Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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 Klassiker der jüdischen Literatur: Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise (1937)

 

♦    In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal Lea Goldberg vor, eine literarische Persönlichkeit von höchstem Rang, die in Israel (fast) jedes Kind kennt und die einem deutschen Lesepublikum unbedingt vorgestellt werden sollte.

 

♦   Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Breisgau.

 


Klassiker der jüdischen Literatur:

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise (1937)

 


Zur Jahrzeit, sechs Jahre nach dem Tod der Dichterin, als man wie üblich ihr Grab besuchte, verweilte die alte Mutter noch ein wenig allein am Grab ihrer Tochter. Da wandte sich der Taxifahrer, der sie zu dem Jerusalemer Friedhof gefahren hatte, an die alte Frau und sagte zu ihr: „Seien Sie nicht traurig. Was bedeutet schon Leben? Man lebt und ist vergessen. Doch sie vergisst man nicht. Jeden Tag singt man ihre Lieder im Radio und auch im Fernsehen, und man erzählt sich ihre Geschichten, sogar den Kindern erzählt man sie.“[i]

Mit dieser Episode beginnt Tuvia Rübner seine Monographie über Lea Goldberg, eine der herausragendsten Figuren der hebräischen Literatur des 20. Jahrhunderts: Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin, Romanautorin, Dramaturgin und nicht zuletzt Verfasserin von Kinderbüchern. Der anrührende Versuch des Taxifahrers, die trauernde Mutter über den Tod ihrer Tochter zu trösten, ein 1976 geäußerter Satz, ist in Israel auch heute noch – 34 Jahre später – ungebrochen gültig, denn nach wie vor werden die Gedichte Lea Goldbergs von Liedermachern und Chansonniers vertont,[ii] und längst sind ihre Kinderbücher zu Klassikern avanciert. Außerhalb Israels aber kennt man Lea Goldberg kaum, da ihr Werk nur bruchstückhaft übersetzt ist.[iii] Um dieser bedauerlichen Wissenslücke ein wenig abzuhelfen, soll im Folgenden der kleine Roman Briefe von einer imaginären Reise vorgestellt werden, das einzige auf Deutsch vorliegende Buch der Dichterin.[iv]

 

Eckdaten zu Leben und Werk

Lea Goldberg wurde 1911 im ostpreußischen Königsberg geboren und verbrachte ihre frühe Kindheit im litauischen Kovno. Ihre Muttersprache war Russisch, die Sprache, in der sie auch als Jugendliche ihre ersten Gedichte schrieb. Während des Ersten Weltkrieges wurde Leas Familie von Litauen nach Russland deportiert, ihr Vater unter dem unbegründeten Verdacht der Spionage schwer misshandelt. Folgen dieser Folterung waren andauernde Wahnvorstellungen sowie eine zunehmende Demenz des Vaters und schließlich die Scheidung der Eltern, Traumata, die Lea Jahre später in ihrem autofiktionalen Roman Und er ist das Licht gedanklich zu bewältigen suchte.[v] Als fille bien rangée, als Tochter aus gutbürgerlichem jüdischen Haus, besuchte Lea das Hebräische Gymnasium in Kovno, wo sie fließend Hebräisch und Deutsch lernte. Ebenfalls in Kovno begann sie ihr breit gefächertes Studium der Geisteswissenschaften, das sie später in Berlin fortsetzte und 1935 in Bonn mit einer Dissertation zum Thema Das samaritanische Pentateuchtargum. Eine Untersuchung seiner handschriftlichen Quellen abschloss. Nur am Rande sei hier eine kleine Kuriosität vermerkt: Lea, die sowohl Russisch, Hebräisch und Deutsch, ebenso wie Philosophie, Geschichte und Psychologie studierte und später aus sieben Sprachen literarische Werke von Weltrang ins Hebräische übersetzte, bekam in ihrem litauischen ansonsten nur mit Bestnoten bestücktem Universitätszeugnis im Fach Einführung in die Literatur nur eben ein ‚genügend’ – was wohl mehr über das Einschätzungsvermögen des zuständigen Professors als über die Fähigkeiten seiner hochbegabten Schülerin aussagen mag.[vi]

