Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Susanne Talabardon

Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik – Band 4: Zionismus und Schoah, Campus-Verlag (zugleich: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) Frankfurt/New York 2015, ISBN  978-3-593-39141-0; 660 Seiten.

 

Susanne Talabardon, geboren und aufgewachsen in Berlin/Ost; studierte evangelische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Promotion befasste sich mit der jüdischen Rezeption der Deutung Moses als Prophet; die Habilitation widmete sie der chassidischen Hagiographie. Von 1997 bis 2008 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Potsdam tätig. Seit 2008 hat sie die Professur für Judaistik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg inne. Dort lehrt sie im Rahmen der Judaistik und der Interreligiösen Studien Jüdische und Vergleichende Religionsgeschichte. Schwerpunkte ihrer Forschung liegen im Bereich der Rezeptionsgeschichte der Hebräischen Bibel und im osteuropäischen Chassidismus.


Eigentlich sollte der nunmehr vorliegende vierte Band der großen Reihe „Jüdisches Denken“ der letzte seiner Art sein. Man kann dem Autor (und dem Verlag) nur dankbar sein, dass er es nicht ist. Dies nämlich ermöglichte es dem Verfasser, die tatsächlich tiefen Umbrüche in der jüdischen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts in der inzwischen gewohnt profunden Weise darzustellen – und erhöht die Vorfreude auf weitere Einsichten, welche sich die künftigen Leser/innen – entgegen allen herrschenden Trends zu hektisch angeeignetem Halbwissen – gleichermaßen genüsslich und engagiert erarbeiten werden.

Mit den beiden großen Themen des Buches, dem Zionismus und der Schoa, rücken Konzepte und Diskurse in das  Zentrum der Aufmerksamkeit, deren Bedeutung für die Gegenwart weit über innerjüdische Debatten hinausreicht: Die Existenz des jüdischen Volkes in der Gemeinschaft der politisch verfassten Nationen und das Ringen um eine Deutung der unsäglichen Katastrophe der Schoa beschäftigt die Menschen seither in jeder Generation auf’s Neue. Es sei einem Jedem angeraten, sich mit den von Grözinger souverän in ihrem jeweiligen historischen Kontext vorgestellten Konzepten auseinanderzusetzen, bevor man geschwind apodiktische Urteile über den modernen Staat Israel oder die Mühen der jüdischen Diasporagemeinschaften fällt.

In seinem Aufbau ähnelt der vierte Band seinem unmittelbaren Vorgänger: Die umfangreiche Einführung (S. 19–62) begründet den thematischen Zuschnitt des Werkes und die in ihm gewählten Schwerpunkte der Darstellung. Er enthält das Programm des Werks und bietet die zentralen Thesen, die in den folgenden Einzeldarstellungen ihre Begründung finden. Grözingers Ausführungen fußen auf der Überzeugung, dass „der Zionismus und die Schoah […] jedes für sich und beide zusammen nicht nur epochale Wendepunkte in der jüdischen Geschichte [sind], sondern ebenso im jüdischen Denken.“ (S. 19) Die Schoa und die Gründung des modernen Staats Israel erzwangen, so Grözinger völlig zu Recht, die Aufgabe der „alten typologischen Geschichtsvorstellungen“ (ibid.) und die Formulierung neuer Identität(en).

Die „Einführung“ untersetzt jene Thesen (vorläufig) mit einer Begründung der Agenda dessen, was Grözinger zu Zionismus (S. 22–35), Schoa (S. 35–47) und darauf aufbauender Konzeptionen (S. 35–62) vorzustellen gedenkt. Sie vermag die Leser/innen wirkungsvoll zu orientieren und auf die verhandelten Grundprobleme einzustimmen. Als zentrale Probleme identifiziert der Autor die „Entdeckung der ‚Nation‘ als sozialer und politischer Kategorie“ (S. 23) und die damit verbundenen identitären Verwerfungen – und die (Anti-)Theodizee, also den Versuch, die Schoa zur jüdischen Tradition in irgendeine Beziehung zu bringen.

