Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Barbara Schmitz

 

Hartenstein, Friedhelm / Moxter, Michael, Hermeneutik des Bilderverbots. Exegetische und systematisch-theologische Annäherungen (ThLZ.F 26), Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2016 (357 S., 24,90 €).

Das biblische Bilderverbot hat in den jüdischen, christlichen wie islamischen Kulturen und Theologien eine bedeutende Rolle gespielt – dem gehen in dem vorliegenden Band der heute in München lehrende Alttestamentler Friedhelm Hartenstein und Hamburger Systematiker Michael Moxter nach.

Nach einer Einführung in die Fragestellung nach dem Bilderverbot in Geschichte und Gegenwart zeichnet Friedhelm Hartenstein den biblischen Befund mit Blick auf das Bilderverbot nach. In einem ersten Kapitel geht Hartenstein den religionsgeschichtlichen Kontexten nach (Was ist ein Heiligtum?, Was sind anthropomorphe Kultbilder, Gottessymbole und „anikonische“ Kultsymbole? Wie darf man sich die Kultsymbolik des Jerusalemer Tempels vorstellen?). Sodann erläutert er in einem zweiten Kapitel die Eigenart und Entstehung des Bilderverbots, sein Verhältnis zu anderen biblischen Texten und die Frage nach möglichen Entstehungsvoraussetzungen. Folgerungen für eine Hermeneutik des Bilderverbots zieht er im dritten Kapitel, das die Frage nach Bildern mit der Frage biblischer Metaphorik verbindet und nach Modellen einer kritischen Bildhermeneutik im Alten Testament fragt.

Im zweiten, umfangreichen Teil dieser Studie blickt Michael Moxter aus systematischer Perspektive auf die Frage nach dem Bilderverbot. Themen sind dabei die Frage nach der Macht der Bilder, von Bild und Leiblichkeit, von Bilderverbot, Monotheismus und negativer Theologie, die christologische Rehabilitierung der Bilder im antiken Christentum etc., die Michael Moxter aus philosophie- und theologiegeschichtlicher Sicht reflektiert.  

Bei ihren Überlegungen gehen Friedhelm Hartenstein und Michael Moxter von dem den mit Hans Belting und Gottfried Boehm verbundenen iconic turn aus, der hervorhebt, dass ein Bild nicht nur etwas zeigt, sondern eine spezifische Präsenz hat: „Die besondere Präsenz des Bildes liegt in seiner Intensivierung durch Präsentation: Das Bild zeigt etwas, indem es ‚sich zeigt‘, also ‚zu sehen gibt‘“ (S. 354). Damit ist ein Bildverständnis zugrunde gelegt, demzufolge Produktion und Rezeption, Bildermachen und Bildersehen zusammenhängen. Daraus ergibt sich, dass es dem biblischen Bilderverbot: „nicht um die Bewahrung der Unsichtbarkeit Gottes (oder die Abwehr jeder Gestaltvorstellung), sondern im präzisen Sinn um Gottes Verborgenheit, auch im Zusammenhang seiner Offenbarung“ ging. „Die dialektische Dynamik von Erscheinen und Verbergen, Präsenz und Entzug stellt – in ihrer unhintergehbaren zeitlichen Dimension – eine wichtige, wenn nicht die nach der Auffassung der Autoren wichtigste Grenzbestimmung des Bilderdenkens in Theologie und Philosophie dar“ (S. 355).

 

 

Erzähl es deinen Kindern – Die Torah in fünf Bänden. Übertragen von Hanna Liss und Bruno Landthaler. Mit Illustrationen von Darius Gilmon, Berlin (Ariella Verlag): Bereschit – Am Anfang, Band 1, 2014 (128 S., 24,80 €). Schemot – Namen, Band 2, 2014 (144 S., 24,80 €). Wajikra – Und er rief, Band 3, 2014 (145 S., 24,80 €). Bamidbar – In der Wüste, Band 4, 2015 (145 S., 24,80 €). Devarim – Worte, Band 5, 2016 (145 S., 24,80 €).

