Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

 Abraham Mapu: „Die Liebe zu Zion“ (1853)

 

Dr. Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Mitherausgeberin der Zeitschrift Kirche und Israel.

 


Spätestens seit dem Jahr 1975, als die UNO-Vollversammlung den Zionismus zu einer ‚Form des Rassismus’ deklariert hat, ist Zionismus zu einem umstrittenen Begriff geworden. Je nachdem, wer das Wort im Munde führt, wo und in welchem Kontext es verwendet wird, steht es für die Bewegung, die 1948 in die Gründung des modernen Staates Israel mündete und so dem jüdischen Volk nach zweitausend Jahren Exil den Schutz eigenstaatlicher Strukturen ermöglichte. Demgegenüber aber verwenden manche Politiker den Ausdruck nicht selten in rhetorischen Ketten ideologischer Invektiven.


Doch wo keimen die ersten Wurzeln des Zionismus? Lehrbücher und Monographien sprechen – historisch zweifellos richtig – vom 19. Jahrhundert.[1] Doch reichen die ideologischen Spuren sehr viel weiter zurück. Obwohl die Eroberung Jerusalems durch David erst Generationen nach den Ereignissen, welche die Thora schildert, erfolgen wird, skizzieren die Bücher Moses doch schon den Stammvater Abraham – auf der Handlungsebene Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends – als eine Art Protozionisten, wenn er das eine Mal zum Priester Melchizedeq nach Salem pilgert, um dort, wie später seine Nachkommen, den Zehnten zu entrichten (Genesis 14,18-20), und wenn er ein anderes Mal nach Moria schreitet, um seinen Sohn Isaak als Opfer darzubringen (Genesis 22,2),[2] auch hier seinen Kindeskindern ein Vorbild an Opferbereitschaft; beide Szenen richten den Blick bereits auf Jerusalem. Um 1000 v. Chr. erobert David die Stadt. Während vierhundert Jahren bis zum Einbruch des babylonischen Exils 587 v. Chr. regieren dort die judäischen Könige. Von diesem Zeitpunkt an bricht sich dann die Sehnsucht nach Jerusalem Bahn, und über die Epochen halten israelitischer Kult, rabbinische Liturgie und jüdisches Schrifttum die Erinnerung an Zion wach:[3] frühe und stetig wachsende Vorboten des Zionismus.


Der Zionismus im modernen Sinn fußt auf der Französischen Revolution, da erst diese den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und damit auch politisches Handeln ermöglichte. Damit einhergehend die jüdische Aufklärung im 18. Jahrhundert, später der aufkommende Nationalismus im 19. Jahrhundert legen schließlich die geistigen Fundamente für diesen Zionismus, der aus Jerusalem, dem Zion eben, seinen Namen schöpft.


Die Geschichte des klassischen Zionismus kreist vorwiegend um Werk und Wirken Theodor Herzls (1860-1904),[4] während der litauisch-jüdische Schriftsteller Abraham Ben Jequti’el Mapu (1808-1867) in der heutigen Rezeption höchstens noch am Rande Erwähnung findet. Zwei Generationen älter als Herzl, doch ein Vorreiter seines Gedankenguts, veröffentlicht Mapu 1853 seinen ersten und äußerst erfolgreichen Roman Ahavat Zijon (‚Die Liebe zu Zion‘) und errichtet auf solche Weise einen frühen literarischen Wegweiser für eine tatsächliche Rückkehr der Juden ins Land der Väter.


Das Werk gilt gemeinhin als erster hebräischer Roman der Neuzeit überhaupt und erzählt vordergründig eine Liebesgeschichte im Lande Israel.[5] Das Buch war über Jahre die Lieblingslektüre der jüdischen Jugend Osteuropas, und mit Mapus Israel-Bildern vor Augen trat mach junger Jude seine Alija, seine Einwanderung nach dem damaligen Palästina an. Höchste Zeit also, Die Liebe zu Zion aus ihrem Dornröschenschlaf in verstaubten israelischen Schulbüchern wachzuküssen und das Geheimnis einer solch zionistischen Romanze zu lüften.


Ein Lehrer aus Litauen

Wenn auch Abrahm Mapu in seinem Romanerstling Die Liebe zu Zion den Naturbeschreibungen judäischer Gefilde frönt und ausführlich die Zinnen Jerusalems besingt, so hat er doch die Levante nie betreten, noch Palästina je besucht. Sohn eines Hebräischlehrers aus einfachen Verhältnissen und selber Lehrer – ein Beruf mit wenig Prestige in der damaligen jüdischen Gesellschaft – fristete er sein Leben vorwiegend in Kovno und Vilna. Erst im Alter, als sich langsam sein literarischer Ruhm einstellte, kam er über Litauens Grenzen hinaus und unternahm im Jahr 1861 eine kleine Reise nach St. Petersburg.


Doch ganz im Gegensatz zu Abraham Mapus engem geographischen Radius weitete sich seine geistige Welt. Neben der üblichen Talmud-Tora-Erziehung brachte er sich als glänzender Schüler selber Latein bei – dies mit Hilfe einer lateinischen Psalmübersetzung – und lernte als Autodidakt auf ähnliche Art Französisch, Deutsch und Russisch, während seine Muttersprache Jiddisch war. Damit zeichnet sich schon ab, dass der junge Mapu Wissensgebiete aufspürte, die traditionellen jüdischen Kreisen mehr als suspekt waren. Nach einem kurzen Flirt mit Chassidismus und Kabbala beschäftigte er sich zudem mit hebräischer Grammatik, Realgeschichte des biblischen Altertums und zeitgenössischer Literatur. Mit dieser eigenwilligen Bildung bahnte er sich den Weg zur Haskala, zur jüdischen Aufklärung, und wurde einer ihrer bedeutenden Denker.


