Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2016-2: Editorial

 

Eindrucksvolle Gedenkakte zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 haben die Tatsache nicht widerlegen können, dass sich die große Mehrheit der Deutschen – nämlich mehr als achtzig Prozent – nicht mehr mit der Schoah beschäftigen will; mehr als die Hälfte möchte einen Schlussstrich ziehen. Dies ist eine Herausforderung für jene, die sich im jüdisch-christlichen Verhältnis engagieren und den Möglichkeiten einer bewussten Gedenkkultur nachgehen. Im deutschen Kontext wird u.a. gefragt, ob die Einführung des „Tags des Judentums“, der zu einer Tradition einiger europäischer Kirchen geworden ist, dem Auschwitz-Gedenken zugutekommen kann. Um eine Einschätzung dieser Frage wurde Hans Hermann Henrix vom Gesprächskreis „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, dem er als Mitglied angehört, gebeten. Sein Beitrag „Die Tradition des ‚Tags des Judentums‘ und das Auschwitz-Gedenken“ kommt in einer ausführlicheren Fassung zum Abdruck.


Auf die laufende Kontroverse um die Forderung des Berliner evangelischen Theologen Notger Slenczka, das Alte Testament aus dem Kanon der christlichen Heiligen Schrift zu streichen und dem Judentum zurückzugeben, geht Paul Petzel ein. In der christlichen Haltung zum Alten Testament sieht er einen Testfall für den Respekt der Kirche und Theologie gegenüber dem – nicht nur historischen, sondern auch aktuellen – Judentum. Dass es an diesem in der katholischen Kirche mangelt, verdeutlicht der Autor sowohl an der liturgischen Praxis, die das Neue Testament bevorzugt und das Alte Testament zurücksetzt, als auch an der Praxis allegorischer Deutungen des AT. Er deutet ein Wort von Johannes Paul II. vom 17. November 1980 in Mainz als Forderung an die christliche Bibellektüre, die bleibende Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit des AT innerhalb des christlichen Kanons anzuerkennen; er weist auf die Enzyklika „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus hin, dessen Rede vom weiteren Wirken Gottes im Volk des Alten Bundes die „veritas iudaica“ anerkennt und sachlich dem Talmud den Charakter eines „locus theologicus“ zuspricht.

 

In der Beziehung der Kirchen zueinander hat es eine intensive Diskussion zu der Frage gegeben, wie ihre Spaltung zu überwinden sei und was unter ihrer „Einheit“ zu verstehen ist. Hierzu wurden Modelle und Zielvorstellungen erörtert. Jutta Koslowski hat sich als evangelische Theologin intensiv mit der Fragestellung auseinandergesetzt. In ihrer Beteiligung am christlich-jüdischen Dialog interessiert sie die analoge Frage, mit welchen Bildern, Begriffen und Modellen die Beziehung von Judentum und Christentum angemessen zum Ausdruck gebracht werden kann. Die Frage war jüngst Gegenstand einer Tagung in Arnoldshain. In einer nachgehenden Reflexion dazu vergegenwärtigt die Autorin traditionelle Modelle der Verhältnisbestimmung und erläutert neuere Ansätze dazu. Der gemeinsame Ausgangspunkt von Judentum und Christentum sei ebenso wie ihre verschiedene Herkunft abzuwägen, was zur Rede von Judentum und Christentum als Halbgeschwister führte – ein Vorschlag, der um seine Grenze weiß und doch in die Diskussion zu bringen sei.

 

Petra Heldt, die seit 1979 in Israel als Dozentin für Kirchengeschichte lebt, bespricht das neueste Buch des Bethlehemer Pfarrers Mitri Raheb. Sie zeigt auf, dass Raheb eine fundamentalistische christlich-islamische Strategie zur Ersetzung Israels durch Palästina verfolgt. Dabei verbindet er politische Absichten mit einer Verbannung Israels selbst aus den eigenen heiligen Schriften der Juden.

 

Lukas Kundert verdanken wir eine bewegende Ansprache, die der  Basler Kirchenratspräsident und Titularprofessor für Neues Testament im Juni 2016 in Bern hielt: „Wieso ich als Christ für Israel schreie“.

