Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Paul Petzel

„Die Bibel ist ein jüdisches Buch” (J. L. Borges)

Zur Bedeutung des nachbiblischen Judentums für das christliche Verständnis


   Paul Petzel, Jahrgang 1957, studierte katholische Theologie und Kunst in Bonn, Tübingen und Aachen. Promovierte in Theologie. Ist Lehrer für Religion und Kunst in Andernach und Autor zahlreicher und wichtiger Publikationen wie: Was uns an Gott fehlt, wenn uns die Juden fehlen. Eine erkenntnistheologische Studie, Mainz 1994; Erinnern. Erkundungen zu einer fundamentaltheologischen Basiskategorie (Mit-Hg.), Darmstadt 2003; Christ sein im Angesicht der Juden. Zu Fragen einer Theologie nach Auschwitz, Berlin 2008.

1. Rückerstattung des AT ans Judentum?

Im Blick auf seine Leseerfahrungen gab der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges zu Protokoll: „The Bible was one of the first things I read or heard about. And the Bible is a Jewish book”.[1]

Dass die Bibel ein jüdisches Buch ist, findet auch Notger Slenczka. Gerade mit Blick auf den christlich-jüdischen Dialog der letzten Jahrzehnte nach der Shoah ergibt sich für ihn, wie schon von Harnack empfohlen, von Schleiermacher bis Bultmann vorbereitet, erneut das Postulat, das AT dem Judentum zurückzugeben. Denn nachdem sich ein Bewusstsein von „Kirche und Judentum als zweier Religionsgemeinschaften ( ) - jedenfalls in der abendländischen Christenheit durchgesetzt“ habe, sei die Beziehung zum AT „hochproblematisch“ geworden. „Gerade um des Respekts vor dem Selbstverständnis des Judentums willen identifiziert sich die Kirche aber nicht mehr in der Weise“ eines Paulus mit diesem. Dann aber sei das AT noch geschichtlich zum Selbstverständnis notwendig, nicht aber als Corpus von Schriften, das „zu ihr spricht“: „Damit ist aber das AT als Grundlage einer Predigt, die einen Text als Anrede an die Gemeinde auslegt, nicht mehr geeignet: Sie, - die christliche Kirche - ist als solche in den Texten des AT nicht angesprochen.“[2] Schon Schleiermacher konstatierte ein „Fremdeln“ der Christen mit den Schriften des AT, selbst mit den Psalmen[3], und auch Slenczka bestätigt diesen Befund.[4]

Die Kritik an einer christlichen Enteignung des AT, die Slenczkas Option impliziert, ist nobel und notwendig, füllte die Geschichte solcher Enteignung doch Bände. Doch gleich Dreierlei kann an der Slenczkaschen Noblesse irritieren. Zum ersten, und das ist auch ein Moment der eigentümlich zeitversetzt entstandenen Diskussion, war es ein führender Akteur eben dieses Dialogs, Friedhelm Pieper, der im April des folgenden Jahres in einer Pressemitteilung des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, auf das Problematische, ja das Skandalträchtige von Slenczkas Aufsatz im Marburger Jahrbuch von 2013 hingewiesen hat.[5] Aus dem Innenraum des Dialogs, in dem es doch seit erster Stunde um die Gewinnung von „Respekt“ gegenüber dem Judentum ging, wurde also, was solche Schlussfolgerungen aus demselben angeht, vehement widersprochen. Und auch für Juden, sofern sie sich für den Dialog mit Christen interessiert haben und interessieren, war und ist die christliche Haltung zum AT bedeutsamer Lackmusstreifen für den Respekt der Kirche gegenüber dem Judentum; eine Forderung an Christen, das AT als Ausdruck des Respekts vor dem Judentum zurück zu erstatten, ist mir nicht bekannt. Historisch verbinden sich vielmehr seit Markions Zeiten mit solchem Ansinnen ein „tiefe(s) Mißtrauen gegen eine judaistisch verfälschte Tradition“ bzw. generierte immer, wo sein Schatten in der Geschichte erschien, „antijüdische Tendenzen, mal stärker, mal schwächer“. Zweitens kann nicht unerwähnt bleiben, dass Slenczkas Postulat der Entkanonisierung des AT „phänotypisch“ eben auch der 1939 von den Deutschen Christen erhobenen Forderung entspricht, auch wenn, individuell „genotypisch“ auch hier bestätigt sei, was von Anfang an in der Auseinandersetzung um Slenczkas Postulat immer wieder festgehalten wurde: dass die Kritik an seiner Position kein Antisemitismusvorwurf an den Autor insinuiere. Drittens bleibt festzustellen, dass dieses Postulat durch den christlich-jüdischen Dialog doch nur angestoßen, nicht aber begründet ist. Der Grund ist vielmehr im Kern ein christologischer.

