Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Petra Heldt

Eine Strategie der Ersetzung Israels durch Palästina –
Zum Buch von Mitri Raheb

 

   Pfarrerin Dr. Petra Heldt lebt seit 1979 in Jerusalem. Sie ist seit 1987 Generalsekretärin der „Ecumenical Theological Research Fraternity“ in Israel. Nach ihrer Graduierung und Ordination zur Pfarrerin in Deutschland promovierte sie an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit einer Dissertation zur patristischen Auslegung des Galaterbriefs. Seit 1988 lehrt sie als Dozentin an verschiedenen akademischen bzw. universitären Institutionen in Jerusalem. Darüber hinaus liegt ein reiches Werk zu patristischen Themen vor, nicht zuletzt aber auch zu Themen der interkonfessionellen und interreligiösen Verständigungsarbeit. Sie lehrte und lehrt bis heute an vielen internationalen Hochschulen. Sie erhielt verschiedene Preise und Würdigungen, u.a. das „Bundesverdienstkreuz am Bande“ der Bundesrepublik Deutschland und den „Sir Sigmund Sternberg Award for Interfaith Understanding“ der Hebräischen Universität. 2013 erhielt sie den „Knesset Christan Allies Caucus Award“, dem höchsten Knesset Preis für Nicht-Israelis. 1997 überlebte sie schwer verletzt einen Terroranschlag in Westjerusalem.


Rezension von Mitri Raheb, Glaube unter imperialer Macht. Eine palästinensische Theologie der Hoffnung (Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh, 2014)[1]

 

Rahebs Buch Glaube unter imperialer Macht (künftig zitiert mit der Abkürzung Glaube) entwirft eine homiletische Historiographie für Palästina. Die Rezension zeichnet zunächst die Rezeption von Glaube nach (1. Akzeptanz). In einem zweiten Abschnitt folgt die Buchanalyse in fünf Punkten dem Kontext der Methode und des Aufbaus dieser Geschichtsschreibung (2. Kontext). Ein dritter Teil bilanziert drei Vorschläge von Glaube (3. Bilanz). Es folgt ein kurzer Ausblick (Zum Schluss).


1. Akzeptanz

Das Buch richtet sich implizit an eine interessierte und besorgte Leserschaft, die sich nach dem Autor schon mit den verzweifelt nach Frieden im Nahen Osten Suchenden weltweit verbinden und das Beste für die Palästinenser tun möchten. Das Buch möchte Christen und Nicht-Christen im Westen sammeln und ihnen die Zuversicht geben, dass durch ausreichende Beachtung des Umstandes, dass die Bibel ein Buch des Nahen Ostens ist (S. 13), die falschen Ergebnisse von westlichen christlichen Gelehrten und säkularen Geschichtswissenschaftlern, welche die Palästinenser teuer zu stehen kommen (S. 26-27), revidiert werden können. Bei der wiederholten Anklage gegen den Westen soll der engagierte Nah-Ost Freund überzeugt werden, dass er nicht zu den westlichen imperialen Zerstörern des Nahen Osten gehört, sondern zu denen, die zusammen mit dem Buchautor selbst Palästina aufbauen. Er liest die Botschaft, dass Ohne eine neue aktivierende Vision und ohne einen solchen kreativen Prozess ... die Region im Chaos untergehen wird (S. 202). Die Besorgten erfahren, dass durch den kreativen Prozeß der re-lecture der Bibel Israel ersetzt werden muss durch Palästina. So wird der langersehnte Frieden machbar sein. Palästinenser, so können sie in der Person des Buchautors erkennen, sind ehrliche Friedensbringer.

Dieses Buch bestätigt die um eine gerechte Behandlung der leidenden Bevölkerung in der Westbank Bemühten, dass sie nun teilnehmen können an der Entwicklung einer neuen Wirklichkeit des Nahen Ostens (S. 198). Ein wahres Friedensreich steht bevor. Sie sind auf dem richtigen Weg. Das Buch bestätigt die Informationen der Leser, dass Israel eine Besatzermacht ist (S. 93), die den Palästinensern das Wasser (S. 96-97) und die Rohstoffe (S. 98-99), die Kraft (S. 100-101) und das Land (S. 102-103) nimmt. Das Buch beschreibt Israel als einen Unrechtsstaat, der ein Land namens Palästina umbenannt hat in Israel, und es portraitiert die Menschen des Landes (sc. Palästinenser) als ein langmütiges, ausdauerndes, friedliches Volk (S. 110-121). Der große Lichtblick für die bemühten Leser kommt in der Vision von dem Raum eines Palästina zum Ausdruck, das wie ein Vogel mit zwei Flügeln wäre: Der eine Flügel wäre Ägypten im Süden und der andere Syrien und der Irak im Norden (S. 200). Denn in diesen Gebieten, die sich zwischen den beiden Flüssen (Nil und Euphrat/Tigris, Anm. PH) erstrecken, haben sich die Menschen von Palästina immer bewegt (S. 201). Die von dem Autor oft zitierten imperialen Mächte, die sein Palästina seit viertausend Jahren besetzt haben, werden dann überwunden sein. Die weltweite Anhängerschaft des Bethlehemer Buchautors und Pfarrers kann sich unter seiner Leitung, zusammen mit dem Jerusalemer Prophet(en) Jeremia und der prophetische(n) Überlegung, die aus Palästina kam (S. 204), auf ein eschatologisches Hoffen einrichten, ohne dass sie das Imperium, die endgültige Achse des Bösen (sc. Israel und seine Freunde), die Gott ganz und gar vernichten würde (S. 198), noch länger sehen müssen. Der Sieg ist errungen. Israel ist tot.