Wie dem auch sei: 1935, unmittelbar nach Abschluss ihrer Promotion verließ Lea Goldberg Deutschland und wanderte ins damalige Palästina ein. In dieser Zeit, 25-jährig, verfasste sie denn auch die Briefe von einer imaginären Reise, die unverhohlen Zeugnis von der Schmerzhaftigkeit des Abschieds von Europa ablegen. Von 1935 bis 1952 lebte Lea zunächst als Autorin, Journalistin, Editorin und Beraterin des Ha-Bima-Theaters in Tel Aviv. 1952 siedelte sie nach Jerusalem über, wo sie an der Hebräischen Universität zunächst zur Lektorin für europäische Literatur und 1963 zur Professorin für Komparatistik berufen wurde, eine Aufgabe, die sie bis zu ihrem Tod 1970 wahrnahm.

Angesichts der Tatsache, dass Lea Goldberg nicht einmal sechzig Jahre alt wurde, ist ihr Werk überaus reich und breit: Von den literaturwissenschaftlichen Publikationen einmal abgesehen, veröffentlichte sie zehn Lyrikbände,[vii] zwei Romane, zahlreiche Erzählungen[viii] und Kinderbücher, die sie mehrfach selber illustriert hat,[ix] sowie ein Theaterstück[x]; posthum erschienen sind zudem die Briefe und ein Tagebuch.[xi] Darüber hinaus öffnete sie dem israelischen Lesepublikum zahlreiche Fenster in die Weltliteratur, übersetzte sie doch Dante, Petrarca, Shakespeare, Molière, Tolstoi, Tschechow, Ibsen, Strindberg, Brecht und Nelly Sachs ... – um nur ein paar der ganz klingenden Namen zu nennen. Neben solcher ‚Höhenkammliteratur’ war Lea Goldberg jedoch ebenso auf der Suche nach besonderen trouvailles, nach versteckteren literarischen Kostbarkeiten, und übertrug so beispielsweise auch Kinderlieder aus dem Ghetto Theresienstadt ins Hebräische[xii] oder das anonyme altfranzösische Singspiel Aucassin et Nicolette[xiii], ein reizender Text, der sonst wohl kaum einen Weg zu Leserinnen und Lesern in Israel gefunden hätte.[xiv]

Kurzum, Lea Goldberg war Zeit ihres Lebens akademisch, kulturell und durch ihr Übersetzungswerk überaus bedeutungsvoll, und sie ist als Autorin sowohl in der klassisch hebräischen Lyrik als auch in israelischer Folklore nach wie vor präsent[xv] und – den eingangs zitierten Taxichauffeur leicht korrigierend – nicht ‚sogar’, sondern ganz besonders in israelischen Kindergärten und Kinderzimmern mit ihren Büchern und Liedern noch stets zugegen.[xvi] Posthum, in ihrem Todesjahr 1970, wurde Lea Goldberg denn auch mit dem Israel-Preis die höchste Auszeichnung des Staates zuteil.


Ein Briefroman?

Die Briefe von einer imaginären Reise fügen sich nicht zu einem Briefroman im herkömmlichen Sinn zusammen, liegen doch nur die Briefe Ruths, des weiblichen Parts, vor, während der männliche Part Ruths Postsendungen unbeantwortet lässt. Dieses Ungleichgewicht spiegelt denn auch die unerwiderte Liebe Ruths, einer jungen jüdischen Frau im Berlin der frühen dreißiger Jahre, zu einem nur schemenhaft konturierten Mann namens Immanuel, den Ruth bald pathetisch ‚El‘ nennt (was hebräisch nichts Geringeres als ‚Gott‘ heißt), bald spielerisch in leichter Italianità mit ‚Immanulino‘ apostrophiert. Wie es der Titel sagt, schreibt Ruth ihre Briefe während einer Reise, genauer, einer Abschiedsreise, die sie von Marienburg über Berlin, Köln, Brüssel, Frauenburg, Brügge, Ostende und Paris nach Marseille führt, wo sie Europa und Immanuel verlassen und sich nach dem damaligen Palästina einschiffen wird. Von all diesen Städten sendet Ruth ihre kleinen billets, mots d’amour und Reiseeindrücke an den zurückbleibenden lieblosen Geliebten.