Kinderbibeln gibt es reichlich – aber es sind alles christliche Kinderbibeln. Die letzte jüdische Kinderbibel ist vor über fünfzig Jahren erschienen. Aus reichem persönlichen Erfahrungsschatz haben sich Hanna Liss und Bruno Landthaler an das Projekt einer jüdischen Kinderbibel gewagt. „…die Tora so zu erzählen, dass Kinder sie tatsächlich verstehen können, das war eine Herausforderung. Und so entstand über viele Jahre hinweg langsam ein Text, von dem wir annehmen können, dass er ‚kindgerecht‘ ist, denn unsere wichtigsten Lektor/-innen und Korrektor/-innen waren die Kinder selbst, die uns mit fragenden Blicken oft deutlich genug machten, dass da noch einiges über die Köpfe hinweg erzählt und vorgelesen wurde“ (S. 10, Bd. 1).

Die „Torah für Kinder“ ist in erster Linie zum Vorlesen gedacht. Dennoch ist ein breites Altersspektrum der Kinder im Blick; Texte, die eher für ältere Kinder gedacht sind, sind kursiv gesetzt und können auf diese Weise leicht übersprungen werden. Die Kinderbibel selbst ist nach den Paraschijot, den Leseabschnitten des Gottesdienstes, strukturiert. Jedem Abschnitt ist eine Einleitung vorangestellt, ebenso finden sich kommentierende Randmarginalien zum Erzähltext, die sich an die Erwachsenen richten. Damit ist bereits das Konzept dieser Kinderbibel so angelegt, dass die Vorlesenden in die Pflicht genommen werden, sich mit den Texten auseinanderzusetzen: „Denn wer (seinen) Kindern vorliest, sollte selbst wissen, was er liest“ (S. 13, Bd. 1). Am Ende findet sich ein Personen- und Ortsnamenregister sowie ein Glossar, das weitere Erläuterungen bietet. „Gott“ wird nach der jüdischen Tradition als „G’tt“, das Tetragramm als „Der Ewige“ und Eigennamen nach der jüdischen Aussprache wiedergegeben. Ergänzt wird der Text um die Illustrationen von Darius Gilmon, dessen Bilder die Phantasie der Kinder anregen, ohne sie festzulegen.

Die „Torah für Kinder“ ist gut vorzulesen (getestet unter realen Bedingungen!), spannend geschrieben, ohne reißerisch zu werden. Sie verfügt über eine verständliche und kindgemäße Wortwahl von hohem Sprachniveau. Sie ist ausgewogen im Detail, lässt nicht aus, was (für Kinder) oft als unpassend erachtet wird (so z.B. die Anweisungen zum Heiligtumbau) und bleibt so nah am biblischen Text. Die Verbindung zum Originaltext wird immer wieder durch kurze Abschnitte signalisiert, in denen der Text auf Hebräisch präsentiert wird.

Wäre es übergriffig, diese Kinderbibel auch kleinen und großen christlichen Kinderbibelleserinnen und -lesern zu empfehlen? In jedem Fall ist der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zuzustimmen, die den ersten Band „Bereschit“ im Juli 2014 als „Buch des Monats“ ausgezeichnet hat!

 

 

 

Gottschlich, Maximilian, Unerlöste Schatten. Die Christen und der neue Antisemitismus, Paderborn (Schöningh) 2015 (227 S., 19,90 €).