 

Die Theologin und Germanistin Dr. Lydia Koelle geht in diesem Heft auf den bemerkenswerten, kritischen Beitrag des kürzlich verstorbenen Publizisten Roger Willemsen zum deutschen Erinnerungs- und Schulddiskurs ein. Der Autorin geht es in Aufnahme verschiedener kritischer Anmerkungen zum Erinnerungsdiskurs - jenseits der „Schwulstformen“ des zur Routine gewordenen Gedenkens, die man eher als „Vergessen durch Erinnern“ bezeichnen kann - um ein „Gedenken“, das sich „sich der Schulderinnerung“ stellt und „aktualisierendes Gedenken“ ist, das „Konsequenzen aus der Vergangenheit und ihren Nachwirkungen zieht“.  

 

Die Buber-Rosenzweig-Medaille 2015 wurde dem Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und ihrem langjährigen Vorsitzenden Hanspeter Heinz verliehen. Aus diesem Anlass haben die zwanzig katholischen und neun jüdischen Mitglieder des Gesprächskreises die Frage „Warum ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig?“ in einem kurzen persönlichen Votum beantwortet. Die Beiträge wurden in einer Sonderausgabe der ZdK-Zeitschrift „Salzkörner“ veröffentlicht. Gregor Maria Hoff entsprach der Bitte aus dem Herausgeberkreis von „Kirche und Israel“, mit dem Blick eines Außenstehenden die Motive und Anliegen der Akteure des jüdisch-christlichen Dialogs zu analysieren und zu interpretieren. Sein Blick ist scharfsichtig und teilweise auch anrührend.  

 

Susanne Talabardon, Professorin für Judaistik an der Universität Bamberg, verdanken wir eine ausführliche Rezension des 4. Bandes von Karl Erich Grözingers Reihe über „Jüdisches Denken“. Der Berliner Judaist beschäftigt sich darin mit den beiden großen Themen: Zionismus und Schoah.

 

In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer  diesmal Heinrich Heines „Prinzessin Sabbath“. Mit diesem Text hat Heine nicht nur ein spezielles Szenario des wöchentlichen Feiertages entworfen, sondern auch Einiges von seiner persönlichen Religiosität preisgegeben.

 

Die gehaltvolle Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.  

 

Professor Dr. Hans-Joachim Sander (Salzburg) scheidet aus dem Gremium der Herausgeberinnen und Herausgeber von Kirche und Israel aus. Wir danken ihm herzlich für seine engagierte Mitarbeit. 

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 


Eindrucksvolle Gedenkakte zum siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 haben die Tatsache nicht widerlegen können, dass sich die große Mehrheit der Deutschen – nämlich mehr als achtzig Prozent – nicht mehr mit der Schoah beschäftigen will; mehr als die Hälfte möchte einen Schlussstrich ziehen. Dies ist eine Herausforderung für jene, die sich im jüdisch-christlichen Verhältnis engagieren und den Möglichkeiten einer bewussten Gedenkkultur nachgehen. Im deutschen Kontext wird u.a. gefragt, ob die Einführung des „Tags des Judentums“, der zu einer Tradition einiger europäischer Kirchen geworden ist, dem Auschwitz-Gedenken zugutekommen kann. Um eine Einschätzung dieser Frage wurde Hans Hermann Henrix vom Gesprächskreis „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, dem er als Mitglied angehört, gebeten. Sein Beitrag „Die Tradition des ‚Tags des Judentums‘ und das Auschwitz-Gedenken“ kommt in einer ausführlicheren Fassung zum Abdruck.

Auf die laufende Kontroverse um die Forderung des Berliner evangelischen Theologen Notger Slenczka, das Alte Testament aus dem Kanon der christlichen Heiligen Schrift zu streichen und dem Judentum zurückzugeben, geht Paul Petzel ein. In der christlichen Haltung zum Alten Testament sieht er einen Testfall für den Respekt der Kirche und Theologie gegenüber dem – nicht nur historischen, sondern auch aktuellen – Judentum. Dass es an diesem in der katholischen Kirche mangelt, verdeutlicht der Autor sowohl an der liturgischen Praxis, die das Neue Testament bevorzugt und das Alte Testament zurücksetzt, als auch an der Praxis allegorischer Deutungen des AT. Er deutet ein Wort von Johannes Paul II. vom 17. November 1980 in Mainz als Forderung an die christliche Bibellektüre, die bleibende Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit des AT innerhalb des christlichen Kanons anzuerkennen; er weist auf die Enzyklika „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus hin, dessen Rede vom weiteren Wirken Gottes im Volk des Alten Bundes die „veritas iudaica“ anerkennt und sachlich dem Talmud den Charakter eines „locus theologicus“ zuspricht.

 

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