Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Barbara Schmitz 

 

Schöttler, Heinz-Günther, Re-Visionen christlicher Theologie aus der begegnung mit dem Judentum (Judentum - Christentum - Islam. Interreligiöse Studien 13), Würzburg (ERgon Verlag) 2016 (592 Seiten, 68 €).

Die Wahrnehmung des Judentums in Theologie und Kirche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, ja sie ist in den verschiedenen Kirchen geradezu auf eine neue Grundlage gestellt worden. Dennoch zeigt sich in den einzelnen Disziplinen der wissenschaftlichen Theologie ebenso wie in Verkündigung, Katechese und Religionsunterricht sehr deutlich, wie stark noch heute Denkmuster wirksam sind, die das Judentum abwerten. Diese Haltung ist oftmals immer noch die (selten explizite, meist implizite) Grundlage für die Konstruktion christlicher Identität.

Heinz-Günther Schöttler nimmt sich in seiner neuen Studie genau diesen Themenfeldern an, bei denen sich für die christliche Theologie Re-Visionen als zentral erweisen. Das erste Kapitel ist dem theologisch wirkmächtigen Schema von Verheißung und Erfüllung gewidmet. Es legt einen Schwerunkt auf die Rezeption von Jes 7,14 in Mt 1,22-23. Das zweite Kapitel reflektiert die „Gottheit“ Jesu Christi und erörtert seine Überlegungen am Johannesprolog, dem Christus-Lied in Phil 2,6-11 und der Bedeutung christlichen Gebets „per Christum“. Im dritten Kapitel stehen Mose und Jesus als Offenbarungs- und Heilsmittler sowie Synagoga und Ecclesia im Zentrum. Im vierten Kapitel werden Rolle und Funktion der Tora für Christen vor allem mit Blick auf Konzeptionen im Matthäusevangelium exegetisch wie theologisch bedacht (Mt 5; 28,19 etc.). Das Heil der Juden und die Wahrheitsfrage im jüdisch-christlichen Dialog mit dem Ausgangspunkt von Röm 11,25-27 werden in fünften Kapitel thematisiert. Das sechste Kapitel nimmt die Lesungen der Bibel in der chrislichen liturgischen Leseordnung, das siebte und letzte Kapitel die Inszenierungen des lebendigen Wortes in Judentum, Islam und Christentum in den Blick.

Damit legt Heinz-Günther Schöttler ein spannendes und bereicherndes Buch vor, das Anlass geben sollte, das Gespräch mit dem Judentum christlicherseits nicht nur aus political correctness oder aus der Haltung des Immer-schon-Gewußten zu führen, sondern sich im Gespräch mit dem Judentum verunsichern und provozieren zu lassen und sich dabei auf die theologische Suche mit ungewissem und offenen Ausgang zu begeben.


 

Zentralrat der Juden in Deutschland/ Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (Hg.), Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg - Ethik im Judentum, Berlin (Hentrich &Hentrich) 2015 (328 Seiten, 24,90 €).