Vordergründig zeigt sich diese Reise zunächst imaginär, denn Ruth denkt sie sich in ihrem Zimmer aus, wenn sie munteren Tones schreibt (67):

El, El, El, Immanulino,

Die Reise, die nun von Brüssel nach Paris geht, legt eine lange Strecke zurück vom Fenster meines Zimmers, das die Lampe und den Mond widerspiegelt, bis zu meiner geschlossenen Tür.

Bei der Tür die erste Station: Die Reise hält inne, um den Schritten auf der Treppe zu lauschen. Ihre Räder sind bereit, die ganzen drei Stockwerke hinunterzurollen, wenn Deine Schritte unten zu hören wären. Doch diese sind nicht zu hören, und deshalb beschließt die Reise, sich nun doch nach Paris auf den Weg zu machen. Zu diesem Zweck galoppiert sie zum kulturellen Zentrum in meinem Zimmer, zum Schreibtisch. Hier nimmt sie die Kohle für den Weg auf (Tinte für den Füllfederhalter), und weiter galoppieren die Räder in die Nacht.

Zeit, Orte, Personen und Handlung des kleinen Romans weisen von Anfang an den autobiographischen Bezug zur Autorin auf. So fällt die Handlungszeit ebenso mit der Entstehungszeit des Textes wie mit der 1935 erfolgten Alija, der Einwanderung nach Eretz Israel Lea Goldbergs zusammen. Und auf der oben skizzierten Reiseroute lassen sich unschwer die frühen Stationen im Leben Lea Goldbergs erkennen. Bewusst kokettiert denn auch das textimmanente ‚Ich‘ im Vorwort mit den Instanzen von Autor, Erzähler und Figur, dort, wo dieses ‚Ich’ sich zum ersten Mal an Immanuel wendet (7):

Meine Heldin – Ruth – könnte, wie ich, in einer Zeit über dem Abgrund des Nichts leben. Sie weiß, dass sie reisen muss, der Weg jedoch ist ihr versperrt. Und vorläufig wird alles mehr und mehr zu Vergangenheit. Und sie hält sich an einer erdichteten Reise fest. Ruth ist kein sentimentales Fräulein. Sie schreibt Liebesbriefe, doch nicht, um sie später im Ofen zu verbrennen. Sie hat ein literarisches Ziel. Wirklich intime Briefe kann man nicht veröffentlichen. Deshalb habe ich eine Heldin gewählt, deren Name nicht meiner ist, und der Name ihres Geliebten ist nicht Dein Name. Wenn Ruth mir ähnelt und der, an den sie sich wendet, Dir, so sind sie dennoch nicht ich und nicht Du – sie sind Figuren, imaginär wie die Reise.

Die hier genannte ‚Zeit über dem Abgrund des Nichts‘ spielt unumwunden auf den aufkommenden Nationalsozialismus an, und deutlich spürbar ist das  Bewusstsein, nach und vor allem auch vor einem großen Krieg zu leben. Unheilvoll flackern in den Briefen Streiflichter von Hakenkreuzen, Uniformen und SA-Truppen auf, von Flüchtlingen, antisemitischen Parolen und Repressionen gegen Juden. Aus der Perspektive eines zeitgenössischen Lesers und einer heutigen Leserin gehören die Briefe von einer imaginären Reise zu den Werken, denen ihr historischer Kontext eine zusätzliche Tiefe verleiht, wobei erstaunlich ist, mit welch klarem Blick die 25-jährige Lea Goldberg die politische Situation Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg erfasst und in eindrückliche Bilder umsetzt, so etwa wenn Ruth an Immanuel von Paris aus schreibt, wie sie mit Vergnügen den Kindern im Jardin du Luxembourg beim Spielen zuschaut (83-84):

Nur einmal hat dieses Spiel mich zutiefst deprimiert. Es war in Deutschland. Neben meinem Haus sah ich eine Gruppe kleiner Kinder, die Krieg spielten. Eines von ihnen hatte eine alte Gasmaske aufgesetzt. Ich weiß nicht, wie sie in seine Hände gelangt war. Das war einer der schrecklichsten Anblicke, die ich je hatte. Diese Kleinen wussten schon etwas vom Krieg. Sie ahnten schon, dass er nicht nur Heldentum war, sondern auch – Tod. Und trotzdem begeisterte sie das Spiel ... Es wird noch Kriege in der Welt geben.

