Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Lukas Kundert

Wieso ich als Christ für Israel schreie


   Dr. theol. Lukas Kundert ist Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, Pfarrer am Basler Münster und Titularprofessor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Er ist zudem Präsident der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft beider Basel. Den folgenden Text hat er auf dem Bundesplatz in Bern am 19.06.2016 bei einer Kundgebung zur Solidarität mit den Schweizer jüdischen Mitbürgern und dem Staat Israel vorgetragen.



Wieso schreie ich als Christ für Israel?


Ich sehe ein kleines Land,
kleiner als die Schweiz,
umgeben von Meer und Ländern,
die im Krieg stehen mit diesem Land
oder höchstens einen kalten Frieden zulassen.
Und es gibt Leute die sagen:
Dieses kleine Land sei schuld
am Unfrieden in der Region und in der Welt.


Ich sehe ein kleines Land
mit einem westlich demokratischen Rechtssystem,
in dem lebt eine pluralistische,
multiethnische und multireligiöse Gesellschaft
nach liberalen freiheitlichen Rechten,
wie wir in der Schweiz leben wollen.
Umgeben ist dieses kleine Land von Unrechtsdiktaturen,
von Gewalt und Zerstörung.
Und es gibt Leute die sagen:
Dieses kleine Land sei ein Unrechtsstaat.


Ich sehe ein kleines Land,
in dem sind alle vor dem Gesetz gleich,
es stellt Frauen und Männer gleich,
Schwarze und Weisse, Juden, Christen und Muslime,
und es nimmt Flüchtlinge aus aller Welt auf,
Hunderttausende jedes Jahr,
nicht „nur“ Jüdinnen und Juden,
sondern auch diejenigen Ströme,
die den gefährlichen Weg durch den Sinai überlebt haben.
Und es gibt Leute die behaupten:
Dieses kleine Land sei ein Apartheidstaat.


Ich sehe ein kleines Land,
das ist völkerrechtlich besser abgestützt
als unsere kleine Schweiz,
und doch ist es am Tag nach seiner Unabhängigkeit
angegriffen worden von den Nachbarn.
Und es gibt Leute die behaupten:
Dieses kleine Land habe kein Recht zu existieren.


Ich sehe ein Land,
in dem Menschen leben,
die sind wie Du und wie ich.
Ich blicke in ihre Gesichter, und da sehe ich:
Sie haben Hoffnungen - wie ich
und sind verzweifelt - wie ich

 - Sie lieben - wie ich und sie hassen - wie ich

 - Sie wollen ihre Kinder in die Arme nehmen - wie ich und sie wollen einfach leben - wie ich

 - Sie träumen - wie ich und sie mühen sich ab - wie ich

 - Sie sind um ein gutes Leben bemüht - wie ich und sie scheitern - wie ich

 - Sie fühlen - wie ich und sie müssen sich vor dem Rechtsstaat verantworten - wie ich.

 - Sie sind Menschen - wie ich. Genau wie ich.


Ich lebe in einem kleinen Land,
und sie leben in einem kleinen Land.
Mich lässt man in Ruhe,
sie lässt man nicht.
Wieso nur?
Weil sie mehrheitlich Juden sind?
Ja. So ist es. Weil sie mehrheitlich Juden sind.


Dieser Staat erhält als Staat alle Attribute nachgesagt,
die man im aufgeklärten europäischen Antisemitismus
des 20. Jahrhunderts „den“ Juden nachsagte,
die man ihnen heute aber nicht mehr nachsagen darf.
Es ist nicht anders zu erklären.
Israel ist der Jude unter den Staaten geworden.


Wieso kann ich froh sein,
nicht unter dem Hass der Welt leben zu müssen?
Wieso trifft sie der Hass der Welt?
Wieso werden wir alle mit gleichem Mass gemessen,
nur sie mit ungleichem Mass?
Was immer sie tun,
es ist in den Augen vieler in der Welt immer
barbarisch, niederträchtig und gegen die Menschlichkeit,
was die anderen tun sei immer
verständlich, nachvollziehbar, freiheitskämpferisch.


Der Anschlag auf den Schulbus mit den kleinen Schulkindern:
Die Israelis seien selbst schuld.
Die Terroranschläge mit Raketen aus dem Ghaza-Streifen auf israelische Städte:
Die Israelis seien selbst schuld.
Die Messerattacken weiss nicht wo:
Die Israelis seien selber schuld.


Israel ist der Sündenbock,
ein Negativ-Fetisch einer
judenfeindlichen Gesellschaft und von politischen Parteien,
die meinen,
sich ihrem eigenen Judenhass nicht stellen zu müssen.
Israel ist der Negativ-Fetisch
eines braunen Bodensatzes in unserer Gesellschaft
von links bis rechts.


Deswegen, weil es ein Negativ-Fetisch ist,
muss alles verdreht und verkehrt werden,
was die Menschen in diesem Land tun.
Sie dürfen nicht relativ dumm sein wie wir.
Sie dürfen nicht relativ gescheit sein wie wir.
Sie dürfen nicht relativ erfolglos sein wie wir
und sie dürfen nicht relativ erfolgreich sein wie wir.
Denn alles, was sie sind,
müssen sie in einer dämonischen Weise sein.


So werden Menschen zu Dämonen.
So werden ihre legitimen Ansprüche,
einfach Menschen sein zu dürfen
und als Menschen leben zu dürfen,
delegitimiert.


Jesus Christus, mein Erlöser,
ist durch jenes kleine Land gezogen
und hat die Leute,
  

die zu Negativ-Fetischen der

 

damaligen Gesellschaft gemacht wurden,
zu sich gerufen.


Er hat sich vor sie hin gestellt
und er hat sie geschützt.
Er ist ihr Advokat geworden.
Er ist es noch heute: Im Himmel, vor Gott.


Ich habe von Jesus vernommen:
Stehe hin, sprich für mein Volk.
Es kann nicht sein,
dass es in der Schweiz
mit anderen Massstäben gemessen wird
als die übrigen Völker der Welt.


Darum,
weil es so himmelschreiend unrecht ist,
wie Israel immer auf die
Anklagebank der Welt geschoben wird,
darum schreie ich für Israel und für den jüdischen Staat.


Ich danke Ihnen.

 

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