Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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David P. Goldman

Michael Wyschogrod (1928–2015)

 

Aus einer ungarischen Familie, die in den 1920er Jahren von Budapest nach Berlin gezogen war, stammend, wurde Michael Wyschogrod am 28. September 1928 in Berlin geboren. Dort ging er zur Schule der orthodoxen Gemeinde Adass Jisroel. Seine Familie erhielt 1939 dank der Vermittlung eines Bruders der Mutter Einreisevisa in die USA. Ab 1946 studierte er am City College und an der Yeshiva University in New York. Am City College begegnete er dem Werk von Søren Kierkegaard. In der Yeshiva University war Rabbiner Josef Dov Soloveitchik, ein Visionär und die große Autorität für die jüdische Orthodoxie in der Moderne, einer seiner Lehrer. Wyschogrod promovierte mit einer Dissertation über Søren Kierkegaard und Martin Heidegger 1953 an der philosophischen Abteilung der Columbia University. Er lehrte Philosophie und war viele Jahre Dekan der Philosophischen Abteilung des Baruch College der New Yorker City University.


1992 wurde er als Professor für jüdische Studien an die University of Houston berufen. Dort war seine Frau Edith Wyschogrod (1930-2009) langjährige Professorin für Philosophie und religiöses Denken, deren Schwerpunkt in der Ethik als Erster Philosophie lag und die eine Vorreiterin für die Rezeption des Denkens von Emmanuel Levinas in den USA war. Michael Wyschogrod lehrte in Houston/Texas bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002. Er war Gastprofessor an mehreren Universitäten und Hochschulen, u.a. an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, an der Theologischen Fakultät Luzern und an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Vielfach beteiligte er sich Gastdozent an der christlich-jüdischen Sommeruniversität des Instituts Kirche und Judentum der Humboldt-Universität in Berlin und an Tagungen der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen.


Von seinen deutschen Publikationen haben den Dialog besonders angeregt: sein Aufsatz „Warum war und ist Karl Barths Theologie für einen jüdischen Theologen von Interesse?“ in: Evangelische Theologie 34 (1974) 222-236; der von ihm und Clemens Thoma herausgegebene Sammelband „Das Reden vom einen Gott bei Juden und Christen“, Bern 1984 und sein von Annerose Karkowski und Wolfgang Stegemann übersetztes Hauptwerk („The Body of the Faith“): „Gott und Volk Israel. Dimensionen jüdischen Glaubens“, Stuttgart 2001.


Michael Wyschogrod starb am 17. Dezember 2015. Der folgende Nachruf von David P. Goldman erschien unter der Überschrift „Michael Wyschogrod, Dean of Orthodox Jewish Theologians, Dies at 87“ zunächst im Tablet-Magazin und dann auf der Homepage der City University von New York. Wir danken dem Autor für seine Zustimmung zur Publikation der deutschen Übersetzung seines Beitrags.


Der jüdische Philosoph Michael Wyschogrod starb am 17. Dezember nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren. Er war alt genug, um mit seinem Vater auf der Straße gegenüber der Hauptsynagoge Berlins gestanden zu haben, als diese in der Kristallnacht brannte und als die Braunhemden eine Torahrolle auf der Straße aufrollten und Passanten aufforderten, gegen einen Groschen auf ihr herum zu trampeln. Wyschogrod flüchtete mit seiner Familie Anfang 1939 aus Deutschland, kurz bevor die Tore geschlossen wurden. Die Familie hatte ein amerikanisches Visum dank eines Onkels in Atlanta erhalten, dessen Arbeitgeber einen US-Senator kannte. Er war ein dem Feuer entkommenes Brandzeichen. Und er war vielleicht unsere letzte lebende Verbindung zur Beschäftigung der an einer Jeschiwa ausgebildeten orthodoxen Juden mit der europäischen Philosophie.