Doch auch abgesehen von seinem Wert als Zeitzeugnis, einem Wert, den erst die zeitliche Distanz sichtbar macht, ist das Erstlingswerk Lea Goldbergs von hoher literarischer Qualität. Der Text lebt von präzisen Beobachtungen, die in ganz eigenwillige Metaphern gefasst werden. „Ich ging die große Schildkröte besuchen, die graziöse, lächerliche Bewegungen im Wasser vollführte – und so sehr einer alten amerikanischen Dame ähnelte, die Tango tanzt“ (29) schreibt Ruth ihrem El über einen Besuch im Berliner Tiergarten. So ist der Duktus der Briefe vornehmend lyrisch, der Ton manchmal heiter, meist jedoch melancholisch. Als ‚Causerie‘ bezeichnet die Verfasserin im Vorwort die Gattung ihrer Briefe (8), wobei sich das anregende Plaudern immer wieder um die Literatur dreht. Kaum eine Seite ohne literarische Assoziationen und kulturelle Querbezüge von griechischer Mythologie über chinesische Philosophie zu allen erdenklichen Klassikern der europäischen Literaturen verschiedenster Epochen. Die Bibliothek, die sich in den Briefen von einer imaginären Reise abzeichnet, verrät einen unstillbaren Bulmus, den Heißhunger einer jungen Literaturverliebten. In der Tat scheint der kleine Briefroman ganz wesentlich aus dem Nährboden der Weltliteratur erwachsen – und selber auf dem Weg, Teil derselben zu werden.

Der kleine Briefroman einer gänzlich unerfahrenen jungen Autorin als Weltliteratur? Diese Behauptung bedarf einer Begründung. Wenn auch Ruth ihre Briefe in wildem Durcheinander mit Schriftstellern überfrachtet – Goldoni, Goethe, Dostojewski, Gottfried Keller, Jules Verne, Oscar Wilde, Romain Rolland, Rainer Maria Rilke, Paul Valéry, Erich Maria Remarque etc., etc. – so entsteht dennoch nicht der Eindruck, dass hier eine Musterschülerin ihre Gelehrsamkeit zum Besten gibt. Vielmehr zeichnet sich bereits in Lea Goldbergs literarischem Debüt die Besonderheit ab, welche später ihrem Gesamtwerk eine unverkennbare Note verleihen wird: eine organische Verbindung zwischen Stoffen und Gattungen der Weltliteratur einerseits sowie der jüdischen Überlieferung und dem hebräischen Traditionsschrifttum  andererseits. Das, was dem traditionellen Judentum insbesondere im Ringen mit der aufkommenden Aufklärung immer wieder als unvereinbare Gegensätze gegolten hat – Heilige Schrift gegenüber weltlicher Literatur –, fügt Ruth alias Lea locker zusammen, indem sie etwa das Hohelied der Hebräischen Bibel in einem Atemzug mit den Schriften des russischen Schriftstellers Wassilij Wassiljewitsch Rosanow nennt (50). Und wenn die ‚Ich‘-Figur in ihrer Phantasie e.t.a. Hoffmann in derselben Berliner Kneipe ortet wie den Kabbalisten Moshe Chaim Luzzatto (25), oder wenn sie den norwegischen Dichter Knut Hamsun explizit mit Uri Nissan Gnessin vergleicht (37), einem Pionier der modernen hebräischen Literatur, so zeichnet sich damit das Unterfangen ab, die Errungenschaften europäischer Literatur sowohl mit dem alten hebräischen Schrifttum als auch mit der sich entwickelnden modernen hebräischen Literatur zusammenzudenken.

