Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Manuela Noack

25 Jahre „Kirche und Israel“ - Kleine Rückschau und kurzer Ausblick

 


    Manuela Noack war einige Jahre Redaktionsmitglied einer Kirchenzeitung; sie ist derzeit Vikarin in der Bayerischen Landeskirche und für die Homepage dieser Zeitschrift zuständig.


25 Jahre „Kirche und Israel“ - Kleine Rückschau und kurzer Ausblick

 

Die Zeitschrift „Kirche und Israel“ ist erstmals im Jahr 1986 erschienen und wird somit heuer ein Vierteljahrhundert alt. 25 Jahre sind natürlich für eine wissenschaftliche Zeitschrift eine relativ kurze Zeitspanne. Doch sind in diesem Sektor der Literaturproduktion Innovationen wiederum eher selten, so dass 25 Erscheinungsjahre darauf deuten, dass sich Kirche und Israel inzwischen als ein wichtiges Diskurs- und Diskussionsforum etablieren konnte. Eben dies war auch eine der Erwartungen, die der erste Kreis der Herausgeber und Herausgeberinnen an sein Publikationsprojekt hatte. Man wollte „mit dieser Zeitschrift ein Forum bieten für eine intensive und breitgefächerte Erörterung aller Aspekte“, die sich aus der Neubesinnung auf das christlich-jüdische Verhältnis ergeben, wie es im Editorial des ersten Heftes heißt.[i] Seitdem sind 49 Hefte erschienen, was etwa der Publikation von 5000 Seiten entspricht. Grund genug also, einmal auf die Anfänge zurückzublicken und einen kleinen Ausblick auf die Zukunft zu wagen. Insbesondere hat mich interessiert, wie es zur Entstehung der Zeitschrift kam. Ich lasse in diesen Beitrag auch Erkenntnisse und Beiträge aus Interviews einfließen, die ich mit drei Gründungsmitgliedern des Herausgebergremiums geführt habe: Rolf Rendtorff, Ekkehard W. Stegemann und Edna Brocke.


„Wir brauchen eine Zeitschrift“ – Rolf Rendtorff  als „spiritus rector“ von KuI

Die Anfänge der Zeitschrift sind mit Prof. Dr. Rolf Rendtorff verbunden, den „spiritus rector“ dieses Zeitschriften-Projektes. Ich beginne darum mit einer kleinen Hommage an ihn. Seine tiefgehenden persönlichen Erfahrungen und seine Idee zur Gründung dieser Zeitschrift, die sich schließlich in Kooperation mit anderen zu einem Konzept auswuchs, das dann am Ende wirklich umgesetzt wurde, reflektieren freilich zugleich auch die historische Lage, in der sich die Aufgabe der Neugründung dieser theologischen Zeitschrift ergab.


In Rendtorffs ersten schriftlichen Überlegungen zur Gründung (1983), die er  einem „begrenzten Empfängerkreis“ zuschickte, heißt es:

Wir brauchen eine theologische Zeitschrift, in der das Thema „Christen und Juden“ nicht nur als geduldetes – oder oft genug nicht geduldetes Randthema erscheint, sondern als das zentrale theologische Thema, das uns heute aufgegeben ist und von dem aus alle anderen Themen neu in Blick genommen werden müssen. Wir haben es in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt, dass die etablierten theologischen Zeitschriften Artikel aus diesem Themenbereich abgelehnt haben, sobald sie entweder theologisch den Rahmen des dogmatischen Konsenses in Richtung auf eine Öffnung zum Judentum hin verlassen oder zu kritisch in die eigene christlich-theologische Vergangenheit hineinleuchten. Deshalb brauchen wir eine Zeitschrift, in der wir entscheiden können, welche Artikel und Beiträge wir für nötig und nützlich halten, um die Arbeit an diesem theologischen Zentralthema voranzubringen.[ii]

 

