Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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 Alain Finkielkraut

Gedenken und Empfindsamkeit

 

♦    Wie sehr die Unfähigkeit, die Schoah zu verstehen, in heutige, aktuelle Wirklichkeit jüdischen Lebens in Frankreich und in Europa hineinwirkt, versucht der Philosoph Alain Finkielkraut, Sohn zweier jüdisch-polnischer Überlebender, zu reflektieren. Migranten aus arabischen, afrikanischen und islamischen Staaten interpretieren die europäische Geschichte – vor allem ihre Schattenseiten – auf ihre eigene heutige Situation hin und tun dies zuweilen in hoch aggressiver Form. Hierbei versuchen sie vor allem, sich selbst in einer Rolle von „Opfern“ zu präsentieren und so einen Viktimisierungsdiskurs in Konkurrenz zur Schoah zu etablieren.  

 

   Alain Finkielkraut, 1949 in Paris geboren, ist Sohn eines polnischen Juden, der nach Auschwitz deportiert worden war. Er ist französischer Philosoph und Autor. Er unterrichtet an der Ecole polytechnique in Paris und moderiert samstags eine Sendung des französischen Radiosenders France Culture. Diesen Vortrag hielt Finkielkraut am 22. Juni 2010 in Yad VA-Shem in Jerusalem.

 

 

  Gedenken und Empfindsamkeit

 

Seit 1945 fürchtet sich Europa vor seinen eigenen Gespenstern. Die Bewohner dieses heimgesuchten Kontinents würden gut daran tun, Faulkners berühmten Satz zu wiederholen: „Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen“. Dafür haben sie einen guten Grund, denn ihre Sorge ist berechtigt. Das Europa des zwanzigsten Jahrhunderts war sowohl Ursprung wie Bühne der zwei mörderischsten Kriege in der Weltgeschichte. Wie George Steiner uns leider erinnert, liegt Buchenwald nahe bei Weimar. Die Poesie von Goethe hat die finsteren Errungenschaften Hitlers nicht verhindert. Post-Nazi-Europa weiß, dass weder Kultur noch Fortschritt vor Grausamkeit schützen können. Es weiß, dass die Moderne nicht zwingend Grausamkeit überwindet und dass das unerhörteste Böse durch eine Kombination von entfesselter Gewalt mit methodisch anspruchsvoller und zivilisierter Kälte entsteht. Aus diesem Grund ist Europa seit dem Zweiten Weltkrieg davon besessen, sich vor sich selbst zu schützen. Im Gegensatz zu Amerika, das gestärkt wurde in seiner Berufung durch den Sieg über Nazi-Deutschland (es gibt keine räumliche Nähe zwischen Washington und Buchenwald), fragt sich das traumatisierte Europa unaufhörlich, was schief gelaufen ist. Wer sich unschuldig fühlt, ist bereit, seinen Gegner zu bekämpfen. Wer sich schuldig fühlt, kreuzt die Schwerter mit seinen Dämonen. Europäische Institutionen sind darauf angelegt, diese Dämonen in Schach halten.

 

Aber Institutionen reichen nicht aus. Wachsamkeit ist erforderlich und Wachsamkeit wird gefördert durch Gedenken, Zeremonien und dadurch, dass die Erinnerung an die Vernichtungslager und an den Wahnsinn des Lebensraums von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das wird heute „le devoir de mémoire“ genannt. der Imperativ zu erinnern, um den Schoß, aus dem die grässliche, schreckliche Bestie kroch – wie es in der berühmten Zeile Brechts heißt –, zu sterilisieren. Dies erscheint unerlässlich, will man ein Verschwinden des Nationalsozialismus in die Ferne verhindern, und davon,  nur einen weiterer Augenblick in der Geschichte zu werden. Damit diese Vergangenheit in der Gegenwart bekannt ist, muss sie gegenwärtig bleiben als eine kontinuierliche Warnung.

 

Jürgen Habermas, der deutsche Philosoph, schreibt: „Es ist etwas in den Vernichtungslagern geschehen, das bis jetzt niemand für möglich gehalten hätte. Etwas, das eine tiefe Solidarität unter allem, das ein menschliches Antlitz trägt, wurde dort angegriffen und entwurzelt.“ Was dort in der Tat offen gelegt wurde, war die essentielle Zerbrechlichkeit der Demokratie, nicht nur als ein System, sondern auch als ein Gefühl, als Beweis dafür, dass alle Menschen gleich sind, das Gefühl, dass alle Menschen gerecht sind. In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und im Zentrum der Zivilisation, konnten Menschen den Begriff „Menschheit“ durch meine Art ersetzen*, und zu anderen Menschen sagen: „Du bist nicht meine Art“, und beschließen, sich ihrer zu entledigen. Europa hat deswegen beschlossen, diese Revolution aus seinem Gewissen nicht zu löschen. Der einzige Weg für eine stabile Demokratie liegt in den Augen der Europäer in der Erinnerung daran, dass Demokratie anfällig, prekär und sterblich ist. Während der Gedenkveranstaltung aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Entdeckung der Lager nahm diese Entschiedenheit bewegend und überzeugend Gestalt an. Während der Feierlichkeiten und Programme, die mit einer beispiellosen Wallfahrt nach Auschwitz abgeschlossen wurden, stellten die europäischen Regierungen und die Europäer gegenüber den letzten Überlebenden unter Beweis, dass das Gedenken sie überleben wird. So fand etwa der französische Präsident, Jacques Chirac, Worte, die das Unvergessliche vermitteln konnten. Er sprach dabei von unbekannten Abgründen, die hier offen gelegt wurden. Der verbrecherische Wahnsinn der Nazis stellt das eigentliche Wesen der Menschheit in Frage. Hier hat der Staatsapparat eine Politik  wissenschaftlicher, systematischer und methodischer Vernichtung verfolgt, die mit nichts anderem verglichen werden kann.“ Die Vernichtung eines ganzen Volkes erstreckte sich über einen ganzen Kontinent, durch die Ausrottung eines Volkes wurde das Wesen der Humanität in Zweifel gezogen, die Notlage dieses Volkes wurde von der Menschheit und besonders von Europa als eine Bürgschaft gegen seine eigene Neigung zum Vergessen erinnert: Diese Lektion wurde einmütig weitergegeben – bis auf einen falschen Ton.

 

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