Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Jutta Koslowski

„Halbgeschwister“?

Versuche der Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum

 

   Mit welchen Bildern, Begriffen und Modellen lässt sich die Beziehung von Judentum und Christentum angemessen zum Ausdruck bringen? Diese Frage erörtert – in nachgehender Reflexion einer Tagung im Martin-Niemöller-Haus, Arnoldshain – der  folgende Beitrag von Jutta Koslowski. Die Autorin hat evangelische, katholische und orthodoxe Theologie studiert und promovierte 2008 an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema „Die Einheit der Kirche in der ökumenischen Diskussion. Zielvorstellungen kirchlicher Einheit im katholisch-evangelischen Dialog“. Sie ist Pfarrvikarin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und zugleich Lehrbeauftragte für Ökumene und interreligiösen Dialog an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Zu ihren Veröffentlichungen gehören u.a.: Ökumene – wozu? Antworten auf eine Frage, die noch keiner gestellt hat (als Hg., 2010); „Was bringt uns die Begegnung?“ Über die Motivation jüdischer Gesprächspartner im christlich-jüdischen Dialog: Freiburger Rundbrief NF 21 (2014) 262-271und: Prospects and Challenges for the Ecumenical Movement in the 21st Century (als Mit-Hg., 2016).

 

Hinführung

Vom 27. bis zum 28. Juni 2016 fand in Martin-Niemöller-Haus in Arnoldshain eine Tagung statt zum Thema „Ab jetzt Zwillinge? Das christlich-jüdische Verhältnis neu denken“. Sie wurde veranstaltet vom Evangelischen Arbeitskreis ImDialog in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Frankfurt und der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Universität Frankfurt. Mehr als vierzig Teilnehmer/innen aus verschiedenen Konfessionen – Pfarrer/innen, Religionslehrer/innen und Wissenschaftler/innen – haben sich engagiert mit der Frage auseinandergesetzt, in welchen Bildern und Begriffen die Beziehung zwischen Judentum und Christentum angemessen zum Ausdruck gebracht werden kann. Referenztext war dabei der Ansatz von Daniel Boyarin, den er u. a. in seinem Buch „Abgrenzungen“ zur Diskussion gestellt hat.[1] In den Hauptvorträgen setzten sich damit von christlicher Seite Dr. Andreas Bedenbender[2] und von jüdischer Seite Prof. Frederek Musall auseinander. Darüber hinaus gab es ausreichend Zeit, um sich im Plenum auszutauschen, und für verschiedene Arbeitsgruppen, welche die einzelnen Aspekte der Thematik vertieft haben.

Dabei hat sich gezeigt: Die Frage nach der Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum ist für den christlich-jüdischen Dialog nicht nur fundamental, sondern im Licht neuer Forschungsergebnisse auch aktuell und produktiv. Obwohl dies ein abstrakt-theoretisches Thema ist, und deshalb – vor allem von jüdischen Gesprächspartnern – gewisse Vorbehalte dagegen bestehen, lässt sich ein für beide Seiten fruchtbarer Dialog darüber führen. Das Gespräch über „Ab jetzt Zwillinge“?, wie es auf dieser Tagung geführt worden ist, war so spannend, dass hier in Grundzügen darüber berichtet werden soll. Dabei werden verschiedene Modelle der Verhältnisbestimmung in aller Kürze erörtert – traditionelle Vorstellungen (wie jene von Wurzel und Stamm, vom Strom mit verschiedenen Zuflüssen oder von Mutter- und Tochterreligion) ebenso wie neuere Ansätze (Judentum und Christentum als Schwesterreligionen, Zwillingsschwestern, Stiefgeschwister oder „ziemlich beste Freunde“). Abschließend soll ein eigener Vorschlag in die Diskussion eingebracht werden: das Verständnis von Judentum und Christentum als Halbgeschwister.