Das Buch bezeugt den Frommen und Mitleidenden, dass sie sich zu recht um die Menschen in Palästina sorgen, aber auch hoffen dürfen. Theologisch bietet das Buch den ihm eigenen Trost des Neulesens der Bibel, bei dem Gott nicht zu Israel spricht, sondern zu dem Volk in Palästina, und bei dem der Gott der Palästinenser Israel vernichten wird. Politisch zeigt es den Trost darin, dass das Buch ihr Wissen über den Konflikt im Nahen Osten bestätigt und ihnen versichert, dass Israel die Schuld am Konflikt trägt. Das Buch bestärkt die am Nahen Osten Mitleidenden und spornt ihre Spenden an, intensiviert ihre Aktionen für Palästina, und ermuntert ihre Boykottunterstützungen. Das Buch vermittelt ihnen, dass sie gelobt und geliebt werden für das, was sie für die Unterdrückten tun. Dass sich das Buch auch über die westlichen Gutmeinenden mokiert (S. 67-69 u.ö.), geht dabei fast unter. Die Besorgten werden bestätigt darin, dass sie dieses Mal mit dem Kairos-Palästina Dokument (S. 74-75) den richtigen Widerstand gegen die Achse des Bösen leisten, dass sie mit Palästina die richtige Seite unterstützen gegen die israelische Imperialmacht (S. 93-102) und dass ihr Tun großen Erfolg haben wird bei der Überwindung Israels, wenn sie teilnehmen am kreativen Widerstand Palästinas, einschließlich an der Befreiung des Feindes von dessen eigener Gewalt und am Boykott Israels (BDS), (S. 190-192). Das Buch macht Mut und versichert, dass ein Mehr-Tun im Sinne dieser Vorschläge noch mehr Erfolg für Palästina zeigen würde. Das Buch spornt an. Das beste Buch bisher und in den letzten zwanzig Jahren, das sich neben das von Ilan Pappe stellen kann. Was für ein verheißungsvolles Programm, kommentierte Rupert Neudeck[2].

Evangelische Gemeinden in Deutschland[3], der Schweiz[4] und Österreich[5] unterstützen den Aufruf des Buches. Einfallsreiche Organisationen[6] helfen nach Kräften[7], wache Menschen für Palästina zu interessieren, zu sammeln und zu aktivieren. Die Süddeutsche.de[8] fasst lobend in ihrer Rezensionsüberschrift zusammen, was der moderne deutsche Christ an dem Autor dieses Buches so schätzt: Er ist ein tatkräftiger Optimist.

Um es vorweg zu sagen: die Sorge um die schiere Not der Menschen verbindet diese Rezensentin mit jenen Besorgten. Aber warum geht es nach diesem Buch den Palästinensern erst gut, wenn Israel zerstört ist? Die Rezensentin sieht in der öffentlich bislang scheinbar wenig widersprochenen Darstellung der hier vorgelegten Israelvernichtung einen theologisch-kulturellen Graben zwischen Israel und den um Palästina Besorgten. Seit Jahrzehnten arbeitet die Rezensentin in Israel und der Westbank für Verständigung und Frieden mit Israelis und Palästinensern, Christen, Juden und Muslimen. Forschung und Lehre, Respekt und Achtung für die Würde eines jeden Menschen gehören zur Basis dieser Aufgabe.


2. Kontext

Die ältere Bibelforschung hielt biblische Texte für notwendiges Quellenmaterial für die Historiographie Israels und ortete Ideologie und persönliche Motivation von Forschern außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses. Die moderne Bibelwissenschaft zeigt für die Historiographie Israels zwei Haupttendenzen. Die eine Linie marginalisiert die biblischen Texte zugunsten von Daten sowohl aus der Archäologie als auch aus Theorien von Anthropologie und Soziologie, denen sie eine größere Objektivität für die Historiographie Israels zuschreibt. Die andere Tendenz unterstellt bisheriger Bibelwissenschaft ideologisch motivierte Forschung und misstraut ihrer Historiographie. Dass auch in diesem Bereich dennoch eine Historiographie Israels geschrieben wird, kritisieren Anhänger des Biblischen Minimalismus. Eine Position des Minimalismus findet sich paradigmatisch in Keith W. Whitelams Buch The Invention of Ancient Israel: The Silencing of Palestinian History[9]. Dieses Buch (das hier abgekürzt als Invention zitiert wird) ist ein wesentlicher Referenzpunkt für Raheb (S. 59-60).[10] Fünf Beispiele sollen das illustrieren.[11]

 

(1) Invention (Kapitel 1)[12] argumentiert, dass nicht nur die Information biblischer Texte über Israel in den biblischen Wissenschaftsdisziplinen problematisch ist, sondern auch die eigentliche Idee eines alten Israel selbst, die diese Texte vorlegen. So hält Invention das Schreiben einer Geschichte Israels an sich für falsch und klagt, dass die eigentliche Geschichte, nämlich die von Palästina, nicht zu Wort kommt.

In Anknüpfung an Invention postuliert Glaube in der Einleitung (S. 13-23) entsprechend: die Bibel ist ein Buch des Nahen Ostens (S.13). Rahebs Anliegen ist es, die Geschichte Palästinas in der Bibel durch das Medium des Autors zu schreiben: Für mich als einen palästinensischen Christen ist Palästina einerseits das Land meiner biologischen Vorfahren, andererseits aber auch das Land meiner geistlichen Vorväter und Vormütter. Insofern ist die biblische Geschichte untrennbarer Teil der Geschichte meiner Nation (S. 17).

In homiletischer Sprache, nicht in der Wissenschaftssprache von Invention, legt Glaube mit dieser auf die Erfahrung der Person des Verfassers ausgerichteten Geschichtsposition die Grundlage für eine Historiographie von Palästina in Kapitel 1 (S. 24-45). Die Geschichte der Bibel wird summarisch in geopolitische Zusammenhänge der vergangenen viertausend Jahre gesetzt, mit Palästina in der Mitte. Kapitel 1 widmet sich der methodologischen und biblischen Grundlage einer Historiographie Palästinas, und verzichtet bis zur Seite 30 auf die Erwähnung des Nomens Israel, wo es dann heißt: Und auch der Name des Landes verändert sich von Kanaan zu Philisterland, von Israel zu Samaria und Judäa, schließlich zu Palästina. Raheb kommt zu dem Schluss: Die Palästinenser sind das zusammengeballte Ergebnis dieser unglaublich wechselvollen Geschichte mit ihren tiefgreifenden geopolitischen Veränderungen (S. 31).

Die dogmatische Prämisse von Invention, keine Israelgeschichte mehr zu schreiben, ist auch die, die Glaube von Anfang an deutlich macht. Die Argumente und ihre Diskussionen in Invention sind in Glaube reduziert auf summarische und auf den Lebenshorizont des Verfassers bezogene homiletische Geschichtssplitter.


(2) Invention (Kapitel 2 und 3)[13] beobachtet in der Disziplin biblischer Studien ideologische Voreingenommenheit, die die Palästinenser ihres Landes und ihrer Vergangenheit beraubt. Westliche Forschung habe zur Verstummung palästinensischer Geschichte beigetragen. Inhärent setzt Invention voraus, dass es eine Geschichte eines Landes Palästina gegeben habe.

Glaube beginnt mit der Feststellung, dass westliche Wissenschaft nichts über palästinensische Geschichte weiß: Allerdings machte ich diese Entdeckung nicht irgendwo inmitten westlicher Akademikerkreise (S. 14). Dieses Versäumnis will Glaube korrigieren und schickt sich an, ein allgemeinverständliches Buch zu verfassen, zugänglich sowohl für Laien auf der Suche nach dem Sinn biblischer Texte als auch für Leser, die sich für den Nahostkonflikt im Allgemeinen und den Palästinensisch-israelischen Konflikt im Besonderen interessieren (S. 14).