Ausgebildet an der jiddisch-sprachigen orthodoxen Ganztagesschule, der Yeshiva Tora Vodaath in Brooklyn, besuchte Wyschogrod das City College und erwarb später das Doktorat an der Columbia-Universität mit einer Dissertation über Kierkegaard und Heidegger. Zur gleichen Zeit besuchte er die Talmudklasse von Rabbiner Joseph Soloveitchik an der Yeshiva University. Wyschogrod hielt observante Juden an, die westliche Philosophie zu beherrschen, umso besser ihre eigene Tradition zu begreifen, aber er bot eine eindeutig jüdische Lösung für die Krise des 20. Jahrhunderts in der westlichen Philosophie. Sein Einfluss war enorm. Rabbiner Lord Jonathan Sacks erzählte mir einmal, dass Wyschogrod derjenige sei, der einer systematischen Theologie des Judentums am nächsten stehe. Aber sein Einfluss in der Gemeinschaft, die er als den höchsten Richter über sein Werk betrachtete, nämlich die Torah-treuen Juden, war nicht so groß, wie er hoffte. Das hat sich jedoch in den letzten Jahren geändert. Wyschogrods zahlreiche Schriften werden in den nächsten Jahren jüdischen Gelehrten eine Orientierung sein.


Sein bevorzugter christlicher Philosoph Søren Kierkegaard beschrieb den „Glaubensritter“, der in seiner Beziehung zu Gott so sicher ist, dass sein tägliches Leben eine ständige Quelle der Freude wird. Wyschogrod war ein Ritter nach Kierkegaards Ordnung. In seiner Frau, der bedeutenden Philosophin Prof. Edith Wyschogrod, fand er eine lebenslange Seelengefährtin und intellektuelle Fachkollegin. Als Edith eine Position an der Rice-Universität in Houston angeboten wurde, zog Wyschogrod vom CUNY-System[1] an die Universität von Houston. Er freute sich, Studenten zu unterrichten, welche die Bibel auswendig kannten. Er und Edith hatten zwei Kinder und fünf Enkelkinder.


Michael Wyschogrod betrachtete die Welt mit Ironie, aber ohne eine Spur von Verbitterung. Kurz vor seiner letzten Krankheit reiste er mit seinen Enkelkindern nach Berlin, um zu sehen, wo er seine Kindheit verbrachte. Sich an die Kristallnacht erinnernd, bemerkte er, dass die Berliner alles andere als glücklich über das Toben der Nazis erschienen. Er scherzte über den deutschen Antisemitismus, knüpfte enge Beziehungen mit deutschen Kollegen und sah, wie sein Hauptwerk in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.[2]

 

Seine Doktorarbeit war das erste englischsprachige Werk über die Philosophie von Martin Heidegger, dessen Mitgliedschaft in der Nazipartei (und Weigerung, sich dafür zu entschuldigen) ein Skandal in der philosophischen Welt bleibt. Wyschogrod lehnte jeden Kontakt mit Heidegger ab, beteiligte sich aber nie am rituellen Wundreiben des Philosophen für seinen Antisemitismus. Weitaus interessierter beobachtete Wyschogrod, weshalb Heideggers Antisemitismus so gedämpft war. Er, Heidegger, weigerte sich zum Beispiel, die Widmung an seinen jüdischen Lehrer Edmund Husserl aus der 1935 erschienenen Ausgabe seines Hauptwerks zu entfernen. Es war kennzeichnend für Wyschogrods Charakter, dass er es der Mühe mehr wert fand, zu verstehen als anzuprangern.


Gottes vorrangige Liebe für Israel war das große Thema von Wyschogrods eigenen Schriften. Die jüdische Geschichte beginnt mit einem Akt unerklärlicher Liebe: Gott fiel in eine leidenschaftliche Liebe für Abraham, und seinetwegen liebte er dessen Nachkommen. Wyschogrods meistgelesenes Buch The Body of Faith[3] stellt fest, dass „das Judentum eine Religion des Körpers“ ist, deren Zweck es ist, das reale, physische jüdische Volk zu heiligen, so dass es ein Gefäß für Gottes Einwohnung (Schechinah) in dieser Welt sein kann. Sein Studium Kierkegaards und anderer christlicher Philosophen bestärkte sein Argument, dass das Judentum eine Religion der Inkarnierung ist: Das Göttliche ist physisch präsent im jüdischen Volk. Ohne das christliche Konzept der Inkarnation zu kennen – schrieb Wyschogrod –, hätte er die jüdische Tradition nicht so genau verstanden.