1.    Traditionelle Modelle der Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum

1.1. Wurzel und Stamm

Das älteste Bild für die Beziehung zwischen Juden und Christen ist dasjenige von Wurzel und Stamm. Es reicht bis in die Zeit des Neuen Testaments zurück, denn es wird vom Apostel Paulus in seinem berühmten „Ölbaumgleichnis“ im 11. Kapitel des Römerbriefes entfaltet (Röm 11, 16–36) – also in jenem Text, wo überhaupt zum ersten Mal über das Verhältnis zwischen diesen beiden „Glaubensweisen“[3] systematisch reflektiert worden ist (ausgebildete „Religionen“ waren es damals noch nicht). In diesem Modell kommt die Ehre des größeren Alters und Ursprungs dem Judentum zu, und die Christen als Anhänger des „neuen Weges“ (vgl. Apg 9, 2) werden ermahnt, sich nicht über ihre jüdischen Vorgänger zu erheben. „Wenn du dich aber gegen sie rühmst – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich“ (Röm 11, 18).[4] Lange war diese Mahnung in der Kirchen- und Theologiegeschichte in Vergessenheit geraten; und so war es eine wichtige Entdeckung, als sie im christlich-jüdischen Dialog, wie er sich in Folge der Shoah entwickelt hatte, wieder ans Licht kam. Für viele christliche Pioniere dieses Dialogs war das Ölbaumgleichnis ein wertvoller Wegweiser. Einige dieser Pioniere waren auch auf der Tagung in Arnoldshain anwesend, und es war ihnen anzumerken, welchen Verlust es für sie bedeutet, wenn das Judentum als „Wurzel“ ihres Glaubens durch einen Ansatz wie denjenigen von Boyarin in Frage gestellt wird. Bei näherem Zusehen zeigt sich: Die Begriffe von Wurzel und Stamm, das Bild von Juden und Christen als starker Baum, aus dem viele verschiedene Zweige hervorgehen können, in denen „die Vögel des Himmels nisten“ (vgl. Lk 13, 19) behält auch in Zukunft seine Gültigkeit und seinen Wert. Es wird durch andere Modellvorstellungen nicht ersetzt, sondern ergänzt.


1.2. Strom und Fluss

Zum Beispiel durch das Bild vom Strom: Ein breiter Fluss kann nicht für sich allein existieren, sondern empfängt die Fülle seines Wassers aus vielen kleineren und größeren Zuflüssen, die ihn speisen. Vielleicht teilt er sich auch einmal an einer Wegscheide, oder er bildet einen Stausee oder Wasserfall. Ähnlich lässt sich das Verhältnis von Judentum und Christentum in dieser Metapher fassen: aus einer gemeinsamen Quelle entsprungen, jedoch schon seit langem im je eigenen Flussbett unterwegs – bis sie beide am Ende in den einen ewigen Ozean münden. Auch dieser Vergleich stammt aus der Schöpfung, ist jedoch noch offener als die Vorstellung vom Baum, weil er sich nicht auf die belebte, sondern auf die unbelebte Natur bezieht. Außerdem ist ein Flussdiagramm variabel und lässt nicht nur eine immer weitere Ausdifferenzierung zu, sondern auch die Rückführung eines Seitenarms in den ursprünglichen Strom (dies entspräche etwa dem Selbstverständnis mancher messianischer Juden). Will man die Beziehung zwischen Juden und Christen mit diesem Bild zum Ausdruck bringen, dann ergibt sich nicht notwendig eine Vorordnung des Judentums; man kann es sich auch so vorstellen, dass ein ursprünglicher Strom (der jüdische Glaube in biblischer Zeit) sich geteilt hat, sodass gleichzeitig das rabbinische Judentum und das Christentum entstanden sind. Trotz all seiner Vorzüge ist das Bild vom Strom jedoch problematisch, denn es ist letztlich kontra-intuitiv: Bei einem Fluss ist es so, dass er immer breiter wird, weil verschiedene Zuflüsse sich vereinigen – genau das Gegenteil ist in Bezug auf die abrahamitischen Religionen der Fall, wo eine Auseinanderentwicklung stattgefunden hat. Dies kann durch das Bild vom Baum besser ausgedrückt werden als durch die Vorstellung vom Fluss.