Obschon Glaube, wie auch Invention[14] beobachtet, dass die ideologische Verpflichtung von Wissenschaftlern ein Problem ist, und Invention hat hier gewichtige und überlegenswerte Punkte genannt, verpflichtet sich Glaube selbst widerspruchslos und bewusst einer Ideologie, die sich mit aktueller Politik mischt und die Prämisse setzt für das Erdenken einer Geschichte der Palästinenser. In den Worten des Autors: Glaube ist der Ausdruck der Überzeugung, dass wir etwas erdenken können, das bisher in unserer Geschichte nicht vorkam (S. 199). Mit der in Glaube zitierten Überlegung von Rafiq Khoury geht es darum, neue, bisher noch nicht gehörte Geschichte zu erfinden (S. 43). Mit anderen Worten, Not macht erfinderisch. Es geht hier um die Erfindung einer Geschichte für ein Volk, das seit 1968 durch Yassir Arafat einen Namen hat. Glaube weiß sich dem politischen Anspruch der durch die PLO und/oder ihrer Mutationen entworfenen ersten Intifada (S. 57-59) und der zweiten Intifada (S.104-105) ideologisch verpflichtet.[15] Der Verbreitung dieser Geschichte kommt Raheb mit missionarischem Eifer nach, wenn er den Anspruch erhebt, für Millionen Andere, die den Druck imperialer Mächte in ihren täglichen Auseinandersetzungen spüren (S. 16), zu reden.

Angesichts dieser sich als Handlanger gegenwärtiger Politik zeigenden Ideologie ist Rahebs  Verurteilung ganzer bibelwissenschaftlicher Forschungsbereiche (S. 27) aufgrund ideologischer Verpflichtungen, die allerdings nicht detailliert werden, ein eher heuchlerisches Unterfangen. Der allgemeine Vorwurf gegen die westliche Wissenschaft, eine vorgebliche Enteignung der Geschichte Palästinas zu betreiben, dient als dunkle Folie, gegen die sich nun die bislang nicht existente Geschichte Palästinas hell abheben kann.

 

(3) Invention (Kapitel 4)[16] entwickelt die Idee, dass akademische Überlegungen drei Modelle für das alte Israel erdacht haben: Immigration, Eroberung, Kampf. Es moniert, dass die Modelle weder das Recht Israels auf das Land infrage stellen noch die Rechte der einheimischen, beraubten Bevölkerung im Blick haben. Mit diesen drei Modellen würden Gelehrte das alte Israel im ideologischen Spiegel des Israels, das sie kennen, entwickeln. Palästina kommt darin nicht vor. Invention kennt zwar, aber übergeht die jahrhundertelangen wissenschaftlichen Diskussionen, etwa über das Großreich Davids, das jedoch ebenfalls als eine eingebildete Vergangenheit abgetan wird. Nachdem Israel abgeschafft ist, kann eine alternative Historiographie Platz greifen, auch unter Einbezug der zuvor monierten drei Israel-Modelle. Jedes dieser drei Modelle dient Invention nun merkwürdigerweise wieder als Spiegel für die Wahrnehmung eines modernen Palästinas. Zu diesem Zweck entwickelt Invention eine Palästina-Rhetorik, die im Wesentlichen eins beachtet, nämlich Israel aus dem Zentrum zu verdrängen und das Zentrum selbst zu besetzen.

Glaube nimmt diese Idee der erfundenen Geschichte Israels und die drei Modelle gewissermaßen auf, einschließlich des Abtuns des davidischen Reiches mit der Behauptung, daß das davidische Königtum eigentlich bedeutungslos war (S. 90), und spiegelt die Geschichte der Bibel als die von Palästina wider (S. 84-91). Das Modell Immigration erscheint bei Raheb als Geopolitik, das statt einer israelischen Einwanderung einfach Palästina in den geopolitischen Rahmen wandern lässt (S. 86). Nach dieser Prämisse ist Palästina schon immer das Land zwischen dem Jordan im Osten, dem Mittelmeer im Westen, der Negev-Wüste im Süden und dem Berg Hermon im Norden und nimmt in der Region eine einzigartige faszinierende Position ein (S. 86).

Das beklagte alte Israel-Modell der aktiven Eroberung findet sich in Glaube als die passive Eroberung Palästinas (die Pufferzone, S. 86-87) durch die regionalen Mächte (der Club der großen Fünf, S. 86), die Palästina immer besetzt haben (S. 88-91). Das Israel-Modell des Kampfes wird in der Geschichte Palästinas zu einem Kampf gegen die imperiale Macht (sc. Israel, S. 92-109). Auf dieser Grundlage entwickelt Glaube nun eine Metawelt Palästina mit Hilfe der von Invention vorgeschlagenen Israel-Rhetorik. Israel wird verdrängt und Palästina setzt sich auf seinen Platz. Ad nauseam wiederholt Raheb, dass das Land Palästina unter imperialen Herrschern gelebt, gelitten, gearbeitet, gekämpft, geliebt und geharrt hat bis heute; die Imperien kamen und gingen, aber Palästina habe sie alle überstanden; Palästina sei ein Beispiel für die ganze Welt.

In dieser Historiographie gibt es keinen Platz für die historischen Fakten der Existenz einer staatlichen Einheit von Israel. Glaube hätte die seit 1886 bekannte Inschrift der ägyptischen Merenptah Stele (1300 v. Chr.) nennen können, die Israel mit Namen als eine Macht im Nahen Osten aufführt. Glaube hätte auch die seit 1993 bekannte aramäische Inschrift der israelischen Tel Dan Stele (9. Jh v. Chr.), die das „Haus David“ zitiert, nennen können. Aber Fakten, die für Israel sprechen, kommen in diesem Buch nicht vor.