Sein Lehrer Joseph Soloveitchik vermied den theologischen Dialog mit Christen, obwohl er den Dialog über ethische und moralische Fragen ermutigte. Damit war Wyschogrod nicht einverstanden, und er steuerte über ein halbes Jahrhundert herausragende Beiträge zum jüdisch-christlichen Dialog bei. Auch wenn das Christentum irrigerweise einen Gottmenschen verehrt, so argumentierte er, wirft die christliche Idee der Inkarnation Licht auf ein grundlegendes jüdisches Konzept: dass Gottes Einwohnung im physischen jüdischen Volk gegenwärtig ist. Wie die Weisen der Antike sagten, ging die Schechinah nach der Zerstörung des Tempels mit dem jüdischen Volk ins Exil.


Im Unterschied zu christlichen Theologen, welche den jüdischen Partikularismus als Gegensatz zum christlichen Universalismus beschreiben, beteuerte Wyschogrod, dass die erste Liebe Gottes für Israel die Liebe für die ganze Menschheit nicht ausgeschlossen habe. Im Gegenteil: „Wenn wir begreifen, dass die Erwählung Israels aus der Vaterschaft Gottes herausströmt, die sich über alle nach seinem Bild Erschaffenen ausdehnt, sehen wir uns mit allen Menschen geschwisterlich verbunden. So stellte auch der von seinem menschlichen Vater begünstigte Joseph schließlich fest, dass er mit seinen Brüdern verbunden ist. Und wenn der Mensch über dieses Mysterium nachdenkt, dass der ewige Eine, der Schöpfer von Himmel und Erde, Vater all seiner Geschöpfe werden wollte, anstatt sich selbst zu genügen (wie das Absolute der Philosophen), steigt im Menschen ein Lob empor, das so selten geworden ist und doch so natürlich bleibt.“[4]

 

Anstelle von Aristoteles‘ „unbewegten Beweger“, wie er in den philosophischen Schriften von Maimonides dargestellt ist, schaute Wyschogrod auf den biblischen Gott, „El kanna“, den leidenschaftlichen (oder „eifersüchtigen“) Gott. Als Philosoph konzentrierte er sich auf Kierkegaards Behauptung, dass Leidenschaft die Quelle des Seins ist und dass die leidenschaftliche Beziehung des Menschen zu Gott die uralten Paradoxien der Philosophie wiederbelebte. Von Aristoteles bis Heidegger versuchte die westliche Philosophie, Gott in einen logischen Rahmen zu zwingen, um seine Existenz zu beweisen oder zu versuchen, seine Eigenschaften zu unterscheiden. In solchen Diskussionen, schrieb er, „wird ein Rahmen vorausgesetzt, der größer ist als Gott, und Gott wird diesem Rahmen unterworfen. Aber der Gott Israels ist der Herr aller Rahmen und ist keinem unterworfen. Dies ist die bemerkenswerte Macht Gottes; die Bibel zögert nicht, von ihm in persönlichen und anthropomorphen Begriffen zu sprechen. Sie zeigt einen Gott, der in die Welt der Menschen und in eine Beziehung mit der Menschheit eintritt mit der Hilfe von Sprache und Weisung. Zur gleichen Zeit transzendiert dieser Gott die Welt, die er geschaffen hat, und er ist keiner Macht oder Gewalt unterworfen.“

 

