Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Hermann Henrix

Ein unauflösliches Band. Zum Besuch von Papst Franziskus in der Großen Synagoge Roms am 17. Januar 2016

 

     Dr. Hans Hermann Henrix war viele Jahre Direktor der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, ist Mitherausgeber von „Kirche und Israel“ und Honorarprofessor der Paris Lodron Universität Salzburg. Als langjähriger Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden nahm er u.a. am Treffen des Internationalen Katholisch-Jüdischen Verbindungskomitees zum Thema „Zedek und Zedaka im Verständnis von Judentum und Christentum“ 2004 in Buenos Aires teil. Der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge M. Kardinal Bergoglio, wies bei seinem  Grußwort auf seine Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft Argentiniens hin, an die er dann als Papst Franziskus auch bei seinem Besuch der Großen Synagoge von Rom am 17. Januar 2016 erinnerte.

 

 

Ein Papstbesuch mit symbolischer Dimension    

 

Beim Besuch der Großen Synagoge Roms durch Papst Franziskus am 17. Januar 2016 gab es zwei Deutungen dieses Ereignisses, welche die symbolische Dimension des Besuchs hervorhoben. Oberrabbiner Riccardo Di Segni äußerte in seiner Grußadresse[1] die Dankbarkeit seiner Gemeinde, „den dritten Besuch des Papstes und Bischofs von Rom zu empfangen“. Am 13. April 1986 hatte Johannes Paul II. die jüdische Gemeinde Roms besucht, sein Nachfolger Benedikt XVI. folgte diesem Beispiel mit seinem Besuch der römischen Synagoge vom 17. Januar 2010. Der dritte päpstliche Besuch von Papst Franziskus rief beim gastgebenden Oberrabbiner eine jüdische Tradition wach, der zufolge ein drei Mal vollzogener Akt eine Regel oder ein Brauch werde: „Nach rechtlicher rabbinischer Tradition wird die Handlung, die dreimal wiederholt wird, chazaqà, eine Gewohnheit. Offensichtlich ist dies ein konkretes Zeichen der neuen Ära nach allem, was in der Vergangenheit passiert ist“ (84). Er knüpfte nicht nur die Erwartung daran, dass sich eine Bestätigung der neuen Ära in der Beziehung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einstellt. Er konstatierte auch eine Kontinuität. Und dieses „Zeichen der Kontinuität“ deutete er dahingehend, dass die von Johannes Paul II. „vollzogene Geste immer noch gültig und bedeutungsvoll ist“. Er würdigte den Sachverhalt, dass „Franziskus eine Gewohnheit geschaffen“ hat, „als ein Zeichen, dass die katholische Kirche nicht beabsichtigt, vom Weg der Versöhnung abzurücken“ (86), und er sah im Zeichen der Kontinuität einen Ausdruck des persönlichen Bekenntnisses und der Intention von Papst Franziskus.

 