Im Kontext der drei Modelle behauptet Invention, dass biblische Forscher das auf europäischem Kolonialismus basierende Modell der Nationalstaaten unangebrachterweise auf die biblische Vergangenheit des Nahen Ostens angewandt und damit die Geschichte Palästinas von der biblischen Forschung getrennt haben. Raheb nimmt in seinem Buch diese Idee in der post-modernen Form des Kolonialen auf und vermeidet es, Israel in den Rang eines Staates, und sei es auch nur in der Antike, zu erheben. Mit Walter Brüggemann erklärt es, dass der Anspruch auf das `Verheißene Land` im Alten Testament nicht einfach eine harmlose religiöse Behauptung, sondern eine stark ideologische Aussage von hoher politischer Bedeutung ist (S.64-65).[17] Er folgert: Damit entlarvte Brüggemann das nationalpolitische Vorhaben hinter der religiösen Fassade. Die alteingesessenen Völker des Landes – Kanaanäer und Palästinenser – nannte er beim Namen und beleuchtete das Leid, das ihnen unter religiösem Vorwand angetan wurde (S.65). Die Anklage gegen kolonialistisches Handeln spiegelt Glaube in den geopolitischen Überlegungen des Nahen Ostens nur für Israel. Der Kolonialismus etwa der arabischen Staaten im Nahen Osten wird nicht problematisiert.

 

(4) Die These der freien Erfindung der Historiographie von Israel in Invention ist auch in Glaube gekoppelt an die Terminologie von Palästina und Palästinenser. Es ist allerdings ein wissenschaftlicher Allgemeinplatz, dass ein Land mit dem Namen Palästina mit der philistäischen Gruppe der Seevölker verbunden ist. Es ist auch allgemein bekannt, dass der Name Palästina die Region der südlichen Levante seit der römischen Zeit bezeichnet. Glaube vergisst diese Daten. Das Buch kritisiert an der christlichen Wissenschaft, dass sie das Land Palästina und seine palästinensischen Einwohner vor dem Kommen Israels nicht nachzeichnet (S. 24-25). Aber vor dem Kommen der Israeliten gab es kein Zeichen einer klaren Präsenz der Philister in der südwestlichen Levante, ganz abgesehen von dem Fehlen jedweder Erwähnung eines Palästina.

 

(5) Wie in Invention Edward Said als Kronzeuge der Anklage gegen eine israelische Historiographie steht[18], so auch in Glaube, wo falsch behauptet wird, dass Said aus Palästina stammte, dort geboren wurde (S. 53), nach 1948 nach Ägypten floh. Als in der Diaspora lebender Palästinenser, vertraut mit den Herrschaftsinstrumenten imperialer Mächte, beobachtete Said einen Bruch und Widerspruch zwischen dem Nahen Osten, wie er ihn kannte, und dessen Darstellung im Westen (S. 54).

Der Kronzeuge sagt nicht die Wahrheit. Seit 1999 zeigt die umfassende Analyse von Justus Weiner[19], dass Said 1935 in Kairo als Sohn wohlhabender Eltern geboren und 1951 auf eine Eliteschule in die USA geschickt wurde. 1952 wurde das Familiengeschäft in Kairo vom Mob niedergebrannt, einige Jahre später das Vermögen der ausländischen Familie Said (sie waren US-Bürger) von Nasser nationalisiert und die Familie aus Ägypten verwiesen wurde. In Jerusalem hielt sich die Familie zu wenigen kurzen Besuchen bei Verwandten auf. Die palästinensische Lüge Saids ist ein in Glaube wiederkehrendes Motiv. Wider besseren Wissens wird Israel als Unterdücker eines Palästinensers, der er gar nicht war, auf die Anklagebank gesetzt. Es war die ägyptische Regierung, die die Familie Said verfolgte und des Landes Ägypten verwies, wie Weiners Forschung beweist. Seit fast zwanzig Jahren ist Said bekannt als Datenfälscher. Datenfälschung auch bezüglich der Historiographie Palästinas.

 

Kontextergebnis

Invention (1996), stellvertretend für den Biblischen Minimalismus, und Glaube (2014) stehen sich in weiten Bereichen im Hinblick auf Methode und Aufbau der Historiographie von Palästina nahe. Glaube folgt der Historiographie des Biblischen Minimalismus besonders in der Eliminierung der biblischen, historischen, kulturellen und politischen Geschichte Israels und substituiert sie mit Palästina. Diese Darstellung der Geschichte Palästinas beruht weitgehend auf einem datenlosen Erfindungsgeist des Betrachters. Wie die beiden aufgeführten Fälle der Lüge für den Namen Palästina und Said zeigen, bringt die Aufdeckung von Datenfälschung Klarheit in die Geschichte und enthüllt weite Teile der von Glaube erdachte Geschichte als Phantom. Glaube ist ein geschichtsrevisionistisches Werk. Es bringt die seit zwanzig Jahren obsolete reaktionäre Wissenschaftsdiskussion des Biblischen Minimalismus aus dem angelsächsischen Sprachraum wie als eine noch nie dagewesene Erfindung der Geschichte Palästinas in die deutschsprachigen Kirchengemeinden. Das Anliegen Rahebs, eine Geschichte Palästinas zu schreiben, scheitert aus den gleichen Gründen wie der Versuch vor zwanzig Jahren: Die Daten, die man will, gibt es nicht, und die Daten, die es gibt, will man nicht. Bleibt dann doch wenigstens die im Buchtitel erwähnte Hoffnung für die Palästinenser?

 

3. Bilanz

(1) Palästinensische Hoffnung

Mit großer Mühe versucht Glaube, in westliche evangelische Christen palästinensische Hoffnung zu legen. Das Palästina-Bild, das Glaube entwickelt, soll ihnen das Herz für die Hoffnung der (Glaubens-) Palästinenser öffnen und ihre Tatkraft für die Errichtung eines palästinensischen Staates (S. 134-138 u.ö.) aktivieren. Dazu macht das Buch eine Reihe von praktischen Vorschlägen.


a) Aktionen gegen Israel. Zwei Aktionen empfiehlt Glaube besonders, das Kairos-Palästina Papier gegen Israel (KP) (S. 74-76; 192)[20] und den Boykott gegen Israel, Boykott, Investitutionsentzug und Sanktionen (BDS) (S. 191-192)[21]. Diese Empfehlungen macht Raheb wider besseren Wissens, denn in Bethlehem wie in Jerusalem ist bekannt, dass diese Boykottaufrufe den Palästinensern schaden. Israel schützt sich gegen die durch KP angeführten Politaktionen und kontrolliert aus Sicherheitsgründen Palästinenser umso sorgfältiger. BDS-Aktionen führten zu Produktionsverlusten und also zur Schließung israelischer Produktionsanlagen (cf. Soda Stream und AHAVA). Zu den entlassenen Angestellten zählten viele Palästinenser.[22] Ist das Leiden der nunmehr arbeitslosen Familien die Dividende für das Ziel der Ausmerzung Israels?


b) Angriffe auf Israel-Nähe. Rahebs Buch ist gefüllt mit Angriffen auf Personen oder Institutionen, denen es eine zu große Nähe zu Israel attestiert, und lädt die Leser ein, diese zu meiden. Die Angriffe richten sich u.a. gegen die Griechisch Orthodoxe Kirche (S. 34), jüdische Einwanderer (S. 35), die UN und die EU (S. 47), Evangelikale (S. 48), Mainstream Protestantismus (S. 49), Liberalismus (S. 55), den Westen (S. 55), sogar deutsche Pfarrer, die Palästinenser unterstützen (Abrahams Herberge?) (S. 67-70), Nicht-minimalistische Bibelwissenschaftler (S. 72), palästinensische Subunternehmer und palästinensisch-israelische Dialogfreunde („Kollaborateure“) (S. 131-132), Intellektuelle (S. 171).