Diese Synthese ist es denn auch, die den Briefen von einer imaginären Reise die zusätzliche Dimension verleiht, welche die eigentliche Tiefe von Lea Goldbergs Frühwerk ausmacht: die allegorische Ebene der Liebesgeschichte. Denn so wie das Hohelied, das im Briefroman heraufbeschworen wird, traditionell-rabbinisch nicht als Sammlung profaner Hochzeits- und Liebeslieder, sondern als gleichnishafte Rede von Gottes Liebe zu Israel verstanden wird, so erzählen die Briefe nicht einfach von einer privaten Affäre zweier Liebender, sondern versinnbildlichen vielmehr Abschied und Trennung des Judentums von Europa, insbesondere von Deutschland. Was die Autorin in ihrem Text als zusätzliche allegorische Ebene angelegt hat, wird der spätere Lauf der Geschichte auf tragische Weise akzentuieren, indem die unerwiderte Liebe Ruths zu Immanuel alias El oder Immanulino symbolhaft für die gespannten Beziehungen zwischen den Juden und dem Europa der dreißiger Jahre steht – ein Europa, ein Deutschland, das nur wenige Jahre später die Juden ausspeien und vernichten wird. Mithin handeln denn auch die Briefe von einer imaginären Reise – ganz entgegen ihrem Titel – nicht von einer imaginären Reise. Diese ist vielmehr erschütternd konkret, und die Fiktion kippt unvermittelt in die Realität (9): „Die imaginäre Reise endet mit Ruths wirklicher Abreise, und das ist wohl gut so. Jemand, der tatsächlich den Boden der Fremde betritt, weiß vielleicht mehr als jemand, der in Gedanken in die Ferne schweift.“

Angesichts dieser mehr als überschatteten Beziehung und ihrem historischen Hintergrund erstaunt dann aber umso mehr Ruths letzter Brief, in dem der Ton unvermutet froh wird. Und – ohne Leser und Leserin hier den Ausgang vorwegzunehmen – sei doch so viel verraten, dass Ruth ihrer Reise sogar eine Art Happy-End abgewinnen kann, wenn sie sich endgültig von Immanuel verabschiedet (110):

Das ist das Happy-End meiner Reise: Es ist glücklich, weil es mitnichten ein Ende ist, weil es ein Anfang ist und weil diesem Anfang ein starkes Wollen und großer Elan innewohnt und auch –  spotte nur, wenn Du magst – viel Glauben.

Solchermaßen aufgeräumt verlässt Ruth Deutschland in Richtung Palästina. Und ebenso wandert Lea Goldberg in den zukünftigen Staat Israel, im Gepäck viele Kostbarkeiten europäischer Kultur, um in der neuen Heimat äußerst tatkräftig am Aufbau der aufblühenden hebräischen Literatur mitzuwirken.

Ein Erstlingswerk als Lebensentwurf?

Betrachtet man Lea Goldbergs gesamtes Leben und Werk im Vergleich mit den Briefen von einer imaginären Reise, drängt sich die Frage auf, inwiefern dieses literarische Debüt bereits das ganze Lebensprogramm der Autorin, Übersetzerin und Wissenschaftlerin vorwegnimmt, scheint doch die junge Dichterin ihre Lebenslinien schon 1935 erstaunlich präzise auszuziehen, und dies im Kleinen wie im Großen, in einzelnen Details wie auch in grundsätzlicher literarischer Ausrichtung und Lebensgestaltung.

So fallen in dem frühen Briefroman eine Menge Einzelheiten und peripherer Passagen auf, die in ihrem späteren Oeuvre zunehmend Raum einnehmen werden.