1.3. Mutter- und Tochterreligion

Verbreitet ist die Zuordnung von Judentum und Christentum durch den Vergleich mit Familienbeziehungen. Dies hat eine lange biblische Tradition – ist doch schon die Entstehung der Völker der Erde (vgl. Gen 10), die Trennung zwischen Ismaeliten und Israeliten (vgl. Gen 16) und die Entwicklung der zwölf Stämme Israels (vgl. Gen 49) so dargestellt worden. Wendet man dieses Schema auf das christlich-jüdische Verhältnis an, so wird traditionell vom Judentum als der Mutterreligion und vom Christentum als Tochterreligion gesprochen. Auch der Islam wäre nach diesem Schema eine später hinzugekommene Tochter des Judentums (und insofern eine „jüngere Schwester“ des Christentums). Manche jüdischen Denker haben aus dieser Vorstellung Konsequenzen für den Dialog mit Christentum (und Islam) gezogen: Während viele Juden davon ausgehen, dass der christliche Glaube das Judentum eigentlich nichts angeht, argumentieren sie: Eine Mutter wird sich immer dafür interessieren (und in gewisser Weise auch dafür verantwortlich fühlen), was ihre Tochter tut – selbst wenn sie nicht damit einverstanden ist. Insofern ergibt sich aus dem Mutter-Tochter-Modell eine Haltung der liebenden Fürsorge, zumindest aber eine besondere Nähe.

Noch viel mehr als die Vergleiche aus der unbelebten und belebten Natur (Fluss und Baum) unterstellt das Schema der Familienbeziehung eine unmittelbare Genealogie und Intimität. Das macht dieses Bild schwierig zur Umschreibung des christlich-jüdischen Verhältnisses, das ja über den größten Teil der Geschichte hinweg von Distanz und Feindseligkeit geprägt worden ist. Andererseits macht gerade dies den Vorzug von Familienbanden aus: Dass sie auch dann fortbestehen, wenn sie problematisch sind. Werden Judentum und Christentum als Mutter und Tochter angesprochen, so muss dies keineswegs bedeuten, dass ihr Verhältnis harmonisch ist. Im Gegenteil gibt es viele Mutter-Tochter-Beziehungen, die äußerst kompliziert und konflikthaft sind – und insofern könnte das Bild auch für die Beschreibung des christlich-jüdischen Verhältnisses geeignet sein. Allerdings setzt es eine klare Vorordnung des Judentums voraus – in zeitlicher Hinsicht ebenso wie in Bezug auf die Rangordnung. Genau dies wird in neueren Modellen zur Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum in Frage gestellt, die im Folgenden kurz benannt werden sollen.


2. Neuere Ansätze zur Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum

2.1. Schwesterreligionen

Israel Yuval, Professor für Jüdische Geschichte in Jerusalem, nimmt in seinem Buch „Zwei Völker in deinem Leib“[5] schon im Titel Bezug auf die Vorstellung von Familienbeziehungen (in diesem Fall auf Rebekkas Zwillinge Jakob und Esau, vgl. Gen 25, 23). Er schreibt: „Die jüdische Auffassung, wonach das frühe Christentum ausschließlich der nehmende und nie der gebende Teil gewesen sei, hat gewiss theologische Gründe: dahinter steht die Vorstellung vom Judentum als der Mutter- und dem Christentum als der Tochter-Religion. Doch eine historisch-kritische Betrachtung führt zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass es sich beim frühen Christentum und beim tannaitischen Judentum eher um zwei Schwester-Religionen handelt, die im selben Zeitraum und auf dem gemeinsamen Hintergrund von Unterdrückung und Zerstörung Gestalt gewonnen haben.“[6] Wenn man Judentum und Christentum als „Schwestern“ betrachtet, bringt dies zahlreiche Vorteile mit sich: Die in der Mutter-Tochter-Beziehung grundgelegte Hierarchie entfällt, beide können sich eher als gleichberechtigte Partner sehen. Andererseits gibt es auch bei Geschwistern durchaus eine Rangfolge, und das Recht des Erstgeborenen gegenüber den nachgeborenen Geschwistern ist ein in der Hebräischen Bibel verbreiteter Topos (ebenso wie die Freiheit von Gottes Gnadenhandeln durch die Erwählung des Jüngeren; vgl. Jakob gegenüber Esau, Josef gegenüber seinen zehn Brüdern oder David und seine sechs älteren Brüder). Apropos „Brüder“: Während man heute in Bezug auf Judentum und Christentum, eher von „Schwesterreligionen“ spricht,[7] war zu Beginn des modernen Dialogs in Folge der Shoah noch von Brüdern die Rede und von einem „brüderlichen Verhältnis“, das man gewinnen wollte.[8] Für die hier angestellten Überlegungen zur Verhältnisbestimmung spielt die Frage des Geschlechts im Prinzip keine Rolle, sodass die weibliche Form verwendet wird.