Diese Zeilen machen deutlich, dass für Rendtorff die Gründung einer neuen theologischen Zeitschrift ein dringendes Desiderat war. Um dies zu verstehen, bedarf es einer kurzen Erinnerung an die historische Situation: Wir schreiben das Jahr 1983. Das heißt: für alle, die wie Rendtorff am christlich-jüdischen Dialog beteiligt oder zumindest an ihm interessiert waren, hatte schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Bundesrepublik wie auch in vielen anderen westlichen Staaten ein fundamentaler Wandel in den theologischen Diskursen über das Judentum stattgefunden, die sich auch in kirchlichen Stellungnahmen zum Judentum niederschlugen. Es entstand in der internationalen Wissenschaft nichts weniger als ein völlig neues (positives) Bild vom Judentum, das das bisherige Zerrbild ersetzte. In den Kirchen, der katholischen wie in vielen evangelischen, wurde endlich in Reaktion auf den Holocaust und die Mitverantwortung der Christenheit für dieses Menschheitsverbrechen, die J. Isaac auf den Begriff der „Unterrichtung der Welt in der Verachtung der Juden“ gebracht hatte,[iii] eine Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum vorgenommen. Im Editorial des ersten Heftes wird ausdrücklich auf den die Kirchen betreffenden Aspekt dieser historischen Entwicklung aufmerksam gemacht, unter anderem mit dem Hinweis auf die „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag“ (seit 1961), den „Artikel 4 der Erklärung ‚Nostra Aetate‘ des ii. Vatikanischen Konzils von 1965“, sowie den  Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, wie den für die protestantischen Christenheit in Deutschland epochalen Beschluss der Rheinischen Synode „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ (1980).[iv] In den etablierten deutschsprachigen theologischen Zeitschriften kam dieser Wandel allenfalls marginal zur Sprache, wenn er nicht gar als theologisch suspekt galt. Für Rendtorff (und viele andere) handelte es sich dagegen um ein „theologisches Zentralthema“, das einen eigenen Publikationsort benötigte, nicht zuletzt auch darum, weil die existierenden theologischen Fachzeitschriften im Prinzip der neuen Israel-Theologie eher ablehnend gegenüber standen. Diese Ablehnung zeigte sich für Rendtorff aktuell an den publizierten Reaktionen auf den erwähnten Rheinischen Beschluss und dessen überaus negative Kommentierung durch die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn. In dem zitierten Brief Rendtorffs aus dem Jahr 1983 heißt es:


Dies (gemeint ist die Gründung einer eigenen Zeitschrift, m.n.) erscheint umso nötiger, als sich seit dem Beschluß der Rheinischen Synode … die Diskussion qualitativ verändert hat. Bis dahin wurde das Thema „Juden und Christen“ weithin als Angelegenheit einiger Außenseiter betrachtet, die man gewähren ließ und deren Veröffentlichungen – von gelegentlichen polemischen Ausfällen abgesehen – ignoriert wurden. Das hat sich dramatisch verändert, zunächst durch die – anscheinend gar nicht beabsichtige Veröffentlichung des Bonner Votums zur Synodalerklärung, seither aber durch eine Fülle von Beiträgen in nahezu allen theologischen Zeitschriften, Festschriften usw., deren erkennbare Absicht es ist, zu verhindern, daß die Sätze der Rheinischen Synode zum Gegenstand einer ernsthaften theologischen Debatte werden, die sich den in ihnen enthaltenen grundsätzlichen Anfragen an unsere theologische und kirchliche Tradition und Praxis stellt. Eben dies zu ermöglichen, müßte darum die Hauptaufgabe einer neuen Zeitschrift sein.


Die Idee, eine eigene theologische Zeitschrift zu gründen, in der die weltweite, überaus dynamische kirchen- und theologiehistorische Entwicklung der Erneuerung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden einen eigenen Ort bekommen sollte, erweist sich so selbst als Teil dieses Prozesses. Es ging darum, für den christlich-jüdischen Dialog, für das neue Kennenlernen des Judentums und für die Aufarbeitung theologischer Fehlentwicklungen einen Publikationsort zu schaffen, dessen Herausgeber und Herausgeberinnen sich selbst als Teil dieser Entwicklung verstanden. Und von Anfang an war dabei selbstverständlich, dass neben evangelischen und katholischen auch jüdische Dialogpartner in dieses Projekt mit einbezogen werden sollten. Entsprechend gehörten dem ersten engeren Herausgeberkreis neben Rendtorff weitere Protagonisten des christlich-jüdischen Dialogs an, nämlich Prof. Dr. Hans-Joachim Kraus (der u.a. Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Christen-Juden beim Deutschen Evangelischen Kirchentag war), die Kirchenhistorikerin Dr. Leonore Siegele-Wenschkewitz, deren genaue und mutige Forschungen zur antisemitischen Tradition akademischer Theologen und theologischer Fakultäten in Nazideutschland ihr in akademischen Kreisen nicht wenig Kritik eingebracht hatte, Dr. Edna Brocke, schon damals eine der profiliertesten jüdischen Gesprächspartner(innen), und dem Neutestamentler Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann, der schon seit Ende der 1970er Jahre in Heidelberg eng mit Rolf Rendtorff zusammen gearbeitet hatte.


