Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur: Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Gustav Meyrink: Der Golem (1915)


Was ist jüdische Literatur? Die gängige Definition lautet: Von jüdischen Autoren[i] verfasste Texte über jüdische Themen. Mithin scheinen die Grenzen dieses Korpus klar konturiert. Doch weit gefehlt! Wie so oft ist der Grenzverlauf auch hier nicht selten unsicher, und gerade an den Rändern können besonders markante Ecksteine stehen, von denen nicht einmal klar ist, zu welcher Seite sie gehören: zur jüdischen Literatur, zur nicht-jüdischen Literatur? Man denke beispielsweise an Thomas Manns Romantrilogie Joseph und seine Brüder, die nicht nur eine Thematik der Hebräischen Bibel monumental aufrollt, sondern diese darüber hinaus breit mit talmudisch-rabbinischem Sondergut ausgestaltet.[ii] Zwar ist Thomas Mann kein jüdischer Autor, sein Romanzyklus als judaistische Lektüre indes äußerst ergiebig. Demgegenüber mag man das Werk des jüdischen Franz Kafka anführen, welches bestens ohne jede Kenntnis von Judentum gelesen werden kann, lässt es die jüdische Traditionsliteratur doch kaum je direkt anklingen. Doch dessen ungeachtet machen Literaturwissenschaftler darin immer wieder jüdische Motive, rabbinische Substrate oder kabbalistische Elemente ausfindig.[iii] Und nicht zuletzt ist angesichts solcher Auslegungen zu bedenken, dass der findige Exeget, die gewiefte Interpretin, bei virtuoser Handhabung ihrer Methode – sei diese nun historisch-kritisch, strukturalistisch, semiotisch, rabbinisch oder dergleichen mehr – mit Leichtigkeit stringente intertextuelle Abhängigkeiten zwischen Midrasch und Dada, Talmud und Dekonstruktivismus oder Kabbala und Surrealismus aufzudecken vermögen. Mithin weist das Korpus jüdischer Literatur immer wieder durchlässige Stellen und unscharfe Grenzlinien auf – zum Verdruss normativer Gattungsforscher, zum Genuss vergnügter Leser.


So soll an dieser Stelle ein Werk vorgestellt werden, das sich in eben diesem Grenzbereich ansiedelt, dessen literarische Konstellation sich indes noch einmal grundlegend anders präsentiert. Gemeint ist Gustav Meyrinks Roman Der Golem,[iv] denn hier nimmt ein protestantischer, sich später zum Buddhismus bekennender österreichischer Autor einen genuin jüdischen Stoff auf (den des rabbinischen Kunstmenschen) und – und dies ist das eigentlich Erstaunliche – bringt diesen Stoff in einer klassischen Form zur Vollendung, sodass Gustav Meyrinks Golem als die wohl berühmteste Version aus den ungezählten Golem-Fassungen herausragt.[v] Mithin ein ‚Klassiker der jüdischen Literatur‘? Wie gestaltet ein christlich-buddhistischer Schriftsteller die jüdische Thematik? Und weshalb verwendet er ausgerechnet das Judentum als Rahmen seines 1915 erschienenen Romans?


Der Golem-Stoff

Am Anfang des Golem-Stoffes steht ein singuläres Wort von unsicherer Bedeutung einerseits, andererseits ein namenloses Motiv von ungewöhnlichem Inhalt, zwei Größen ohne zwingende Zusammengehörigkeit: Das Wort – der Golem, das Motiv – ein Kunstmensch! Vermutlich erst nach Jahrhunderten finden die beiden seltsam unvollständigen Hälften in der jüdischen Traditionsliteratur als Paar zusammen – vielleicht dennoch den beiden Hälften des platonischen Kugelmenschen ähnlich?

 

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[i] Jüdische Autorinnen erobern sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst seit der Moderne, heute aber zunehmend eine Position in der Literaturszene.

[ii] Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, 3 Bände, Berlin 1975 (entstanden 1926-1942, erschienen 1948). Thomas Mann hat sich für diesen Romanzyklus intensiv mit dem Judentum auseinandergesetzt und insbesondere den spätantiken rabbinischen Genesis-Kommentar Midrasch Bereschit Rabba als Quelle benutzt.

[iii] Karl Erich Grözinger/Stéfane Mosès/Hans Dieter Zimmermann (Hg.), Kafka und das Judentum, Frankfurt a.M. 1987.

[iv] Gustav Meyrink, Der Golem, Prag 1995 (1915).

[v] Elisabeth Frenzel, Golem, in: dies., Stoffe der Weltliteratur, Stuttgart 1976 (1962), 248-250.

 

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