Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Wolfgang Stegemann

Religion als Teil von ethnischer Identität

Zur aktuellen Debatte um die Kategorisierung des antiken Judentums


    Dr. Wolfgang Stegemann ist em. Professor für Neues Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau und Mitherausgeber dieser Zeitschrift.

 

 

Religion als Teil von ethnischer Identität - 

Zur aktuellen Debatte um die Kategorisierung des antiken Judentums

Um es gleich vorweg zu sagen: Die aktuellen wissenschaftlichen Debatten über Selbst- und Fremdverständnis des antiken Judentums, auf die ich hier eingehe, beteiligen sich nicht unmittelbar an Diskursen über die Definition des Judentums oder der Frage, wer Jude bzw. Jüdin ist. Es geht hier also nicht um Seinsaussagen. Gefragt wird vielmehr danach, was in den untersuchten Texten selbst an Vorstellungen über Judentum erkennbar ist, bzw. wer in ihnen zum Judentum gerechnet wird. Es geht also letztlich darum, welche Diskurse antike Texte führen, wenn sie über Jüdinnen und Juden bzw. über Judentum sprechen. Ich werde folgende Aspekte kurz behandeln: (1) Religion als anachronistische Kategorie; (2) dem modernen Begriff Judentum entspricht kein antikes Äquivalent; (3) sinnvoller ist ein Ethnizitätsmodell statt eines Religionsmodells für das Verständnis des antiken Judentums; (4) einige Folgerungen aus dem Perspektivenwechsel.


1. Religion als anachronistische Kategorie in Beziehung auf antike mediterrane Kulturen

Im Journal for the Study of Judaism hat der renommierte kanadische Josephus-Experte Steve Mason einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel: „Jews, Judeans, Judaizing, Judaism: Problems of Categorization in Ancient History“ (2007).[i] Es handelt sich dabei um einen der – wie ich meine – wichtigsten Beiträge zu jenem Diskurs, von dem ich hier wenigsten einen kleinen Eindruck vermitteln möchte. Um was es geht, lässt sich anschaulich an Masons Beschreibung der Aufgaben seines Lehrstuhls (Canada Research Chair in Greco-Roman Cultural Interaction) verdeutlichen. Seine Aufgabe der Erforschung „kultureller Interaktion“ in der griechisch-römischen Welt umschreibt Mason selbst auf seiner Homepage so:[ii]


Wie haben sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Osten des Römischen Reichs und wie haben sie andere in Beziehung zu sich selbst verstanden? Welche Kategorien waren gängig (z.B. ethnos, patria, nomos, eusebeia, paideia, philosophia), und welche Mentalität reflektieren sie? Wie sahen die Menschen tatsächlich die Welt, nicht zuletzt bei Abwesenheit der Landkartenmentalität (map mentality), die wir für selbstverständlich halten? Wie verhalten sich einige unserer grundlegenden Kategorien (z.B. Nation, Staat, Religion, Kultur) zu ihren Vorstellungen?


Es geht Mason auch um ein „Übersetzungs“-Problem, ja im Sinne seines eigenen Forschungsbereiches könnte man sinnvoller sagen, dass es ihm nicht nur um die „Interaktion“ von antiken Kulturen untereinander geht, sondern auch um die „Interaktion“ unserer modernen westlichen Kulturen mit literarischen (und materiellen) Relikten der antiken östlichen römischen Welt, insbesondere auch des Judentums. Und in der Tat rechnet Mason zu Recht damit, dass die von ihm beispielhaft genannten fundamentalen Kategorien unserer Welt, man könnte auch sagen: unsere kulturellen Codes, nicht einfach eins zu eins übertragbar sind auf antike Kulturen und deren Ordnungsbegriffe. Unsere Vorstellung von „Nation“ zum Beispiel ist keineswegs deckungsgleich mit dem, was man sich in Jerusalem, Rom oder Athen unter einem ethnos (oder hebräisch: am) vorstellte. Ja, für manche modernen Kategorien können wir nicht einmal auf ein antikes Äquivalent verweisen. Das trifft etwa auf die mit dem modernen Begriff „Kultur“ verbundenen Vorstellungskonzepte zu. Und manchmal werden bestimmte antike Diskurse in ihrer eigenen Kultur einer Kategorie zugeordnet, die in unserer Vorstellungswelt einer anderen Kategorie zuzurechnen wären.


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[i] Zuerst  erschienen in: Journal for the Study of Judaism 38 (2007) 457-512. Jetzt auch in: S. Mason, Josephus, Judea, and Christian Origins. Methods and Categories, Peabody 2009; ich zitiere hier nach der Erstpublikation. Zu den hier diskutierten Problemen verweise ich auch auf meine ausführlichere Diskussion in: W. Stegemann, Jesus und seine Zeit, Stuttgart 2010, 180-236.

[ii] http://www.yorku.ca/smason/index.html (abgerufen am 14.3.2010; m.Ü.).

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