Der erste Hauptteil („Der Zionismus“, S. 65–466) führt von eher politisch-säkularen (Moses, Hess, Leon Pinsker, Theodor Herzl, Achad Ha’am, Aharon David Gordon) zu klar religiösen Denkern wie Jehuda Alkalai und Avraham Jitzchak Kook. In einem vorletzten, achten Hauptkapitel (S. 409–440) verhandelt Grözinger bedeutende Kritiker des Zionismus (wie Heinrich Margulies und Martin Buber) ebenso wie die sog. „Postzionisten“. Abgerundet wird die Präsentation durch eine Einführung in das Denken des israelischen Philosophen Eliezer Schweid (S. 441–466), der – nach Staatsgründung und dem Sechstagekrieg – eine Art denkerisches Resümée der Erfolge und Niederlagen des Zionismus darbietet.

Mit seiner Darstellung hat Grözinger ein in deutscher Sprache selten umfassendes Panorama zionistischer (und postzionistischer) Konzepte und Entwicklungslinien vorgelegt, das darüber hinaus (und wie es auch in den vorausgegangenen Bänden der Fall war) nicht nur ‚die üblichen Verdächtigen‘ (wie Hess, Pinsker, Herzl und Achad Haam) vorstellt, sondern das gesamte Spektrum einschließlich der religiösen Zionisten (Alkalai und Kook) in die Reflexion einbezieht.[1] Doch selbst in den Fällen, da der Autor sich zu häufig dargebotenen Denkern äußert, vermag er durch seine bewundernswert breit angelegte Quellenarbeit Neues und bisher selten oder gar nicht Gehörtes vorzulegen. Selbiges gilt beispielsweise für Grözingers sorgfältige Verankerung der Konzepte eines Moses Hess in dessen sozialanthropologischen und philosophischen Entwürfen (vgl. die „genetische Weltanschauung“ und seine „Dynamische Stofflehre“, S. 85–112).[2] Ein Ähnliches gilt für die akribische Analyse der auf viele kleine Essays und Artikel verteilten Reflexionen Achad Haams (vgl. S.169–214).

Man kann Grözinger nur zu seiner Entscheidung gratulieren, die Darstellung des Zionismus (man mag den summarischen Begriff nach seiner Darbietung der Vielfalt der hier vorgestellten Konzepte eigentlich nicht mehr verwenden) nicht chronologisch, sondern von (eher) säkularen zu explizit der Tradition verhafteten Denkern wie Alkalai und Kook zu führen. Mit Jehuda Alkalai, den Grözinger als „eigentlichen Vater des religiösen Zionismus“ (S. 438) identifiziert, wird zudem – was manche überraschen wird – ein sefardischer Jude in die Ahnenreihe der Zionisten eingereiht.

Ebenso verdienstlich ist die ausführliche Würdigung Avraham Jitzchak Kooks (in der Transkription Grözingers: Kuk; vgl. S. 318–408). Gemessen an seiner Bedeutung ist die Verbreitung seiner Texte und seine Rezeption in deutscher Sprache noch verhältnismäßig dürftig;[3] als umso wichtiger erweist sich die mit diesem Band vorgelegte Interpretation der Denkansätze Kooks. Besonders des Hervorhebens wert dürfte (wiederum) die Quellenarbeit des Verfassers sein, der sich angesichts der komplexen Überlieferungsgeschichte eben nicht auf die von seinen Schülern – unter ihnen vor allem seinem Sohn Zvi Jehuda, dem geistigen Vater der Siedlerbewegung Gush Emunim – „hergestellten“ (S. 321) „Werke“ Kooks stützt, sondern auf Kooks Notizbücher. Und – siehe da – es zeigt sich,[4] dass eine zentrale, stets dem Avraham Jitzchak zugeordnete Lehraussage ein Interpretament des Sohnes Zvi Jehuda darstellt (vgl. S. 324; 394–397), die sich zwar bei Jehuda Alkalai, nicht aber bei Kook finden lässt. Was es ist, wird an dieser Stelle nicht verraten.

