Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Tobias Nicklas

Franz Mußner  (1916–2016) 

     Am 3. März 2016 starb mit 100 Jahren der renommierte Neutestamentler Franz Mußner.  Der aktuelle Inhaber seines Regensburger Lehrstuhls für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments würdigt seine Verdienste besonders um das christlich-jüdische Verhältnis.


Der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsene Franz Mußner gehörte sicherlich zu den bedeutendsten Exegeten, ja wohl Theologen seiner Generation. Sein wissenschaftliches Oeuvre, das sich an einer Vielzahl von Monographien, Kommentaren und Aufsätzen aufweisen lässt, ist gewaltig. Auffallend ist, dass sich Mußner nie einfach in innerexegetischen Fragestellungen verzettelt, sondern immer eine gesamttheologische und damit auch eine kirchliche Perspektive im Auge behalten hat, dass er als Exeget genauso offen für Fragen der Vermittlung biblischer Themen im Religionsunterricht wie für die großen Themen der Ökumene war.[1] Was jedoch vielleicht am meisten bleibt, ist Franz Mußners Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog.


Franz Mußner wurde im Sommer 1950 mit einer von Friedrich Wilhelm Maier betreuten Dissertation mit dem Titel „ZWH. Die Anschauung vom ‚Leben‘ im vierten Evangelium unter der Berücksichtigung der Johannesbriefe“ in München promoviert[2]; schon zwei Jahre später habilitierte er sich unter Maiers Nachfolger Josef Schmid mit einem Thema zur Theologie des Epheserbriefs.[3] Bereits im Wintersemester 1952/53 folgte ein Ruf auf den Lehrstuhl für Neues Testament in Trier. Dass Franz Mußner, der sich selbst als „im Grunde … ein heimwehloser Mensch“ bezeichnete, dort doch nach einiger Zeit großes Heimweh nach der altbayrischen Heimat ergriff, wurde zu einem großen Glücksfall für die damals (noch) philosophisch-theologische Hochschule in Regensburg und spätere Katholisch-Theologische Fakultät der neu gegründeten Universität, die ihn 1965 auf den Lehrstuhl für Exegese des Neuen Testaments nach Regensburg holen konnte. In Regensburg wirkte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1981.


Zunächst eher ungern übernahm der junge Franz Mußner schon zu Trierer Zeiten die Kommentierung des Jakobusbriefs für das neue Großprojekt einer katholischen Reihe historisch-kritischer Kommentierungen des Neuen Testaments, Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament. Er schreibt: Zunächst „war [ich] … darüber gar nicht erbaut – ich kannte den Brief kaum, aber ich sagte dann dennoch zu. Und je mehr ich mich in die Kommentierung dieses Briefs hineinarbeitete, desto mehr und desto intensiver engagierte ich mich. Immer mehr entdeckte ich: In diesem Brief spricht nicht bloß ‚ein Bruder Jesu‘ (A. Schlatter), sondern ein Jude, dem es um das ‚Tun‘ des ‚eingepflanzten Wortes‘ geht. Auch sonst findet sich viel ‚Jüdisches‘ im Brief wie der Gedanke der Vollkommenheit, Heiligung des Alltags, Armenfrömmigkeit, Weisheitslehre,  auch im Gottesbegriff. Das ist ein großer geistlicher Reichtum, der dem Christentum zufließt. So leitete gerade die Kommentierung des Jakobus-Briefs in mir jenen Lernprozess ein, der mich das Phänomen ‚Judentum‘ immer mehr sichten ließ.“[4] Franz Mußner selbst verstand diese Entdeckung als eine „Zäsur auf meinem Weg“, als die „Entdeckung der Wurzel“.[5]