Papst Franziskus erläuterte in seiner Ansprache eigens die Intention der Wahl des 17. Januar als Tag seines Besuches der jüdischen Gemeinde Roms. Mit dem 17. Januar ist die Tradition des „Tags des Judentums“ verbunden, die 1990 in der Kirche Italiens begann. Die Initiative dazu ging von einer Gruppe in Mailand aus. Es ist ein Tag des christlichen Innewerdens der Herkunft der Kirche aus dem Judentum und ihrer bleibenden Verbundenheit mit dem jüdischen Volk. Neben Italien wird der „Tag des Judentums“ in Polen, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz – dort allerdings jeweils am 2. Fastensonntag[2] – begangen und dies teilweise in gemeinsamer Verantwortung mit anderen Kirchen. Die Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum appellierte an alle Bischofskonferenzen, einen solchen Tag des Judentums einzuführen.[3]   In diese Reihe fügte sich die katholische Kirche Russlands sowie der Ukraine 2012 bzw. 2013 ein, als Gruppen von Gläubigen in St. Petersburg bzw. Odessa und Lemberg[4] die Tradition aufnahmen. Der jährliche „Tag des Judentums“ ist bewusst auf den 17. Januar gelegt. Denn dies ist der Vortag der jährlich begangenen Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen vom 18. bis 25. Januar. Vor der Thematisierung der konfessionellen Verschiedenheit der Kirchen und ihrer Überführung in eine Einheit wird so die Verwurzelung der Kirchen im Judentum bewusst gemacht. Darin zeigt sich die ökumenische Kontur des „Tags des Judentums“: Sein zeitlicher Ort ist ein Symbol des ökumenischen Charakters der Beziehung der Kirchen zum Judentum bzw. der singulären Nähe zwischen ihnen. Im Wissen darum und in dessen Bekräftigung hatte bereits Papst Benedikt XVI. seinen Besuch der jüdischen Gemeinde Roms auf den 17. Januar 2010 gelegt. Franziskus tat es ihm gleich und verknüpfte seinen Wunsch von immer mehr wachsender Nähe mit dem symbolischen Datum seines Besuches: „Ich wünsche, dass die Nähe, die gegenseitige Kenntnis und Wertschätzung zwischen unseren beiden Glaubensgemeinschaften immer mehr wachsen mögen. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass ich gerade heute, am 17. Januar, zu euch gekommen bin, an dem Tag, an dem die Italienische Bischofskonferenz den ‚Tag des Dialogs zwischen Katholiken und Juden‘ begeht.“(88)[5]Es ist darüber diskutiert worden, warum es fast drei Jahre gedauert hat, bis Franziskus die Einladung der römischen Gemeinde zu einem Besuch, die sie gleich nach der Papstwahl vom 13. März 2013 ausgesprochen hatte, realisierte. Allgemein sah man darin keinen Hinweis auf einen Vorbehalt, sondern lediglich Probleme in der praktischen Terminabstimmung. Zu diesen mag der päpstliche Gedanke gehört haben, den Besuch  an einem 17. Januar als „Tag des Judentums“ zu verwirklichen. Dieser Termin war im Jahr zuvor jedoch durch eine Apostolische Reise des Papstes nach Sri Lanka und auf die Philippinen vom 12. bis 19. Januar 2015 anderweitig disponiert. Und der 17. Januar 2014 – ein Freitag, der jüdischerseits in der Regel durch die Vorbereitung und den Beginn des Sabbats geprägt ist, gehörte bereits zum Vorfeld des päpstlichen Besuchs des Heiligen Landes bzw. Israels vom 24. bis 26. Mai 2014.[6]


 

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[1] Der Text der Grußadresse von Oberrabbiner Di Segni findet sich im aktuellen Heft: Kirche und Israel 31 (2016) 84-87. Die folgenden Zitate werden im fortlaufenden Text in Klammern angegeben.

[2] Die Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz bietet zur Vorbereitung des „Tags des Judentums“ vor Ort eindrucksvolle Informationen, Anregungen zur liturgischen Gestaltung, Reflexionen zum Dialog und Basistexte an, siehe nur: Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz (Hg.), Tag des Judentums – Wegleitung, in: http://www. bischoefe.ch/fachgremien/juedisch-roemisch-katholisch/tag-des-judentums-2015/wegleitung-zum -tag-des-judentums-in-der-schweiz (Buchprojekt+Dies+Iudaicus+D.pdf).

[3] „Vatikan für ‚Tag des Judentums‘ – 15. Januar 2013“, in: http://www.kathnews.de/vatikan-fuer-tag-des-judentums (abgerufen 29. Oktober 2014). Siehe auch: Andreas R. Batlogg, Tag des Judentums: Stimmen der Zeit 229 (2011) 1-2.

[4] Näheres dazu: Hans Hermann Henrix, Die Bedeutung der Konzilserklärung für die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum in Russland, Weißrussland und der Ukraine, in: Andrea Strübind (Hg.), „Ein neues Klima“. Rezeptionsgeschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils in Ost- und Mitteleuropa, Oldenburg (in Vorbereitung).

[5] Der Text der Ansprache von Papst Franziskus findet sich im aktuellen Heft: Kirche und Israel 31 (2016) 87-90. Die folgenden Zitate werden im fortlaufenden Text in Klammern angegeben.

[6] So mit Jürgen Erbacher, Papst: Bund Gottes mit Israel ist unwiderruflich, in: https://blog.zdf.de/ papstgefluester/2016/01/18/papst-bund-gottes-mit-israel-ist-unwiderruflich.

 

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