Die Monographie des emeritierten Wiener Kommunikationswissenschaftlers ist angesichts einer ansteigenden Zahl von antisemitischen Vorfällen und Judenwegzügen aus Europa der Frage nach einem neuen Antisemitismus gewidmet. Gottschlich beginnt seine Ausführungen mit einem Rückblick über das 2. Vatikanische Konzil, das die „Kontinuität des Christentums über den Zivilisationsbruch der Shoah hinaus“ (S. 19) möglich lassen werden sollte, und beschreibt die Entstehungsschwierigkeiten der Judenerklärung im Konzilsdokument Nostra Aetate, deren Chancen und Versäumnisse er skizziert. 50 Jahre nach Nostra Aetae zieht er die nüchterne Bilanz: „Nichts in unserer Zeit weist auf ein neues, freundlicheres Klima gegenüber dem Judentum hin. Im Gegenteil – der Antisemitismus ist weiter verbreitet als je zuvor“ (S. 50).

Nach einem Überblick über die Geschichte des Antisemitismus beschreibt Gottschlich drei wesentliche Quellen des neuen Antisemitismus: den sogenannten „Schuldabwehr-Antisemitismus der Post-Holocaust-Ära, [den] linken wie rechten Antizionismus und Anti-israelismus [und den] islamistischen Antisemitismus“ (S.144-145). Schließlich beschreibt er Wege aus dem Antisemitismus für Christen nach dem „Grundsatz, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen“ (S. 177).

„Unerlöste Schatten“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer – nicht nur, aber vor allem an die Christen – dafür, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und „im politisch wachen und sich seines jüdischen Erbes bewussten Christentum [den] entschiedensten Gegner [des Antisemitismus] zu finden“ (S. 184).

 

 

 

Kremers, Thomas / Hasselhoff, Görge K. / Klappert, Bertold (Hg.), Heinz Kremers – Vom Judentum lernen. Impulse für eine Christologie im jüdischen Kontext, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2015 (206 S., 30,00 €).

Der Sammelband erinnert an das Lebenswerk des stark im jüdisch-christlichen Dialog engagierten Religionspädagogen und Theologen Heinz Kremers (1926-1988).

Im ersten Teil werden unter anderem durch einen Beitrag seines Sohnes Thomas Kremers, der mitunter ein sehr persönliches Bild seines Vaters zeichnet, indem er auch Selbstzeugnisse aufgreift, die politischen, religionspädagogischen und theologischen Zielsetzungen des Duisburger Professors beschrieben. Der systematische Theologe Berthold Klappert erläutert den Beitrag Kremers zu einer Entwicklung einer nicht-anti-jüdischen Christologie. Görge K. Hasselhoff kommentiert einen Talmudvortrag, den Heinz Kremers 1977 gehalten hat.

Der zweite Teil enthält einige der unveröffentlichten und nur sehr schwer zugänglichen Aufsätze, Vorträge und Predigten Kremers, die das Ziel einer Christologie haben, die sich zunächst am Alten Testament und darüber hinaus an den Quellen des rabbinischen Judentums orientiert.

Im dritten Teil werden Beiträge von Autoren präsentiert, die direkt oder indirekt durch Heinz Kremers beeinflusst worden sind. Dem Thema einer messianischen Christologie widmen Klaus Müller und Simon Schoon ihre Beiträge, nicht ohne auf die Position Heinz Kremers und jüdischer Autoren einzugehen. Katja Kriener diskutiert die Frage nach „Land und Staat Israel“ und gewährt dabei neben dem kirchlichen Umgang mit dem Thema auch einen Einblick in den pädagogischen in Israel und Palästina, indem sie ein Schulbuchprojekt vorstellt, das unter dem Motto „Die Geschichte der anderen hören“ steht. Mögliche „Bausteine für eine Tauftheologie im Kontext der Erneuerung des jüdisch-christlichen Verhältnisses“ stellt Volker Haarmann vor. Der Sammelband schließt mit einem sehr kritischen Beitrag zu den „Messianischen Juden“ und den Evangelikalen in Israel von Rainer Stuhlmann. Darin plädiert Stuhlmann für eine Offenheit in der Christologie und ein klares „Nein zu jeder Form der Judenmission“ (S. 200).