Zu diesem engeren Kreis der Herausgeber gesellte sich dann als Beraterkreis eine illustre Schar von international hoch geschätzten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zugleich Protagonisten des christlich-jüdischen Dialogs waren: wie Eberhard Bethge, Ernst Ludwig Ehrlich, Albert Friedlander, Helmut Gollwitzer, Heinz Kremers, Friedrich-Wilhelm Marquardt, Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann, Franz Mussner, Peter von der Osten-Sacken, Elisabeth Schüssler Fiorenza, Krister Stendahl, Shemaryahu Talmon, Rita Thalmann, Paul van Buren, Zwi Werblowsky, Michael Wyschogrod u.a. Unter ihnen waren auch Erich Zenger, der dann später für eine gewisse Zeit in den engeren Herausgeberkreis eintrat, und Hans-Hermann Henrix, der seit langem Mitglied des engeren Herausgeberkreises ist und weltweit einer der wichtigsten katholischen Akteure im christlich-jüdischen Dialog (s. die Würdigung seines Lebenswerkes in diesem Heft  S. 140ff).


Persönliche Motivationen

Wie aber war Rolf  Rendtorff persönlich dazu gekommen, sich auf den christlich-jüdischen Dialog einzulassen, die traditionell anti-jüdische Ausrichtung der Theologie zu kritisieren und die Neubestimmung des christlichen Verhältnisses zum Judentum für sich als zentrales theologisches Thema zu entdecken? In seiner Autobiographie[v] beschreibt er sozusagen sein „Damaskuserlebnis“:

Es waren aber andere Ereignisse, die in den Jahren 1963/64 mein Leben stark beeinflusst und, auf Dauer gesehen, tief greifend verändert haben. Anfang der sechziger Jahre entstand unter der Studentenschaft ein starkes Interesse an Israel. Es wurden deutsch-israelische Studiengruppen (dis) gegründet, und auch an der Kirchlichen Hochschule bildete sich eine solche. Diese Gruppe plante 1963 eine Reise nach Israel; sie baten mich, ihnen ein wenig bei der Vorbereitung und Planung der Finanzierung zu helfen, und fragten mich schließlich, ob ich nicht mitfahren wollte. Damit ergab sich für mich die Möglichkeit, das Land der Bibel auch von einer anderen Seite kennen zu lernen.[vi]

 

Die Reise mit seinen Studierenden von der kiho (West-)Berlin nach Jerusalem hätte eine „nette Auslandsreise“ bleiben können. Doch eine ganz persönliche Begegnung rief tiefgreifende Veränderungen bei Rendtorff hervor:

In Jerusalem erlebte ich eine Überraschung: Wir waren über das Passahfest (nach der hebräischen Sprachtradition Pesach) in Jerusalem, und da wir keine Familieneinladung hatten, verbrachten wir den Vorabend, den Erev Pesach, gemeinsam in einem Restaurant. Am nächsten Tag spürte mich der Jerusalemer Bibelwissenschaftler Isac Seeligmann auf, dem ich brieflich meine geplante Reise angekündigt hatte, und sagte, er habe mich am Vortag gesucht, weil er mich zum Erev Pesach zu sich nach Hause einladen wollte. Er bedauerte sehr, dass ich diesen festlichen und für das jüdische Leben so wichtigen Abend in Jerusalem nicht in einer jüdischen Familie hatte verbringen können. Kaum in Jerusalem, hatte ich also schon die erste Einladung in ein jüdisches Haus. Noch dazu in das Haus eines Juden, der im Konzentrationslager Theresienstadt gewesen war. Gerade dieser letzte Aspekt hat mich oft beschäftigt. Ich hatte Seeligmann bei einem Kongress kennen gelernt und war damals schon überrascht und beeindruckt von seiner Freundlichkeit mir gegenüber. Er kannte mein Alter, wusste auch, dass ich noch beim deutschen Militär gewesen war. Ich hätte also durchaus Wachmann in dem kz sein können, in dem er als Häftling war. Aber ich habe weder von ihm noch von einem anderen israelischen Kollegen, die ich im Laufe der Jahre kennen lernte, jemals ein Wort gehört, durch das ich als Deutscher als Angehöriger der „Tätergeneration“ angesprochen worden wäre. [vii]