Der Blick in den fast ein halbes Jahrhundert alten Kommentar ist noch heute lohnend. Ganz gezielt arbeitet Mußner die Nähe des Jakobusbriefs zur Ethik Jesu selbst heraus – und nimmt vor diesem Hintergrund kritisch Stellung gegen Luthers Kritik am Jakobusbrief. Er schreibt: „Luther hat sein kanonkritisches Urteil über den Jak-Brief nicht bloß deswegen gefällt, weil der Brief den Werken den Vorzug vor dem Glauben gebe…, sondern weil er nicht in der richtigen Weise ‚Christum lehret‘. Dieser Kritik gegenüber steht die Frage: Was heißt eigentlich ‚Christum lehren‘? Es scheint ein Vorurteil zu sein, zu meinen, das heiße nur: ausdrücklich von seinem Kreuzestod, seiner Auferstehung und seiner Wiederkunft reden. Diese Forderung wäre und ist ein tragisches und folgenschweres Mißverständnis der Botschaft Jesu und des Ev. Denn die Lehre Jesu ist weithin auch Ethik – gerade die älteste Schicht in der ev. Überlieferung zeigt es! … Wer sich die ethischen Forderungen Jesu zu eigen macht, sie an die Kirche weitervermittelt und sie selbst in ihr laut erhebt, der ‚lehret Christum‘. Dies hat Jak wie kein anderer ntl. Hagiograph getan. … Auf Jak hören heißt darum auf Jesus hören.“[6] Damit rückt nicht nur der Jude Jakobus, sondern der Jude Jesus in den Blick. Zu den bis heute bewegenden Arbeiten Franz Mußners gehört ein im Jahr 1971 unter dem Titel „Der ‚Jude‘ Jesus“ erschienener Aufsatz, der im Jahr 1999 noch einmal in einem Band seiner wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge veröffentlicht wurde.[7] Die grundlegenden Beobachtungen des Beitrags scheinen aus heutiger Sicht wenig spektakulär und sind doch grundlegend: „Der Gott Jesu ist der Gott Israels.“ – „Die Bibel Israels ist auch die Bibel Jesu.“ – „Jesus ruft die Menschen radikal unter den Willen Gottes.“ – „Jesus vertritt den atl. Schöpfungsgedanken“ – „Jesus vertritt den Bundesgedanken“ usw. Das Fazit jedoch ist radikal und reicht bis tief ins Herz christlicher Theologie: „Die christologische Glaubensformel von Chalzedon: Jesus Christus ‚vere deus-vere homo‘ ist im Hinblick auf den Juden Jesus und sein Judesein ergänzungsbedürftig, nämlich so: Jesus Christus ‚ vere deus – vere homo judaeus.“[8] Ich verstehe diesen Satz nicht einfach als ein Bekenntnis dazu, dass Jesus von Nazaret Jude war und Jude ist, sondern als die m.E. bis heute nicht eingeholte Forderung, diese historische Erkenntnis zum Kern und Ausgangspunkt christlicher Theologie zu machen, die – so könnte man ergänzen – wahrhaft mit dem Gott Israels, der sich nach christlichem Glauben im Juden Jesus offenbart, zu tun hat.


Parallel zu den im Zweiten Vatikanischen Konzil (Nostra Aetate 4) formulierten neuen Einsichten über das Verhältnis der Kirche zum Judentum wuchs bei Mußner die Erkenntnis, dass vor diesem Hintergrund auch die anderen Schriften des Neuen Testaments neu zu interpretieren seien. So wurde auch der Jude Paulus zu einem Thema, um das Franz Mußners Denken bis zu seinem Tode kreiste. Dies zeigt sich sehr deutlich schon in Mußners großer Auslegung des Galaterbriefs ebenfalls in Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament, die schon alleine wegen ihrer philologischen Exaktheit kaum zu übertreffen ist.[9] Den entscheidenden Meilenstein in Franz Mußners Oeuvre jedoch bildet der 1979 erstmals erschienene „Traktat über die Juden“, der später ins Englische, Französische, Spanische, Italienische, Portugiesische und Polnische übersetzt wurde und noch 2009 in einer Neuausgabe wieder erschienen ist.[10] 1985 wurde Franz Mußner für dieses Buch die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen.