 

 

 

Boschki, Reinhold / Wohlmuth, Josef (Hg.), Nostra Aetate 4. Wendepunkt im Verhältnis von Kirche und Judentum – bleibende Herausforderung für die Theologie (Studien zu Judentum und Christentum 30), Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2015 (258 S., 36,90 €).

In dem Sammelband des Tübinger Religionspädagogen Reinhold Boschki und des emeritierten Bonner Dogmatikers Josef Wohlmuth steht die kritische Auseinandersetzung mit Nostra Aetate 4 – 50 Jahre nach dessen Veröffentlichung – im Zentrum.

Aus verschiedenen theologischen Disziplinen und damit ganz unterschiedlichen Perspektiven werden die positiven Signale, die Nostra Aetate 4 mit sich gebracht hat, aber auch die versäumten Chancen dargelegt, sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten und Aussichten für die Zukunft entwickelt. So weist beispielsweise Reinhold Boschki in seinem Beitrag darauf hin, dass Nostra Aetate 4 – trotz beachtlicher Fortschritte im jüdisch-christlichen Verhältnis – die Ereignisse um Auschwitz kaum zur Sprache bringt und betont, gerade angesichts neu aufkeimender antisemitischer Tendenzen, die Bedeutsamkeit der Erinnerung. Der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards weist auf das Verhältnis von Judentum und Christentum belastenden Merkmalen in der Liturgie hin und gibt auch praktische Verbesserungsvorschläge, wie z.B. eine Leseordnung, die nicht von neutestamentlicher Leserichtung her ausgeht. Eine neutestamentliche Perspektive bringt Maria Neubrand ein, die nicht nur in älteren, sondern auch in neueren exegetischen Werken Antisemitismen aufzeigt und sich im Horizont von Nostra Aetate 4 für einen sensibleren Umgang mit den Texten des Neuen Testaments durch die Exegeten und Exegetinnen ausspricht. Hans Hermann Henrix sieht die Konzilserklärung als einen „der wirkungsvollsten und am meisten in die Zukunft weisenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils“ (S. 206).

Ein Fazit aus allen Artikel des Sammelbandes bringt Josef Wohlmuth auf den Punkt: „NA 4 hat einen Prozess angestoßen, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Vielmehr hat das Konzil einen Stein ins Wasser geworfen, der vielerlei Wellen geschlagen hat, welche die Konzilsväter vor 50 Jahren noch nicht im Sinn hatten“ (S. 228).

 

 

 

Meyer, Thomas / Kilcher, Andreas (Hg.), Die „Wissenschaft des Judentums“. Eine Bestandsaufnahme, Paderborn (Wilhelm Fink) 2015 (187 S., 26,90 €).

Der Sammelband stellt die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion innerhalb des jüdischen Denkens in der Moderne und nimmt dabei sowohl wissensgeschichtliche Kontexte des 19. und 20. Jahrhunderts als auch gesellschaftliche und politische Fragestellungen in den Blick.

Im ersten Beitrag versucht Andreas Kilcher, die Wissenschaft des Judentums in ihrer wissens- und religionsgeschichtlichen Bedeutung zu skizzieren. Sodann zeigt George Y. Kohler anhand verschiedener jüdischer Wissenschaftsprogramme auf, dass sich Wissenschaft und Religionspolitik nicht ausschließen, sondern sich vielmehr gegenseitig fördern. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung an die Anfänge der Wissenschaft des Judentums bietet Jana Schumann, indem sie u.a. Begriffe wie „Identität“, „Kultur“ und „Universalismus“ historisch und inhaltlich einordnet und auf die Neukonzeptionen jüdischer Identität aufmerksam macht, die vom „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ (seit 1819 in Berlin) vertreten wurden. Der Beitrag von Andreas Brämer ist dem Rabbiner und Forscher der jüdischen Rechtstradition Zacharias Frankel (1801-1875) und seinem Einfluss auf den jüdischen Binnenkontext gewidmet. Mirjam Thulin beschreibt das Leben und Wirken des Professors David Kaufmann am Budapester Rabbinerseminar David Kaufmann (1848-1918) „unabhängig von Bäffchen und Lehrstuhl“ (S. 95). Kerstin von der Krone untersucht die Dogmendebatte unter Nennung verschiedener jüdischer Positionen und inwiefern diese zum Streitpunkt und zum Marker von Unterschieden zwischen Judentum und Christentum wird. Robert S. Schines kommentiert Chaim Nachman Bialiks Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Dwir“ vom Mai 1923 und zeigt so, „wie um das richtige Verständnis des Judentums gerungen wurde“ (S. 15). Thomas Meyer zeigt auf, wie Julius Guttmann, der Leiter der Berliner „Akademie für die Wissenschaft des Judentums“, die Einheit von Religion und Wissenschaft philosophisch gedacht hat. Der Sammelband schließt mit einem Beitrag von Michael A. Meyer, der u.a. die Debatten um Gründung und Ausrichtung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums“ (seit 1919) nachzeichnet.