Hilft diese Liste, die selbst die eigenen Freunde einschließt, die palästinensische Hoffnung zu unterstützen und das Herz dafür in deutschsprachigen Gemeinden zu wecken? Christlicher Glaube predigt Nächstenliebe, sogar Feindesliebe. Solche Liebe findet sich in Glaube nicht. Allerdings gibt eine Frage in Glaube doch Anlass zur Hoffnung: ‚Wer ist mein Nächster?’ (S. 116). Diese Frage, so Glaube, zieht sich durch die ganze Bibel und die Geschichte Palästinas bis heute hindurch. Die schlichte Antwort darauf aber gibt Glaube gleich im Anschlusssatz: Die Bibel – von Genesis 4 bis zur Offenbarung 21 – kann als eine Sammlung von Erzählungen über das Land, die Völker und ihre Identitäten gelesen werden (S. 116). Beim anschließenden Gang durch die Bibel erwähnt Glaube Israel dann auch kein einziges Mal. Das heißt, christlicher - und jüdischer - Glaube sucht den Nächsten altruistisch, Glaube hingegen nutzt ihn zur Definition palästinensischer Identität. Für Israel bleibt hier weder altruistische Liebe noch egoistischer Nutzen. Israel ist wie tot. Kein Nächster soll sich seiner annehmen. Die lange Liste der von Glaube Ungeschätzten aber hilft nicht Palästina, sondern Israel. Denn die Aufzählung zeigt nur die Lebendigkeit und Verbundenheit Israels als Staat, Volk und Religion mit der Welt – gerade das, was Raheb in seinem Buch so sehr für Palästina wünscht.


c) Palästinenser als Vorbild. Glaube zeichnet ein Bild von Palästinensern, das der Welt zeigen soll, wie die Menschen in Palästina trotz aller imperialer Herausforderung geduldig aushalten (S. 19), prophetische Vorstellungskraft haben (21), ein einzigartiges Licht auf die Bibel werfen (23), „die Leute des Landes“ sind (nicht die Juden, die sich Am Haaretz = Leute des Landes nennen) (S. 30 und 158!), Träger des historischen Zusammenhangs sind (S. 30-31), gute Geschichtenerzähler sind (S. 44), sich mit einem Stein in der Hand wehren (S. 58), die ultimativen Opfer sind, die Juden exklusive (S. 58), im Zentrum der Welt leben (S. 85), seit 4000 Jahren besetzt sind (87-89), für die Einheit kämpfen (91), unterdrückt leben (S. 93-93), überwacht (94), beraubt (96-98) und vertrieben werden (S. 100), in Flüchtlingslagern leben (S.103), wie in der Bibel leben (S. 110-121), den Lauf der Geschichte verändert haben (S. 141), zu den Verlierern gehören (142), die Offenbarung erhielten (S. 144), tief durchatmen und von vorne anfangen (S. 145), von Gott zu Botschaftern berufen sind (S. 173), Frauen – allerdings wegen der Besatzung - nicht gleichberechtigt behandeln (S. 189), lernen, das scheinbar Undenkbare zu denken (S. 201). Hoffnung ist Vision in Aktion (S. 203). Hoffnung ist aktiver Glaube im Angesicht des Imperiums (S. 204). Und zum Schluss: Dies war die prophetische Überlieferung, die aus Palästina kam (S. 204).

Dieses so bemüht gezeichnete Bild der Palästinenser kann anrühren, vielleicht besonders, wo es prophetisch ist. Aber wo sind die positiven Zeichen, die die Substanz und die Daten für den Aufbau einer Staatsgesellschaft zeigen? Die Lektüre des Buches gibt sie nicht her. Hingegen scheint die Prophetie oft wie ein Spiegelbild Israels, wenn es etwa heißt: Unabhängigkeit und Freiheit, Gleichberechtigung der Frauen und eine lebensbejahende blühende Kultur (S. 21), das ist die Vision und unverzichtbare Voraussetzungen für die Zukunft Palästinas und des Nahen Ostens (S. 21). Das klingt gut, aber es ist bereits realisiert in Israel. Neid ist eine Haltung, die weder dem Neider noch dem Beneideten hilft, und auch keinen Staat schafft.

Was bleibt von der palästinensischen Hoffnung, die Raheb zeichnet und mit der er seine westlichen Leser überzeugen will? Mich jedenfalls überzeugt dieses Portrait der Palästinenser nicht. Was mich aber doch überzeugt, sind die vielen motivierten, realistisch denkenden und hart arbeitenden Palästinenser, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Anders als Rahebs Buch, das Israels Existenz verneint, sind Palästinenser im Alltag oft Teil von Israel, das ihnen Arbeit, Ausbildung und Lohn für ein geregeltes Leben gibt. Diese Palästinenser leben nicht von Spenden, sondern von ihrer Hände Arbeit. Hier liegt in der Tat ein Zeichen der Hoffnung. Ein fleißiges Volk, die Palästinenser, wenn ihnen ihre Ideologen nur eine Chance ließen. Zudem haben Palästinenser auch eine reale Geschichte, die noch zu schreiben ist. Die ist komplex[23] und kann in keiner „Phantasiegeschichte der Hoffnung“ Fuß fassen. Auch hier, in einer zukünftigen Entwicklung seiner wahren Lebensgeschichte, liegt eine Hoffnung für die Menschen in der Levante.


(2) Biblischer Minimalismus

Glaube will auf biblisch-minimalistischem Weg evangelischen Gemeinden deutscher Sprache das Land Palästina nahebringen. Bei diesem Bemühen zeichnet Glaube einen Gott, der durch die ganze Bibel - mit Ausnahme des Buches Exodus – hindurch schweigt (S. 113). Der Gott, an den die Menschen von Palästina glauben, scheint schwach zu sein...ohne Ressourcen...arm, wie sein Volk (S.114). Die Offenbarung Gottes in Palästina war und ist von höchster geopolitischer Bedeutung (S. 144). Das Land geriet einzig und allein wegen Gott in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses (S: 149). So soll denn auch Jesus mit dem festen Ziel vor Augen gekommen sein, um sein Volk zu befreien, nämlich die Palästinenser (S. 168).