Welcher Mut und welche Innovationskraft dazu gehörte, mit diesem Werk eine fast 2000 jährige, unselige Geschichte christlicher Traktate gegen die Juden zu beenden und eine positive Israeltheologie des Christentums zu entwickeln, ist heute kaum noch vorstellbar. Neben ganz grundlegenden Kapiteln zu einer „christlichen Theologie des Judentums“, dem „großen Glaubenserbe Israels“ und (erneut) zum „Juden Jesus“ spielt jetzt auch Paulus – ähnlich wie in dem 1987 erschienenen Band „Die Kraft der Wurzel. Judentum – Jesus – Kirche“ – eine tragende Rolle.[11] Genial einfach ist etwa Franz Mußners Schlüssel zum Verständnis des Römerbriefes, dessen Auslegung ihn bis ins hohe Alter nicht losgelassen hat. Er schreibt: „Der Grundgedanke des Briefs lautet: Heil für alle. Daß alle Menschen, ob Juden oder Heiden, der Heilszusage Gottes bedürfen, steht für Paulus fest: ‚denn alle haben gesündigt und entbehren der Herrlichkeit Gottes‘ (3,23; vgl. auch 3,9).“[12] Was unspektakulär klingen mag – und von Mußner an einer Vielzahl weiterer Textstellen belegt wird –, führt zu einer genial einfachen Gliederung des Römerbriefes: Nach der Darstellung der heillosen Situation der gottfernen Menschheit (Röm 1,18-3,20) ringt Paulus in zwei Teilen um die Möglichkeit der Rettung aus dieser Situation (Röm 3,21-8,39 / Röm 9,1-11,36) und bietet anschließend die praktisch-ethischen Folgerungen aus dieser Erkenntnis (Röm 12,1-15,13). Während etwa Otto Kuss, wie Mußner ein Schüler Friedrich Wilhelm Maiers, in seiner großen Römerbriefauslegung die Israelkapitel dieses Textes nicht wirklich integrieren konnte und letztlich an ihnen scheiterte,[13] sind sie für Mußner so integraler Bestandteil der paulinischen Argumentation. Sie rücken von nun an nicht mehr an die Peripherie, sondern ins Zentrum der Auslegung des Römerbriefes wie der Theologie des Paulus. Immer wieder hat Franz Mußner in diesem Zusammenhang den bereits bei Dieter Zeller[14] diskutierten, dort aber abgelehnten Gedanken eines „Sonderwegs“ für Israel zum Heil vertreten und verteidigt.[15] Er schreibt: „Israel wird nach der Textaussage von [Röm] 11,26b-32 nicht auf Grund einer der Parusie vorausgehenden ‚Massenbekehrung‘ … das Heil erlangen, sondern einzig und allein durch eine vom Verhalten Israels und der übrigen Menschheit unabhängige Initiative des sich aller erbarmenden Gottes, die konkret in der Parusie Christi bestehen wird. Der Parusiechristus rettet Israel ohne vorausgehende ‚Bekehrung‘ der Juden zum Evangelium. Gott rettet Israel auf einem ‚Sonderweg‘, der ebenfalls auf dem Gnadenprinzip … beruht und damit die Gottheit Gottes, seine ‚Wahl‘, seinen ‚Ruf‘ und seine Verheißungen an die Väter und seinen von allen menschlichen Wegen und Spekulationen unabhängigen ‚Ratschluß‘ zur Geltung bringt.“[16] Man mag heute darüber diskutieren, ob der Begriff des „Sonderwegs“ glücklich gewählt ist, ob mit dem „Retter“ aus Röm 11,26b wirklich der Parusiechristus gemeint ist oder auch aufgrund der Tatsache, dass der Text sich schrittweise der klar christologischen Sprache „entkleidet“, Gott selbst, aber auch, ob Paulus diesen Gott Israels nicht doch immer mit dem Antlitz des gekreuzigt-auferweckten Christus verbindet: Selbst wenn man nicht mit jedem Detail seiner Antworten übereinstimmen muss, ist klar: Franz Mußner hat die entscheidenden Fragen gestellt. Dass christliche Theologie und christliche Kirche an seinen Fragen um das Verhältnis von Christen und Juden nicht mehr vorbeigehen können und dürfen, ist Franz Mußners bleibendes Vermächtnis.