 

 

 

Witte, Markus (Hg.), Der Messias im interreligiösen Dialog. Christliche, jüdische und islamische Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart (SKI.NF 9), Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2015 (159 S., 26,00 €).

Der von Markus Witte herausgegebene Sammelband widmet sich der Messiasfrage aus quellenkundlicher, theologisch-systema-tischer, interreligiöser, rezeptionsästhetischer und religionspädagogischer Perspektive.

Eröffnet wird der Diskurs durch einen Beitrag des Berliner Gemeinderabbiners Ya-akov Zinvirt, der Verwendung und Bedeutung des Messiasbegriffs in alttestamentlicher und rabbinischer Literatur beschreibt. Nicht ohne auf Antijudaismen in christlicher Theologie aufmerksam zu machen, bietet Peter von der Osten-Sacken eine neutestamentliche Sicht auf den Messiasbegriff. Der emeritierte Berliner Neutestamentler plädiert dafür, dass die Kirche das „Evangelium von Jesus dem Christus“ in dem Sinne ernst nehme, als dass sie sich für das Volk Israel „nicht als Feinde, sondern der Botschaft des Evangeliums gemäß als Versöhnte [erweise] und als christliche Gemeinde dazu [beitrage], dass Israel, mit Lukas gesprochen [Lk 1,74f.], Gott furchtlos in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu dienen [vermöge]“ (S. 43). Einen gegenwärtig systematisch-theologischen Beitrag liefert Markus Mühling. Das „Jesusbild in Judentum und Islam“ legt Andreas Feldtkeller dar, der nicht nur die Jesusbilder vorstellt, sondern auch sich daraus ergebende Perspektiven für das Christentum darstellt. Mit dem Thema „Messianische Texte in der Musik“ befasst sich Gunter Kennel, der in seinem Beitrag unter anderem messianische Vorstellungen in Händels „Messiah“, Bartholdys „Christus“ und Wagners „Jesus von Nazareth“ vorstellt und dabei nicht nur den christlichen Hintergrund aufdeckt, sondern auch auf die darin enthaltenen Spannungen zu jüdischen Deutungen aufmerksam macht. Der Sammelband schließt mit einem ganz praktisch angelegten Artikel des Frankfurter Religionspädagogen Hans-Günter Heimbrock, in dem dieser mehrere der im Sammelband dargelegten Sichtweisen auf den Messiasbegriff für den Religionsunterricht fruchtbar macht.

 

 

 

Neuwirth, Angelika, Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang, Berlin (Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag) ³2013 (859 S., 39,90 €). 

In dieser Studie unternimmt Angelika Neu-wirth den „schwierigen Versuch“, „die koranische Verkündigung historisch zu verorten, weil nur so die Prozessualität der Textgenese und der Gemeindebildung erkennbar wird – und damit das entscheidende Analogon zutage tritt, das die Entstehung des Koran mit den beiden anderen monotheistischen Traditionen verbindet, deren zentrale Texte ebenfalls einen gemeindlichen Prozess der Traditionsverhandlung spiegeln“ (S. 33). Vor diesem Hintergrund versteht Angelika Neuwirth den Koran als ein „Argumentationsdrama“.

