[iv] Gleiches gilt nach Elliott auch für die Bezeichnungen „Christ“ bzw. „Christentum“, insofern damit – wie mit Jude bzw. Judentum – eine Religion bzw. die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft in unserem modernen Sinne bezeichnet werden soll.[v] Es sei hier aber schon angedeutet, dass Elliott nicht allein den (religiösen) Begriff  „Jude“, sondern auch den (ethnischen) Begriff „Judäer“ für Jesus und seine Nachfolgegemeinschaft als unsachgemäß zurückweist.

 

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[i] E.P. Sanders, Judaism. Practice and Belief. 63 BCE-66 CE, Philadelphia 1992.

[ii] Eine ausführliche Differenzierung dieser Modelle: W. Stegemann, Jesus und seine Zeit, Stuttgart 2010, 207-236; s. auch den Beitrag von Wolfgang Stegemann in diesem Heft.

[iii] John H. Elliott, Jesus the Israelite was neither a “Jew” nor a “Christian”: On correcting misleading nomenclature, in: Journal for the Study of the Historical Jesus 5 (2007) 119-154. Die Übersetzungen der Zitate stammen von mir.

[iv] Elliott beruft sich dafür u.a. auf J. Neusner, Judaism and Christianity in the Age of Constantine. History, Messiah, Israel, and the Initial Confrontation, Chicago 1987, ix.

[v] Vgl. Elliott (Anm. 3), 120.

 

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