Vier Romane und mehrere Lehrbücher umfasst Abraham Mapus Werk. Neben seinem Erstling Die Liebe zu Zion, an dem Mapu an die zwanzig Jahre lang feilte, schrieb er einen zweiten biblischen Roman mit dem Titel Aschmat Schomron, ‚Samarias Schuld’ (1865/1866), den historischen Roman Chose Chesjonot, ‚Visionäre’ (1858), welcher die Epoche des Pseudo-Messias Sabbatai Zwi im 17. Jahrhundert beschreibt, sowie einen zeitgenössischen Roman im osteuropäischem Setting namens Ajit Zavua‘, ‚Der falsche Vogel’ oder – wie üblicherweise übersetzt – ‚Der Scheinheilige’ (erschienen in drei Teilen 1858, 1861, 1864). Von seinen pädagogischen Werken sind zwei Hebräischlehrbücher (1859, 1867) zu nennen sowie Der Hausfranzose (1859), ein Textbuch für den Französischunterricht.


Allein die Genres und Titel dieses Oeuvres lassen deutlich die Einflüsse auf Mapu erkennen: allen voran die Bibel, gefolgt von den frühen jüdischen Aufklärern, welche vom 18. Jahrhundert an begannen, ihre Texte in Haskala-Hebräisch zu verfassen, unter ihnen der italienisch-jüdische Dichter und Moralethiker Mosche Chajim Luzzatto (1707-1746) oder auch der deutsch-jüdische Schriftsteller und Hebraist Naphtali Hirz Wessely (1725-1805). Und dann sind da die russischen und französischen Romanschriftsteller, deren Charme Abraham Mapu ganz offensichtlich erlegen war, allen voran Victor Hugo (1802-1885), Eugène Suë (1803-1857) und Alexandre Dumas père (1802-1870). Mit ihnen teilt Mapu Romantik und Melodrama, Gesellschaftskritik und soziales Engagement.


Wohl verfügte der litauische Autor weder über die psychologische Wucht der russischen Romankunst, noch über die literarische Raffinesse der Pariser Romanciers, doch entsprach dies auch kaum seinem Anliegen. Vielmehr ersann er einen Romantyp eigener Prägung: eine allegorische Liebeserzählung im Rahmen der antiken Vergangenheit Israels in ein neobiblisches Hebräisch gegossen als erzieherisches Lehrstück. Schwer zu sagen, ob Abraham Mapu je die Holzstiche seines Leipziger Zeitgenossen Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) zu Gesicht bekam, die vielleicht berühmtesten Bibelillustrationen des 19. Jahrhunderts, auf jeden Fall hätte er im graphischen Werk des nicht minder moralischen Leipziger Lutheraners viel seiner eigenen theologischen Visionen wiederentdeckt.


Wie schwer, die Erfahrungswelt eines Autors aufzudecken, der vor hundertfünfzig Jahren starb! Hilfreich liefern Lexika und Biographen chronologische Daten, aber Vieles bleibt doch äußere Fassade.[6] Die Gedankenwelt liegt demgegenüber wesentlich klarer offen. Zwar bricht man ein literaturwissenschaftliches Tabu, wenn man hinter dem Erzähler den Autor ausmacht. Doch heiligt der Zweck die Mittel, und – banal zu sagen – kein Erzähler kann erzählen, was der Schriftsteller nicht denkt. So kann man auf jeden Fall mehr als einen Blick hinter Mapus Maske erhaschen, wenn er etwa eine seiner Figuren sagen lässt:

... denn wer ist so blind, wie ein wirklicher Diener Gottes? wer ist so taub, wie ein wahrhaft Frommer? Ein Frommer ist ein schlechter Menschenkenner, er sieht nicht in das Herz seines Nächsten und richtet ihn nur nach den Worten und Werken, die er vor Augen sieht.[7]


Das schrillt jäh wie ein unerwarteter Mißklang in dem ansonsten so salbungsvollen Duktus des litauischen Erziehers. Abraham Mapus Menschenkenntnis, seine Ideale und Träume, ein Augenschein in seine Seele mit ihren Bildern von Sehnsucht und Angst sind durchaus aufzuspüren, wenn man sich in sein Werk versenkt.


 

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[1] Michael Brenner, Geschichte des Zionismus, München 2002.

[2] II Chronik 3,1 nennt Moria als den Ort, wo Salomo den Tempel baut.

[3] 3Gabrielle Oberhänsli-Widmer, „An den Flüssen Babels, dort weilten wir und weinten, als wir Zions gedachten“ – Die jüdische Sehnsucht nach Jerusalem, in: Freiburger Universitätsblätter, 2016 (im Druck).

[4 Michael Brenner, Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute, München 2016.

[5] Abraham Mapu, Ahavat Zijon. Sippur – Die Liebe zu Zion. Eine Erzählung, Warschau (ohne Jahreszahl; hebr.).

[6] Abraham Mapu, in: Encyclopaedia Judaica 11, Jerusalem 1971, 932-936; Second Edition, Vol. 13, Jerusalem 2007, 505-507; David Patterson, Abraham Mapu. The Creator of the Modern Hebrew Novel, London 1964; Joseph Klausner, Historia schel ha-Sifrut ha-‘ivrith ha-chadascha – Geschichte der neuhebräischen Literatur, Vol. 3, Jerusalem 19532, 269-360 (hebr.).

[7]Dieses und die folgenden Zitate folgen der deutschen Übersetzung: Abraham Mapu, Thamar. Roman aus dem biblischen Alterthum, aus dem Hebräischen von Solomon Mandelkern, Leipzig 1885, 37.

 

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