Was bedeutet es für Juden und Christen, wenn sie sich als Geschwister verstehen? Zunächst einmal verweist es auf eine gemeinsame Herkunft: die Eltern (auch wenn in diesem Schema zumeist nur an Gott als Vater gedacht wird[9]). Trotzdem können Geschwister sehr ungleich sein, und das trifft gewiss auch auf Judentum und Christentum zu. Geschwister stehen meist in Konflikt um die Gunst der Eltern. Gleichzeitig ist die Geschwisterbeziehung oft die stabilste und dauerhafteste im Leben eines Menschen. Geschwister kennen einander genau, sie können sich nichts vormachen. All dies und noch viel mehr lässt sich in der Metapher von Geschwistern zum Ausdruck bringen. Für die Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum bietet dieses Verständnis den Vorzug, dass es sowohl Gleichursprünglichkeit als auch Ungleichzeitigkeit begründen kann. Deshalb hat das Geschwister-Modell das Mutter-Tochter-Paradigma zunehmend abgelöst.


2.2. Zwillingsschwestern

Eine noch größere Nähe als im Bild der Schwestern kommt im Begriff von Zwillingsschwestern zum Ausdruck. Das Moment der Ungleichzeitigkeit wird hier fast vollständig zurückgedrängt (obwohl es auch bei Zwillingen einen Erstgeborenen gibt). Die Reste des genealogischen Stufen-Schemas von Mutter und Tochter sollen auf diese Weise endgültig überwunden werden. Hintergrund für diesen Ansatz sind neue Forschungserkenntnisse, die deutlich machen, dass es eine viel größere Wechselwirkung zwischen Juden und Christen gegeben hat, als bisher angenommen worden ist.[10] Aufgrund der tragischen Geschichte der „Vergegnung“ (Martin Buber) ist sie auf beiden Seiten aus dem Blick geraten und wird erst im gegenwärtigen Zeitalter des Dialogs wieder entdeckt. Auch wenn „Judentum“ und „Christentum“ für uns heute feststehende Größen sind, so hat sich der christliche Glaube im Lauf von Jahrhunderten durch einen komplexen Prozess erst langsam herausgebildet. Und auch das, was wir heute unter Judentum verstehen, blieb von diesem Prozess nicht unbeeinflusst. Vielmehr hat sich das rabbinische Judentum zwischen dem 1. und 7. Jahrhundert[11] entwickelt – herausgefordert durch einschneidende Ereignisse wie den Verlust des Tempels und den Beginn der großen Diaspora, aber auch im Dialog mit und in Abgrenzung von der neu entstandenen christlichen Religion.

Auf diese Zusammenhänge und eine gewisse Gleichzeitigkeit der Entstehung soll mit der Rede von Zwillingen aufmerksam gemacht werden. Der Nachteil bei dieser Verhältnisbestimmung ist, dass sie eine noch größere Ähnlichkeit suggeriert, als es beim Begriff Geschwister der Fall ist. Manche versuchen dies scherzhaft zu umgehen, indem sie klar stellen, dass es sich dann aber auf jedem Fall um zweieiige Zwillinge handeln müsse. Aber auch so lässt sich das Problem nicht lösen. Einige kritisieren am Zwillings-Modell, dass es die Prävalenz des Judentums vor dem Christentum ausblendet und damit sozusagen ins andere Extrem verfällt: Auch wenn man nicht behaupten kann, das Judentum habe sich zum Christentum weiter entwickelt (schon gar nicht im Sinn einer Abrogationstheorie!), ist es ebenso wenig angemessen, eine strikte Gleichzeitigkeit beider Religionen zu vertreten. Die jahrtausendealte Geschichte des Judentums vor dem Auftauchen des Christentums mit ihren identitätsstiftenden Elementen (Vätergeschichten, Exodus, Sinai, Königtum, Propheten) gerät auf diese Weise aus dem Blick bzw. ihr konstitutiver Zusammenhang mit dem rabbinischen Judentum kommt nicht genügend zur Geltung. Aus diesen Gründen war das Thema der erwähnten Tagung „Ab jetzt Zwillinge?“ mit einem Fragezeichen versehen, und das war durchaus ernst gemeint. In den Gesprächsbeiträgen zeichnete sich ab, dass die meisten Teilnehmenden skeptisch gegenüber diesem neuen Paradigma waren und es nicht als neues Modell zur Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum betrachten.