 

Aus dieser und vielen weiteren persönlichen Begegnungen mit Jüdinnen und Juden besonders auch in Israel entstand bei Rendtorff eine ganz neue Perspektive auf Israel und das Judentum, die ihn u.a. dazu bewog, sich an der Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zu beteiligen. Doch führten diese Erfahrungen auch zu theologischen Fragen nach dem Verhältnis der christlichen Kirchen und der christlichen Theologie zum Judentum. Inspiriert wurde Rendtorff in der Reflexion dieser Problematik vor allem auch durch Krister Stendahl, den schwedischen Lutheraner, der an der Harvard Divinity School Neues Testament lehrte. Stendahl plädierte seinerseits nachdrücklich für eine theologische Neuorientierung des christlichen Verhältnisses zum Judentum, dessen negative Entwicklung er auf einen Anfangsfehler zurückführte:

 

Am Anfang lief etwas falsch. Ich sage „lief falsch“, weil ich nicht überzeugt bin, dass das, was mit der Trennung der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum geschah, der gute und ausdrückliche Wille Gottes war. Könnte es nicht sein, dass wir zu der Einsicht kommen, dass wir nicht nach dem Willen Gottes, sondern gegen ihn auseinandergegangen sind? Ich weiß, das ist eine befremdliche Weise zu reden. Ich weiß, dass es als historischer Romantizismus abgestempelt werden könnte, als ein Versuch, die Uhr zurückzudrehen. Aber warum soll man es nennen „die Uhr zurückdrehen“? Warum kann man nicht stattdessen sagen, dass die Zeit für uns gekommen ist, die Alternativen zu finden, die damals verlorengegangen sind, Alternativen, die der theologische Ausdruck unserer Reue sind und unserer Einsichten, die sich uns heute aufdrängen.[viii]

 

Dieses Wort von Stendahl hat Rendtorff immer wieder zitiert und sich wie viele andere die Frage gestellt, ob die nahezu zwei Jahrtausende währende christliche Judenfeindschaft sozusagen auf einen „Geburtsfehler“ des Christentums zurückgeht.[ix] Wie auch immer man antwortet, die Frage setzt die Herkunft des Christentums aus dem Judentum voraus und damit eben auch dessen jüdische Prägung. Wie Stendahl ging es deswegen auch Rendtorff darum, die verlorene jüdische Dimension des Christentums wiederzuentdecken, „das Jüdische am Christentum“[x] – oder anders: um die Freilegung der jüdischen Wurzeln des Christentums.

 

Im ersten Heft von Kirche und Israel findet sich nicht zufällig auch ein Beitrag von Stendahl, der einen Vortrag aus dem Jahr 1983 wiedergibt.[xi] In ihm sagt Stendahl über seine und Rendtorffs Generation, sie sei durch die „Ereignisse geprägt, die zum Holocaust geführt haben, und vom Holocaust selbst“. Daraus resultierte zwangsläufig, dass die Themen „Antisemitismus und Antijudaismus“ im Zentrum standen.[xii] Dies galt allerdings grundsätzlich auch noch für die zweite Generation, die im damaligen Gründungsprojekt durch Ekkehard W. Stegemann, Edna Brocke und Leonore Siegele-Wenschkewitz vertreten war. Ihnen lag ihrerseits der christlich-jüdische Dialog am Herzen und die Aufarbeitung der christlichen Judenfeindschaft, wenn auch durchaus aufgrund unterschiedlicher Motivationen. Edna Brocke interessierte sich bereits in ihrer Jugend für existentielle theologische Fragen. Als sie 1968 von Jerusalem nach Deutschland kam, hatte sie den Eindruck, dass Nachkriegsdeutschland vor allem protestantisch geprägt war. Diese Art Religiosität verstand sie jedoch nicht auf Anhieb. Im Sinne von Bubers „Theopolitik“ verspürte sie allerdings nach der Schoah die Pflicht, sich am „christlich-jüdischen“ Diskurs zu beteiligen und engagierte sich mehrere Jahre u.a. als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, wo sie auch Rendtorff traf. Sie ist seit 1971 ebenfalls Mitglied im Gesprächskreis „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann kam über die Theologie Dietrich Bonhoeffers zum Studium der Theologie und in Heidelberg mit Rolf Rendtorff als seinem akademischen Lehrer in Kontakt, der damals Mitte der 1960er Jahre im Prinzip als einziger akademischer Lehrer Stegemanns Interesse an der historischen und theologischen Aufarbeitung des Holocaust teilte. Daneben wurde Stegemann geprägt durch Prof. Max Majer Sprecher (1909-1980), ein Überlebender der Schoah, der an der Heidelberger Theologischen Fakultät lehrte. Eine erste Zusammenarbeit zwischen Rendtorff und Stegemann ergab sich bei der gemeinsamen Organisation und Veröffentlichung einer Vortragsreihe an der Universität Heidelberg anlässlich des 40. Jahrestages der Reichspogromnacht (1978), die sie zusammen mit weiteren Mitgliedern der Heidelberger Theologischen Fakultät imitiert hatten. Das Thema ist programmatisch:  „Was bedeutet es für die christliche Theologie, dass sie Theologie ,nach Auschwitz‘ ist.“ Im Vorwort der daraus resultierenden Buchveröffentlichung schrieben Rendtorff und Stegemann:

