Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Wolfgang Stegemann

Von der „Verwerfung“ Israels zur „bleibenden Erwählung“ - Fortschritte im christlichen Verhältnis zum Judentum


 

  Wolfgang Stegemann ist emeritierter Professor für Neues Testament der Augustana-Hoch­schule Neuendettelsau. Er ist Mitherausgeber dieser Zeitschrift.

 

 

Von der „Verwerfung“ Israels zur „bleibenden Erwählung“

Fortschritte im christlichen Verhältnis zum Judentum

Nachdem das Christentum bzw. christliche Nationen 19 lange Jahrhunderte dem Judentum vorwiegend feindlich begegnet sind, es nicht nur geächtet und die „Welt in der Verachtung der Juden unterrichtet“[i], sondern die Jüdinnen und Juden auch immer wieder physisch bedroht und zu vernichten gesucht haben, erleben wir seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in unserem Land[ii] eine neue Begegnung zwischen Christen und Juden und in deren Zusammenhang eine Neubesinnung auf das christliche Verhältnis zum Judentum. Obwohl man mit Recht davon sprechen kann, dass dies eine ziemlich späte Reaktion der christlichen Theologie und der Kirchen (ob katholisch oder protestantisch) auf den Holocaust darstellt, führten der neue jüdisch-christliche Dialog und die theologische Selbstreflexion der Kirchen zweifellos zu einer eindrucksvollen „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“.[iii] Ich neige also bei allem Realismus dazu, das bisher Erreichte gleichsam in kirchenhistorischen Dimensionen zu beurteilen, nämlich als einen epochalen Wandel in den christlichen Beziehungen zum Judentum, dem ein fundamentaler Perspektivwechsel der christlichen Theologie auf den jüdischen Glauben, seine Dokumente und Traditionen entspricht. Dass aber auch Fragen offen geblieben sind, und dass sich neue Problemfelder ergeben haben, die vor völlig neue Aufgaben stellen, soll nicht verschwiegen werden.

Natürlich kann ich hier keinen annähernd erschöpfenden Überblick über ca. 50 Jahre jüdisch-christlichen Dialog geben. Doch sollen einige m.E. wichtige Themen aus den theologischen und kirchlichen Diskursen der Neubesinnung auf die Beziehungen zwischen Christen und Juden bzw. deren manifesten Neugestaltung benannt und beschrieben werden.[iv] Es handelt sich im Nachfolgenden also um eine subjektive und thetische Skizze, die zu Ergänzungen und Korrekturen einlädt.[v] Wichtig ist mir ebenfalls, dass hier nur die Fortschritte im Dialog von einem der beiden Partner, nämlich des christlichen, zur Sprache kommen. Denn obwohl es auch gewichtige Fortschritte in der Einschätzung des christlichen Dialogpartners auf der jüdischen Seite gegeben hat („Dabru Emet – Redet Wahrheit“ vom 10. September 2000 ist vermutlich das markanteste Beispiel),[vi] so fehlt mir zu deren Darstellung einerseits die nötige Kompetenz, andererseits bin ich aber auch der Meinung, dass gerade die christlichen Dialogpartner entscheidende Lektionen zu lernen hatten. Und das gilt vor allem hinsichtlich ihres Bildes vom Judentum, das bis dato besser ein Zerrbild genannt werden muss. Es geht also um das christliche Selbstverhältnis, d.h. die Reflexion auf die eigene, nahezu unendliche Geschichte christlicher Vorurteile, Fehleinschätzungen und gewalttätiger Ausschreitungen gegenüber Jüdinnen und Juden.

 

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[i] Zu Jules Isaac verweise ich hier auf zwei seiner Bücher, die auch ins Deutsche übersetzt wurden: Jesus und Israel, Wien 1968; Genesis des Antisemitismus, Wien 1969.

[ii] Natürlich gilt dies auch für andere Länder, doch konzentriere ich mich hier auf deutsche Diskurse.

[iii] Die Formulierung übernehme ich von dem wegweisenden Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland aus dem Jahr 1980, auf den ich zurückkomme.

[iv] Schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 22. Oktober 2010 in der Akademie Tutzing gehalten habe.

[v] Ein weites Feld der öffentlichen Annäherung zwischen Christen und Juden in den „Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ muss hier z.B. leider unbehandelt bleiben.

[vi] S. zu früheren jüdischen Verlautbarungen Rolf Rendtorff/ Hans Hermann Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, Paderborn/München 1988, 623-642. Die Erklärung Dabru Emet ist leicht im Internet zugänglich, etwa unter der URL:

http://www.jcrelations.net/de/?item=1046.

 

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