Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2011-1: Editorial

 

Die jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum unter dem Titel „Dabru Emet – Redet Wahrheit“ vom 10. September 2000 hat ein erstaunliches Vertrauen zur jüdisch-christlichen Beziehung bekundet. Sie sprach von einem „dramatischen und unvorhersehbaren Wandel in den christlich-jüdischen Beziehungen“, an dem sowohl die protestantische wie auch die katholische Kirche beteiligt ist. Beide hätten ihre historische und moralische Mitverantwortung bzw. Schuld an der „Misshandlung von Juden und Judentum“ wie auch das jüdische Selbstverständnis vom ungekündigten Bund Gottes mit dem Volk Israel anerkannt. Welche Entwicklungen geben Grund zu einer solchen positiven jüdischen Einschätzung? Was davon hat bleibendes Gewicht? Welche offenen Fragen drängen sich auf? Auf diese Fragen geht die Skizze von Hans Hermann Henrix, Mitglied des Herausgeberkreises, aus katholischer Sicht ein.


Der Beitrag von Hans Hermann Henrix ist einer von drei Vorträgen, die auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing zum jüdisch-christlichen Dialog im Oktober 2010 gehalten wurden. Im nächsten Heft werden wir weitere Vorträge abdrucken. Grundsätzlich ging es bei dieser Tagung um eine Art Bilanz des christlich-jüdischen Gesprächs – und zwar aus jüdischer, katholischer und evangelischer Perspektive. Unmittelbarer Anlass war der Konsultationsprozess der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (elkb), die (als vierzehnte Gliedkirche der ekd) eine Ergänzung ihrer Kirchenverfassung plant, durch die das Verhältnis der elkb zum Judentum auf eine neue Basis gestellt werden soll (s. dazu auch KuI 1.2010, S. 81-89). Helmut Utzschneider ist Vorsitzender des „Grundfragenausschuss“ der Landessynode. Sein Beitrag reagiert auf häufig vorgebrachte kritische Anfragen an und Einwände gegen den Formulierungsvorschlag, die im Konsultationsprozess über die Ergänzung etwa von einigen Kirchengemeinden oder anderen Institutionen der Landeskirche geäußert wurden. Der Aufsatz ermöglicht einen lebendigen Einblick in den Diskussionsprozess und benennt einige grundlegende Einwände gegen die besagte Ergänzung.


Der Beitrag von Wolfgang Stegemann liefert einen knappen Überblick über Fortschritte des christlichen Dialogpartners in seinem Verhältnis zum Judentum, die in etwa 50 Jahren erzielt worden sind. Den wichtigsten Fortschritt sieht er darin, dass die negative christliche Israeltheologie, die sich in dem Begriff der „Verwerfung“ konzentrierte, nunmehr durch Anerkennung der „bleibenden Erwählung“ Israels abgelöst worden ist. Von ihrem Anspruch auf eine Art Alleinvertretungsanspruch hinsichtlich der Vermittlung eschatologischer Rettung haben sich die christlichen Kirchen und die Theologie hingegen bisher noch nicht lösen können. Und seit einigen Jahren scheint sich als ein neues Problemfeld eine zunehmend negative bis feindliche Einstellung zum Staat Israel aufzutun, die Aspekte des traditionellen Antisemitismus von „den Juden“ auf „den Staat Israel“ verschiebt.


Der im christlich-jüdischen Dialog schon lange engagierte Neutestamentler Klaus Haacker macht in seinem Aufsatz auf eine problematische Missdeutung der paulinischen Interpretation des Todes Jesu durch den praktischen Theologen Klaus-Peter Jörns aufmerksam, dessen entsprechende Bücher eine bemerkenswerte Resonanz erfahren. Paulus und seine Verhaftung in jüdischer Tradition werden für eine von Jörns scharf kritisierte Sühne- bzw. Opfertheologie verantwortlich gemacht. Haacker zeigt, dass Jörns‘ Paulus-Schelte nicht nur auf Fehldeutungen der einschlägigen Texte beruht, sondern auch einem sattsam bekannten Muster folgt, das weit in die Traditionen der christlichen Judenfeindschaft zurückreicht.


In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer den russischen Roman „Samson der Nasiräer“ (1926) von Vladimir Ze'ev Jabotinsky vor. Dabei zeigt sich zunächst, wie sehr die jüdische und die christliche Wirkungsgeschichte der biblischen Figur Simsons auseinanderscheren, vor allem aber, wie politische Strömungen – in diesem Fall der revisionistische Zionismus – einen alttestamentlichen Helden auszuloten vermögen. Link


Als Nachtrag zu unserer Dokumentation von Stimmen zum sogenannten Goldstone-Bericht (KuI 2.2009, S. 176-189) drucken wir zwei auf Deutsch übersetzte Artikel ab. Zunächst den Beitrag, den der südafrikanische Vorsitzende der Kommission, dessen Namen der Bericht trägt , selbst veröffentlicht hat. Er geht hier zu den Ergebnissen seines Berichts auf merkliche Distanz. Ferner dokumentieren wir einen Artikel des bekannten amerikanischen Juraprofessors Alan Dershowitz der nach den Beurteilungsmaßstäben für militärische Operationen fragt.


In der Rubrik „Aktuell“ nimmt der bekannte Neutestamentler Klaus Wengst Stellung zu dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen unter dem Titel „Kairos Palästina“ propagandistisch und einseitig zugespitzt verbreiteten Text einiger palästinensischer Christen und Christinnen. Wir haben im letzten Heft (KuI 2.2010, S. 171-194) den deutschen Wortlaut des Dokumentes sowie zwei kritische Kommentare abgedruckt. Wengsts Beitrag ergänzt diese Kommentare mit einer umfassenden und eindringlichen Analyse und Kritik der theologischen Konzeption des Dokuments.


Unsere Leserinnen und Leser sind seit den Anfängen mit der von Julie Kirchberg verantworteten „Bücherschau“ vertraut. Julie Kirchberg hat eine besondere Gabe als Rezensentin: Sie kann auf knappstem Raum sowohl die zentralen Thesen eines Buches zusammenfassen, sie kontextualisieren und zugleich eine kritische Würdigung damit verbinden. Hunderte von Büchern hat sie so in unserer Zeitschrift besprochen – und immer fair gewürdigt. Nun geht sie diesbezüglich gewissermaßen in den Ruhestand. Die Herausgeber und Herausgeberinnen danken ihr ganz herzlich für die jahrzehntelang hervorragend absolvierte Rolle einer „Vor-Leserin“. Zugleich freuen wir uns, dass Barbara Schmitz aus dem Herausgeberkreis diese Aufgabe übernommen hat.

 

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