2.3. Stiefgeschwister

In der Diskussion wurde deshalb ein Gegenvorschlag gemacht: Könnte man Judentum und Christentum als Stiefgeschwister bezeichnen? Dadurch wird das Grundmodell der Geschwisterbeziehung in entgegengesetzter Richtung modifiziert: Während Zwillinge eine besondere Nähe zueinander haben, haben Stiefgeschwister einen größeren Abstand voneinander als normale Geschwister. Der entscheidende Vorzug bei diesem Modell ist freilich, dass hier erstmals der doppelte Ursprung in den Blick kommt, den jeder Mensch hat: Wir haben nicht eine einfache Herkunft, sondern stammen von Vater und Mutter ab. Beide Elternteile sind verschieden, und dies spiegelt sich in der Komplexität der menschlichen Persönlichkeit. Noch deutlicher tritt die Verschiedenheit bei Stiefgeschwistern zutage, weil der Ursprung hier auf der einen Seite identisch und auf der anderen Seite different ist. Dadurch eignet sich der Vergleich mit Stiefgeschwistern besonders gut, um die ambivalente Beziehung zwischen Juden und Christen zum Ausdruck zu bringen.

Doch auch dieser Begriff hat seine Nachteile und kann letztlich nicht befriedigen: Bei Stiefgeschwistern ist die Problematik ihrer Beziehung geradezu sprichwörtlich. Viele Märchen zeugen davon, dass Stiefgeschwister (ebenso wie Stiefmütter oder -väter) in einer tiefsitzenden, kaum überwindlichen Feindschaft zueinander leben.[12] Übertragen auf das christlich-jüdische Verhältnis mag dies zwar eine durchaus realistische Beschreibung der Vergangenheit sein, aber hoffentlich nicht der Gegenwart. Noch weniger kann so die Zukunftsvision unseres Zusammenlebens beschrieben werden – und auch hierzu sollte sich ein Modell der Verhältnisbestimmung eignen.


2.4. Freunde

Deshalb sind die Tagungsteilnehmer bei ihrer Suchbewegung schließlich vom so beliebten Paradigma der Familienbeziehungen wieder abgekommen. Die Familie, die Mishpoke, ist einfach zu schwierig, um als Vorbild dienen zu können. „Können Juden und Christen in Zukunft nicht einfach Freunde sein?“, fragte ein Teilnehmer – inspiriert vom Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“ (2011). Der Vorteil der Freundschaftsbeziehung liegt darin, dass sie immer neu gewonnen und bewährt werden muss. Zwar kann man sich bei alten Freunden manches erlauben, und eine solche Freundschaft hält es aus, wenn man jahrelang nichts voneinander hören lässt. Trotzdem ist sie kein unveränderliches Faktum wie die Verwandtschaft, sondern besteht nur solange, wie die Freundschaft tatsächlich gelebt wird – zumindest „ziemlich“.

Doch ist auch dieser Vorschlag von einem Extrem ins andere verfallen: Während „Stiefgeschwister“ zu negativ klingt (zumindest als Wunsch für die Zukunft), erscheint „Freunde“ viel zu positiv (jedenfalls als Beschreibung der Vergangenheit). In den Ohren jüdischer Gesprächsteilnehmer könnte dieser Begriff geradezu wie Hohn klingen, angesichts der Leid- und Verfolgungsgeschichte, die Juden durch Christen widerfahren ist. Aus diesem Grund scheidet der Begriff Freunde zur Bestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses wohl bis auf Weiteres aus.


