Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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 Buchbesprechungen

 

♦     Reinhard Neudecker: Die vielen Gesichter des einen Gottes. Christlich-jüdischer Dialog: eine Anfrage an Exegese, Theologie und Spiritualität, 2. überarb. Aufl., Vallendar (Patris Verlag) 2010 (245 S., 19,80 €).


Reinhard Neudecker hat eine erweiterte und überarbeitete Fassung seiner 1989 in erster Auflage erschienenen Bestandsaufnahme des jüdisch-christlichen Gesprächs vorgelegt. Im ersten Teil stellt Reinhard Neudecker die Etappen des Dialogs im Spiegel vatikanischer Dokumente, beginnend mit der Konzilserklärung Nostra aetate Nr. 4, vor, die er kommentiert und kritisch würdigt. Aus diesen leitet Reinhard Neudecker Hinweise für die Vermittlung an die Basis und die richtige Darstellung von Juden und Judentum in Predigt und Katechese ab. Dieses Kapitel ist eine hilfreiche und für ein breites Publikum sehr verständlich geschriebene Einführung in die Interpretation des Neuen Testaments im Angesicht Israels. Der zweite Teil dokumentiert und kommentiert die verschiedenen Initiativen von Papst Johannes Paul ii. und Benedikt xvi., die in der Zeit zwischen deren Besuchen in der Großen Synagoge in Rom 1986 und 2010 liegen. Die Einschätzung von Reinhard Neudecker, dass „Schwierigkeiten und Probleme (wie z.B. die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe aus der von Erzbischof Lefebvre gegründeten Piusbruderschaft, einschließlich des Holocaustleugners Richard Williamson, und die geplante Seligsprechung Pius‘ xii.) erst aus größerem Abstand angemessen beurteilt“ (xi) werden können, bedingt, dass diese Aspekte in der aktualisierten Fassung keine Berücksichtigung finden. Im dritten Teil skizziert Reinhard Neudecker das Gottesverständnis im rabbinischen Judentum und führt auf diese Weise in zentrale und Christinnen und Christen heute meist leider noch unbekannte Grund­züge jüdischen Gottesdenkens ein. Ein Anhang mit den entscheidenden katholischen Dokumenten beschließt den Band.


Barbara Schmitz

 

 


    Manfred Gailus: Mir aber zerriss es das Herz – der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2010, (320 S., 24.90 €).


Elisabeth Schmitz (1893-1977): mutig und unglaublich weitsichtig, ohne offizielles kirchliches Mandat und ohne amtlichen Einfluss, unbeachtet geblieben, vergessen und schließlich wieder entdeckt worden. Ihre erstaunliche, wunderbare und beschämende Geschichte präsentiert Manfred Gailus, Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin, in diesem Buch.

Elisabeth Schmitz war evangelische promovierte Studienrätin und erlebte im Berlin der Jahre 1933-1935 hautnah mit, welch verheerende Auswirkungen die antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten auf jüdische Menschen hatten. Tief beunruhigt von dem Leid und der Verzweiflung, die immer weiter um sich griffen, verfasste sie zwischen August 1935 und Mai 1936 ein ausführliches Memorandum „Zur Lage der deutschen Nichtarier“. Sie fragt darin: „Warum tut die Kirche nichts?“, und warnt: „Menschlich geredet bleibt die Schuld, dass alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen“. Sie verteilt einige Exemplare ihrer „Denkschrift“ an bekannte/befreundete Pfarrer in der Hoffnung, dass die dritte altpreußische Bekenntnissynode sich damit befasse. Aber ihre „Denkschrift“ bleibt unbeachtet und unbearbeitet, auch nachdem sie diese 200fach vervielfältigt und verbreitet hatte.

1938, nach den Verwüstungen und Verbrechen, die das Wort „Reichskristallnacht“ umschließt, wendet sie sich in einem flammenden Brief an Helmut Gollwitzer, den Pfarrer der Dahlemer Bekenntnisgemeinde, und bestürmt ihn, wenigstens am Buß- und Bettag das Schweigen der Kirche über das in Deutschland an Juden geschehene Unrecht zu brechen. Gollwitzers weit bekannte Predigt vom 16. November 1938 hört sie dankbar. In  ihrem Dankesbrief steht der prophetische Satz: „Ich bin überzeugt, dass – sollte es dahin kommen – mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet.“

Elisabeth Schmitz quittiert wenige Tage nach dem 9. November 1938 den Schuldienst mit der Begründung, dass sie den Unterricht in ihren Fächern – Religion, Deutsch , Geschichte – nicht mehr so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von ihr erwartet und fordert. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der „Judenhilfe“ der Friedenauer Bekennt-nisgemeinde und zieht sich schließlich in ihre Geburtsstadt Hanau zurück.

Nach Kriegsende arbeitet sie in Hanau wieder als Lehrerin, aber niemand von Seiten der evangelischen Kirche fragt nach ihr, sucht nach ihr, erinnert sich ihrer. 1977 nehmen an ihrer Beerdigung gerade einmal sieben Personen teil. – Erst als 2004 in einem Kirchenkeller eine Aktentasche mit persönlichen Dokumenten von ihr gefunden wurde, wird langsam deutlich, welch bedeutende Frau sie war und wie wichtig sie für den christlich-jüdischen Dialog heute ist.

Die Stadt Hanau hat für Elisabeth Schmitz ein ehrendes Denkmal errichtet. Die überaus lesenswerte Biographie von Manfred Gailus ist ein zweites Denkmal, eines, das spricht und lehrt und Elisabeth Schmitz hoffentlich weit bekannt macht.


Anneliese und Hans-Ulrich Kley

 

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