Diese Schrift will ein Wegweiser sein, mit dem „wir mithilfe der jüdischen Lehre unsere Werte und Positionen definieren und unseren Lebensweg finden können“ (S. 10) – so werden Aufgabe und Funktion dieser vom Zentralrat der Juden in Deutschland und vom Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund herausgegebenen Schrift umschrieben. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass es bisher weder ein Standardwerk noch ein Lehrbuch jüdischer Ethik gibt. Daher widmet sich dieses Buch in 16 Kapiteln einzelnen ethischen Fragen. Interessant ist dabei nicht nur die Auswahl der Themen, sondern auch die Zuordnung zu den einzelnen Oberbegriffen. Diese werden in vier Bereiche aufgeteilt: Umweltethik (Umgang mit Tieren und mit der Natur), Medizinethik (Sterbehilfe, Abtreibung, Genetic Engineering und Organspende), Sozialethik (zwischenmenschliche Beziehungen, Stellung der Frau einmal aus der Sicht des Reformjudentums und einmal aus Sicht des orthodoxen Judentums, Verhältnis zu Nichtjuden, Wirtschaftsethik, Politische Theologie, Kriegsethik, Todesstrafe) und Ethik der persönlichen Beziehungen (Einstellung zum Körper, Sexualität, Homosexualität). Dabei werden sowohl die heutigen Rahmenbedingungen der einzelnen Fragen, als auch die Referenztexte aus der jüdischen Tradition (Tora, Talmud etc.) erörtert, um derzeitige Positionierungen zu skizzieren. Immer wieder wird die Bedeutung der Entscheidung im Einzelfall betont. Dabei werden auch die unterschiedlichen jüdischen Positionen bei bestimmten Fragestellungen deutlich, so z.B. zur Frage der Homosexualität oder bei der Stellung der Frau, die so unterschiedlich ausfallen, dass diesem Thema zwei Kapitel aus jeweils unterschiedlicher, einmal aus orthodoxer, einmal aus liberaler Perspektive gewidmet sind. Jeder Abschnitt schließt mit den wichtigsten Texten aus der jüdischen Tradition und regt die Leser durch Fragen zum eigenen Nachdenken an und bietet weiterführende Literatur und Internetlinks (im QR-Code).

Als inhaltlich und hermeneutisch besonders spannend erweisen sich dabei (nicht nur) für nicht-jüdische Leser die Positionierungen, in denen man im Judentum zu einer u.U. gänzlich anderen Haltung kommt, so z.B. im Bereich des Genetic Engineering.

Dabei zeigt sich der gewählte Psalmenvers „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg“ (Ps 86,11) nicht nur als Motto, sondern – so betont Micha Brumlik (S. 17) – zugleich als ethischer Leitgedanke: „Welcher Weg – nichts anderes heißt ‚Halacha‘ – für ein gutes und gelungenes jüdisches Leben der jeweils richtige ist, steht nicht ein für alle Mal fest, sondern ist Gegenstand stetiger Interpretation, Argumentation und schließlich Dezision".

 

 

Albertz, Rainer, Exodus. Band II: Ex 19-40 (Zürcher Bibelkommentare AT 2.2), Zürich (Theologischer Verlag) 2015, (398 Seiten, 54 €).

Nachdem 2012 der erste Band des Exoduskommentars des Münsteraner Alttestamentlers Rainer Albertz erschienen ist, legt er bereits drei Jahre später den zweiten Band vor. Für die nun komplettierte Kommentierung des Exodusbuchs hebt er sein historisch-kritisches wie theologisches Interesse explizit hervor (vgl. S. 8).

In der Einleitung erläutert Albertz sein kompositions- und redaktions­geschichtliches Modell, das aus dem ersten Band fortgesetzt wird. Statt der klassischen Annahme von drei verschiedenen Erzählwerken (Jahwist, Elohist und Priesterschrift) rechnet Albertz damit, „dass der Pentateuch aus kleineren Erzählkompositionen und Rechtssammlungen, die sukzessive durch Bearbeitungen und Redaktionen zu immer umfangreicheren Einheiten verkettet und mehrfach ergänzt worden sind“ (S. 9). Ausgangspunkt ist die Exoduskomposition (KEX), die einen ersten durchlaufenden Erzählzusammenhang darstellt und zu der für Ex 19-40 die Kapitel 19-24*; 32*; 33-34* zählen. Mit dieser hätten sich dann alle späteren Bearbeiter auseinandergesetzt. Albertz geht von zehn weiteren Bearbeitungen und Ergänzungen aus (vgl. S. 10-18). Eine Übersicht am Ende des Buches bietet eine grafische Umsetzung der Albertzschen Theorie von der Pentateuchentstehung. Diese einzelnen Textschichten werden optisch in der Übersetzung durch Einrückungen und Kursivierungen kenntlich gemacht, so dass die Zuordnungen zu den einzelnen Schichten nachvollziehbar bleiben. Die kurze Einleitung thematisiert daneben noch die Frage nach der Lage und Geschichtlichkeit des Sinai und nach der Historizität des priesterlichen Zeltheiligtums. Zahlreiche Exkurse vertiefen an geeigneter Stelle. Vielleicht nicht unwichtig: Gleich im Vorwort grenzt sich Rainer Albertz von der Indienstnahme seiner arbeiten durch Notger Slenczka explizit und deutlich ab.