3. Ein neuer Diskussionsbeitrag zur Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum: Halbgeschwister

Eigentlich war die Tagung bereits zu Ende gegangen, als die gemeinsame Suchbewegung an diesem Punkt angekommen war. „Und so sehen wir betroffen: den Vorhang zu und alle Fragen offen“, könnte man meinen.[13] Aber dann kam doch noch ein neuer Gedanke ins Spiel: Wenn wir das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum nicht mit demjenigen von normalen Geschwistern vergleichen können und auch nicht mit Zwillingsgeschwistern oder Stiefgeschwistern – so könnte sich vielleicht das Bild von Halbgeschwistern eignen. Ganz ähnlich wie bei Stiefgeschwistern wird hier mit dem Gedanken ernst gemacht: Wir haben zwar einen gemeinsamen Vater – doch das Christentum verdankt sich noch weiteren Ursprüngen, es hat auch eine Mutter. Diese ist gegenüber dem Vater eigenständig, aber in ihrem Einfluss nicht weniger bedeutend; man könnte hier etwa an die griechische Philosophie, das römische Recht oder die germanische Kultur denken. Und auch für das Judentum gilt, dass es nicht nur von der Hebräischen Bibel geprägt ist, sondern andere „Mütter“ hat: etwa den Hellenismus oder die rabbinische Theologie. Also: Judentum und Christentum haben sowohl einen gemeinsamen Ausgangspunkt (den Glauben an den Gott der Bibel) als auch verschiedene Herkunft – und genau dies lässt sich in der Metapher von Halbgeschwistern zum Ausdruck bringen.

Aber gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Halbgeschwistern und Stiefgeschwistern? Zum einen ist es der bloße Name, welcher das Modell von Stiefgeschwistern als Paradigma für das christlich-jüdische Verhältnis problematisch macht. Halbgeschwister klingt stattdessen neutral und sachlich, ohne zu verharmlosen. Das Wort zeigt an, dass es hier nicht um eine Bilderbuch-Familie geht, sondern um gebrochene Identitäten (modern gesprochen: um eine Patchwork-Familie). Dennoch ist „Halbgeschwister“ nicht nur ein geeigneterer Begriff, sondern in der Tat etwas anderes als „Stiefgeschwister“: Stiefkinder sind traditionell Halbwaisen. Das Konflikthafte der Familienkonstellation wird dadurch verursacht, dass Stiefmutter bzw. -vater in der Familie leben, zugleich mit ihren eigenen leiblichen Kindern, welche sie den anderen vorziehen. Dieses Motiv entfällt bei Halbgeschwistern: Der Begriff ist offener und umfasst eine größere Bandbreite an Beziehungskonstellationen. So kann eine Halbschwester etwa aus einer außerehelichen Beziehung der Mutter stammen, ohne dass ihr leiblicher Vater in der Familie anwesend oder überhaupt bekannt ist. Oder ein Halbbruder stammt aus einer früheren Ehe des Vaters, wobei die geschiedene erste Frau nicht als Stiefmutter auftritt. Oftmals leben Halbgeschwister überhaupt in verschiedenen Familien. So kann man sagen: Alle Stiefgeschwister sind Halbgeschwister, aber nicht alle Halbgeschwister sind Stiefgeschwister. Letztlich hängt dieser Unterschied vom Verhältnis der Eltern zueinander ab.

Angewendet auf das Verhältnis von Judentum und Christentum heißt das: Sie sind tatsächlich Halbgeschwister und nicht Stiefgeschwister, weil es zwischen den „Müttern“ dieser beiden Religionen keine inhärente Konkurrenz gibt. Keine der Mütter ist „gestorben“, und sie leben auch nicht mit der „Stiefmutter“ unter einem Dach. Vielmehr haben sich Judentum und Christentum mit so viel Eigenständigkeit und Distanz voneinander entwickelt, dass sie sozusagen in verschiedenen Familien aufgewachsen sind (wenngleich in selben geographischen Gebiet und Kulturraum).


Schluss

Natürlich ist die Rede von Judentum und Christentum als Halbgeschwistern nur ein Bild und ein Begriff. Sie darf nicht überstrapaziert werden, weil sie (wie jeder Vergleich) in gewisser Hinsicht hinkt. Vor allem darf man von diesem Gedanken nicht zu viel erwarten: Dies ist kein differenziertes Modell der Verhältnisbestimmung zwischen den beiden Religionen (wie es etwa mit der Ein-Bund-Theorie[14] oder der Zwei-Bund-Theorie[15] versuchsweise entwickelt worden ist). Wie diese beiden Halbgeschwister (wenn man sie denn so nennen darf) in Beziehung zueinander und zu ihrem gemeinsamen Vater stehen, bedarf der Klärung, und hierzu sind differenzierte Überlegungen notwendig.[16] Um eine letztes Mal auf die Bildebene zurückzukehren: Die Frage der Erbschaft muss geregelt werden – und dass hierbei die christliche „Enterbungstheorie“ gegenüber dem Judentum obsolet geworden ist, steht außer Frage.