Gemeinsam war uns die Überzeugung, daß wir hier vor einer dringenden Frage an die christliche Theologie und die kirchliche Praxis stehen, der wir uns bisher noch nicht gestellt haben; aber jeder von uns mußte im Bereich seiner theologischen Arbeit selbst die Ansätze finden, von denen aus er den Zugang zu dieser neuen Problemstellung gewinnen konnte.[xiii]

 

Im Zentrum steht die Aufgabe, die verlorene jüdische Dimension wiederzugewinnen

Das Echo auf die Überlegungen zur Gründung der Zeitschrift war „lebhaft und durchweg“ positiv. So sollte es im Februar 1984 quasi zu einer Art „Gründungsversammlung“ im Anschluss einer Sitzung der Kirchentagsgruppe in der Evangelischen Akademie Arnoldshain kommen. Inzwischen hatte sich auch der Neukirchener Verlag bereit erklärt, die Zeitschrift zu veröffentlichen und mit Christian Bartsch als Lektor war ein kompetenter und gleichgesinnter Partner mit an Bord geholt worden. Rolf Rendtorff verschickte im Vorfeld einen Brief mit der Einladung für das Treffen, verbunden auch mit der Bitte, sich Gedanken über den Namen und das konzeptionelle Profil zu machen. Als Namen standen „Zeitschrift für Kirche und Israel“, „Zeitschrift für Kirche und Judentum“ und „Zeitschrift für Christentum und Judentum“ zur Debatte. Die Zielsetzung wurde folgendermaßen formuliert:

Geplant ist eine theologische Zeitschrift, die sich die Arbeit an einer christlichen Theologie im Gespräch mit dem Judentum und deren Umsetzung in die kirchliche Praxis zum Ziel setzt.[xiv]

 

Für die Kategorie „Theologisches Hauptthema“ war konkret (u.a.) angedacht:

  • · Die Aufarbeitung der Diskussion um den Beschluss der Rheinischen Synode aus dem Jahr 1980
  • · Hermeneutik (die Schrift als gemeinsame Grundlage)
  • · Christologie unter dem Stichwort „Messias Israels“
  • · Kirche und/ als Volk Gottes (Ekklesiologie)
  • · Erwählung Israels und/ oder der Kirche (der Christen)
  • · Tora und christliche Ethik
  • · Schöpfungstheologie: gemeinsame Verantwortung
  • · Eschatologie und Messiaserwartung: gemeinsame Hoffnung, Folgen für das (gemeinsame) Handeln von Juden und Christen
  • · Theologie nach dem Holocaust

Bei all diesen Themen sollte vor allem auch die jüdische Sicht berücksichtigt werden und die rabbinische Tradition zu Wort kommen. Zudem sollten Beziehungen nicht nur zu allen theologischen Disziplinen, sondern auch zu anderen Wissenschaften, wie etwa der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, Sprachwissenschaft, Politikwissenschaft und der Archäologie geknüpft werden. Ein besonderer Schwerpunkt sollte auf die Dokumentation von Vorgängen, Entwicklungen und Beschlüssen im Bereich des Themas liegen. Ferner waren die Kategorien: Rabbinische Schriftauslegung, Literarische Texte, Judentum heute, Buchbesprechungen und Kritik und Diskussionen vorgesehen. Ein weiterer Schwerpunkt war mit „Predigtmeditationen, Unterrichtsentwürfe, liturgisches Material“ aufgeführt, der als echte Alternative zu den „üblichen“ Angeboten, in denen oftmals traditioneller Antijudaismus überwog, gedacht war. Als sich zeigte, dass sich eigene praktisch-theologische Zeitschriften gründeten die sich speziell dieser Thematik annahmen, wurde auf diese Aufgabe verzichtet.[xv]