Der ungeniert biblische Geist seiner Schriften setzte Wyschogrod von seinen Kollegen, den Philosophen, ab. Seine Auseinandersetzung mit Rabbiner Joseph Soloveitchik über die Frage des Dialogs mit Christen verwirrte die orthodoxe jüdische Welt. Und er stand stark in Widerspruch zu den jüdischen Intellektuellen der 1950er und 1960er Jahre, welche die Religion völlig mieden. In einem Artikel von 1968 zitierte er den ehemaligen Redakteur des Commentary–Magazins, Eliot Cohen, der diese Strömung beschrieb als „sich selbst hassende Juden, die nur allzu begierig waren, ihr Judentum zu begraben, wenn dies den Zugang zu den literarischen Salons von Manhattan bedeutete.“

 

Wyschogrod wurde dennoch viel gelesen. In den 1970er und 1980er Jahren war er fast eine Kultfigur unter jungen christlichen Theologen, und es war der methodistische Gelehrte R. Kendall Soulen, der die erste Sammlung seiner Essays unter dem Titel Abraham’s Promise[5] veröffentlichte. Soulen sah Hoffnung für Christen in Wyschogrods leidenschaftlicher Darstellung von Gottes Liebe zu Israel und erklärte, „Gott wünscht, sowohl Erlöser der Welt zu sein als auch der, dessen erste Liebe das Volk Israel ist“. Wie ja Wyschogrod schrieb: „Weil [Gott] sagte: ‚ich will die segnen, die dich segnen, und den verfluchen, der dich verflucht; in dir werden alle Geschlechter der Erde gesegnet sein‘ (Gen 12: 3), hat er die Rettung und erlösende Sorge um das Wohlergehen der ganzen Menschheit an seine Liebe für das Volk Israel gebunden.“

 

Es war vielleicht beschert[6], dass der Großneffe von Rabbiner Joseph Soloveitchik, Rabbiner Meir Soloveichik, Wyschogrods Werk begegnete – nicht an der Yeshiva Universität, sondern im Werk christlicher Theologen – und seine Doktorarbeit über Wyschogrod schrieb. Wie Meir Soloveichik 2009 in einem Aufsatz in „First Things[7] schrieb: „Was dies für Christen wie Soulen bedeutet, ist, dass Wyschogrod selbst das Problem, das Christen am meisten von den Juden trennt – die Menschwerdung Jesu –, in eine Herausforderung für die Christen transformiert hat, die Heiligkeit Israels anzuerkennen… Eine Welt, wo Juden physisch vom fundamentalistischen Islam und moralisch vom Säkularismus bedroht werden, eine Welt, wo Juden und Christen ihre getrennten Wege gehen sollten, ist eine, wo Israel – sowohl als Volk als auch als Land – sehr allein sein wird. Und in einer Zeit, wo jüdische Theologie auf der einen Seite den Relativismus und auf der anderen Seite eine instinktive Ablehnung des Christentums ablehnen muss, ist es, so glaube ich, Michael Wyschogrod, der uns den Weg gewiesen hat.“[8]

 

Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann Henrix.




[1] Dies ist der Hochschulverbund der staatlichen Universitäten in New York City (dies wie auch die nachfolgenden Fußnoten sind solche des Übersetzers).

[2] Michael Wyschogrod, Gott und Volk Israel. Dimensionen jüdischen Glaubens. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Annerose Karkowski und Wolfgang Stegemann, Stuttgart 2001.

[3] Siehe Fußnote 2.

[4] Übersetzung nach ebenda, 67.

[5] Michael Wyschogrod, Abraham’s Promise. Judaism and Jewish-Christian Relations. Edited and introduced by R. Kendall Soulen, Grand Rapds/Michigan/Cambridge/U.K. 2004.

[6] Jiddisch für: Schicksal.

[7] First Things“ ist eine sehr einflussreiche Zeitschrift über Religion und Öffentlichkeit in den USA.

[8] Vgl. Meir Y. Soloveitchik, Gottes erste Liebe: die Theologie von Michael Wyschogrod: Kirche und Israel 25 (2010) 121-132, 129f.

 

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