Da ist zunächst Ruths Interesse an bildender Kunst, das Lea Goldbergs künstlerische Begabung vorwegnimmt und sich in den kommenden Jahren in den Illustrationen ihrer Kinderbücher konkretisieren wird. Ebenso zeichnen sich bei Ruth und Lea gleichermaßen eine spezielle Vorliebe für altfranzösische Literatur ab, wenn Ruth an Immanuel aus Paris ausführlich über ihr imaginäres Zwiegespräch mit dem mittelalterlichen Poeten François Villon berichtet (91-95), und dieses besondere Interesse 1966 mit der bereits erwähnten Übersetzung des altfranzösischen Singspiels Aucassin et Nicolette ein fruchtbares Nachspiel haben wird. Weiter zeugen mehrere Szenen von Ruths besonderer Sensibilität für Kinder und Tiere, einer innigen Zuwendung, welche sich in den folgenden Jahren in Leas zahlreichen Kinderbüchern niederschlagen wird. Auf diese Weise scheint etwa aus einer detaillierten Beschreibung zweier Rehe im Pariser Jardin des Pantes, die Ruth an Immanuel schickt (75-76), Lea Goldbergs bekanntes Kinderlied Ma’osoth ha-ajjalot zu wachsen, eine reizende Gute-Nacht-Geschichte, welche die Frage stellt, was Rehe wohl nachts alles anstellen und wovon sie träumen.[xvii] Wie wichtig der Dichterin das Urteil von Kindern war, veranschaulicht sie mehrfach an ihrer Protagonistin, in Ruths behutsamem Umgang mit den Kleinen, anhand ihrer Schilderungen kindlichen Spielens und nicht zuletzt mit den Worten (83): „Ich fürchte mich vor dem Spott der Kinder.“


 Selbstporträt von Lea Goldberg

Von solchen mehr punktuellen Einzelheiten abgesehen antizipieren die Briefe von einer imaginären Reise aber auch die übergeordneten Linien von Lea Goldbergs Leben und Werk.

Hier ist an allererster Stelle die Sprache zu nennen, welche die Autorin für ihr literarisches Debüt gewählt hat, denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass Lea Goldberg schon Mitte der dreißiger Jahre – noch in Deutschland, auf dem Weg nach Palästina oder eben erst in Eretz Israel angekommen – Hebräisch schreibt. Einerseits weil ihre Muttersprache Russisch und die Sprache, in der sie studiert und promoviert hatte, Deutsch war. Andererseits aber auch, weil die hebräische Literatur bis ins 20. Jahrhundert als reine Männerdomäne zu betrachten ist, in der sich vor der Staatsgründung nur zaghaft Frauenstimmen zu Wort meldeten,[xviii] und Lea Goldberg sich nun selbstbewusst mit einem fehlerlosen, klaren und schönen Hebräisch als blutjunge Dichterin in diese Tradition einbringt. Von eben diesem Selbstbewusstsein spricht denn auch Ruth, wenn sie an ihren Immanulino von Paris aus schreibt (89):

Ich bin keine junge Dame, die Gedichte schreibt – ich bin Dichterin. Mein Gedicht ersetzt kein Schmuckstück. Es ist kein Zierrat. Ein Gedicht ist ein Gedicht. Mehr als alles ähnelt es der Liebe – in ihm, wie in der Liebe, ist es am schwersten zu erkennen, wo das Fleisch endet und wo die Seele beginnt, wo die Grenzen zwischen Form und innerer Verfassung verlaufen. Deshalb ist wahre Poesie erotisch im Grund ihres Wesens, ob es nun religiöse, philosophische oder Naturdichtung ist.

Der vorliegende Ausschnitt führt in seiner Verknüpfung von Poesie und Liebe zu einer weiteren Konstante, die im Briefroman ihren Ausgang nimmt und bis zum Spätwerk führt: das Gefühl des Nicht-Geliebt-Werdens, ein Abgrund im Verhältnis zwischen Mann und Frau, welcher zuweilen in geradezu verstörenden Vergleichen zum Ausdruck kommt, wie dort etwa, wo Ruth an Immanuel über die Fahrt von Berlin nach Köln schreibt (38):

Im Nebenabteil saßen drei Männer. Ich trat hinaus in den Gang. Sie sprachen über Frauen – der eine mit Hass, der zweite ironisch und verachtungsvoll, der dritte seine Lippen leckend – so empfand ich es. Es ist eigenartig, ich habe es einige Male bemerkt – Ihr, die Männer, wenn Ihr unter Euch seid, könnt dieses seltsame Bedürfnis nicht bezwingen, über Frauen zu sprechen – wie Antisemiten über Juden.