Hierzu faltet sie den Gedanken, den Koran als einen Text der Spätantike zu begreifen, in dreizehn Kapiteln auf. Dabei ist die Verhältnisbestimmung von Koran und Schrift ebenso wichtig wie von Koran und Geschichte. In einem der Redaktions- und Textgeschichte gewidmeten Kapitel befasst sich Angelika Neuwirth mit der Entstehung des Textes, der auf den Gedanken der mündlichen Verkündigung besonderen Wert legt. Dies führt zur Frage der Chronologie und der Struktur der Besonderheit „Sure“. Die weitere liturgische Entwicklung sowie Stationen der Gemeindebildung werden sodann nachgezeichnet. Dabei wird immer wieder deutlich, dass der Koran in seinem zeitgenössischen Kontext verortet werden muss – und dabei weder nur aus der Genialität des Propheten, noch aus etwa biblischen Vorgaben verstanden werden kann, sondern in den komplexen rabbinischen, patristischen, paganen zeitgenössischen Debatten und unterschiedlichen liturgischen Kontexten zu verorten ist. So widmet Angelika Neuwirth zwei Kapitel der Verhältnisbestimmung zur Bibel: zum einen den Spezifika des Koran und den Unterschieden zur Bibel, zum anderen der Art und Weise, wie biblische Figuren im Koran rezipiert wurden. Kapitel zur Koran und Poesie sowie zu Koran und Rhetorik schließen diese anregende Studie ab.

 

 

 

Frevel, Christian, Geschichte Israels (Kohlhammer Studienbücher Theologie), Stuttgart (Kohlhammer) 2016 (445 S., 35,00 €).

Nun ist Christian Frevels „Geschichte Israels“ als ein eigenständiger Band erschienen, der 2007 für die siebte Auflage der von Erich Zenger herausgegebenen Reihe „Einleitung in das Alte Testament“ als ein kurzer Abriss der Geschichte Israel begonnen hatte. Aus einem knappen Überblick ist ein ausführlicher Band mit über 400 Seiten geworden.

Dieser Band zeichnet sich dadurch aus, dass er eine ausgewogene und klare Darstellung der mitunter komplexen historischen und literarischen Zusammenhängen bietet, gerade da, wo es nur wenige Mosaiksteinchen gibt und wo das historisch (Re)Konstruierbare durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Frevel scheut dabei nicht, klar Position zu beziehen und seine Option darzulegen. Beispielhaft sei hier die historische Beurteilung des Exodus genannt: „Der Exodus – so wie die Bibel ihn schildert – ist nicht historisch“ (S. 59; Hervorhebung im Original).

Leitend für seine Art der Geschichtsdarstellung ist der Aspekt der Dekonstruktion von Geschichte: „Denn das ‚Israel‘, wie es in der Bibel geschildert wird, hat es so nicht gegeben“ (S. 382). Mit dem Anliegen der historischen Rückfrage verbindet er die Intention, den Blick freizugeben „auf ihre eigentliche Intention, die Geschichte im Licht ihres Glaubens zu deuten“ (S. 382, Hervorhebung im Original).

 

 

 

Connelly, John, Juden – Vom Feind zum Bruder. Wie die katholische Kirche zu einer neuen Einstellung zu den Juden gelangte, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2016 (310 S., 39,90 €).

In seiner Monographie zeichnet John Connelly, der Professor für Geschichte der Universität Berkeley, die Geschichte des Antisemitismus der Katholischen Kirche im 19. und 20. Jahrhundert nach und beschreibt den Paradigmenwechsel im Zuge des 2. Vatikanischen Konzils, an dessen Ende die bahnbrechende „Judenerklärung“ im Konzilsdokument Nostra Aetate steht. Connelly informiert über die in verschiedenen Ländern oft ganz unterschiedlich ausfallende kirchliche Haltung. Er lässt antisemitische, aber auch dem Antisemitismus kritisch eingestellte Stimmen aus Deutschland, Österreich, dem Vatikan, Frankreich, den USA und weiteren Ländern zu Wort kommen.