 

 

Boyarin, Daniel, Die jüdischen Evangelien. Die Geschichte des jüdischen Christus (Judentum - Christentum - Islam. Interreligiöse Studien 12), Würzburg (Ergon Verlag) 2015 (172 Seiten, 25 €).

Dieses Buch ist die deutsche Übersetzung des 2012 erschienenen englischen Originals „The Jewish Gospels. The Story of the Jewish Christ“. Daniel Boyarin, der u.a. für neue Perspektiven auf die Geschichte von ‚Judentum‘ und ‚Christentum‘ in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bekannt geworden ist, lenkt mit diesem Buch nun den Blick auf Jesus. Nicht aber um, wie oft üblich, das Jude-Sein Jesu von Nazareth, sondern das Jude-Sein von Jesus Christus in den Mittelpunkt zu rücken. Dies ist die zentrale These von Boyarin: „dass auch Christus – der göttliche Messias – ein Jude ist“ (S. 29). Boyarin plausibilisiert dies an der Vision in Dan 7 und insbesondere der Menschensohnvorstellung aus Dan 7,13-14: „und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels, wie eines Menschen Sohnes und gelangte zu dem der uralt war – dem Alten der Tage –, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm die Macht, Ehre und Königreich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten“. Boyarin sucht aufzuzeigen, dass dies die Basis für die Übertragung des Menschensohntitels auf Jesus von Nazareth gewesen sei und damit die Christologie ein Teil der jüdischen Vielgestaltigkeit jener Zeit gewesen sei (vgl. S. 39). Mit dieser Perspektive liest Boyarin dann die Auseinandersetzung um den Sabbat in Mk 2,23-28 neu.

In einem weiteren Kapitel korreliert Boyarin diese Vorstellung mit anderen Messiaskonzeptionen im 1. Jh., beschreibt die koschere Lebensweise Jesu (vgl. Mk 7) als Beispiel für Nicht-Trennen der Wege und erweist die Vorstellung vom leidenden Christus vor dem Hintergrund der jüdischen Tradition als eine jüdische Vorstellung.

Boyarin fasst seine These so zusammen: „Ein Volk hat jahrhundertelang von einem neuen König, einem Davidssohn, erzählt, über ihn nachgedacht und gelesen, der kommen würde, um sie von der seleukidischen und später römischen Unterdrückung zu erlösen, und sie hielten schließlich diesen König für eine zweite, jüngere, göttliche Gestalt auf der Grundlage der Reflexion des Danielbuchs über diese sehr alte Überlieferung. So gewannen sie die Überzeugung, in Jesus von Nazareth denjenigen zu sehen, den sie erwartet hatten, der kommen würde: den Messias, den Christus“ (S. 148-149).

Vgl. ausführlich zu den Thesen von Daniel Boyarin der Beitrag von Peter Schäfer beim Erscheinen des englischen Buches The Jewish Gospels: The Story of the Jewish Christ in Kirche und Israel, 2.12., S. 100-109.

 

 

Menke, Volker, Nur durch die Wuzel blüht auch ihr! Kinderbibeln im Lichte des christlich-jüdischen Dialogs (SKI 27), Berlin (Institut Kirche und Judentum) 2014, (428 Seiten, 29,80 €).

Kinderbibeln sind religiöse Primärliteratur, die in ihrer Prägekraft auf Kinder nicht unterschätzt werden sollten. Früh und intensiv bestimmen sie über Texte und vor allem die Bilder das Vorstellungsvermögen der Kinder und legen damit Wahrnehmungsmuster, die weit über die Kindheit herausreichen. In dieser großen Chance zur Wertschätzung der biblischen Texte und ihrer Botschaft steckt zugleich aber auch eine nicht minder große Gefahr: Kinderbibeln können durch ihre Texte und v.a. durch ihre Bilder Zerr- und Negativbilder mittransportieren und damit schon früh und unbewusst Vorurteile grundlegen.