Ein solch böses Beziehungsbild mag Ausdruck davon sein, wie schwer sich Lea Goldberg Zeit ihres Lebens mit dem anderen Geschlecht getan hat. Vielleicht aber verfasste sie gerade aus dieser Gebrochenheit heraus unvergleichlich berührende Liebesgedichte? Bei einer Lyrikerin von ihrem Format ist die Frage allerdings weniger, inwiefern die Alltäglichkeiten gelebter Liebesgeschichten die poetische Kreativität beeinträchtigt oder die zart getuschten Idealbilder vom Liebeszauber verwischt hätten als vielmehr, ob es sich bei der tragischen Liebesgeschichte zwischen Ruth und Immanuel um den Ausdruck prägender Verletztheit, erspürten Fatums oder aber um ein bewusst gewähltes Lebensprogramm der Autorin handelt – die Frage bleibe hier unbeantwortet, ebenso wie Ruths Briefe an Immanuel.

Die eindrücklichste Vorwegnahme jedoch ist der Stellenwert der Literatur (79): „Das ist für immer mein Problem – die Literatur dient mir als Brille“ – schreibt Ruth aus Paris, und Lea wird diese Brille bleibend auf der Nase lassen. Über eine unstillbar literarische Leidenschaft hinaus kündigen die Briefe von einer imaginären Reise zudem den spezifischen Ansatz von Lea Goldbergs Schreiben an. Einerseits ihre Vorliebe, ihren Texten eine allegorische Ebene beizufügen: So wie Ruth und Immanuel als symbolische Figuren für das Judentum und das nicht-jüdische (denkbar ungastliche) Gastland gelesen werden können, implizieren später in Lea Goldbergs berühmtestem Kinderbuch, Wohnung zu vermieten, die verschiedenen Tiere, die sich entschließen, gemeinsam in einem Haus zu wohnen, unverkennbar das bunte Zusammenleben von Juden verschiedenster Herkunftsländer im jungen Staat Israel.[xix] Andererseits die organische Verbindung von hebräischem und jüdischem Schrifttum mit der Weltliteratur: Als letztes Beispiel sei an dieser Stelle Der Geizhals erwähnt, eine reizende und gleichzeitig bitterernste Erzählung, in der die Autorin die universale Gattung des Märchens und die ebenso allgemein beliebte Figur des Geizhalses mit Motiven unverkennbar jüdischer Traditionsliteratur ausstattet wie beispielsweise mit dem aus dem Midrasch bekannten Todeskuss oder mit der biblischen Gottesschau des Elija.[xx]

Literatur als Lebensweg – damit könnte man abschließend Lea Goldbergs Biographie resümieren. Und mag auch ein melancholischer Schatten auf dem Leben der großen Dichterin liegen, so mündet dieses doch ebenso wie die Briefe von einer imaginären Reise in ein Happy-End, denn ungebrochenen strahlt der Glanz von ihrem literarischen Nachlass.



[i] Tuvia Rübner, Lea Goldberg. Eine Monographie, Tel-Aviv 1980, 9 (hebr.).

[ii] Mi-schire Lea Goldberg (Aus Lea Goldbergs Gedichten), Phonokol 2005; Ani holechet elaj (Ich geh zu mir) – Lea Goldberg: Selected Songs, NMC 2007.

[iii] Einen Überblick über die Übersetzungen der Werke Lea Goldbergs bietet die Homepage des Institute for the Translation of Hebrew Literature: www.ithl.org.il/author_info.asp?id=98 (Stand vom 16. Juni 2010).

[iv] Lea Goldberg, Briefe von einer imaginären Reise, aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer, Frankfurt a.M. 2003 (hebräische Originalausgabe unter dem Titel Michtavim mi-nessia meduma 1937).

[v] Lea Goldberg, We-hu ha-or (Und er ist das Licht), Bnei Brak 2005 (Originalausgabe 1946; hebr.).

[vi] Abgedruckt ist die Bescheinigung von Leas Zeugnis, ausgestellt von der Universität Kovno am 20. Juni 1930, in Tuvia Rübners Monographie (Anm. 1), 40.41.

[vii] Inzwischen liegt das lyrische Gesamtwerk vor unter: Lea Goldberg, Schirim (Gedichte), hg. von Tuvia Rübner, 3 Bände, Bnei Brak 2008 (hebr.).

[viii] Lea Goldberg, Kol ha-sippurim (Gesammelte Erzählungen), hg. von Giddon Ticotsky und Hamutal Bar-Yosef, Bnei Brak 2009 (hebr.).