Bleibt zu erwähnen, dass die den Zionismus-Teil abschließenden Kapitel (S. 409–440: Zionismuskritik und Post-Zionisten; S. 441–466: Eliezer Schweid) in einer Art Rede und Gegenrede von der Genese jener bedeutenden Strömung zur aktuellen Debatte um den modernen Staat Israel, zu  Antizionismus und Antisemitismus sowie zu einer Art Bilanz führen. Hier ist dem Autor Mut zur Kontroverse (insbesondere im Einbezug Schweids) und eindeutiger Stellungnahme zu bescheinigen. Und den Leser/innen ist zu wünschen, dass sie sich – gerade angesichts der allzu häufig an Stereotypen orientierten Debatten – die Zeit nehmen, gründlich zuzuhören und abzuwägen.

Im zweiten Hauptteil, der Schoa gewidmet, führt Grözinger, nach einem Präskript über chassidische Deutungen (S. 469–479) erneut den Weg von (vermeintlich) weniger traditionellen Konzepten zu religiösen Interpretationen. Am Ende der Darstellung findet sich wiederum eine Aktualisierung der Debatte, wiederum unter Rückgriff auf Eliezer Schweid (S. 636–645), so dass die LeserInnen gewissermaßen in zwei Zyklen einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Neuen angesichts der Tradition bzw. der Tradition angesichts der Katastrophe hineingenommen werden.

Die beiden chassidischen Deutungen, scheinbar das eingangs (S. 42) verkündete Programm konterkarierend, die alten Theodizee-Formeln in der Darstellung hintan zu stellen, dienen als Folie der Tradition, mit der die im Hauptteil vorgestellten Denker (Rubenstein, Fackenheim, Greenberg u.a.) ringen. Die Zeugnisse der Rebbes von Ger und Piaseczno werden dennoch nicht kopfschüttelnd, sondern geradezu liebevoll eingeführt und gewürdigt.

Selbst hinsichtlich der häufig zitierten und interpretierten Konzeptionen Rubensteins (S. 480–500) und Fackenheims (S. 501–562) gibt es im vorliegenden Werk Neues und Interessantes zu entdecken, was insbesondere mit der gründlichen Erarbeitung des jeweiligen geistes-geschichtlichen Kontexts der Autoren ursächlich zusammenhängt. Was auf den ersten Blick wie ein radikaler Traditionsbruch aussieht (wie etwa der vermeintliche „Tod Gottes“) – ist am Ende doch eine komplexe Verarbeitung von Tradition. Was anfangs wie eine „orthodoxe“ Position daherkommt (vgl. Eliezer Berkovits, S. 588–608), erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine reflektierte und kreative Aktualisierung des Überlieferten angesichts des Churban (der Vernichtung) und des Neuanfangs (der Gründung Israels), die gerade von den „Orthodoxen“ einfordert, die Halacha – zu novellieren (S. 606)!

Im Ergebnis kann ein/e jede/r, der sich intensiver Nachfrage für wert hält, die Genese eines Gesamtbildes erleben, wie es eben nur ein profunder Quellenkenner vermitteln kann, der lange geistesgeschichtliche Entwicklungen überblickt. Und – wer dann immer noch nicht des Lernens genug hat, kann auf den fünften Teil hoffen oder die bisher 115 Seiten (!) umfassende Bibliographie (die Internet-Adresse findet man auf S. 660) zu Rate ziehen um weiterzulesen.




[1] Shlomo Avineris Profile des Zionismus (Die geistigen Ursprünge des Staates Israel. 17 Porträts, 1998) bietet zweifelsohne ebenfalls ein breites Spektrum, tut dies jedoch – dem Format geschuldet – in sehr knapper Weise.

[2] Vgl. Shlomo Avineri, Moses Hess: Prophet of Communism and Zionism, 1987. In der Sekundärliteratur zu Moses Hess wird – im Gegensatz zu Grözinger – die religionsphilosophische Ebene zumeist vernachlässigt bzw. nicht der Versuch unternommen, die konzeptionelle Einheit in einem Denken zu eruieren (ähnlich vielleicht: Ken Koltum- Moses Hess and Modern Jewish Identity, 2001).

[3] Von seinen Texten sind lediglich die Orot ha-Tora übersetzt, vgl. E. Goodman-Thau, Christoph Schulte (Hg.), Abraham Isak Kook. Die Lichter der der Tora, Berlin 1995.

[4] Im Anschluss an die 2009 in Bar-Ilan eingereichte Dissertation von Me’ir Munitz (Rav Kook's Circle and the Editing of his Writings). 

 

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