Daher ist das Anliegen von Volker Menke sehr wertzuschätzen: In seiner Dissertation untersucht er vierzehn christliche Kinderbibeln im Licht des jüdisch-christlichen Dialogs. In zwei Kapiteln führt Menke zuerst in die Thematik von Kinderbibeln als Gegenstand der Forschung und sodann in zentrale Texte und Themen des jüdisch-christlichen Dialogs ein. Dann folgt die Untersuchung ausge­wählter Kinderbibeln. Angesichts der großen Zahl an Kinderbibeln ist eine Begrenzung des Materials notwendig, die sich an einem breiten Altersspektrum, AT und NT in einem Band, unterschiedlicher konfessioneller Herkunft und unterschiedlicher Frömmigkeitsstile, immer wieder empfohlenen und gängigen, aber auch weniger bekannten Bibelausgaben und Deutsch als Sprache orientiert hat.

Diese  wurden sodann unter sieben Fragen analysiert: 1. Wird die Auswahl der Texte in den Kinderbibeln dem christlich-jüdischen Dialog gerecht? 2. Wie wird in den Kinderbibeln der Übergang zwischen Altem und Neuem Testament dargestellt? 3. Wie wird das Jude-Sein Jesu und das jüdische Kolorit seiner Umwelt deutlich? 4. Wie werden Schriftgelehrte und Pharisäer in den Kinderbibeln dargestellt? 5. Wer trägt Verant­wortung für den Tod Jesu? Die Darstellung der Passionsgeschichte in den Kinderbibeln; 6. Wie wird von den ersten an Jesus als Christus Glaubenden im Neuen Testament der Kinderbibeln gesprochen? 7. Welche Rolle spielt Röm 9-11 in den Kinderbibeln?

Im Fazit bewertet Volker Menke mit Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog alle untersuchten Kinderbibeln als verbesserungswürdig (S. 382), insbesondere aber „Die große Kinderbibel“ (Brunnen-Verlag), „Die Kinderbibel“ (Brockhaus Verlag) und „Die große Arena Kinderbibel“ (Arena Verlag). Er würdigt unter dieser Perspektive als gute Kinderbibeln „Auf dem Weg. Bibel für Kinder“ von Baukje Offringa (Auer Verlag), „Die Bibel für Kinder und alle im Haus“ von Rainer Oberthür (Kösel-Verlag) und die "Gütersloher Erzählbibel"con Diana Klöpper und Kerstin Schiffner (Gütersloher Verlagshaus).


 

Homolka, Walter/ Liss, Hanna/ Liwak, Rüdiger (Hrsg.), Die Tora. dIe fünf Bücher Mose und die Prophetenlesungen (hebräisch-deutsch) in der revidierten Übersetzung Ludwig Philippsons, Freiburg i.B. (Herder Verlag) 2015 (1163 Seiten, 38 €).

Im Jahre 1844 kam erstmals die von dem liberalen Rabbiner Ludwig Philippson ins Deutsche übersetzte vollständige Ausgabe der Tora heraus; 1859 folgte eine Ausgabe der Haftarot. Diese Bibelübersetzung ist nun in einer angepassten und leicht revidierten Fassung neu in einer hebräisch-deutschen Ausgabe erschienen. Zudem sind jedes Buch der Tora und die Haftarot mit einer eigenen Einführung versehen. Die Prinzipien der nur geringen Revisionen des übersetzten Textes und der moderaten Aktualisierung an das zeitgenössische Deutsch werden zu Beginn in der editorischen Vorbemerkung erläutert. Ergänzt wird der Band um zwei Beiträge: Rabbinerin Tamara Cohn Ezkenazi führt in die Bedeutung der Tora im jüdischen Leben vom 19. Jh. bis heute ein. Der interessante Beitrag von Klaus Herrmann erläutert die Geschichte, Kontexte und Rezeptionen der Bibelübersetzung von Ludwig Philippson.