 

Im großen und ganzen wurde das Konzept von 1984 beibehalten und im ersten Editorial vorgestellt, an dessen Ende auch eine kurze Erklärung zur Entscheidung für den Namen stand, um den heftig gerungen worden war:

 

Der Name der Zeitschrift „Kirche und Israel“ knüpft bewußt an den neutestamentlichen Sprachgebrauch an. Daß dabei der Name des heutigen jüdischen Staates mit anklingt, ist uns voll bewußt und wird von uns nicht nur in Kauf genommen.[xvi]

 

Stendahl vermutet in seinem schon erwähnten Beitrag im ersten Heft, dass die „nächste Generation“ der Beteiligten am jüdisch-christlichen Dialog „in einer Welt lebt, in welcher der Staat Israel als Nation unter Nationen existiert,“ und sagt weiter:

 

Der Staat Israel ist auf eine völlig neue Weise Teil der Welt. Im Bewußtsein der neuen Generation ist dies eine schlichte Tatsache, und man muß die schreckliche Ironie bedenken, daß von allen Befreiungsbewegungen der Welt in dieser historischen Epoche nur die eine, Zionismus genannt, von den meisten Menschen in großen Teilen der Welt nicht als eine solche behandelt wird. Israel wird nicht die Anerkennung als Nationale Befreiungsbewegung zuteil; vielmehr wird der Zionismus zum Rassismus erklärt. Eine Ironie der Ironien, „Sonderbehandlung“ von einer schrecklichen Sorte. Warum wird diese eine Befreiungsbewegung anders behandelt? Sie haben doch alle ihre Probleme … Und es gibt noch eine andere Ironie: Niemals gab es in der Geschichte des Christentums eine Theologie, die sich so bewußt am Exodus und der Befreiung aus der Sklaverei orientierte; gleichwohl entwickelte sie aber nur sehr wenig Einsicht und Geduld gegenüber Israels Befreiungskampf.[xvii]

 

Wohlgemerkt: Stendahl schreibt diese Sätze 1983 (der Vortrag wird 1986 in KuI veröffentlicht), doch man hat den Eindruck, er spricht direkt in unsere Gegenwart hinein. Das Engagement der Herausgeber und Herausgeberinnen könnte nach wie vor mit Worten zusammengefasst werden, die Rolf Rendtorff bereits 1975 formulierte:

… ich zu einseitig für die Juden Partei ergriffen hätte. Ich könnte diesem Einwand entgegenhalten, daß dies nur ein relativer Eindruck sei angesichts der in unserer Kirche und Theologie sonst herrschenden Einstellung. Ich will ihn aber aufgreifen und darauf antworten, daß eben dies meine Absicht war. Und zwar aus zwei Gründen: zum einen deshalb, weil die antijüdische Tradition der christlichen Theologie, wie sie fast zweitausend Jahre lang geherrscht hat, mE. noch nicht einmal im Ansatz überwunden ist. Zum anderen fühle ich mich gerade angesichts des Themas genötigt, Partei zu ergreifen. … Engagierte Befürworter der Position der Gegner Israels sind heute sehr viel leichter zu finden als solche, die für das Recht Israels eintreten. Das mag vielerlei Gründe haben. Aber die gegenwärtige politische Lage zeigt deutlich genug, daß die Frage der Existenz des jüdischen Staates keine akademische Frage ist. Und deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, die Gründe, die ich zu seinen Gunsten anzuführen habe, deutlich und unmißverständlich zu sagen. Das ist gewiß nur ein bescheidener Beitrag zur Lösung der Probleme, aber vielleicht doch ein kleiner Beitrag zur Veränderung des Bewußtseins und damit vielleicht auch ein kleiner Schritt auf dem Wege dahin, daß Jerusalem eines Tages „Stadt des Friedens“ genannt werden kann.[xviii]

 