Am 3. März 2016, wenige Wochen nach der Feier seines 100. Geburtstags, ist Franz Mußner friedlich zu seinem Herrn heimgegangen.

 




[1] Wenig bekannt ist, dass Franz Mußner eine Reihe von Arbeiten in der Zeitschrift „Katechetische Blätter“ veröffentlichte. An sein für die Ökumene engagiertes Werk „Petrus und Paulus. Pole der Einheit“ wurde in einer Feier aus Anlass von Franz Mußners 100. Geburtstag besonders erinnert. Vgl. M. Theobald, Petrus und Paulus. Pole der Einheit. Ein wegweisendes Buch – nach 40 Jahren wiedergelesen, in: Early Christianity 8 (2017) [im Druck].

[2] F. Mußner, ZWH. Die Anschauung vom ‚Leben‘ im vierten Evangelium unter Berücksichtigung der Johannesbriefe (Münchener Theologische Studien 1/5), München 1952.

[3] F. Mußner, Christus, das All und die Kirche: Studien zur Theologie des Epheserbriefes (Trierer Theologische Studien 5), Trier 1955 (²1968).

[4] F. Mußner, Meine Entdeckung des Judentums, in: ders., Traktat über die Juden (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Überarbeitete Neuauflage 2009) 393-98, hier 393-94.

[5] F. Mußner, Geführt und geleitet. Lebenserinnerungen, Passau 2010, 70.

[6] F. Mußner, Der Jakobusbrief (HThK.NT), Freiburg et al. ²1967, 52-53.

[7] F. Mußner, Der ‚Jude‘ Jesus (1971), in: ders., Jesus von Nazareth im Umfeld Israels und der Urkirche. Gesammelte Aufsätze, hg. von M. Theobald (WUNT 111), Tübingen 1999, 89-97.

[8] F. Mußner, Jude Jesus, 97.

[9] F. Mußner, Der Galaterbrief (HThK.NT), Freiburg et al. 51988.

[10] F. Mußner, Traktat über die Juden, Ndr. Göttingen 2009.

[11] F. Mußner, Traktat, 212-41; ders., Die Kraft der Wurzel: Judentum – Jesus – Kirche, Freiburg et al. ²1989, 27-72. Vgl. auch ders., Dieses Geschlecht wird nicht vergehen. Judentum und Kirche, Freiburg et al. 1991.

[12] F. Mußner, Die Kraft der Wurzel, 35. Ausführlicher zudem ders., Heil für alle. Der Grundgedanke des Römerbriefes, in: Kairos 23 (1981) 207-14. Zur Diskussion dieser Gedanken vgl. auch T. Nicklas, Paulus und die Errettung Israels. Röm 11,25-36 in der exegetischen Diskussion und im jüdisch-christlichen Dialog, in: Early Christianity 2 (2011) 173-97, hier 175.

[13] Vgl. E. Lohse, Otto Kuss als Ausleger des Römerbriefes, in: J. Hainz (Hg.), Unterwegs mit Paulus: Otto Kuss zum 100. Geburtstag, Regensburg 2006, 40-56, hier 51: „Hatte Otto Kuss sich vorgenommen herauszuarbeiten, was Paulus den Christen in Rom hat sagen wollen …, so lässt er ihn beim Studium der Kapitel 9-11 des Öfteren nicht ausreden, sondern fällt ihm immer wieder ins Wort – als müsste man den Apostel bedauern, dass er von einer historisch-kritischen Methode der Schriftauslegung noch nichts gewusst hat. Der Exeget schüttelt immer wieder über eine ‚absonderliche Vorstellung des Paulus‘ den Kopf und richtet sein Nachdenken am Ende nicht auf die Frage nach dem Geschick Israels, sondern … auf ‚Die Problematik der Prädestination.‘“

[14] D. Zeller, Juden und Heiden in der Mission des Paulus (FzB 1), Würzburg ²1976, 245.

[15] Zu den folgenden Gedanken auch ausführlicher T. Nicklas, Paulus und die Errettung, 194-196.

[16] F. Mußner, Traktat, 59f.

 

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