Glaube, wie Biblischer Minimalismus, kennt den biblischen Gott nicht, der sich an seine Schöpfung ewig bindet (Gen 9, 12-17) und in einem ewigen, unbedingten Bundesverhältnis mit Abraham und seinen Nachkommen in Isaak steht (Gen 12, 1-3), mit dem Land, das Abraham gezeigt ist (Gen 12, 1), mit den Leviten (Num 25, 10-13), mit David (2 Sam 7, 10-16), im neuen Bund (Jer 31, 31-34), mit Jerusalem (Ez 16) und in dem einen bedingten Bund vom Sinai ((Ex 19, 5). Diese für Christen und Juden gleichermaßen elementaren Daten kommen in Glaube nicht vor. Der von Raheb porträtierte palästinensische Gott könnte im Vergleich zu dem biblischen Gott armseliger und nationalistischer nicht sein

Alexander Schick[24] hat 2004 für weite Teile des biblischen Minimalismus eine faktische Widerlegung vorgelegt, die für Gemeinden interessant sein könnte. Einer seiner Punkte[25] zeigt das Ausmaß der Ausmerzung der Geschichte Israels durch den Minimalismus paradigmatisch. Der Frage, ob die Könige von Israel Realität (Bibelwissenschaftler) oder Mythos (Minimalisten, Glaube S. 90. 116-117. 136-137) seien, hält Schick sowohl die innerbiblische Königsrealität (998 Mal Erwähnung des Namens Davids), als auch außerbiblische Quellen entgegen, einschließlich der oben schon erwähnten Tel-Dan-Stele , die den Namen des Königshauses David (Beit David) in aramäischer Schrift zeigt und die biblische Historie (2. Könige 8,7-15; 9,6-10) beschreibt. Die Widerlegung hat weitere außerbiblische Daten zu Israels Königen in einer Tabelle zusammengestellt:

 

Biblische Könige,
die in Keilschrifttafeln erwähnt werden:
 

König in Israel 

Erwähnt von ... 

Ahab (Israel)

Salmanassar III. (Assyrien)

Jehu (Israel)

Salmanassar III.

Joas (Israel)

Adad-Nirari (Assyrien)

Menachem (Israel)

Tiglath-Pileser (Assyrien)

Pekach (Israel)

Tiglath-Pileser

Joahas (Juda)

Tiglath-Pileser

Hosea (Juda)

Tiglath-Pileser

Hiskia (Juda)

Sanherib (Assyrien)

Manasse (Juda)

Esarhaddon, Assurbanipal (Assyrien)

Jojakin (Juda)

Nebukadnezar (Babylonien)

Omri (Israel)

Salmanassar III., Tiglath-Pileser

Zedekia (Juda)

Nebukadnezar


Wenn das Anliegen von Glaube die Verbreitung eines nicht-biblischen Gottes und die Eliminierung Israels als Teil der palästinensischen Hoffnung ist, wird es sich bei westlichen Kirchengemeinden eigentlich kaum empfehlen können. Weder die Übertretung des ersten der Zehn Gebote noch minimalistische Untreue zum alten Israel sollten greifen. Diese Art des Minimalismus bleibt nicht bei der Bibel stehen. Sie führt bis zum Staat Israel, etwa in der Anschuldigung, Israel stehle den Palästinensern das Wasser (S. 96-98). Diese platte Lüge hat Malcolm Lowe 2014 ausführlich widerlegt[26]. Gegen diese Form von Minimalismus, wie schon für den biblischen Bereich gezeigt, steht gerade das Gegenteil als wahr. So gibt es eine häufige und gute Kooperation zwischen Israelis und Palästinensern, einschließlich der israelischen Wasserhilfe für Palästinenser.[27] Wenn es Raheb um den Aufbau seines Volkes der Palästinenser geht, warum redet er nicht ein einziges Mal von den unzähligen Aufbauhilfen, die es von Israel bekommt? Wem dient die Verschleierung der Daten über den Gott der Bibel und das alte und moderne Israel? Bislang ergibt sich kein einleuchtender sachlicher Grund.


(3) Substitution

Die Analyse ergibt, dass Glaube interessiert ist an einer schieren und blanken Substitution Israels. Und zwar nicht nur allein im Interesse der Substitution des Staates Israel, sondern der vollständige Ersetzung von Israel als Volk, Staat (plus Land) und Religion. Das ist bekanntlich Antisemitismus[28]. Hier liegt einer der Gründe, warum die Substitutionsidee, zumindest als Substitutions-Theologie, seit 1965 in der katholischen Kirche und seit den 1980er Jahren in wohl allen evangelischen Kirchen abgeschafft wurde.[29] Es ist ein Beitrag der Kirchen gegen vergangene und moderne Formen des Antisemitismus. Die Idee, Israel auszumerzen und zu ersetzen, gibt es periodisch in der Geschichte. In der europäischen Säkular- und Heilsgeschichte wurde Antisemitismus oft angeregt von renommierten Persönlichkeiten.[30] Die europäische Geschichte zeigt, dass jede Generation von Neuem die Israelsubstitution bannen muss. Wie in der Vergangenheit Wissenschaftler jeweils die Ursachen für theologische Substitution aufdeckten, so liegt diese Aufgabe nun bei uns. Rahebs Buch stellt dafür ein reiches Feld dar. Es steht in einer Kette traditioneller Substitutionsideen. In aller Deutlichkeit verweist es selbst auf einige der ideologischen Garanten dieser Substitutionstheorien. Neben den bereits besprochenen Bereichen von Biblischem Minimalismus und Kolonialismus steht es allerdings auch im Kontext von Islam und Hamas. Die beiden zuletzt genannten Aspekte zeigen sich in folgender Weise:

Glaube führt den Islam als letzte religionsgeschichtliche Entwicklungsstufe im Nahen Osten (S. 79) ein. Die jüdisch-christliche Tradition sei ein Mythos, der gegen den Islam eingesetzt werde (S. 108). Der Islam habe unterschiedliche Ausdrucksformen- Schiiten, Sunniten, Alawiten, Drusen (S. 178); heute spielt der Westen die sunnitischen Muslime gegen die Schiiten aus (S. 179). Apologetischen Hinweisen auf den Islam stehen hier der Verurteilung jüdischer, christlicher und westlicher Islampositionen, ob eingebildet oder nicht, gegenüber. Zum einen ebnet Glaube damit den Weg für den Islam in christlichen Kirchengemeinden. Zum anderen führt das Buch eine Form islamisch-apologetischer Berichterstattung in evangelische Gemeinden ein. Bekanntlich vermeiden islamische Veröffentlichungen seit 1948 die Erwähnung und Anerkennung Israels systematisch und substituieren seit spätestens 1967 das Land Israel durch Palästina.[31] Wie islamische Stellungnahmen so vermeidet auch Rahebs Buch nach Möglichkeit die Erwähnung Israels und ersetzt es durchgängig mit Palästina.