Nicht mehr als ein Bild und ein Begriff – aber auch nicht weniger als dies. Dieser Vorschlag soll hier in die Diskussion eingebracht werden, weil in den letzten Jahren verschiedene Versuche der Verhältnisbestimmung entwickelt worden sind, die auf das Grundmuster von Familienbeziehungen zurückgreifen (Schwesterreligionen und Zwillingsreligionen). Dies zeigt, wie notwendig es – trotz aller Gefahr der Vereinfachung – ist, ein griffiges Wort zur Hand zu haben, das auch für Nicht-Theologen verständlich ist und sich im Gespräch, aber auch etwa im Religionsunterricht oder in Katechese und Konfirmandenarbeit, verwenden lässt.

 




[1] Daniel Boyarin, Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums (Arbeiten zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte, Bd. 10), Berlin/Dortmund 2009; Jutta Koslowski, Rezension zu Daniel Boyarin: Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums: Freiburger Rundbrief. NF 18 (2011) 297f.

[2] Vgl. Andreas Bedenbender (Hg.), Judäo-Christentum. Die gemeinsame Wurzel von rabbinischem Judentum und früher Kirche, Paderborn/Leipzig 2012; Jutta Kolowski, Rezension zu Andreas Bedenbender (Hg.): Judäo-Christentum. Die gemeinsame Wurzel von rabbinischem Judentum und früher Kirche: Freiburger Rundbrief. NF 21 (2014) 63–65.

[3] Der Begriff geht zurück auf den jüdischen Religionsphilosoph Martin Buber; vgl. Martin Buber, Zwei Glaubensweisen, Zürich 1950.

[4] Bibelstellen werden hier und im Folgenden nach der Revidierten Elberfelder Übersetzung zitiert, sofern nicht anders vermerkt.

[5] Israel Yuval, Zwei Völker in deinem Leib. Gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Christen (Jüdische Religion, Geschichte und Kultur, Bd. 4), Göttingen 2007.

[6] Ebd., 82.

[7] Vgl. z.B. den aktuellen Buchtitel von Isaac Kalimi (Hg.), Bridging Between Sister Religions. Studies of Jewish and Christian Scriptures [Festschrift John Townsend], Leiden 2016.

[8] Vgl. z.B. Buchtitel wie Schalom Ben-Chorin, Das brüderliche Gespräch. Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Juden und Christen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Trier 1967; ders., Weil wir Brüder sind. Zum christlich-jüdischen Dialog heute, Gerlingen 1988.

[9] Vgl. in diesem Sinn etwa Gotthold Ephraim Lessing, Die Ringparabel, in: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen (Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 3), Stuttgart 1989, 3. Aufzug, 7. Auftritt, 71–73.

[10] Vgl. Daniel Boyarin, a.a.O.

[11] Dieses Datum ergibt sich, wenn man davon ausgeht, dass die Formierung des rabbinischen Judentums mit der Redaktion des babylonischen Talmud zu einem gewissen Abschluss kam.

[12] Vgl. etwa die bösen Stiefschwestern und Stiefmütter in den Märchen von Frau Holle, Aschenputtel oder Schneewittchen.

[13] Mit diesem (abgewandelten) Zitat aus Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ beendete Marcel Reich-Ranicki über Jahre hinweg die Fernsehsendung „Das literarische Quartett“.

[14] Vgl. z.B. Erich Zenger, Israel und Kirche im einen Gottesbund? Auf der Suche nach einer für beide akzeptablen Verhältnisbestimmung: Kirche und Israel 6 (1991) 99–114.

[15] Vgl. z.B. Wolfgang Stegemann, Das Verhältnis von Kirche und Israel als christliches Identitätsproblem, in: Ekkehard Stegemann/Marcel Marcus (Hg.), „Das Leben leise wieder lernen“. Jüdisches und christliches Selbstverständnis nach der Shoah [Festschrift Albert Friedlander], Stuttgart 1997, 229–238.

[16] Dieser Aufgabe widmet sich die Verfasserin mit ihrem Habilitationsprojekt zum Thema „Judentum und Christentum – Versuche der Verhältnisbestimmung nach der Shoah“. – Vgl. als Orientierung hierzu John Pawlikowski, Artikel „Judentum und Christentum“, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 17, Berlin 1988, 386–403.

 

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