Die folgenden Überlegungen setzten an dem an, was im Plädoyer Slenczkas wie ein weißer Fleck erscheint: die Bedeutung des aktuellen, also nachbiblischen Judentums für die Kanonfrage. Für Slenczka ist das Judentum zwar als Korporativ-Subjekt gleichsam nach bürgerlichen Maßstäben anerkannt, theologisch aber unerheblich. Auf der letzten der 21 Seiten seines Beitrags spricht er zwar von der „Anerkennung des Selbstverständnisses des Judentums als Volk eines Bundes, der nicht ohne weiteres christologisch vereinnahmt werden kann“. Doch ist unklar, ob Slenczka diese Sicht teilt oder nur als heute verbreitetes kirchlich-theologisches Bewusstsein zitiert. Schwer nachvollziehbar nimmt sich jedenfalls aus, dass gerade aus der theologischen Anerkennung des Judentums in unseren Jahren ein Argument gegen das AT als Teil des kirchlichen Kanons gemünzt wird. „Denn nun“ – also angesichts des Ertrags dieses Dialoges, der theologischen Anerkennung des Judentums – steht das AT als „Brücke einer Einheit von Kirche und ‚Israel nach dem Geist‘, unter deren Vorzeichen das AT als Zeugnis der Kirche und als Anrede an die Kirche gelesen wurde, unter dem Verdacht der Bestreitung des religiösen Selbstverständnisses Israels“.[6] Also könnten zumal heute nur die zuvor rekapitulierten Positionen eines Schleiermachers, von Harnacks und Bultmanns zum Zuge kommen – allesamt Positionen, die sich ohne Anerkennung des Judentums als Volk im ungekündigten Bund formuliert haben! Der Verdacht drängt sich auf, dass die Exkludierung des AT sowohl mit als auch ohne Dialog, sowohl ohne theologische als auch mit theologischer Anerkennung des Judentums bei Slenczka zu funktionieren scheint. Innerhalb seiner Begründung, das AT zu degradieren, bleibt dieser Grundsatz einer Israeltheologie allerdings völlig bedeutungslos. Das AT wird vielmehr als die Schrift eines letztlich im Status einer Stammesreligion verbliebenen Judentums dargestellt, demgegenüber die Kirche zu universaler Weite gefunden hat.[7] Interessanterweise wird dabei ein neutestamentliches Bewusstsein der Zusammengehörigkeit beider Testamente, wie Slenczka es bei Paulus durchaus ausmacht, als für heutige Optionen weniger bedeutsam erachtet als die nachreformatorische Hermeneutik, schreibe Paulus doch vor dem „Bruch“ von Judentum und Kirche.[8] Rangieren hier die Fakten einer Kirchengeschichte, in der sich die „Heidenchristen“ nahezu vollständig durchgesetzt und so die Trennung von Kirche und Judentum befördert haben, erkenntnistheologisch-normativ höher als das NT? Und bedeutet nicht die Anerkennung des Judentums in unserer Epoche nach der Shoah als „Volk eines Bundes“, ich präzisere: als Volk Gottes im ungekündigten Bund, gerade die Wieder-Aneignung der paulinischen Perspektive (Röm 9-11) durch die heutige Kirche?

Das Postulat, das AT aus dem christlichen Kanon der Heiligen Schrift auszuscheiden, da es Christus nicht verkündige, und es als parakanonische Erbauungsliteratur zu qualifizieren, postulierte bekanntlich schon von Harnack, nachdem es die Reformation nach seiner Sicht versäumte, die falsche Entscheidung der frühen Kirche gegen Markion im zweiten Jahrhundert zu revidieren.[9] Obwohl also der christlichen Tradition nicht unbekannt, kann die Forderung Slenczkas dennoch gespenstisch anmuten; den Schrecken, den Gespenster bewirken, belegt vielleicht die wie aufgeschreckt anmutende Reaktion seiner Fakultätskollegen.[10] Bekanntlich haben Gespenster ihre ganz eigenen Stunden. Was das Gespenst AT-Exklusion gerade in diesen unseren Jahren zu erneutem Umgang provozierte, mag späteren Jahren deutlicher zu erkennen vorbehalten sein. Hier interessiert sein Umgang und wie damit umzugehen ist.


 

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[2] Notger Slenczka, Die Kirche und das Alte Testament, in: Marburger Jahrbuch Theologie XXV (2013), 83-119; auch: https://www.theologie.hu-berlin.de/de/st/slenczka-die-kirche-und-das-alte-testament.pdf; hier 118.

[3] A.a.O. 96.

[4] A.a.O. 119.

[6] Slenczka, a.a.O. (Anm. 2), 119.

[7] Vgl. a.a.O. (Anm. 2), 94 u.ö.

[8] A.a.O. 112-118.

[9] Adolf von Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Darmstadt 1966 (Nachdruck der 2.Aufl. Leipzig 1924).

 

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