Das Eigentliche jedoch ist die Bibelübersetzung selbst – und diese ist nach wie vor überaus lesenswert: im Deutschen poetisch, das Hebräische treffend, verständlich und zugleich getragen wie von einer eigenen Melodie.

 

 

Strohm, Harald, Die Geburt des Monotheismus im alten Iran. Ahura Mazda und sein prophet Zarathusthtra, Paderborn (Wilhelm Fink) 2014 (400 seiten, 49,90 €).

Wie kam es zur Vorstellung, dass es nur einen Gott gebe? Und welche Auswirkungen hat diese Vorstellung? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie seit den 1990er Jahren wieder intensiv. Wohl bekannt sind dabei die Vorstellungen einer Ein-Gott-Konzeption mit Blick auf den Sonnengott Aton durch den Pharao Echnaton im 14. Jh. v. Chr. und die bis heute für Judentum, Christentum und Islam wirkmächtige Ausformulierung des Monotheismus JHWHs durch Israel im und nach dem babylonischen Exil im 6. Jh. v. Chr.

Will man eine dritte religionsgeschichtliche Konzeption kennenlernen, dann sei das Buch von Harald Strohm empfohlen, in dem er die altiranische Ahura-Mazda-Religion des altiranischen Propheten Zarathushtra beschreibt, den man in die Wende des 1. Jahrtausend v. Chr. datieren dürfte. Dabei ist für diese Frage für die Religions- und Theologiegeschichte Israels nicht nur deswegen interessant, weil die Ausformulierung des Monotheismus in Israel unter den Rahmenbedingungen der Perserherrschaft stattfand, sondern auch, weil sich unter dem unbekannten Propheten Zarathushtra – vielleicht ähnlich wie in der vorexilischen Zeit in Israel – ein Wandel aus einem polytheistischen Umfeld zum Henotheismus vollzogen hat, indem die oberste Gottheit Ahura Mazda, „der Herr der Weisheit“, als der „Einzige“ verstanden wird. Dabei zeigt Strohm auf, dass Ahura Mazda nicht geringe Ähnlichkeiten zu der altindischen Gottheit Asura Varuna hat, die er nicht nur religionsgeschichtlich, sondern auch entwicklungspsychologisch auswertet.

 

 

Schäfer, Peter, Anziehung und Abstoßung. Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten ihrer Begegnung, Tübingen (Mohr Siebeck) 2015 (117 seiten, 24 €).

Peter Schäfer hat 2014 den Dr. Leopold Lucas-Preis der Universität Tübingen erhalten. Die anlässlich der Verleihung gehaltene Festrede des Preisträgers unter dem Titel „Anziehung und Abstoßung“ ist in einer englisch-deutschen Ausgabe mit der Ansprache des Dekans der Evangelisch-Theologischen Fakultät Jürgen Kampmann publiziert worden.

In seinem Festvortrag zeigt Peter Schäfer am Beispiel der Henochliteratur auf, dass sich die Wege zwischen Judentum und Christentum nicht im 1. oder frühen 2. Jahrhundert n. Chr. getrennt haben, sondern dass sich vielmehr die Ausbildung von Judentum und Christentum in einem Jahrhunderte dauernden, wechselseitigen Prozess vollzogen haben. Schäfer verwendet hierfür das Bild von „Anziehung“ und „Abstoßung“, um „einen Prozess, der sich auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig in beide Richtungen vollziehen kann, ohne sofort zu einem klare Ergebnis zu führen“ (S. 15) zu umschreiben. Diese in den vergangenen Jahren von vielen unterstützte neue Sicht auf die Entstehung der Größen „Christentum“ und „Judentum“ zeigt Schäfer am Beispiel der Henochfigur auf.

