Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Buchvorstellung: Wolfgang Stegemann


Ivana Bendik, Paulus in neuer Sicht?
Eine kritische Einführung in die „New Perspective on Paul“,
Stuttgart (Kohlhammer) 2010 (211 S., 24,-- €).


Dies ist die Publikation einer Dissertation an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Sie greift ein im deutschsprachigen Wissenschaftsraum noch selten monographisch behandeltes Thema auf, nämlich die „neue Paulusperspektive“. In dieser Zeitschrift wurde der entsprechende internationale Paulusdiskurs erstmals umfassender dem deutschsprachigen Publikum von Christian Strecker dargestellt (KuI 1.96). Im selben Heft von Kirche und Israel erschienen im Übrigen Übersetzungen von zwei grundlegenden Aufsätzen zweier Exegeten, nämlich von Krister Stendahl und James d.g. Dunn, die für die Positionierung der neuen Paulusperspektive von grundlegender Bedeutung sind. Bendik fasst einen entscheidenden Aspekt dieser neuen Sicht auf Paulus so zusammen:


Die New Perspective hat sich die Aufgabe gestellt, die … Paulusinterpretationen nicht auf Konstrukten der jüdischen Religion als einer werkgerechten Leistungsreligion aufzubauen … Sie will (vielmehr) der jüdischen Religion Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie aus der Antithese zum Christentum befreien (149).


Dies ist in der Tat die einschneidendste Veränderung der „neuen“ im Vergleich zur „alten“ Paulusperspektive, die auch als „lutherische“ oder – umfassender noch – als „westliche“ Sicht auf Paulus auf den Begriff gebracht werden kann. Die Vertreter/innen der neuen Perspektive stellen die paulinische Theologie nicht mehr als Antithese dem „Zerrbild“ vom Judentum als „gesetzlicher“, auf Werkgerechtigkeit gründender Religion gegenüber. Vielmehr setzen sie ein Bild vom antiken Judentum voraus, das insbesondere von E.P. Sanders (nach Vorarbeiten vieler anderer) zusammenfassend auf den Begriff „Bundesnomismus“ gebracht worden ist. Sanders geht davon aus, dass die Tora sozusagen eingeklammert ist als Verpflichtung Israels zwischen dessen Erwählung durch Gott und die Erwartung eschatologischer Errettung durch göttliche Barmherzigkeit.


Eine zweite gewichtige Veränderung besteht darin, dass die in der alten Perspektive vorherrschende „individualistische Interpretation der Rechtfertigungslehre“ (auf den Begriff gebracht in Luthers Diktum: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“?) durch einen kollektiven, „ethnischen“ bzw. soziologischen Deutungshorizont abgelöst wird: Wie können die „(Heiden-)Völker“ Anteil bekommen an dem Heil Israels? Dieser vor allem durch  Stendahl betonte „shift in the frame“ ist später, wie Bendik deutlich macht, insbesondere durch J. Dunn weiter ausgearbeitet worden. Bendik stellt die unterschiedlichen, zum Teil durchaus auch kontroversen Beiträge von Stendahl, Sanders und Dunn zur Entwicklung der neuen Paulusperspektive ausführlich dar (89-148).


Die Arbeit zeigt überzeugend, dass die Vertreter der neuen Paulusperspektive an bedeutende Vorarbeiten etwa von Albert Schweitzer und William Wrede an-knüpfen konnten, auch wenn sie dies nicht immer explizit machen (150). Rudolf Bultmanns Paulusdeutung ist dagegen, wie auch Bendik darlegt, der herausragendste Beitrag der lutherischen Paulusperspektive; seine Theologie des Paulus ist darum auch das markanteste Gegenüber der neuen Perspektive. Bendik behandelt Bultmanns Deutung unter der sprechenden Überschrift: „Die Lutherische Paulusperspektive“ (65-80). In Johannes Munks Paulusdeutung (Paulus und die Heilsgeschichte, 1954) sieht sie mit guten Gründen Anfänge der neuen Interpretationsrichtung (80-89), die dann allerdings im eigentlichen Sinn durch Stendahl ihre Grundlegung erhielt (Paul among Jews and Gentiles and other Essays, 1976; deutsch: Der Jude Paulus und wir Heiden, 1978), allerdings erst durch die Monographie von e.p. Sanders, Paul and Palestinian Judaism (1977; deutsch: Paulus und das palästinische Judentum, 1985)  ihren eigentlichen Siegeszug (zunächst allerdings nur im anglophonen Wissenschaftsraum) erlebte. Die Verfasserin setzt sich natürlich auch kritisch mit der neuen Paulusperspektive auseinander (149-181) und greift in diesem Zusammenhang u.a. auch auf kritische Beiträge zur new Perspective zurück, die sich ihrerseits schon jenseits dieser neuen Paulusinterpretation wähnen. Bendik macht zum Schluss noch den „Versuch einer eigenen Skizze der paulinischen Theologie“ (182-199), in der sie wie etwa A. Schweitzer und R. Bultmann „bei der Deutung von Christi Tod und Auferstehung als der vollzogenen Äonenwende“ einsetzt und also die „jüdische Apokalyptik“ als „Matrix“ des paulinischen Denkens bestimmt (182). Die zentralen paulinischen Stichwörter – Evangelium, Gerechtigkeit und Glaube – versteht sie im Zusammenhang des für Paulus schon vollzogenen Äonenwechsels. Sie schließt sich dabei auch an die Paulusdeutung ihres Baseler Doktorvaters, Ekkehard W. Stegemann, an.


Die Arbeit ist bei allem für eine Dissertation notwendigen Fachjargon gut lesbar. Sie informiert ausführlich über die Positionen, verliert sich freilich nicht in zu vielen Details. In ihrer Darstellung bleibt sie immer fair an den interpretierten Schriften orientiert, zeigt allerdings im kritischen Teil durchaus ein eigenständiges Profil. Es ist zu hoffen, dass wir bald auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum eine vergleichbare monographische Darstellung und Auseinandersetzung mit der sog. „radikalen neuen Paulusperspektive“ bekommen, unter welcher Bezeichnung sich ein Teil der new Perspective zusammenfassen lässt, die Paulus nur noch zu den Christusglaubenden aus den Völkern reden und im Blick auf deren spezifische Situation argumentieren sieht.

 

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