Einen besonderen Fokus legt Connelly auf die Rolle von Johannes M. Oesterreichers, der – aufgewachsen in einer jüdischen Familie – sich seit 1933 in Wien gegen den Antisemitismus engagierte und dann zum theologischen Berater des 2. Vatikanischen Konzils berufen wurde. Erklärtes Ziel Connellys ist „weder Schuldzuweisung noch Schuldentlastung“, sondern „noch ausbleibende Erklärungen für die Veränderungen zu liefern, die der Holocaust im katholischen Denken über die Juden auslöste“ (S. 13).

 

 

 

Tiwald, Markus, Das Frühjudentum und die Anfänge des Christentums. Ein Studienbuch (Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament 11. Folge, Heft 8), Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2016 (367 S., 60,00 €).

Markus Tiwald bietet mit seinem Studienbuch eine Einführung in „Frühjudentum“ und „Urchristentum“ in hellenistisch-römischer Zeit. Dem Anliegen, beide Begriffe in Anführungsstriche zu setzen, widmet sich das erste Kapitel. Was meint man eigentlich und worauf bezieht man sich, wenn man die Zeit nach dem babylonischen Exil bis zum Bar Kochba-Aufstand (132-135 n. Chr.) vorstellen möchte? In den vergangenen Jahren sind die scheinbar klaren Zuordnungen von „Frühjudentum“ und „Urchristentum“ und auch von „Judentum“ und „Christentum“ in den nachchristlichen Jahrhunderten im Sinne einer klar definierten und voneinander abzugrenzenden Identität grundlegend hinterfragt worden. Mit dem Stichwort „Parting of the Ways“ verbindet sich eine neue Perspektive auf diese Zeit. Diese nimmt Markus Tiwald auf und setzt sie seiner Darstellung dieser Zeit voran, wobei er sich zugleich zutiefst Röm 11,18 verbunden sieht.

In einem zweiten Kapitel werden die politischen Entwicklungen von der babylonischen bis in die römische Zeit dargestellt.

Die Gruppierungen im Frühjudentum (Sadduzäer, Pharisäer, Herodianer, Essener und Zeloten) sind Thema des dritten Kapitels, ebenso wie das Frühjudentum in der Diaspora und Schriftsteller wie Flavius Josephus, Schriften und Quellen oder Texte der apokryphen, pseudepigraphen oder apokalyptischen Tradition. Neben den Qumrantexten und den Samaritanern ordnet Tiwald hier auch Jesus und Jesusbewegung ein.

Das vierte Kapitel setzt sich mit soziopolitischen und sozioreligiösen Vernetzungen im Frühjudentum Palästinas (hier v.a. mit den Thesen von Gerd Theißen und dem Phänomen der sog. „Sozialbanditen“).

Einen thematischen Schwerpunkt setzt das fünfte Kapitel mit „Tora“ und „Tempel“ als identity markers in Frühjudentum und Urchristentum. Dieses Kapitel hat – noch deutlicher als die anderen – einen Schwerunkt auf den neutestamentlichen Texten. Hier zeigt sich, was für das Buch insgesamt gilt, dass die Fragestellung des Buches von der neutestamentlichen Perspektive und Fragerichtung geprägt ist.

Schaubilder und Schemata, z.T. aus anderen Publikationen, und Bilder von archäologischen Funden und dem Modell von Jerusalem (als es noch im Holyland Hotel stand) runden diesen lesenswerten wie gut lesbaren Band ab.

 

 

 

Kreuzer, Siegfried (Hg.), Handbuch zur Septuaginta Band 1: Einleitung in die Septuaginta, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2016 (718 S., 198,00 €).