Der Abschnitt Ein Weg in die Befreiung? (S. 121-134) gibt, wie scheinbar nebenbei, manchmal in indirekter Rede, oft im historischen Vergleich, doch immer wohlwollend Informationen über die Hamas (S. 121), die Intifada (S. 123), den bewaffneten Guerillabefreiungskrieg (123-124) und über Terroristen als Anti-Imperiums-Kämpfer (S. 125). Nach dieser vorsichtigen Hinführung zu einem kurzen Verständnis von Krieg im islamischen Kontext des Jihad gegen ungläubige Heiden, kommt das Buch unter der Zwischenüberschrift Das religiöse Gesetz befolgen (S. 126-130) zur Sache. Es präsentiert die Pharisäer als die gewieft-pragmatischen Leute, die gegen das heidnische Imperium des römischen Reiches für die Einhaltung des Religionsgesetzes im Volk kämpfen (Eine Niederlage des Heidentums wäre gleichbedeutend mit der Niederlage des Imperiums, S. 126). Dies, so geht es weiter, entspricht in weiten Teilen dem politischen Bekenntnis der Hamas (der islamistischen Widerstandsbewegung) (S. 127). Glaube erklärt dann mit einem langen Zitat seines Autors, dass heute die Hamas eine gesetzliche Lösung des palästinensischen Problems in der Sharia sieht; für die Hamas als Bestandteil der Muslimbruderschaft ist die Sharia der Weg zur wahren Freiheit (S. 128). Ein Abschnitt folgt, der die Logik der Gesetzestreuen (sprich: Hamas) erklärt und damit endet, dass Gott sich wieder den Palästinensern zuwenden werde, wenn wir uns wieder nach seinem Gesetz, nach der Sharia richten (S. 129). Mit andern Worten, die Pharisäer und ihre Gesetzesforderung sind das positive Bild für die Hamas und die Sharia. Die Gleichung ist dann: Wie einst die Pharisäer mit ihrem Gesetz über das Imperium des römischen Reiches siegten, so Hamas mit ihrer Sharia über Israel.[32]

Es scheint, als ob das Buch hier nun am Ziel angekommen ist. Seine Bemühungen um einen theologischen Diskurs diente nicht, wie vielleicht zuerst angenommen, zur Heimholung Palästinas in die christlichen Gemeinden. Der Untertitel des Buches, Eine palästinensische Theologie der Hoffnung, meint auch wohl kaum die Erweiterung der Erkenntnis einer christlichen Theologie, von der das Buch auch wenig genug redet, sondern wohl die Einführung von Elementen islamischer Theologie ins christliche Umfeld. Ein Mal hebt sich der Schleier, und die ganze Klarheit der Vorstellung von Glaube erscheint. Substitution Israels durch Palästina macht nun endlich einen eindeutigen Sinn. Die Reizpunkte von Glaube unterstützen die Deklaration von Khartoum[33], die seit 1967 bis heute die arabische Position gegenüber Israel festgelegt hat: keinen Frieden, keine Anerkennung, keine Verhandlungen. So macht auch Glaube viel Sinn. Und die Palästinenser? Sie sind auch in Glaube wieder nur ein Vehikel für den Transport ganz anderer Dinge.


Zum Schluss

Palästinenser leben in Sorge und Unsicherheit. Darin hat Raheb recht. Aber anders als das Buch darstellt, liegen diese Probleme gerade nicht in der Existenz Israels, sondern in der Negation der Existenz Israels. Das Buch gibt korrekte Information weder über Palästinenser noch über Israelis noch über die Bibel, aber doch über die Ideologie seines Autors.

Raheb rechnet mit einem weitverbreiteten postmodern säkularen protestantischen im Wesentlichen westeuropäischen Bibelansatz, der Israel nur als eine abstrakte Idee des Geistes versteht. Konsequenterweise kann, wenn Israel abstrakt  ist, jedes beliebige Subjekt, wie etwa Palästina, oder jede andere Sache, für die der liberale Protestantismus ein Interesse entwickelt, zur fixen Idee und der Fokus der Beachtung und Aktion werden. Alle Subjekte, wenn befreit von dem historisch realen Kontext des Glaubens, sind dann gleichwertig in sich selbst. Die Frage ist, ob der Glaube sich weiterfortsetzen kann als ergreifende Größe, oder ob er nicht zu einer der verschiedenen säkularen Ideen in religiöser Terminologie verkommt. Der am Buch Rahebs aufgezeigte Antisemitismus und seine im Eingangsteil (cf. 1. Akzeptanz) dargestellte weitreichende – entweder offene oder inhärente – Rezeption in zeitgenössischen evangelischen Kreisen schließt die Forderung nach der Vernichtung Israels ein. Dies ist ein Indikator für den Fortschritt dieses höchst problematischen Prozesses.

 




[1] Das Buch ist aus dem Englischen übersetzt von Eva Chr. Gottschaldt. Die ursprünglich englische Version erschien unter dem Titel Faith in the Face of Empire. The Bible Through Palestinian Eyes (Orbis Books, Maryknoll: New York, 2014). Der Rezensionsartikel bezieht sich nur auf die deutsche Ausgabe.

[3] Hoffnung auf Versöhnung (24.10.2014), Veröffentlichung Evangelischer Kirchenkreis Dortmund; Jörg Domke (16.06.2015), Veröffentlichung Philippuskirche Markt Schwaben, S. 6

[4] Matthias Hui, Gespräch mit Mitri Raheb, Neue Wege, Schweiz (12/2014)

[5] Thomas Hennefeld, Reformiertes Kirchenblatt, Österreich (04/2015)

[6] Kairos-Palästina Solidaritätsnetz. Einladung zum Thementag zu Israel/Palästina während des Evangelischen Kirchentags (Programm 04. - 06.06.2015)

[7] Cf. Einladung zur Lesung von Mitri Raheb am 13.11.2014 in Berlin durch den Jerusalemsverein im Berliner Missionswerk

[8] Klemens Hering (12.06.2015), Süddeutsche.de

[9] Keith W. Whitelam , The Invention of Ancient Israel: The Silencing of Palestinian History (Routledge: London, 1996)

[10] Glaube bezieht sich im Verlauf des Buches auf weitere Vertreter des Biblischen Minimalismus, etwa auf Philip R. Davies, Memories of Ancient Israel: An Introduction to Biblical History – Ancient and Modern (Louisvlle, KY, 2008) oder Naim Ateek, Justice and only Justice. A Palestinian Theology of Liberation (Maryknoll: New York, 1989); u.a. Invention dient als Kontext vieler dieser Positionen.

