Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klaus Haacker

Sündenbock Paulus (und das Judentum)


   Dr. Klaus Haacker ist emeritierter Professor für Neues Testament und seine Umwelt an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel (Hochschule für Kirche und Diakonie). Er ist u.a. Mitherausgeber der Zeitschrift „Theologische Beiträge“.


 

Sündenbock Paulus (und das Judentum)

Durch die evangelischen Kirchen in Deutschland (und meines Wissens nur hier) geht eine Welle der Auflehnung gegen die Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer. Dieses traditionelle Verständnis des Todes Jesu war schon in den 1940er Jahren durch Rudolf Bultmanns Programm der Entmythologisierung ins Gerede gekommen. Dank des heftigen Widerstandes aus konfessionellen und pietistischen Kreisen in den 1950er und 1960er Jahren hat das nicht zu Revisionen der liturgischen Sprache des evangelischen Gottesdienstes geführt. Das könnte bald anders werden, weil neuere Vorstöße auf diesem Gebiet auf größere Resonanz im „Kirchenvolk“ stoßen. Für Abendmahlsfeiern, die auf den Sündenbezug des Todes Jesu verzichten, setzt sich seit einigen Jahren besonders der emeritierte Professor für Praktische Theologie Klaus-Peter Jörns in zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen ein.[i] Breite Beachtung, aber auch lebhaften Widerspruch hatten fünf Radioandachten des pensionierten rheinischen Pfarrers Burkhard Müller im Februar 2009 gefunden, die ähnliche Anliegen vertraten.[ii]

Die Verstehensprobleme „moderner“ Menschen angesichts der traditionellen Karfreitagspredigt und Abendmahlsfrömmigkeit müssen ernst genommen werden. Sie entzünden sich nicht nur an den vorgegebenen biblischen Texten, sondern in hohem Maße an deren Wirkungsgeschichte in Theologie und Frömmigkeit. Die Kritik richtet sich jedoch häufig an die Adresse der biblischen Verfasser, ohne dass Fehlentwicklungen der Auslegungsgeschichte erkannt und korrigiert werden.

Zu diesen Fehlentwicklungen gehört insbesondere die Deutung des Todes Jesu als ein von Gott gefordertes und ihm dargebrachtes Opfer. Das kommt häufig darin zum Ausdruck, dass angeblich Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt worden sei. Das Neue Testament spricht stattdessen konsequent davon, dass „die Welt“ oder „wir“ durch den Tod Christi mit Gott versöhnt wurden (vgl. Röm 5; 2 Kor 5). Diese Ausdrucksweise für die Überwindung eines Beziehungskonflikts wird zu Unrecht mit dem Gedanken eines Sühnopfers gleichgesetzt.[iii]

Eindeutige Opfertermini werden im Neuen Testament ziemlich selten auf den Tod Jesu angewandt, so in Eph 5,2 oder 1 Joh 2,2; 4,10 (in Röm 3,25 ist diese Deutung umstritten[iv]). Nur der Hebräerbrief entwickelt eine kunstvolle, aber auch etwas gezwungene Deutung des Todes Jesu mit Hilfe eines Blutritus am Großen Versöhnungstag (vgl. Lev 16). Dabei identifiziert der Verfasser Jesus Christus mit dem im Heiligtum agierenden Hohenpriester und gleichzeitig mit dem Opfertier, dessen Blut an den Deckel der Bundeslade gesprengt wird. Es handelt sich um den Versuch einer schriftgelehrten Legitimation der urchristlichen Botschaft, der nicht umsonst die Überschrift „An die Hebräer“ bekommen hat. Solche homiletischen Strategien nach den damals mehr oder weniger plausiblen exegetischen Methoden sind nirgends im Neuen Testament die Grundlage der betreffenden Überzeugungen, sondern sekundäre Argumentationsmittel mit begrenzter Plausibilität für die Lesenden damals und heute.

 

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[i] Vgl. v.a. sein Buch: Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004, 286-341.

[ii] Drei dieser Radioandachten wurden abgedruckt in ThBeitr 41, Heft 5 (Oktober 2010). Erläuterungen zu diesen Andachten und Stellungnahmen zu Kritik an ihnen bietet jetzt sein Buch: Für unsere Sünden gestorben? Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion, Rheinbach 2010.

[iii] Vgl. C. Breytenbach, Versöhnung. Eine Studie zur paulinischen Soteriologie (WMANT 60), Neukirchen-Vluyn 1989.

[iv] Der Vergleich Jesu mit dem Passalamm in 1 Kor 5,7 deutet seinen Tod nicht als ein Gott dargebrachtes Opfer. Opfern (im Sinne von sacrifice, nicht victim) heißt nämlich religionswissenschaftlich und auch für Jörns (289) „einer Gottheit gegenüber handeln“. Die Schlachtung des Passalamms hat auch nach Jörns (300) nichts mit Sünde oder Sühne zu tun.

 

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