Das Projekt „Septuaginta Deutsch“ (LXX.D) komplettiert sich! Nachdem im Jahr 2009 die Übersetzung der Septuaginta (LXX) ins Deutsche erschienen ist, die für diejenigen, die des Griechischen nicht (flüssig) kundig sind, die Texte der Griechischen Bibel zugänglich gemacht haben, ist nun der erste Band des Handbuchs zur Septuaginta erschienen.

Das Handbuch bietet zu jedem Buch der LXX eine eigene Einführung, die zumeist von den Autorinnen und Autoren verfasst wurden, die die Texte in der LXX.D übersetzt haben. Diese einzelnen Einführungen bieten Literaturhinweise (gegliedert nach Texte und Editionen, Qumran-Texte, Übersetzungen und Kommentare sowie weitere Sekundärliteratur), geben dann einen Überblick über die Textüberlieferung und die Editionen, thematisieren die Übersetzungstechnik und Zeit und Ort der Übersetzung, das sprachliche, inhaltliche und theologische Profil des Buches, ausgewählte Aspekte der Wirkungsgeschichte und Perspektiven der Forschung. Damit ermöglichen die jeweils nicht zu langen Einführungen einen zuverlässigen und hilfreichen Einstieg in die einzelnen Bücher der LXX.

Eingeleitet wird das Handbuch mit einem ausführlichen und sehr instruktiven Beitrag von Siegfried Kreuzer zur Entstehung und Überlieferung der Septuaginta sowie einem Überblick von Siegfried Kreuzer und Marcus Sigismund zu den Textzeugen der Septuaginta. Am Ende des Handbuchs finden sich zwei weitere Beiträge zum Septuaginta-Text im frühen Christentum (von Martin Karrer) und zur Bedeutung der Septuagintazitate im Neuen Testament auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Textgeschichte (von Wolfgang Kraus).

Ein nützliches wie wertvolles Handbuch, das Orientierung im Studium der Septuaginta bietet!

 

 

 

Jeremias, Jörg, Theologie des Alten Testaments (Grundrisse zum Alten Testament 6), Göttingen/Bristol, CT, USA (Vandenhoeck & Ruprecht) 2015 (502 S., 79,99 €).

Sucht man eine historisch reflektierte Theologie des Alten Testaments, dann sei diese „Theologie des Alten Testaments“ von Jörg Jeremias empfohlen. Jeremias teilt seinen Zugriff auf die Frage nach der Theologie in drei große

Abschnitte auf: In Teil I fächert Jeremias als „zentrale ‚Denkformen‘ des Glaubens“ die Psalmen, die Weisheit, Recht und Ethos, Ursprungstraditionen (Erzelternerzählungen, Mose, David) und Prophetie (Elia, Hosea, Amos, Jesaja, Jeremia und Ezechiel) als eher vorexilisch zu verortende Positionen auf. In Teil II erörtert Jeremias sodann das Deuteronomium, Jeremia und Ezechiel, Ex 32-34, die deuteronomistische Theologie, die Priesterschrift und Deuterojesaja als (zumeist) exilisch-nachexilische „große Neuentwürfe“. Als „tragende Themen“ werden unter Teil III Gottes Zorn und Gottes Güte, Vergewisserungen (Bund, Zion, Schöpfung, Wort etc.), Orientierungen (Dekalog, Gebet im Psalter) und Hoffnungen (der „Tag JHWHs“, der Mensch, Königtum Gottes, das Heil der Völker, die Auferstehung der Toten etc.) sowie bohrende Fragen (Hiob, Kohelet) zusammengebunden. Allein durch diesen Zugriff wird deutlich, dass man kaum von der Theologie des AT sprechen kann, sondern dass vielmehr Theologien im Alten Testament erkennbar werden, die sich an den jeweils zentralen aktuellen (religions)historischen Fragen und politischen Herausforderungen herauskristallisiert haben.

 


 


 

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