[ix] Mehrere Kinderbücher liegen in neuen Editionen und teilweise auch neu illustriert vor, davon hier nur ein Ausschnitt besonders bekannter Titel: Lea Goldberg, Kova‘ qsamim (Ein Zauberhut), Bnei Brak 2005 (hebr.); dies., Ha-jeled ha-ra‘ (Das üble Büble), Bnei Brak 2006 (hebr.); dies., Dira le-haskir (Wohnung zu vermieten), Bnei Brak 2007 (hebr.);  dies., Mor ha-chamor (Der Esel Mor), Bnei Brak 2007 (hebr.); dies., Ha-mefusar mi-kfar Asar (Der zerstreute Mensch aus dem Dorf Azar), Bnei Brak 2007 hebr.).

[x] Lea Goldberg, Ba’alat ha-armon (Die Schlossherrin), Bnei Brak 1990 (Originalausgabe 1956; hebr.).

[xi] Lea Goldberg, Michtavim we-joman (Briefe und Tagebuch), Massada 1978 (hebr.).

[xii] En parparim po. Zijjurim we-schirim schel jalde Getto Theresienstadt 1942-1944 (Hier gibt es keine Schmetterlinge. Zeichnungen, Lieder und Gedichte von Kindern aus dem Getto Theresienstadt 1942-1944), hg. von Hanna Wolkow und Abba Kovner, ins Hebräische übertragen von Lea Goldberg, Tel Aviv 2002 (1966; hebr.).

[xiii] Aucassin we-Nicolette, tirgema min ha-maqor ha-zarfati we-zijjera Lea Goldberg (Aucassin und Nicolette, aus dem französischen Original übersetzt und illustriert von Lea Goldberg), Jerusalem 1966 (hebr.).

[xiv] Einen kleinen Querschnitt mit übersetzten Auszügen aus Lea Goldbergs Lyrik, Prosa, Drama und Kinderliteratur habe ich mit meinen Studierenden im Sommersemester 2010 erarbeitet. Die Texte sind zugänglich auf der Judaistik-Homepage: www.orient.uni-freiburg.de/judaistik.

[xv] Nur einen kleinen Einblick in die Sekundärliteratur, die insbesondere das poetische Werk Lea Goldbergs würdigt, sollen hier folgende ausgewählte Titel geben: Harold Schimmel, Lea Goldberg the poet, in: Orot 10, Jerusalem 1971, 21-27; Tuvia Rübner, „Mit dieser Nacht und all ihrem Schweigen“. Lea Goldberg (1911-1970), in: Norbert Oellers (Hg.): „Manche Worte strahlen“. Deutsch-jüdische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, Erkelenz 1999, 83-109; Yoseph Milman, Screaming words into the white. The poetics of fragmentation in Leah Goldberg’s end-of-life poetry, in: Hebrew Studies 45, 2004, 79-97.

[xvi] Vgl. dazu Ofra Amihay, „A candle of freedom, a candle of labor, or the candle of Judah”. Lea Goldberg’s Jewish holiday poems for children, in: Prooftexts. A Journal of Jewish Literary History 28/1, Bloomington 2008, 28-52.

[xvii] Lea Goldberg, Ma’osoth ha-ajjalot (Was machen die Rehe), in: Nira Harel (Ed.), Scharscheret Sahav (The Golden Chain: Best Hebrew Poems for Children), Tel-Aviv 2007, 44-45 (hebr.).

[xviii] Beispielsweise die Dichterin Rachel (mit vollem Namen Rachel Bluwstein; 1890-1931), die eine Generation älter als Lea Goldberg war, hingegen bereits 1909 als junges Mädchen nach Palästina gekommen war und dort erst Hebräisch zu schreiben begann.

[xix] Lea Goldberg, Dira le-haskir (Wohnung zu vermieten), aus dem Hebräischen von Sonja Pilz, in: www.orient.uni-freiburg.de/judaistik. Der Text ist auch von dem israelischen Komponisten Jechesqel Braun als Singspiel vertont worden.

[xx] Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Aus jüdischen Quellen: Lea Goldbergs Märchen Der Geizhals (1930), in: Judaica 66/4, 2010 (im Druck).

 

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