Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Lydia Koelle

Mit dem Immensen korrespondieren.

Roger Willemsens kritische Gedenkrede für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2002 in Darmstadt

 

    Dr. theol. Lydia Koelle, Studium der Katholischen Theologie und Germanistik in Bonn; Forschungsaufenthalt in Israel; Promotion 1995: Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Shoah (Mainz 1997); Junior-Professorin für Systematische Theologie an der Universität Paderborn (2002-2010); seit 2011 freie Wissenschaftlerin und Autorin; Publikationen zum jüdisch-christlichen Dialog, zum deutschen Erinnerungs- und Schulddiskurs sowie zur Zeugenschaft des Holocaust; aktuelle Forschungen zur Kriegskinder- und Kriegsenkel-Thematik; zuletzt: Offene Wunden. Muss es eine Vertriebenenseelsorge an den Nachkommen geben? In: theologie.geschichte 11 (2016), online abrufbar unter: http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/view/851/894.

Roger Willemsen, Moderator und Autor, war ein „nicht-gläubiger Protestant“. Er starb am 7. Februar 2016, ein halbes Jahr nach seinem 60. Geburtstag und nachdem er seine Krebserkrankung bekannt gemacht und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Zwei seiner persönlichsten Bücher „Der Knacks“ und „Momentum“ berichten von den Brüchen des Lebens und der Feier der Vergänglichkeit im Augenblick. Seine Schriften, sein gesellschaftspolitisches und humanitäres Engagement wurden durch evangelische und katholische Medien vielfach gewürdigt.

 

1. Vergessen und Erinnern

Für die Wochenzeitung Die Zeit befragte Roger Willemsen 2009 den Geiger Daniel Hope, der 1974 in Australien geboren wurde, aber deutsch-irisch-jüdische Wurzeln hat, über sein Projekt, jüdische Musik verfolgter und ermordeter Komponisten vor dem Vergessen zu bewahren.[1] Sieben Jahre zuvor hielt Willemsen in Darmstadt eine Rede für die Opfer des Nationalsozialismus[2] am offiziellen Gedenktag, den 27. Januar, der an den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnern soll.

„Von meinen vier Großeltern sind drei erschossen worden“, schrieb Roger Willemsen in seinem autobiografisch gefärbten Buch Der Knacks. „Ich kenne den Krieg nicht, bin aber unter den Augen von Hinterbliebenen aufgewachsen.“[3] Roger Willemsens Kindheitsidylle war das noch ländliche Alfter-Oedekoven bei Bonn. Die „Kriegsbeschädigten“ und „Heimkehrer“ gehörten wie selbstverständlich zum Dorfbild und bildeten „eine große Familie“, sie „zogen ein Netz der Brüche durch die vorindustrielle Idylle des Dorfes“[4] und der Junge Roger trug die Verbandszeitung der deutschen Kriegsversehrten aus[4]. Der „Krieg mit seinen Warnungen aus der Vergangenheit“ warf „bedrohliche Schatten“ in die Gegenwart. Schon das Kind Roger hatte ein unmittelbares Zeitempfinden und erlebte sich als „ein Pünktchen in der Zeit, bestürmt von Vorläufer- und Folgezeit“[6]

 

2. Vergessen durch Erinnern

Dass ihn dieses Lebensgefühl nie mehr losgelassen hat, zeigt sich in der Rede, die Willemsen 2002 in Darmstadt hielt. Es ist eine kritische und diagnostische Rede, in der er Wesen und Sinn des öffentlichen Gedenkens an die Verbrechen des Nationalsozialismus einer Prüfung unterzieht: Ist es mehr als der deutsche Hang, alles unter einer historischen Perspektive zu sehen, die sich jedoch durch Folgenlosigkeit auszeichnet – trotz hehrer Ansprüche? Roger Willemsen sieht die Gefahr, dass sich die Formen des Gedenkens verselbständigt haben und das Erinnerte unter sich begraben: „dass jene höhere Unverbindlichkeit, 'Vergangenheitsbewältigung' genannt, viel eher eine 'Verlegenheitsbewältigung' ist, die uns vor allem sagt: Alles ist gut, so lange Gedenkstunden abgehalten werden, isolierte, von aller Gegenwart befreite rhetorische Übungen mit eigenen pietätvollen Gattungsformen“ (34). Deutsches Gedenken diene vor allem der nationalen Selbstberuhigung. Trotz der zahlreichen öffentlichen Gedenk-Übungen herrsche Gedankenlosigkeit im Sprachgebrauch, so, wenn die Worte „Holocaust“ und „arisch“ in ganz alltäglichen Kontexten verwendet werden. Ist an der Gegenwart „Vergangenheitsbewältigung“ abzulesen? Oder gibt es sie nur in der Ironieform der „unkorrigierten Vergangenheit“, die nicht von deutscher Selbstbefragung durchdrungen ist? Sonst käme es nicht zu solchen sprachlichen Entgleisungen. „Haben wir uns also an eine Form des Vergangenheitsbezugs gewöhnt, den man Vergessen durch Erinnern nennen könnte? Liegt die Unverbindlichkeit unserer Anstrengungen vielleicht darin, dass sie sich von jeder Praxis entfremdet haben?“ (34). Das ambitionierte Erinnern führte nicht zur Sensibilität und Wachsamkeit bei Neonazis, sondern hatte ein nivellierendes Vergleichen und krudes Aufwerten sich zurückgesetzt fühlender Randgruppen zur Folge, die sich zu den Holocaust-Opfern stellen und damit deren Leiden „bagatellisieren“ (35): „Auf der einen Seite also die Abwertung der Verbrechen durch haltlose historische Parallelverschiebungen. Auf der anderen eine Überbewertung des Pietätvollen: Im Deutschen werden die Begriffe 'Gedenken' und 'Bewältigen' synonym verwendet, auch wenn die Semantik hier durchaus Unterschiede vorsieht“ (35). „Gedenken“ scheint gleichbedeutend mit „Bewältigen“, weil „Bewältigen“ der einzige Effekt wäre, den sich die Intention „Gedenken“ verschrieben hat. Was fehlt, ist das „Durcharbeiten“: sich der Vergangenheit stellen, Schuldabwehr durchbrechen, Konsequenzen für die Gegenwart ziehen. Der pietätvolle Gestus, dem öffentliches Gedenken oft anhaftet, gibt Anlass zu der Vermutung, dass sich „Versöhnung“ erhofft, wer nur permanent im Erinnern sich übt – so ähnlich wie es Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 8. Mai 1985 gesagt hatte: „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“; diese mystische Formel aber schnell zu „Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung“ mutierte, ganz zu schweigen davon, dass hier ein jüdisch-mystischer Spruch enteignet wurde.[7]