[11] Die fogenden fünf Punkte geben einen groben Überblick über die Dichte, die sich im Hinblick auf die Konzeption von Glaube und Invention zeigt. Invention scheint besonders in den Anfangskapiteln fast wie eine Vorlage, ohne dass sich allerdings die genaue wissenschaftliche Arbeit von Invention auch in Glaube zeigt. Glaube erwähnt Invention (der Titel wird auf Deutsch zitiert, die Suche nach einer deutschen Übersetzung blieb erfolglos) zum ersten und wohl einzigen Mal auf S. 59 in zwei Sätzen, ohne Hinweis auf die konzeptionelle Nähe zum Aufbau des Werkes. Neben den folgenden fünf Beispielen ließen sich mehr zeigen, etwa die Rezeption des Konzepts von Geschichte als longue durée (Glaube, S. 24 u.ö.) von Invention. Glaube nutzt den Begriff häufig, ohne Hinweis auf Invention (S. 66 u.ö.). Invention setzt den Begriff ebenfalls oft ein, erklärt aber die Bedeutung des von Fernand Braudel (Annales School) entwickelten Konzepts für Invention: which overcomes the neat periodization of biblical histories (Invention, S. 66). Hier auch muss der Grund für die häufige Einsetzung des Begriffs in Glaube angenommen werden.

[12] Invention, Chapter 1: Partial Texts and Fractured Histories

[13] Invention, Chapter 2: Denying Space and Time to Palestinian History; Chapter 3: Inventing Ancient Israel

[14] Invention argumentiert mit wissenschaftlichen Belegen, logischen Sequenzen und nachdenkenswerten Argumenten. Zu Recht benennt der Autor das Problem der ideologischen Prämissen in den Bibelwissenschaften, auch wenn Invention allerdings sein eigenes ideologisches Verständnis und die damit einhergehende Literaturselektion kaum dieser wichtigen Frage aussetzt. Glaube reduziert diesen wissenschaftlichen Diskurs auf assoziativ-homiletische Exkursionen.

[15] Cf. unten 3 (3)

[16] Invention, Chapter 4: The Creation of an Israelite State.

[17] Cf. die Kritik an Brüggemann bei Dexter Van Zile (10.02.2016):

http://blogs.timesofisrael.com/when-walter-when/

[18] Invention bezieht sich auf Said im Verlauf des gesamten Buches, von S. 1 bis S. 236, mehr als zwanzig Mal. S. 222 zitiert Said als den Garanten für das Argument der Enteignung Palästinas durch die Bibelwissenschaft: Biblical scholarship is not just involved in ‘retrojective imperialism’, it has collaborated in an act of dispossession, or at the very least, to use Said´s phrase, ‘passive collaboration’ in that act of dispossession.

[19] Justus Reid Weiner, “´My Beautiful Old House´ and other Fabrications by Edward Said” (Commentary September 1999:

https://www.commentarymagazine.com/?s=Weiner+My+beautiful+old+House).

[20] Cf. die KP-Analyse von Malcolm Lowe (23.12.2011):

http://www.gatestoneinstitute.org/2697/kairos-palestine

[23] Eine solche Geschichte kann aus den zu erforschenden Geschichten der Völker des Nahen Ostens, die nicht seit biblischen Zeiten, sondern sukzessive erst seit dem 7. Jahrhundert n.Chr. entgeschichtlicht worden sind, erschlossen werden.

[24] Alexander Schick, Irrt die Bibel? (Jota-Verlag, Hammerbrücke, 2004). Cf. hier die Internetseite: http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/bibel/bibel_und_archaeologie.html#fn1

[25] Neben der Fülle der zu widerlegenden Behauptungen gehört die von Glaube , S. 30 u.ö., unterstellte These zur Sprache des Aramäischen gegenüber dem Hebräischen; auch dazu Schick, aaO.

[26] CMalcolm Lowe (03.03.2014), “Palestinian Water (and Martin Schulz). The Lack of Logic” (http://www.gatestoneinstitute.org/4198/israel-palestinian-water-martin-schulz)

[28] Die Kritik an der Substitution Israels erscheint in vielerlei Wortgestalt, etwa als anti-jüdisch, anti-semitisch, anti-zionistisch, anti-judaistisch, anti-israelisch. Die Differenzierung der Begriffe ist in manchen Fällen sinnvoll, im allgemeinen Umgang bleiben die Begriffe fast austauschbar, der etablierte Ausdruck „antisemitisch“ trifft häufig den Fokus der Sache.

[29] In kirchlichen Verlautbarungen bezieht sich die Substitution im Wesentlichen auf die Ersetzung des Volkes Israel durch die Kirche, und wird darum oft auch lediglich als anti-jüdisch oder anti-judaistisch gekennzeichnet. Anti-zionistisch und anti-israelisch wird ausgespart, da ein Bezug auf den Staat Israel in vielen theologischen Verlautbarungen ausgeklammert bleibt. Anti-semitisch wird ebenfalls oft ausgenommen wegen des Hinweises auf die vermeintliche Existenz verschiedener semitischer Völker.

[30] Erinnert sei an Persönlichkeiten wie etwa Adolf Stöcker (1881), Johannes Eisenmenger (1711), Martin Luther (1543), Tomas de Torquemada (1490).

[31] Bekanntlich sparen islamische Daten Information über die Geschichte der Staaten, Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen, die jihadisch erobert und zur islamischen umma wurden, aus. Erinnerung vormaliger dort ansässiger Völker wird aus der Geschichte eliminiert. Cf. Raymond Ibrahim (12.04.2016): http://www.meforum.org/5970/how-islam-erases-christianity-from-history.

[32] Cf. Matthias Hui, a.a.O., wo der Buchautor im Interview taktisch das Gegenteil behauptet: Ich bin – und das wird im Buch deutlich- kein Freund von bewaffnetem Widerstand. Ich halte ihn weder theologisch noch politisch für legitim und sinnvoll. Im nächsten Satz folgt eine Gewaltlegitimation: Natürlich gibt das internationale Recht dem Besetzten das Recht auf auch  bewaffneten Widerstand.

[33] Cf. die Deklaration im Kontext von 1967: http://www.sixdaywar.org/content/docs.asp#khartoum

 

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