Ausblick und weitere Verpflichtung

Der Herausgeberkreis, dem weiterhin die Gründungsmitglieder Rolf Rendtorff, Ekkehard W. Stegmann und Edna Brocke angehören, zu denen hinzugekommen sind Prof. Dr. Wolfgang Stegemann, Prof. Dr. Hans Hermann Henrix, Prof. Dr. Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Prof. Dr. Hans-Joachim Sander, Prof. Dr. Barbara Schmitz und Privatdozentin Dr. habil Christina Tuor-Kurth, hat sich zum Ziel gesetzt, die Zeitschrift in diesem Jahr Online zu stellen und für die Startseite der Homepage[xix] folgendes Leitbild verfasst:

 

Kirche und Israel ist eine internationale Dialogzeitschrift. Die Neukirchener Theologische Zeitschrift

  • · gibt Einblicke in die weltweiten Diskurse zwischen Juden und Christen
  • · informiert über die Vielfalt jüdischer Lebenswelten
  • · beleuchtet Aspekte jüdischer Kultur und Literatur
  • · verhandelt das Verhältnis von Kirche und Israel als eine Hauptspur der theologisch-politischen Diskurse

Zielgruppe: Alle Interessierten am christlich-jüdischen Dialog im Spannungsfeld von Theologie und Politik, Kultur und Literatur.


Erinnert werden und damit erneuert werden sollte auch noch ein Satz aus dem Brief von Ernst Lohmeyer, den er im August 1933 an Martin Buber geschrieben hat. Dieser Brief ist im ersten Heft von „Kirche und Israel“ als erster Beitrag abgedruckt und von Ekkehard W. Stegemann kommentiert worden. Die damaligen wie die gegenwärtigen Herausgeber und Herausgeberinnen verstehen diesen Brief als


…  ein Vermächtnis und als Auftrag an uns, seine Gedanken aufzunehmen und weiterzuführen. Lohmeyer schrieb damals, „daß der christliche Glaube nur solange christlich ist, als er den jüdischen in seinem Herzen trägt“, und er fügte hinzu: „Ich wüßte für einen christlichen Theologen fast nichts, wo das ‚Tua res agitur‘ ihn so gefangennehmen sollte wie in dieser Frage des Judentums.[xx]





[i] KuI 1 (1986) 3.

[ii] Zitat aus den Notizen „Überlegungen zur Gründung einer ,Zeitschrift für Kirche und Judentum‘“ von Rolf Rendtorff, 1983.

[iii] So die treffliche Formulierung von J. Isaac, Jesus und Israel, Wien/Zürich 1968.

[iv] KuI 1 (1986) 1.

[v] R. Rendtorff, R., Kontinuität im Widerspruch. Autobiographische Reflexionen, Göttingen 2007.

[vi] Ebd. 78.

[vii] Ebd.  78f.

[viii] K. Stendahl, Judentum und Christentum. Plädoyer für die Erneuerung ihres Verhältnisses, Evangelische Kommentare 2, 1969, 73-78.

[ix] S. dazu auch Ekkehard W. Stegemann/Wolfgang Stegemann, Lief am Anfang etwas falsch?, KuI 20 (2005); der Beitrag ist R. Rendtorff zum 80. Geburtstag gewidmet.

[x] Rendtorff übernahm diese Formulierung vom katholischen Alttestamentler Norbert Lohfink, der 1986 ein Buch mit dem Titel „Das Jüdische am Christentum. Die verlorene Dimension“ veröffentlichte.

[xi] K. Stendahl, Die nächste Generation in den jüdisch-christlichen Beziehungen, KuI 1 (1986) 11-15.

[xii] Ebd. 12.

[xiii] R. Rendtorff, R./ E.W. Stegemann (Hg.), Auschwitz – Krise der christlichen Theologie. Eine Vortragsreihe, in: Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog 10, München 1980.

[xiv] Zitat aus dem vorläufigen Konzept für eine „Zeitschrift für Kirche und Israel‛“, von Rolf Rendtorff, 1984.

[xv] Siehe etwa: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext.

[xvi] Editorial von KuI 1 (1986), 2. Siehe im selben Heft: E. Stegemann, Ernst Lohmeyer an Martin Buber, S. 4.

[xvii] Stendahl in KuI 1 (1986) 13.

[xviii] R. Rendtorff,  Israel und sein Land, München 1975, 51-53.

[xix] Die Homepage ist unter: www.kirche-und-israel.de abrufbar.

[xx] KuI 1 (1986) 2; vgl. ebd. 5f.

 

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