Dabei zeichnet Schäfer das Bild von der aus wenigen, vieldeutigen Versen der Hebräischen Bibel bekannten Figur Henoch über die Septuaginta das erste (äthiopische) und zweite (slawische) Henochbuch, das Sirachbuch und das Buch der Weisheit, das Neue Testament bis hin zu den Diskussionen um Henoch bei den Kirchenvätern, im babylonischen Talmud und in der Hekhalot-Literatur nach. Dabei wird deutlich, dass die einzelnen Positionen sich in ihren Argumentationen aufeinander beziehen und so von einem Prozess der gegenseitigen Kenntnis und reziproken Reaktion zeugen. Diese aus anderen Publikationen von Schäfer bekannte Argumentation ist in diesem Vortrag in präzis-prägnanter und auch für breitere Kreise gut nachvollziehbaren Form erläutert und zeigt auf, dass die Vorstellung von Judentum und Christentum als zweier schon früh getrennter Religionen wohl kaum plausibel zu halten ist, sondern vielmehr mit einem viel komplexeren, bunteren, differenzierteren und offenerem Bild zu rechnen ist. „Die neuere Forschung lässt immer deutlicher werden, dass nicht nur die Grenzen lange fließend bleiben, sondern dass sich beide Religionen auch in einem lebendigen Austausch herausbildeten – bis sich dann irgendwann (aber später als wir geneigt waren zuzugeben) die Fronten verhärten und die Grenzen starr werden (S.69).

 

 

Jakob, Ernst, Grundbegriffe des Judentum - kurz gefasst. Eine Einführung in die "Israelitische Religionslehre" (Jüdisches Lehrbuch 3), Berlin (Hentrich & Hentrich) 2015 (144 seiten, 19 €).

Bei der kurzen und kurzweiligen Einführung in die „Israelitische Religionslehre“ handelt es sich um eine sprachlich modernisierte Neuauflage des 1933 erstmalig erschienen Werkes von Rabbiner Ernst Jacob (1899-1974), Sohn von Benno Jacob. Die ursprünglich für die Mittelklassen der Mittelschulen verfassten und daher leicht verständlichen "Grundbegriffe des Judentums" richten sich an alle an der lebensweise des Judentums Interessierten.

Das Buch beginnt mit einer sehr persönlichen Biographie Ernst Jacobs durch dessen Sohn Walter Jacob. Daran schließen sich die Ausführungen Ernst Jacobs zum Judentum an, die die „Lehren des Judentums“ und „Das Leben des Juden“ thematisieren und mit zahlreichen Belegen aus den Alten Testament sowie der rabbinischen Literatur versehen sind.

Im Anhang befinden sich noch drei hinzugefügte Kapitel: Das erste umfasst Hinweise zu Bibel, Talmud und den rabbinischen Schriften. Das Zweite enthält eine Übersicht mit den wichtigsten 200 Wörtern des Judentums, die in hebräischer Sprache und deutscher Übersetzung aufgelistet werden. Das Dritte bietet wichtige Kurztexte zum Judentum: die dreizehn Glaubensgrundsätze nach Moses Maimonides, die sieben noachidischen Gebote, die zehn Gebote nach dem Buch Deuteronomium und die drei Grundsätze des Judentums von Rabbi Eleasar Ben Jehuda aus Worms.

 

 

Schwarz-Friesel, Monika (Hg.), Gebildeter Antisemitismus. Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 6), Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2015 (318 Seiten, 59 €).

Fünfzehn Beiträge umfasst der Sammelband aus der Reihe „Interdisziplinäre Antisemitismusforschung“. Darin wird aktuellen Entwicklungen zum oftmals  nur schwer erkennbaren „gebildeten Antisemitismus“ in der Gesellschaft der deutschen Gegenwart nachgegangen und versucht, diesen offen zu legen. Damit will der Sammelband auf die Verbreitung von Alltagsantisemitismus durch die gebildeten Eliten und die damit verbundenen Gefahren aufmerksam machen. Schwerpunkte liegen dabei unter anderem auf judenfeindlichen Sprachgebrauchsmustern im Internet, dem link(sliberal)en Antisemitismus, dem öffentlich massenmedialen Diskurs, wie der Grass- und Augstein-Debatte, auf der zum Teil sehr einseitigen deutschen Nahostberichterstattung und darin enthaltenem Antisemitismus sowie dem muslimischen Antisemitismus.

 





 
 

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