Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Meir Y. Soloveichik

Gottes erste Liebe: die Theologie von Michael Wyschogrod

 

     Der Beitrag Meir Y. Soloveichiks zur Theologie von Michael Wyschogrod macht auf eine singuläre Gestalt unter den jüdischen Denkern der Gegenwart aufmerksam, welcher der modernen Orthodoxie angehört und die rabbinische Gelehrsamkeit mit der Offenheit für westliche Kultur verbindet. Diese Offenheit enthält ein vitales Interesse am Christentum. So hat Wyschogrod sich selbst einen „jüdischen Barthianer“ genannt. Solche Selbstkennzeichnung steht für ein religiöses Denken, das bei der Offenbarung des Gottes Israels bzw. bei der Erwählung Israels durch seinen Gott ansetzt und – ähnlich wie Barth – der philosophischen Vernunft kein eigenes Mitspracherecht im Verständnis der Offenbarung Gottes einräumt. Seine Kritik an Maimonides und heutige philosophische Stimmen im jüdischen Denken erinnert von Ferne an die maimonidische Kontroverse des Mittelalters, wo innerjüdisch der Philosophie die Verfälschung biblischer Gottesvorstellung vorgehalten wurde. Für das jüdisch-christliche Gegenüber bedeutet Wyschogrods Betonung, dass Gott als der Gott Israels in die Geschichte eintritt, die kritische Einrede, die Differenz von Israel und den Völkern nicht einzuebnen oder zu vergessen; und seine Zurückweisung der Inkarnation des Sohnes Gottes in Jesus von Nazareth mahnt die christliche Theologie, Gottes Eintreten in die Welt nicht ohne Gottes Wohnungsnahme unter Israel zu denken. Mit seinen Einsprüchen wirkt er anregend auf die aktuelle christliche Theologie.

 

     Michael Wyschogrod ist als orthodoxer Jude und Denker intensiv der Beziehung von Judentum und Christentum nachgegangen. 1928 als Sohn einer aus Ungarn stammenden Familie in Berlin geboren, konnte er mit der Familie 1939 in die USA einreisen. Nach seiner rabbinisch-talmudischen Ausbildung studierte er an der Yeshivah University (u.a. bei R. Joseph B. Soloveitchik) und an der Columbia University in New York, wo er in der Philosophie über Sören Kierkegaard und Martin Heidegger promovierte. Ab 1953 lehrte er am City College, Hunter College und Baruch College der City University of New York Philosophie und wechselte 1992 an die Universität Houston/Texas, wo er bis zu seiner Emeritierung 2002 das Programm für religiöse Studien verantwortete. Von den 1980er Jahren an hat er mehrere Gastprofessuren an deutschsprachigen Hochschulen und Universitäten wahrgenommen und referierte vielfach bei Kirchentagen und in kirchlichen Akademien. Wyschogrod, der sich selbst einen „jüdischen Barthianer“ genannt hat,  zählt zu den in christlicher Theologie am intensivsten rezipierten jüdischen Denkern der Gegenwart.

 

     Der Autor der Würdigung der Theologie Wyschogrods, Meir Y. Soloveichik, ist Rabbiner der orthodoxen Gemeinde Kehilath Jeshurun in New York und hat an der Princeton University, New Jersey, in jüdischer Philosophie promoviert. Wir danken ihm und der Schriftleitung von „First Things“ für die Erlaubnis zur deutschen Publikation seines Artikels, der unter dem Titel „God’s First Love: The Theology of Michael Wyschogrod“ in der Zeitschrift: First Things. A Journal of Religion, Culture and Public Life (November 1, 2009) erschienen ist.

 

 

Gottes erste Liebe: die Theologie von Michael Wyschogrod


Ein kompromissloser Verteidiger der Partikularität Israels

Das Paradox begleitet den Einfluss von Michael Wyschogrod, dem vielleicht originellsten jüdischen Theologen des letzten halben Jahrhunderts: Als ein kompromissloser Verteidiger der Partikularität Israels und der besonderen Liebe Gottes für das jüdische Volk hat er oft eine warmherzigere Rezeption unter den christlichen Denkern als unter den traditionellen jüdischen Denkern gefunden. Vor mehr als zwanzig Jahren veränderte das Erscheinen seines Buches The Body of Faith die Weise, wie viele führende christliche Theologen das Judentum verstanden. Vielleicht ist dies nicht verwunderlich. Denn dieser amerikanische Denker, der 1928 in Deutschland geboren wurde, hat sich während seines langen Wirkens außerordentlich bereit gezeigt, christliche Theologen in Anspruch zu nehmen: so zum Beispiel Karl Barth, den Wyschogrod in seinen Bemühungen heranzieht, das Judentum aus der Abhängigkeit von so fremden philosophischen Einflüssen wie Aristoteles und Kant zu befreien. In der Tat hat Wyschogrod bei all seinem Nachdruck auf die Einzigartigkeit der jüdischen Offenbarung überraschende Gemeinsamkeiten mit Christen gefunden.

 

Als ein orthodoxer Jude besteht Wyschogrod darauf, dass sein Werk mit der Fähigkeit traditioneller Juden steht und fällt, davon bewegt zu werden, dass es letztlich die Tora-gehorsame jüdische Gemeinschaft ist, die ein Werk jüdischen Denkens beurteilt, wie er in seinem Meisterwerk The Body of Faith von 1983 schrieb. Zugleich ist es gerade die orthodoxe Gemeinschaft, die sich eine Wertschätzung seines Werks versagt hat – vielleicht wegen seiner Kritik an Maimonides, einen der beliebtesten Denker in der jüdischen Geschichte. 

 

Maimonides – darauf beharrt Wyschogrod – führte fremde Einflüsse in das Judentum ein, und dies teilweise bei dem Versuch, die jüdische Religion mit der aristotelischen Philosophie in Einklang zu bringen. Wyschogrod argumentiert, dass es dem Judentum nicht um eine philosophische Lehre geht, sondern vielmehr um Gottes einzigartige und bevorzugte Liebe für die leiblichen Nachkommen Abrahams. Die Wahl des jüdischen Volkes ist das Ergebnis davon, dass Gott Abraham liebte und mit ihm eine Familie fand. Aus seiner leidenschaftlichen Liebe für Abraham blieb Gott unter dem jüdischen Volk wohnen. Nach Wyschogrods Auffassung wich Maimonides von der biblischen Sicht ab, um die Philosophie des Aristoteles aufzunehmen.

 

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