Vergangenheitsbewältigung entlarvt sich als selbstgerechte Rhetorik. Und ist vielmehr eine Vergangenheitsbewältigungsverweigerung durch naiven Weitergebrauch des NS-Jargons wie beispielsweise das Wort „Machtergreifung“, als wäre Hitler nicht auf demokratischem Wege an die Macht gekommen. Unreflektiertes Erinnern und geistlose Vergangenheitsrhetorik gehen ein Bündnis ein.

So wurde die Tätigkeit des Vergangenheitsbewältigens zu einer eigenen literarischen Gattung, deren Rhetorik sich aus unspezifischen Schwulstbegriffen wie „Gräuel“ und „Grauen“, Epitheta wie „unvorstellbar“ und „unaussprechlich“ und Adhortativen wie „wir müssen“ und „wir dürfen nicht“ zusammensetzt. Die Vergangenheitsbewältigung hat zu den schlimmsten Auswüchsen von Appellitis auf deutschem Boden geführt. Auch diese gehört zu den bleibenden Folgen des Drittes Reichs. Sie haben gesellschaftliche Imperative zu Schwulstformen werden lassen. Stattdessen erscheinen vor den Mikrophonen Gesichter, die vom Begriff „Problembewusstsein“ zusammengehalten werden und übertragen ihr Erinnern in eine Sprache, die die Wahrheit, wenn sie sich denn einstellen wollte, unschädlich machen würde[8] (36).

Dies entlarvt den „Schwulst“ als Pflichtübung, motiviert von der Erkenntnis, nicht schweigen zu dürfen, aber keinesfalls von dem durchdrungen, was er zu Wort bringt.


 

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[1] Roger Willemsen, Wider das Vergessen. Daniel Hope bewahrt jüdische Musik vor dem Vergessen. In: Die Zeit Nr. 24 vom 4.6.2009; online abrufbar unter:

http://www.zeit.de/2009/24/Willemsen-Hope-24; Daniel Hope, Familienstücke. Eine Spurensuche, Reinbek 2007. In seinem autobiographisch gefärbten Buch Momentum berichtet Willemsen von einem Konzert, bei dem Daniel Hope das Stück Kaddisch von Maurice Ravel spielt: Roger Willemsen, Momentum, Frankfurt/M. 2012, 234. Ein Foto von beiden:

https://www.amnesty.de/bilder/roger-willemsen-mit-dem-violinisten-daniel-hope.

[2] Roger Willemsen, Vages Erinnern – Präzises Vergessen, in: Ders., Vages Erinnern – Präzises Vergessen. Reden, Frankfurt/M. 2008, 32-49; im Fortgang werden die Seitenzahlen in Klammern im Text zitiert; vgl. auch: Roger Willemsen, Vergangenheitsbewältigung, in: Wiglaf Droste, Klaus Bittermann (Hg.), Das Wörterbuch des Gutmenschen, Bd. 2. Zur Kritik von Plapperjargon und Gesinnungssprache, Berlin 1995, 187-188; Roger Willemsen, Vergesst das Gedenken, in: Ders., Unverkäufliche Muster. Gesammelte Glossen, Frankfurt/M. 2005.

[3] Roger Willemsen, Der Knacks, Frankfurt/M. 2008, 33.

[4] Willemsen, Knacks, 44.

[5] Vgl. Insa Wilke (Hg.), Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen, Frankfurt/M. 2015, 31.

[6] Willemsen, Knacks, 45.

[7] Vgl. Lydia Koelle, Deutsches Schweigen. Der Vergangenheit Gegenwarten im Familiengedächtnis, in Literatur, Religion und öffentlichem Raum. Hg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin-Berlin 2014, 21-23: online abrufbar unter:

http://www.kas.de/wf/doc/kas_40005-544-1-30.pdf?141217163207.

[8] Über die Rhetorik der Erinnerung in einem sich selbst entlastenden Betroffenheitsjargon vgl. Jochen Spielmann, Christian Staffa (Hg.), Von der Sinngebung des Sinnlosen. Ein Wettbewerb in Berlin. In: Dies. (Hg.), Nachträgliche Wirksamkeit. Vom Aufheben der Taten im Gedenken, Berlin 1998, 191-216: 193; Koelle, Deutsches Schweigen, 32.

 

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